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    Zu viele Biber in Kißlegg?

    Auch in der Tierwelt gibt es „Siedlungsdruck“ – mit Folgen

    Foto: Ulli Stark
    Eine der jüngeren Spuren am Wuhrmühleweiher: Der Baum wird gezielt so gefällt, dass die Tiere vom Wasser an Zweige und Blätter kommen.
    veröffentlicht am: 23.04.2026
    Autor: Ulli Stark
    Lesedauer: ca. 4 Minuten

    Kißlegg – Tagsüber bekommt man Biber so gut wie nie zu Sicht, auch wenn die Spuren allgegenwärtig sind. Der NABU hat ihn jüngst auf Basis einer umfangreichen Studie zum „Mitarbeiter des Jahrhunderts“ gekürt, weil er ohne Bezahlung auch an vielen Stellen im Kreis Ravensburg den Naturschutz voranbringe. Im Kißlegger Rathaus sieht man das Wirken des pfiffigen Landschaftsgestalters inzwischen auch kritisch.

    Erinnerung an den ersten Biber auf dem Gemeindegebiet im Rathaus.

    Dieter Krattenmacher erinnert sich noch gut an das Auftauchen der ersten Baumstümpfe mit der typischen Form von Bleistiftspitzen unterhalb des Wuhrmühleweihers. „Eine kleine Sensation vor über 15 Jahren, Biber galten als ausgestorben“. Entsprechend seien damals sogar Schulklassen zu der Stelle am Argenseebach gepilgert. In den letzten Jahren muss er sich jedoch immer häufiger mit Klagen von Landwirten herumschlagen, die von überschwemmten Flächen oder gar Fahrzeugen berichten, die in unterirdische Höhlen eingebrochen seien. Was für den Bürgermeister zuletzt das Fass zum Überlaufen brachte: Der Abfluss aus dem Hahnensteigweiher zum Burgermoos war blockiert, weil ein Biber das Rohr durch den Bahndamm verschlossen hatte. Das aufgestaute Wasser bedrohte nicht nur den Brunnen des Landwirts, sondern auch die Stabilität der Trasse nach Aulendorf.

    Spuren am Brunnenweiher

    Biberdämme am Abfluss des Holzmühleweihers.

    Wird jetzt regelmäßig überprüft: der Durchlass am Bahndamm nach Aulendorf.

    Über 2000 Biber im Kreisgebiet

    Mit Biber-Klagen bestens vertraut ist der Kreisökologe Bertrand Schmidt. Etwa 3000 – 4000 Fälle seien in den letzten Jahren an das Team der Bibermanager herangetragen worden. Sein Fazit: Vielfach werde der pelzige Geselle für Schäden verantwortlich gemacht, die auf menschliches Handeln zurückgingen. Häufig würden Flächen bis an den Rand von Gewässern genutzt, anstatt den vorgeschriebenen Schutzstreifen zu respektieren. Weil Biber ihre Wohnhöhlen inzwischen auch in Böschungen von Bächen und Gräben graben, seien Unfälle mit Fahrzeugen vorprogrammiert.

    Aber wieso tun sie das? Bertrand Schmidt schätzt, dass inzwischen deutlich über 2000 Biber im Kreisgebiet leben, was immerhin etwa 15% der Population in ganz Baden-Württemberg entspräche. Vor drei Jahren sollen es noch 1500-1800 gewesen sein. Für ihn kein Wunder, wenn „natürliche Fressfeinde wie Bären oder Wölfe fehlen“. Die größte Gefahr gehe vom Autoverkehr aus, dem etwa einhundert Tiere im Jahr zum Opfer fielen. Dazu kämen die Folgen bissiger Revierkämpfe.

    Offensichtlich plagt die Biber ein Problem, das die Menschen im Raum Allgäu-Oberschwaben bestens kennen: Siedlungsdruck und Wohnungsnot. Längst besetzt seien gute Reviere an Bachläufen, die sich mit Dämmen aus gefällten Bäumen und Sträuchern aufstauen lassen. Voraussetzung für den Bau einer Burg, deren Eingang unter Wasser Sicherheit bietet. Heranwachsenden Einzelgänger blieben immer öfter nur weniger geeignete Stellen, an denen es zu Konflikten komme.

    Bibermanagement steht für Lösungen

    So sind immer öfter die Bibermanager gefragt. „Wir suchen nach Lösungen und treffen rasche Entscheidungen, um den Betroffenen unbürokratisch zu helfen“. Das erkennt Dieter Krattenmacher „ausdrücklich“ an: „Dieses Team macht einen tollen Job“. Zufrieden ist der Bürgermeister, der gerne auf seine 35-jährige Mitgliedschaft im NABU und das frühe Engagement für Streuobstwiesen verweist, trotzdem nicht. Wie beim Bürgerabend Ende März verlautete, kosteten die Einsätze des Bauhofs „gut fünfstellige Summen pro Jahr“. Von der Biberverordnung des Landes, die bei drohenden Schäden für die Infrastruktur die „Entnahme“ einzelner Tiere unter hohen Auflagen erlaubt, erwartet er wenig. „Das Thema ist so emotional aufgeheizt, dass kaum ein Jäger da mitmachen dürfte“. Auch Bertrand Schmidt bleibt skeptisch – aus anderen Gründen: Erfahrungsgemäß würde ein freiwerdendes Revier sofort wieder besetzt.

    Einig sind sich Bürgermeister und Bibermanager, dass Schäden für Anlieger und an der Infrastruktur zu vermeiden gelte, da sonst der Eindruck von „Staatsversagen“ entstehe. Ob und wie das gelingt, dürfte in Kißlegg mit seinen an die 50 Moor- und Feuchtgebieten besonders spannend bleiben. Wir bleiben dran …
    Text und Fotos: Ulli Stark

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    Ulli Stark
    veröffentlicht am
    23.04.2026
    Lesedauer: ca. 4 Minuten
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