
Zwei CIA-Männer, eine Insel voller schweigender Steinkolosse und ein Dramatiker, der Komik und Todesangst nie für Gegensätze hielt: Nach vier Jahren Pause meldet sich Martin McDonagh zurück. Mit John Malkovich und Sam Rockwell reist er ins Chile der 90er Jahre, kurz vor dem Putsch. Venedig applaudierte, die Kritiker sind mehrheitlich begeistert. Am 12. November ist deutscher Kinostart.
Santiago de Chile, 1973: Der Staatsstreich liegt in der Luft, und ausgerechnet jetzt schickt Büroleiter MJ (Steve Buscemi) seine beiden Agenten auf die Osterinsel. Chris (John Malkovich), ein gealterter Routinier, und sein jüngerer Partner Lee (Sam Rockwell) sollen dort einen Auftrag erledigen, dessen Natur lange im Ungefähren bleibt. Zwischen den berühmten Moai schleppen die beiden langjährigen Kollegen ihre Vergangenheit mit sich herum wie zu schweres Gepäck, und während in der Hauptstadt die Verhältnisse kippen, wuchern auf dem entlegenen Eiland die Verschwörungen der Gegenwart. Als Chris eine unerwartete Bindung zu einem rebellischen jungen Paar (Mariana Di Girolamo, Ailín Salas) eingeht, gerät die Dienstreise ins Paradies gehörig aus dem Takt. Mehr sei nicht verraten, nur so viel: Wer bei McDonagh auf einen klassischen Spionagethriller hofft, wird eher einem Kammerspiel unter freiem Himmel begegnen, in dem Loyalität, Schuld und die Frage, was man von einem langen Berufsleben im Dienst zweifelhafter Mächte mitnimmt, mehr Raum einnehmen als jede Verfolgungsjagd.
McDonagh, der das Drehbuch selbst schrieb, vertraut auf bewährte Mitstreiter: Ben Davis an der Kamera, Carter Burwell an der Musik, produziert von Graham Broadbent, Pete Czernin und Anita Overland, mit denen er seit Jahren arbeitet. Neu ist das Duo im Zentrum. Malkovich arbeitet erstmals mit dem Regisseur; ursprünglich waren Oscar Isaac und Christopher Walken mit dem Projekt verbunden.
Gedreht wurde auf Rapa Nui selbst, der abgelegensten bewohnten Insel der Welt. Die Dreharbeiten waren Ende April abgeschlossen, schon im September feierte der Film in Venedig Premiere. Das Format ist eine kluge Wahl: Weite, Horizont und das Starren der Moai geben einem Film, der im Kern aus Dialogen besteht, ein Gegengewicht aus Raum und Stille. Der sonnige Schauplatz steht in reizvollem Kontrast zu den düsteren Themen, die Inszenierung bleibt bewusst schlicht und dient dem Text, statt ihn zu überstrahlen. Das mag man handwerklich zurückhaltend nennen. Es ist aber genau die Zurückhaltung, die Dialoge dieser Güte brauchen: Die Kamera schaut, der Schnitt lässt atmen, und Burwells Musik hält sich im Hintergrund, bis sie gebraucht wird.
Auf dem Festival von Venedig lief der Film im Wettbewerb um den Goldenen Löwen, Malkovich wurde dort als bester Darsteller ausgezeichnet. Der Film ist am stärksten, wo er die Gewissheiten seiner Figuren leise zersetzt: Malkovichs trockene, fast beiläufige Art, Verlorenes anzudeuten, gehört zum Besten, was man von ihm seit Jahren gesehen hat, und die Mischung aus derbem Humor und stiller Melancholie trägt über weite Strecken. Schwächer wirkt das Drehbuch dort, wo es sich auf sein Erfolgsrezept verlässt. Die Verbindung aus schwarzem Humor und existenziellem Ernst funktioniert, doch sie funktioniert nach Mustern, die McDonagh selbst etabliert hat. Mancher Dialogwechsel klingt so, als hätte man ihn schon einmal gehört, und die Zuneigung, die der Film seinen zweifelhaften Helden entgegenbringt, wird eher vorausgesetzt als verdient.
Doch die Schärfe, die McDonagh der Geschichte einschreibt, gibt dem Ganzen mehr Gewicht als bloße Routine, und im Zusammenspiel von Malkovich und Rockwell steckt eine Wärme, die über manche Schwäche der Konstruktion hinwegträgt. Ein Meisterwerk ist „Wild Horse Nine“ nicht, aber ein sehenswerter Film, in dem Malkovich Höchstform erreicht und nun zurecht als Favorit ins Oscar-Rennen geht.
Autor: Christian Oita
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