Chemikalienaustritt nach Ladeunfall: Feuerwehren und DRK trainieren in Kißlegg


Kontakt
Redaktion
Anzeigen
Kisslegg – Viele Martinhörner waren am vergangenen Freitag, 02.10.2026, zwischen 17.45 und 18.15 Uhr in und um Kißlegg zu hören. Die Einsatzkräfte von Feuerwehr und DRK eilten jedoch nicht zu einem tatsächlichen Unfall: Der Gefahrgutzug Allgäu hielt seine zweite gemeinsame Übung in diesem Jahr ab. Schauplatz war der Hof der Familie Frick in Oberhaid.
Für Einsätze mit gefährlichen Stoffen und Gütern gibt es im Landkreis Ravensburg zwei spezialisierte Einheiten: den Gefahrgutzug Allgäu und den Zug Umwelt der Feuerwehr Ravensburg. Sie unterstützen die örtlichen Feuerwehren, wenn beispielsweise Chemikalien austreten und besondere Schutzmaßnahmen, Messgeräte oder technische Ausrüstung erforderlich sind.
Der Gefahrgutzug Allgäu setzt sich aus Komponenten mehrerer Gemeindefeuerwehren zusammen. Die Feuerwehr Leutkirch stellt den Abschnittsleiter Gefahrgut, der die Maßnahmen unmittelbar an der Schadensstelle koordiniert. Zu den Aufgaben der Feuerwehren Bad Wurzach und Isny gehören die Dekontamination sowie Messungen zur Identifikation und Lokalisierung austretender Stoffe oder möglicher Reaktionsprodukte. Die Feuerwehr Amtzell stellt ebenso wie die anderen drei Wehren Personal für die Arbeit im Chemikalienschutzanzug. Die Fachberater Chemie unterstützen die Einsatzleitung bei der Stoffidentifikation, der Bewertung der Risiken und der Auswahl geeigneter Maßnahmen. Den medizinischen Eigenschutz übernimmt der DRK-Ortsverband Leutkirch.
Die Einsatzleitung lag bei der Übung beim Kommandanten der Feuerwehr Kißlegg, Andreas Wiltsche. Neben den Maßnahmen an der Unfallstelle gehörten damit auch die Koordination der überörtlichen Kräfte, die Kommunikation und die Dokumentation zu den Aufgaben der örtlichen Wehr.
Palettengabel beschädigt Chemikalienbehälter
Das vorbereitete Szenario begann mit einem Ladeunfall: Ein Landwirt hatte einen Teil einer gemeinschaftlichen Chemikalienbestellung auf einem Anhänger angeliefert. Darauf befanden sich vier sogenannte IBC-Container – große Flüssigkeitsbehälter in einem Schutzgitter. Zwei enthielten Eisen(II)-chlorid, die beiden anderen Natronlauge und Schwefelsäure.
Beim Abladen wurde einer der Eisen(II)-chlorid-Behälter mit der Palettengabel eines Radladers angestochen. Die Gabel steckte noch im Container, während Flüssigkeit austrat und über den Hof in die Hofentwässerung gelangte. Für die Einsatzkräfte war der Stoff zunächst unbekannt.
Die zuerst eintreffende Feuerwehr Kißlegg musste die Gefahr erkennen, eine mögliche Gefährdung von Personen klären, den Bereich absperren und Spezialkräfte nachfordern. Atemschutzgeräteträger der örtlichen Wehr konnten die Kennzeichnungen der Behälter erkunden und damit die Grundlage für die Stoffidentifikation schaffen.
Nach der Sicherung des Bereichs standen für den Gefahrgutzug die Eindämmung des Austritts sowie das Auffangen und Abdichten mit Pressluftatmer im Chemikalienschutz im Mittelpunkt. Die noch im Behälter steckende Palettengabel stellte dabei eine zusätzliche technische Herausforderung dar: Veränderungen an der Unfallstelle mussten sorgfältig vorbereitet werden, um den Flüssigkeitsaustritt nicht zu verstärken.
Obwohl nach der Übungsannahme nur Eisen(II)-chlorid austrat, musste die gesamte Ladung berücksichtigt werden. Die intakten Behälter mit Schwefelsäure und Natronlauge durften durch die Arbeiten nicht zusätzlich gefährdet werden. Hier war auch die Fachberatung Chemie gefragt, um Risiken einzuordnen und die Einsatzleitung bei der Priorisierung der Maßnahmen zu unterstützen.
Auch der Notfall im Schutzanzug, sowie die Ordnung des Raumes gehörten zum Übungsplan
Ein weiterer Schwerpunkt war die Dekontamination. Einsatzkräfte, die im angenommenen verunreinigten Bereich gearbeitet hatten, müssen ihren Schutzanzug kontrolliert reinigen und ablegen können, ohne Stoffe in den sauberen Bereich zu verschleppen oder sich gar beim Ausziehen mit diesen Stoffen zu gefährden.
Darüber hinaus sah der Übungsplan einen Notfall innerhalb eines unter Chemikalienschutz arbeitenden Trupps vor: ein Feuerwehrangehöriger wurde bewusstlos. Damit wurden auch die Rettung aus dem Gefahrenbereich und die anschließende medizinische Versorgung durch das DRK trainiert.
Die besondere Ausrüstung und die Verteilung der Aufgaben auf mehrere Standorte machen regelmäßige gemeinsame Übungen notwendig. Zweimal im Jahr trifft sich der Gefahrgutzug Allgäu deshalb, um technische Abläufe und das Zusammenspiel der beteiligten Einheiten zu trainieren. Die Übung in Oberhaid verband die Erstmaßnahmen der örtlichen Feuerwehr mit der Arbeit der Spezialkräfte – von der Erkundung über die Begrenzung des Stoffaustritts bis zur Versorgung eigener Einsatzkräfte.
Eine weitere Herausforderung war die Raumordnung an der Einsatzstelle: Mehr als 15 Einsatzfahrzeuge mussten entsprechend ihrer mitgeführten Ausrüstung so aufgestellt werden, dass die Wege kurz blieben und zugleich genügend Platz zum Arbeiten und Rangieren vorhanden war. Die beengten Verhältnisse vor Ort boten dafür besonders praxisnahe Übungsbedingungen.
Ein herzlicher Dank gilt den über 70 ehrenamtlichen Einsatzkräften der Feuerwehren und des DRK für ihr Engagement, das über den regulären Dienst hinausgeht. Ebenso danken wir der Familie Frick, die ihr Gelände für die Übung zur Verfügung stellte. Auch der Kißlegger Bauhof unterstützte die Übung ganz unkompliziert und stellte die IBC-Container bereit, die für die Übung mit eingefärbtem Wasser befüllt werden konnten – herzlichen Dank!
Weitere Bilder in der Galerie













































