Zum Hauptinhalt springen
Regisseur Douglas Wolfsperger (li). Mit Darstellerinnen und Darstellern des Dokumentarfilms und deren Angehörigen nach der Premiere in Biberach.

Biberach – Die Baden-Württemberg-Premiere des neuen Film von Douglas Wolfsperger in Biberach „Denn dieses Leben lebst nur du“ wurde vom Publikum gefeiert.

Sie bezeichnet sich als „Frau mit transidentem Hintergrund“. Die Mittvierzigerin Dunja lebt am Bodensee und arbeitet in der Produktion einer Metall-Fabrik. Ihre männlichen Kollegen haben wenig Verständnis für sie. Viele haben sich von ihr abgewandt. Stefan von der kleinen Bäckerei in Kehlen ist aufrichtig neugierig. Beim Gespräch auf der rustikalen Hollywood-Schaukel spricht er sie auf Details ihrer Penis-OP an, von der Dunja ebenso wie von ihrem oder dem Sexleben nach der Transition ganz ungehemmt berichtet.

Elisabeth (Lisa) wurde mit Penis und Vagina geboren, durch frühe Eingriffe aber medizinisch zum Mann gemacht. Erst mit über fünfzig hat sich die bekennende Katholikin als intersexuell geoutet und mithilfe von Operationen wieder zur Frau machen lassen. Berührend, wie sie einsam auf einer Treppe sitzt und Trompete spielt. In der Musikkapelle ihres Heimatortes Rot an der Rot, wo sie noch als Ewald mitgewirkt hat, will man nichts mehr mit ihr zu tun haben. Auch ihr Traum, Diakon zu werden, ist nun ausgeträumt.

Gabriel, früher Eva, ist viel im Sportstudio zu sehen, wo er diszipliniert Muskeln aufbaut, und im sanften Gegenlicht beim Joggen um Bad Waldsee. Nach jahrzehntelanger Psychotherapie und einer Ehe mit Oliver hat er sich zur Transition durchgerungen und lebt jetzt glücklich mit der heterosexuellen Claudi zusammen. Er kann seine Geschichte sehr reflektiert schildern, auch das Verhältnis zu seiner geliebten Mutter.

Die Gezeigten haben versucht, die Erwartungen ihrer Umgebung zu erfüllen: Sie führten konventionelle Ehen oder strebten kirchliche Ämter an. Doch der Schmerz über das „falsche“ Leben wurde unerträglich. Wolfsperger zeigt ihre Verwandlung nicht als klinischen Prozess, ist weit davon entfernt voyeuristisch zu sein. Er nimmt mit auf eine zutiefst menschliche Reise. Wir sehen die Protagonisten beim Sport, bei der Arbeit, bei der Pflege des alten VW-Busses, beim Anzünden von Kerzen vor Marienbildern oder beim Paddeln auf dem Bodensee. Der Film dokumentiert die Reaktionen des Umfelds, von Unverständnis und Abneigung bis hin zu überraschender Neugier und Akzeptanz, und feiert die Momente, in denen aus jahrelangen Kämpfen innerer Friede wird.

Regisseur Douglas Wolfsperger beobachtete, dass queere Menschen und besonders Transpersonen vermehrt angegriffen und zum Feindbild erklärt werden, Diversität zur Bedrohung erklärt und Fortschritte zurückgedreht werden sollen. Mit seinem Film möchte er gegen Intoleranz und für Selbstbestimmung werben. Premiere hatte „Denn dieses Leben lebst nur du“ den Internationalen Hofer Filmtagen im Oktober 2025. In Baden-Württemberg wurde er erstmals am 13. April in Biberach gezeigt. Weingarten und Ravensburg folgten.

In Biberach konnte Wolfsperger, seit 2024 Künstlerischer Leiter der Biberacher Filmfestspiele, zahlreiche, meist ältere Zuschauer, begrüßen. Sie applaudierten am Ende des sehr berührenden Films, der mit schönen Bildern und opulenter Musik auch Augenblicke des Glücks und der Zufriedenheit mit dem neuen Leben vermittelte, anerkennend, insbesondere als alle Protagonisten und Protagonistinnen nach vorne kamen und bereitwillig Fragen aus dem Publikum beantworteten. Auch Gabriels früherer Mann und seine Mutter waren dabei.

In der Dokumentation war auch ein Gespräch mit dem bibeltreuen, konservativen Kommunalpolitiker Eugen Abler aus Bodnegg mit den trans- und intersexuellen Menschen zu sehen, der wohl einigen Menschen aus dem ländlichen Raum aus dem Herzen sprechen dürfte. Wolfsperger, geboren in Zürich und aufgewachsen in Oberschwaben, hatte schon in früheren Filmen wie „Blutritter“ Einstellungen im katholischen Oberschwaben thematisiert und fand daher auch die Geschichte von Lisa und deren religiösen Hintergrund besonders spannend. Auf die Frage, wie er die weiteren Darstellenden gefunden habe, verwies er auf einen Ulmer Therapeuten, der die Kontakte vermittelt habe.

Jemand aus dem Publikum empfahl, den Film in Schulklassen zu zeigen. Eine Frau meinte, er solle im Klosterhof von Rot an de Rot gezeigt werden, dem Heimatort von Lisa, die dort durchaus schon mit Hexen assoziiert worden ist und dem Hinweis auf Auschwitz. Auf die Frage nach Erfahrungen mit der Hormontherapie erklärte die extrovertierte Dunja: „Das ist wie eine zweite Pubertät.“ Schließlich wurde aus dem Publikum allen Darstellern Dank ausgesprochen für deren bewundernswerten Mut.

„Bis des ankommt, dass des normal isch, gohnd hunderd Jahr vorbei“, fürchtet der tolerante Bäcker Stefan im Film. Vielleicht geht es mit Filmen wie diesem ein bisschen schneller.

Autorin: Andrea Reck


erschienen in Mai 2026

NEUESTE BLIX-BEITRÄGE

Leben, leiden, lieben

Biberach – Die Baden-Württemberg-Premiere des neuen Film von Douglas Wolfsperger in Biberach „Denn dieses Leben lebst nur du“ wurde vom Publikum gefeiert.
April 2026
Biberach jazzt!
ANZEIGEN
April 2026
Biberach jazzt!
Diese Anzeige kann aufgrund Ihrer Netzwerkeinstellungen nicht angezeigt werden.