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Kißlegg – Eine Modenschau im Stil der 1920er-Jahre – kann das in Kißlegg funktionieren? Und wie! Das Obergeschoss des Neuen Schlosses platzte aus allen Nähten, als zehn Hobbynäherinnen aus der Region am Abend des 24. Oktober ihre Schmuckstücke präsentierten. Die Modenschau bildete gleichzeitig den Abschluss des Kißlegger Jahresprogramms unter dem Motto „Neue Sachlichkeit“ in den Goldenen 20ern.
Beim Auftritt ist die Nervosität weg
Was für die Damen zum Nähaufwand dazukam und für viele ungewohnt gewesen sein dürfte: sich präsentieren. Zunächst den gesamten, links und rechts von Besuchern gesäumten Gang entlang. Schließlich in den eng bestuhlten Bankettsaal, in dem eine kleine Bühne aufgebaut war. Eine der jungen Schneiderinnen gestand auf Nachfrage freimütig: „Ein bisschen habe ich schon geübt, beim Auftritt selbst war die Nervosität aber weg.“
Kleidung für die neue Arbeitswelt
Dazu dürfte der herzliche Applaus des überwiegend weiblichen Publikums beigetragen haben, der alle Präsentationen im Saal wie im Flur begleitete. Beate Leupolz gelang es als Moderatorin zudem glänzend, jeweils die Fantasie anzuregen. So sah sie im ersten Wettbewerb zur Alltagskleidung ein „Fräulein vom Amt, vielleicht auf dem Weg zur Arbeit als Telefonistin“, die folgende als die für Rechnungen zuständige Angestellte im Kolonialwarenladen. Ein eher „robustes“ Outfit ordnete sie den Anforderungen der vielfach neuen Arbeitswelt zu, „wobei die Trägerin im Anschluss noch zum Tanztee gehen könnte“. Bei einem weiteren stellte sie sich die Dame „in einem Cabrio bei der Fahrt durch das schöne Allgäu“ vor. Auffallend: Einige Schneiderinnen hatten sich bewusst maskulin, also mit Hose, Weste, sogar Krawatte oder Schirmmütze ausgestattet.
Auf den geschichtlichen Zusammenhang legte Anneliese Welte vom Bürgerbüro beim gesamten Jahresprogramm wert, den Archivar Thomas Weiland im Frühjahr für Kißlegg erläutert hatte (wir berichteten: 1920er). Was bei der Moderation immer wieder mit einfloss: Die „Neue Sachlichkeit“ war mit modischer Freiheit und Experimentierfreude einhergegangen, nach der Befreiung vom Korsett. Einfachere Stoffe kamen zum Zuge, auch mit praktischen Taschen, oft geschaffen mit der eigenen Nähmaschine und den ersten verfügbaren Schnittmustern.
„In Kißlegg sollte ein Nachtclub aufmachen“
Wobei auch Platz blieb für verspielte Kreationen, insbesondere in Sachen Kopfschmuck, wie der zweite Wettbewerb zum Thema „Abendmode“ zeigte. Zu den aus Stummfilmen der Epoche bekannten Glockenhüten kamen aufwändig verzierte Stirnbänder. Silvia Seifert, die diesen Wettbewerb gewinnen sollte, trug dazu Tanzschuhe und kokettierte mit einer Zigarettenspitze. „In Kißlegg sollte ein Nachtclub aufmachen“, brachte Beate Leupolz ihre Begeisterung auf den Punkt.
Schwierige Auswahl
Entsprechend schwer tat sich die Jury mit der Auswahl für die 600 Euro Preisgelder. In Sachen Authentizität und Kreativität seien alle nah beieinander gelegen, verriet Katerina Krömer vom Kißlegger „Stoffröschen“, das auch Gutscheine als Trostpreise spendiert hatte. Beim Aufwand wurden die größten Unterschiede ausgemacht und so gewannen schließlich Andrea Fakler, Sivlia Seifert und Edith Rieger den Wettbewerb Alltagskleider. Andrea Fakler konnte auch bei der Abendkleidung als Zweite punkten, Platz drei erzielte die 18-jährige Felicia Denkinger, die demnächst eine Schneiderlehre beginnen will.
„Lass mich dein Badewasser schlürfen …“
Für beste Unterhaltung hatten in der Pause „Babett & Genovef“ alias Ruth Welte und Elisabeth Weiland gesorgt, die mit ihrem Sketch die parallel stattfindende feierliche Wiedereröffnung der Sporthalle auf die Schippe nahmen. Weil außer ihnen keiner „im Sporthäs“ da gewesen sei, wechselten sie unter viel Gelächter vom Trainingsanzug in für die Modenschau angemessene Gewänder.

Genauso passend als Rahmen erwiesen sich die Auftritte der „singing men group“ (Bild), die sich aus Sängern des Liederkranzes zusammengefunden hat. Passend zu den 1920ern intonierten sie bekannte Weisen wie „Ein Freund“ oder „Veronika“. Rechts im Bild eine Besucherin der Modenschau, die sich im Stil der 1920er-Jahre gekleidet hat. Nach dem frivolen „Lass mich dein Badewasser schlürfen“ fanden die gut 150 Besucher mit einem Lächeln im Gesicht schließlich den Heimweg.
Bilder von der Modenschau im Stil der 1920er

Auf einer kleinen Bühne im Bankettsaal wurde zunächst Alltagsmode präsentiert – hier von Maria Motz. Links Moderatorin Beate Leupolz.

Neugierig und fasziniert: Das überwiegend aus der Damenwelt stammende Publikum im Bankettsaal.

Maskulines Outfit bei Claudia Lohner.

Die Bewerberinnen im Wettbewerb „Alltagskleidung“.

Babett & Genovef (Ruth Welte und Elisabeth Weiland) nahmen mit ihrem Sketch die parallel stattfindende Wiedereröffnung der Sporthalle auf die Schippe.

Andrea Fakler.

Felicia Denkinger.

Gabi Hueber.

Silvia Seifert.

Die erst 15-jährige Laura Roth wurde von Oma und Mutter zum Nähen animiert. Hier ihr Abendkleid. Das Alltagsgewand (nicht abgebildet) hatte sie aus einer alten Gardine gezaubert.

Wanda Wieland.

Catwalk im Schloss: Auch diese Bewerberin beherrscht das gewinnende Schreiten.

Offenbar hat es allen einen Riesen-Spaß gemacht: Die modelnden Schneiderinnen nach der Preisverleihung.
Text und Fotos: Ulli Stark
Nachstehend finden Sie unter „Lesen Sie hierzu auch …“ unseren Artikel „Wie waren die Goldenen Zwanziger in Kißlegg?“, den wir im Frühjahr veröffentlicht hatten

































