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Erlebnistag „Hinter den Kulissen“ im Bauernhausmuseums Wolfegg

„Das Wissen über ein Objekt macht es wertvoll“

Foto: Ulli Stark
Museumsleiterin Dr. Tanja Kreutzer zeigt historische Kinderschuhe.
veröffentlicht am: 25.08.2026
Autor: Ulli Stark
Lesedauer: ca. 5 Minuten

Wolfegg – Alltagskultur auf dem Lande aus vergangenen Epochen lässt sich in Wolfegg seit fast 50 Jahren erleben. Am 23. August hatte das Bauernhausmuseum zum Erlebnistag „Hinter den Kulissen“ eingeladen. Im Mittelpunkt standen Kurzführungen zu „verborgenen Schätzen“ im Depot.

Das mächtige Inventarbuch bietet Platz für zigtausend Objekte.

Sorgfältig streift sich Dr. Tanja Kreutzer im Dachgeschoss der ehemaligen Zehntscheuer des Klosters Weißenau weiße Handschuhe über. Vorsichtig öffnet die Museumsleiterin das um ein faustgroßes Objekt gewickelte Seidenpapier. Gespannt beobachten die maximal je acht Teilnehmer den Vorgang. Zum Vorschein kommt ein aufwändig verzierter Bildstock aus bis im frühen 20. Jahrhundert teurem Wachs. „Er war kostbar und wurde an hohen Feiertagen verwendet.“ Bis heute dürfte er bei Sammlern gute Preise erzielen.

Vorsichtig präsentiert Dr. Tanja Kreutzer den Bildstock aus Wachs (hier die Rückseite).

Stücke mit hohem ideellem Wert

Kaum materiellen, aber einen hohen ideellen Wert hat für sie der Instrumentenkoffer einer Landhebamme. „Ihr Sohn hat ihn überbracht, mitsamt der Geschichte dahinter“. Von 1920 bis 1960, „als in den Dörfern Hausgeburten noch gang und gebe waren“, habe der Koffer dazu beigetragen, dass Kinder wohlbehalten auf die Welt gekommen seien. Das beiliegende Lehrbuch oder die Dose mit Sagrotan bezeugten die Fortschritte in den vierzig Jahren. „Das Wissen über ein Objekt wie dieses macht es für uns so wertvoll“, so Dr. Tanja Kreutzer.

Der Instrumenten-Koffer einer Land-Hebamme hat eine eigeneGeschichte; er erzählt auch eine von Fortschritten in den Jahren 1920 bis 1960.

Konservieren statt restaurieren

In Ehren gehalten werden auch anonym abgegebene Gegenstände, wie ein laut Inschrift 1824 gefertigter und kunstvoll mit Leder überzogener Weidenkorb. Er enthält einen noch nicht inspizierten Brief und weist deutliche Gebrauchsspuren auf. So ein Stück wolle man auf keinen Fall „tot restaurieren. Wir versuchen, es so gut wie möglich zu konservieren“, so die Museumsleiterin. Was bei den klimatischen Bedingungen Depot nicht einfach sei. Mottenfallen und Briefchen mit Schlupfwespen weisen obendrein auf eine der Tierarten hin, die es auf die Schätze im Textilien-Lager abgesehen haben. Licht oder Feuchtigkeit, die auch beim menschlichen Atmen entsteht, beeinträchtige viele Objekte. „Schon deshalb werden wir Besuche in engen Grenzen halten müssen“. Dafür präsentiere man ein „Objekt des Monats“ regelmäßig im Blaserhof.

„Nicht totrestaurieren, sondern konservieren“ – der mit Leder überzogene Weidenkorb weist viele Gebrauchsspuren auf

„Ohne Sammlung kein Museum“

Rund 25.000 Gegenstände, vor allem aus den Jahren 1850 bis 1920, hat das Museum seit seiner Gründung 1978 gesammelt. Insbesondere große wie Kutschen, Maschinen oder Möbel, werden aus Platzgründen in Depots außerhalb gelagert.  „Wir sammeln Gebäude“, inzwischen sind es 28. Leer seien die aber ohne Sinn. Deshalb gelte: „Ohne Sammlung kein Museum“. Allerdings habe man in den 1970er- und 1980er-Jahren „alles retten wollen, was bei Auflösungen von Höfen gefunden wurde“. Aktuell bestehe laut Dr. Tanja Kreutzer ein Annahmestopp. Heute gelte es, „der Fülle Herr zu werden und durch Digitalisierung einen besseren Überblick zu bekommen“. Immerhin wurde alles katalogisiert: ein Anhänger zeigt die laufende Nummer und das Eingangsjahr, dazu kommen der Eintrag im mächtigen Inventarbuch sowie – „leider nicht durchgängig vorhanden“ – auf Karteikarten Stichworte zur Geschichte.

Das Steinmetz-Handwerk nähergebracht

Wer keinen Platz in einer Führung ergatterte, fand auf dem Gelände eine Reihe anderer Angebote: So führte der Kißlegger Oldtimer-Experte Hubert Kling die historische Brietzschneidemaschine (Brietz = Stroh, zum Verfüttern oder Verarbeiten geschnitten) vor, die er selbst vor einigen Jahren am Straßenrand in Karsee entdeckt hatte.

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Hubert Kling erläutert die Brietzschneidemaschine – im Vordergrund am Boden geschnittenes Stroh

Restauratorin Steffi Schneider aus Wangen brachte Interessierten das Steinmetz-Handwerk näher. Die Kreisdenkmalpflege lud zum Planspiel „Wohnen in denkmalgeschützten Gebäuden ein“. Kinder konnten das Inventarisieren, Reinigen und Konservieren von Gebrauchsgegenständen ausprobieren.

Besucher konnten sich unter Anleitung von Steffi Schneider als Steinmetze versuchen.

Digitalisierung als Herkulesaufgabe

Zurück zum Depot: Eine Halbtagskraft hat sich an die Herkulesaufgabe gemacht, den Bestand zu digitalisieren, um einen besseren Überblick zu ermöglichen. Gleichzeitig geht es ums „Entsammeln“, insbesondere von Objekten ohne Geschichte. Der Anfang wurde am Erlebnistag gemacht: Auf rund ein Dutzend historische Nähmaschinen, zur Verlosung ausgestellt, konnten sich Besucher bewerben. Wobei die Museumsleiterin bekannte: „Um eine davon bin ich zuvor noch fünfmal wehmütig herumgeschlichen.“ Der große Zuspruch zum Erlebnistag bedeutet für sie einen Ansporn. „So etwas machen wir wieder“.

Ein „Haarbild“, zum Andenken an einen Verstorbenen aus dessen Haaren mühsam gefertigt …


… mit der dazu gehörenden, hier gleich doppelten Inventarisierung auf der Rückseite (es gehörte zuvor in den Bestand der Sparkasse Ravensburg

Im Haus Andrinet bot das Kreisdenkmalamt das Planspiel „Wohnen in denkmalgeschützten Gebäuden“ an.

Eines der Schätzchen, von denen sich das Museum getrennt hat.

Auch diese Nähmaschine gab man aus Platzgründen ab.

Text und Fotos: Ulli Stark

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Ulli Stark
veröffentlicht am
25.08.2026
Lesedauer: ca. 5 Minuten
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