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Das August-Blatt von Bernd Mauchs Alt-Kißlegg-Kalender

Diesmal geht es um den „Wilden Mann“

Foto: BM
Der „Wilde Mann“ 1919.
veröffentlicht am: 25.08.2026
Autor: Bernd Mauch, Heimatpfleger
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Kißlegg – Das Augustblatt von Bernd Mauchs historischem Kalender ist dem ehemaligen Gasthaus „Zum Wilden Mann“ in der Kißlegger Herrenstraße gewidmet. Der Heimatpfleger schreibt:

Der Küfer Xaver Wirthensohn betrieb ab 1890 in diesem Gebäude neben seiner Küferei auch die Gastwirtschaft „Zum Wilden Mann“. Schlicht und einfach eingerichtet war das Gasthaus, von jeher als Wirtschaft für die einfachen Leute bekannt, wo man vor allem Handwerksburschen, Knechte und Tagelöhner vorfand. Das Bier wurde damals vom Bräuhaus Rossberg bezogen. Ab 1926 war es nur noch Gaststätte, die Küferei wurde zu einem Bierkeller umgewandelt. Der damalige Wirt hieß Karl Schwarz. Später wurde die Gastwirtschaft von Frau Müller (geborene Diem) aus Schurtannen betrieben.

In der Zeit nach 1945 hielten sich auch bevorzugt die französischen Besatzungssoldaten dort auf.

Die leere Flasche als Beweis

In den 1950ern (meine Mutter war damals Bedienung in dieser Gastwirtschaft) war unter anderem die Weinsorte „Kalterer See“ auf der Getränkekarte zu finden. Da dieser Wein aber damals sehr teuer und schwer zu bekommen war, waren die Bedienungen vom Wirt angehalten, falls ein Gast diesen Wein bestellte, diesem stattdessen einen einfachen Landwein zu servieren, da dieser billiger und einfacher zu bekommen war.  Beschwerte sich ein Gast über die Qualität des Weins, hatte man hinter der Theke immer eine leere Originalflasche „Kalterer See“ stehen, die man dann dem Gast präsentieren konnte.

1961: Gastwirt Otto Reichard, umringt von Gästen.

Von 1960 bis 1966 betrieb Otto Reichard das Gasthaus „Zum Wilden Mann“ als Pächter. Besitzer war die „Strauß“-Brauerei aus Leutkirch, die natürlich ihr Bier dorthin lieferte. Da Anfang 1966 einige Investitionen notwendig wurden und die Brauerei „Strauß“ sich nicht beteiligen wollte, kündigte Otto Reichard den Pachtvertrag.

So sah der „Wilde Mann“ zu Reichards Zeit aus. Das Foto stammt von 1960.

In den Jahren 1966 bis 1973 betrieb Emilie (Emmy) Detzel mit ihrem Mann das Lokal, das zu dieser Zeit vor allem für seine knusprigen Brathähnchen bekannt war. Darüberhinaus war die Wirtin recht hübsch anzusehen und ihre beachtliche Oberweite brachte ihr von den Stammgästen den Beinamen „Busenwirtin“ ein.

Von August 1973 bis August 1978 trieb Berta Reindl die Wirtschaft um, ab September 1978 bis Juli 1982 waren Cäcilia und Karl-Heinz Lott Pächter.

Ab August 1982 bis April 1985 war Georg Natterer Wirt im „Wilden Mann“, der damals schon nicht mehr so gut lief.  Da ging regelmäßig abends auf einmal das Licht aus. Dann musste der Wirt raus in den Hausflur und am Stromkasten ein 5-Mark-Stück einwerfen, dass das Licht wieder anging. Der Stromversorger hatte mangels Zahlung, dort einen Münzautomaten angebracht. 

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Der Cowboy und sein frierendes Pferd

Auch sonst war der „Wilde Mann“ immer wieder im Gespräch. Anfang Februar 1978, als in Kißlegg die Fünfte Jahreszeit, nämlich die Fasnet, begonnen hatte, wollte der Schwiegersohn der damaligen „Kutscherstuben“-Wirtin ebenfalls in den Fasnetstrubel einsteigen. Als Hamburger war Hajo natürlich mit den hiesigen Gebräuchen nichts so sehr vertraut. Kurzerhand lieh er sich auf einem umliegenden Bauernhof ein Pferd nebst Sattel, kleidete sich in Cowboyklamotten und schnallte sich einen Ledergürtel mit Colt um. Dann ritt er durch die Straße bis zum „Wilden Mann“ und band sein Pferd dort vor der Wirtschaft auf dem Gehweg an ein Geländer. Er selbst begab sich in die Wirtschaft, um dort seinen Durst zu stillen und stolz seine Cowboytracht zu präsentieren. Nach einiger Zeit begann sich das Pferd draußen unwohl zu fühlen (es war schließlich kalt Anfang Februar) und hinterließ auch auf dem Bürgersteig diverse Spuren. Kurz darauf begab sich die Kißlegger Polizei, die von besorgten Bürgern herbeigerufen wurde, zum „Wilden Mann“, um für Ordnung zu sorgen. Unser Polizist betrat den Gastraum und fand auch gleich den Übeltäter. Dieser – bereits gut angetrunken – baute sich vor dem Polizisten auf und wollte sich mit seinem Colt gleich duellieren. Mit den Worten „Zieh, Marshal“ stand er da und hielt die Hand über dem Colt – nach bester Westernmanier. Unser besonnener Dorfpolizist konnte die Situation deeskalieren und sorgte dafür, dass der Unfug aufhörte und das Pferd wieder in seinen warmen Stall zurückkonnte.

Erst als 1986 Paolo Piediscalzi mit seiner Frau aus dem Gasthaus „Zum Wilden Mann“ die „Pizzeria Bologna“ machte, war der Ruf der Gaststätte wieder hergestellt und über einen Zeitraum von fast 35 Jahren war die Pizzeria eine gern und gut besuchte Gaststätte, in der man italienisches Essen genießen konnte. Als die Pizzeria 2023 ihre Tore schloss, war dann nach einiger Zeit mit Vinzenco Sallustro auch wieder ein Nachfolger gefunden, der die Pizzeria weiter betrieb. Allerdings konnte er nicht an den Erfolg der Familie Piediscalzi anknüpfen, die Gäste wurden weniger und blieben schließlich aus und bereits im Juni 2025 war die Pizzeria wieder zu – bis zum heutigen Tag.

Die Kißlegger Bürger würden sich freuen, wenn die Gaststätte bald wieder eröffnet würde.

1932: Die 15.000-Meter-Stafette hat eine Wechsel-Station auf Höhe „Wilder Mann“(rechts).

Fronleichnamsprozession 1913. Man beachte den reichen Kranzschmuck an den Häusern.

Streichholzetikett 1969.

Rechnung des Küfers Xaver Wirthensohn, ausgestellt 1892. Unter dem Namen fdes Rechnungsstellers ist der Hausname eingedruckt: „z. wilden Mann“.

Das August-Blatt von Bernd Mauchs historischem Kalender (für 2026). Restexemplare können noch bei Bernd Mauch oder bei Eisenwaren Martin erworben werden.

Text: Bernd Mauch

Fotos: Archiv Mauch

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Bernd Mauch, Heimatpfleger
veröffentlicht am
25.08.2026
Lesedauer: ca. 5 Minuten
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