
Biberach – Musikfestivals gibt es viele, das FreeFlow Festival in Biberach hat aber eine Besonderheit: Es wird von rund hundert Ehrenamtlichen gestemmt. Das junge Team steckt viel Herzblut in die Organisation dieses Festivals.
Dem FreeFlow-Team geht es nicht nur ums Feiern. Auch um Kultur, Musik und darum, Künstler*innen und Kulturen aus ganz Deutschland eine Bühne in Biberach zu bieten. Unter dem Motto „Tanzen, Feiern, Leben, Träumen. Frei und Kreativ“ findet das FreeFlow Festival im September bereits zum siebten Mal auf dem Gigelberg mitten in Biberach statt. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler treten auf drei Bühnen auf. Neben den Konzerten ist einiges geboten – bei Workshops können die Gäste selbst kreativ werden: malen, basteln, schminken, Yoga und vieles mehr. BLIX sprach mit Elena Exner, einer der Organisatorinnen.

BLIX: Frau Exner, seit wann gibt es das FreeFlow Festival, wie fing alles an?
EXNER: Das FreeFlow Festival gibt es seit 2018. Mit Corona bedingten Pausen in den Jahren 2020 und 2021 geht das Festival im Jahr 2026 in die siebte Runde. Angefangen hat alles durch zwei Cousins, die auf unzähligen verschiedenen Events aufgelegt haben. Daraus haben sich dann eigene Events entwickelt, beispielsweise im Abdera in Biberach, Ulm und Ravensburg. Und im Winter 2017 haben sie verkündet, ein Festival zu planen. Die ersten zwei Jahre war es ein eintägiges Festival. Doch schon damals hat man den Unterschied zu den klassischen Festivals gesehen: Viel Liebe ins Detail und eine extreme Hands-on-Mentalität. Nach Corona gab es im Jahr 2022 eine kleinere Open-Air-Version, bevor es 2023 in einem deutlich größeren Rahmen in der heutigen Location auf dem Gigelberg umgesetzt wurde. In diesem Jahr erwarten wir rund 10.000 Gäste.
BLIX: Wer sind Sie, wie alt sind sie, was ist ihre Motivation mitzumachen?
EXNER: Ich bin 24 Jahre alt. Ich bin fertig mit meinem Studium und arbeite bei BMW in Stuttgart, verantwortlich für das Marketing sowie die Workshop-Planung. Meine Motivation ist daraus entstanden, dass mein Bruder Mitgründer des Festivals ist. Anfangs bestand das Team größtenteils ausschließlich aus engen Freunden, doch über die Jahre sind auch über die Stadtgrenzen hinaus viele motivierte Menschen hinzugekommen, die das Projekt FreeFlow Festival unterstützen und mitgestalten möchten. Uns treibt alle eines an: Spaß an der Organisation von Events und die Motivation, kulturell einen Mehrwert zu schaffen.
BLIX: Was ist das Besondere am Festival?
EXNER: Das FreeFlow Festival wird ehrenamtlich durch den gemeinnützigen Kulturströme Verein mit organisiert. Das Herzblut, das das ehrenamtliche Team in das Projekt investiert, wird sehr deutlich sobald man vor Ort auf dem Gelände ist. Wir sind nicht vergleichbar mit einem Festival auf einem lieblosen Acker, wo der Profit im Vordergrund steht. Wir stecken viel Liebe ins Detail, was beispielsweise in der nachhaltigen und recycelten Dekoration auf dem Gelände oder der Vielzahl an interaktiven Workshops deutlich wird. Wenn wir nur das Nötigste für ein Musikfestival umsetzen würden, wäre unsere Aufbaudauer nicht einmal halb so lang. Doch wir investieren die vielen Tage Aufbau, weil wir das, was wir machen, richtig machen wollen und viele kleine Details einbauen. Aber das ist schlussendlich auch der Grund, warum die Gäste so gerne zu uns kommen.
BLIX: Woher kommen die Besucherinnen und Besucher?
EXNER: Anfangs waren die Besuchenden hauptsächlich aus Biberach und der näheren Umgebung. Doch mittlerweile dürfen wir Gäste nördlich Berlins oder auch aus Österreich und der Schweiz bei uns begrüßen. Der Großteil reist aber nach wie vor aus Baden-Württemberg an. Diese wachsende überregionale Bedeutung haben wir natürlich wahrgenommen und entsprechende Maßnahmen initiiert. So gibt es seit 2025 einen Campingplatz, wofür die Tickets direkt ausverkauft waren. In diesem Jahr ist der Campingplatz erstmalig am Badesee in Ummendorf. So hat man Festival- und Urlaubsgefühle in einem, wenn man morgens direkt am See aufwacht.

BLIX: Sie werden nicht bezahlt. Klingt ‚Ehrenamt‘ nicht antiquiert für junge Menschen?
EXNER: Nein, Ehrenamt bedeutet für mich, etwas zu verändern, zu bewirken, ganz viel Spaß und unfassbar tolle Menschen. Ehrenamt darf ja auch nie einseitig verstanden werden. Vielmehr gibt ein Ehrenamt einem auch sehr viel zurück. Anfangs kannte sich niemand aus dem Team mit einer professionellen Eventplanung oder -Konzeption aus. Doch als Team eignet man sich diese Schwerpunkte und das Know-How an, man wächst an seinen Aufgaben und Herausforderungen. Dadurch entwickelt auch Jede und Jeder eigene Interessensbereiche. Jemand spezialisiert sich im Bereich IT, jemand anderes in der Produktion. Bei mir war es dann das Themengebiet Marketing und Projektmanagement. So ergänzt sich das Team mittlerweile durch unterschiedliche Kompetenzen. Und davon profitiert man natürlich auch in einem beruflichen Kontext, wenn man in jungen Jahren schon Events mit einer Größenzahl von 10.000 Besuchenden mitorganisiert hat. Da hat man schon viel gesehen und erlebt und weiß, worauf es in einer schweren Situation ankommt. Was aber noch viel wichtiger ist, ist der persönliche Gewinn durch zahlreiche Freundschaften, die durch das FreeFlow Festival entstanden sind. Wir nennen uns ‚die FreeFlow-Family‘, weil wir als Team mittlerweile wirklich zu einer Familie zusammengewachsen sind. Nichts schweißt mehr zusammen als die körperlichen Limits und wenn der ganze Stress der letzten Wochen nach einem erfolgreichen Festival abfällt. Es müssen sich alle zu jeder Zeit zu hundert Prozent aufeinander verlassen können, sonst funktioniert die Planung eines ganzen Musikfestivals nicht. Und dieses Vertrauen ist unfassbar wertvoll, wodurch wir auch unabhängig des Festivals gerne und viel Zeit miteinander verbringen. Auch wenn die wenigsten von uns selbst noch in Biberach wohnen. Natürlich gibt es auch Momente, an denen man zweifelt und sich fragt, ob es das alles wert ist. Es ist nicht einfach, Beruf/Studium, Freundinnen und Freunde, Privatleben, Hobbies und Ehrenamt unter einen Hut zu bekommen. Time-Management ist hier ein wichtiges Stichwort. Doch wenn man dann zusammen mit dem Team auf dem Festivalgelände steht und merkt, all die Arbeit, die Zeit, der körperlich anstrengende Aufbau und die teilweise nächtelangen Meetings haben sich gelohnt. Das gibt einem ein unfassbar warmes Gefühl ums Herz, was man glaube ich nur verstehen kann, wenn man selbst Teil der FreeFlow-Family ist. Und spätestens da wird klar: wir wollen das definitiv weiter machen!
BLIX: Welche Bedeutung messen Sie Ihrem Engagement für die Stadt Biberach bei?
EXNER: Meiner Meinung nach erbringen wir als Kulturströme e.V. unter anderem durch das FreeFlow Festival einen großen Mehrwert für die Stadt Biberach. Da wir ein Festival für alle organisieren mit verschiedenen Musikrichtungen, profitieren hier alle Altersgruppen und auch unterschiedliche Musikfans. Darüber hinaus profitiert natürlich auch die regionale Wirtschaft. Unsere Partner und Dienstleister kommen Größtenteils direkt aus der Region. Und auch viele kleinere Künstler*innen und Organisationen, Vereine, NGOs und so weiter profitieren davon, indem sie Teil unseres tollen interaktiven Workshop-Programmes sind und hier mittlerweile ein tolles Netzwerk entstanden ist.

BLIX: Fühlen Sie sich wertgeschätzt?
EXNER: Innerhalb des Teams? Auf jeden Fall! Hier unterstützen wir uns gegenseitig, man darf jederzeit sagen, wenn man beispielsweise aufgrund einer Prüfungsphase gerade wenig Kapazität hat. Wenn man auch nicht monetär vergütet wird, gewinnt man ja trotzdem extrem viel wie bereits erwähnt durch tolle Freundschaften und die Möglichkeit, sehr viele tolle Erfahrungen sammeln zu dürfen.
BLIX: Und fühlen Sie sich auch von Seiten der Stadt und in der Stadt und im Umland willkommen und werden Sie unterstützt?
EXNER: Ja, wir haben viele Partner, die uns unterstützen ohne die es nicht möglich wäre, auch mit den städtische Ämtern ist es ein offener und professioneller Umgang. Von der Stadt selbst konnten wir 2025 eine Förderung erreichen, eine langfristige Förderung soll jetzt angestoßen werden.
BLIX: Wie sehen die Zukunftspläne aus?
EXNER: Unser Plan ist es natürlich, weiterhin einen kulturellen Beitrag für die Stadt Biberach und darüber hinaus für die ganze Region zu leisten. Doch die Probleme und die Gefahren, die das Ganze mit sich bringt, dürfen nicht unterschätzt werden. Wir hoffen, dass wir trotz extrem steigender Preise in der Eventbranche und einem zurückhaltenden Kaufverhalten der Besucher aufgrund der wirtschaftlichen Lage noch weiterhin das tun dürfen, wofür wir alle sehr brennen: das FreeFlow Festival noch viele weitere Jahre planen und umsetzen.
Autorin: Andrea Reck
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„Unfassbar warmes Gefühl“






