Zum Hauptinhalt springen
Kurator Michael C. Maurer vor Karl Hofers „Kassandra“. Foto: Anja Koehler

Schloss Achberg – Alle Jahre wieder, kurz vor oder kurz nach Ostern, ist es so weit: In Schloss Achberg eröffnet eine neue Ausstellung, entweder mit Kunst der Gegenwart oder mit Klassischer Moderne. Diesmal geht es mit Karl Hofer um einen der ganz Großen der deutschen Malerei des 20. Jahrhunderts.

Die Bedeutung des 1878 in Karlsruhe Geborenen als Künstler und als Lehrer ist unbestritten. 1921 wird er in Berlin Professor für Malerei. Seine Werke sind bei Museen und Sammlern früh sehr begehrt. Er ist Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und überhaupt eine im Kulturleben der Weimarer Republik sehr präsente Persönlichkeit. Auch als solche gerät er selbstredend dann schnell ins Visier der Nationalsozialisten, die ihn gleich nach der Machtergreifung aus seinem Lehramt entlassen. 1937 sind seine Werke auch in der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“ vertreten. Im gleichen Jahr werden 311 seiner Werke aus den deutschen Museen entfernt, was natürlich auch zeigt, wie gut er in öffentlichen Sammlungen bereits vertreten war.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird seine Rolle eher noch wichtiger. 1945 wird er Direktor der wiedereröffneten Berliner Kunsthochschule und 1950 Erster Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes. Er wird zum Hauptakteur in der damals in der jungen Bundesrepublik leidenschaftlich geführten Debatte um den richtigen Weg der Kunst. Unter den Künstlern ist Karl Hofer, der im Unterschied zu vielen Zeitgenossen an einer figürlichen Bildsprache festhält, der einflussreichste Wortführer der Gegner der abstrakten Kunst. Auf der anderen Seite steht als wichtigster Künstler der Stuttgarter Willi Baumeister, der mit seinem Buch „Das Unbekannte in der Kunst“ auch die Programmschrift der Abstraktion geliefert hatte. Bis Ende der 1950er-Jahre sollte sich schließlich die damals viel beschworene „Weltsprache der Abstraktion“ als der gewissermaßen offizielle Stil der Bonner Republik durchsetzen, ganz im Sinn der angestrebten Westorientierung der jungen deutschen Demokratie.

Karl Hofer, „Mädchen mit Blumen“, aus der Sammlung Arthouse. Foto: Sophia Kesting

Dass Karl Hofer heute beim Publikum weniger populär ist als andere aus seiner Generation, also etwa Paul Klee oder die Expressionisten der Künstlergruppe „Brücke“, hat wahrscheinlich mit der ganz eigenen Wesensart seines Schaffens zu tun. Sein Werk, in dem einige wenige Themen über Jahrzehnte immer wieder variiert werden, hat nichts Spektakuläres, weder was Motive, noch Malweise oder Kolorit angeht. Seine Figuren wirken oft wie aus der Zeit gefallen, still und in sich gekehrt, ja melancholisch.

Aber erst einmal ein Blick zurück. Karl Hofers Kindheit war schwierig. Zeitweise lebte er in einem Waisenhaus. Er studierte Malerei an den Akademien in Karlsruhe und Stuttgart. Ein Wendepunkt in seinem Leben tritt ein, als er 1901 den Schweizer Großkaufmann und Mäzen Theodor Reinhart kennenlernt, der ihn über Jahre fördern und finanziell unterstützen wird. So ermöglicht dieser Hofer mit seiner kleinen Familie Aufenthalte in Rom und in Paris sowie später noch zwei Reisen nach Indien. Dies alles sind für den jungen Maler wichtige Stationen auf dem Weg der künstlerischen Selbstfindung, bevor er sich dann 1913 in Berlin niederlässt.

Die ersten Kapitel der Ausstellung zeigen Karl Hofer auf der Suche nach einem eigenen Stil. Wichtig werden die Aufenthalte in Indien. Auf der Suche nach natürlichen, unverfälschten Lebensformen treibt es in dieser Zeit viele Künstler in die Ferne. Emil Nolde oder Max Pechstein reisen zum Beispiel in die Südsee. Auch Hofer ist fasziniert von der Natürlichkeit und gelassenen Sinnlichkeit der schlanken jungen Männer und Frauen, die ihm dort Modell stehen. Damit hat er auch zwei seiner typischen Themen gefunden: still in sich versunkene Mädchenfiguren und spielerische Gruppen junger Männer.

Karl Hofer, „Böse Nacht“, 1947, aus der Kunstsammlung des Landkreises Ravensburg. Foto: Karin Volz

Die Sehnsucht nach dem Süden und dem zwangloseren Leben dort führt Karl Hofer schließlich ins Tessin. In den 1920er- und 30er-Jahren verbringt er dort seine Sommer, kann letztendlich sogar ein Haus am Luganer See erwerben. Es entstehen lichtdurchflutete Landschaftsgemälde. Menschen fehlen. Ihr Wirken ist nur in den Wegen und Bauten spürbar. Aber Karl Hofers Bildwelt ist keine durchweg sonnige und heile. Seine Einzelfiguren wirken oft nachdenklich und selbst dort, wo Gruppen zusammenfinden, geht es nie sehr lebhaft zu. Überall ist eine Skepsis zu spüren gegen alles Lärmende, das wir gerade mit den zwanziger Jahren gerne in Verbindung bringen. Auch für die politischen Umwälzungen, die am Horizont heraufziehen, zeigt Hofer ein feines Gespür. In Zeitungsartikeln wie „Faschismus, die dunkle Reaktion!“ von 1931 bezieht er deutlich Stellung. Mit seinem düsteren Großformat „Kassandra“ erhebt er auch in seiner Malerei seine Stimme. Das Bildnis der Seherin aus der griechischen Mythologie, deren Warnungen ungehört bleiben, ist 1936 eine deutliche Mahnung. Letztlich legen sich die Schatten auch auf Hofers Weg. Die Entlassung aus dem Lehramt, die Diffamierung als „entartet“, die Zerstörung von Atelier und Wohnung bei einem Luftangriff und schließlich der Untergang Berlins – das alles trifft den Künstler tief. 

Es ist ein Verdienst der Ausstellung und des Kataloges, dass sie auch Zwiespältiges aus Hofers Biografie ansprechen. Vor allem der Umgang mit seiner jüdischen Frau irritiert. Das Ehepaar lebt schon lange getrennt und der Künstler will sich schon länger scheiden lassen. 1938 willigt Mathilde Hofer in die Scheidung ein. Dem Künstler ermöglicht das die – für seine Arbeit wichtige – Rückkehr in die Reichskammer der bildenden Künste, aus der er wegen seiner Ehe mit einer Jüdin ausgeschlossen wurde. Sie verliert durch die Scheidung allerdings den Schutz der „privilegierten Mischehe“, wird schließlich 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Die dritte Ebene der Ausstellung auf Schloss Achberg ist der Rolle Karl Hofers im geteilten Deutschland gewidmet. In der Bundesrepublik dominiert in den Nachkriegsjahrzehnten die abstrakte Malerei, auch zum Beispiel in den ersten Documenta-Ausstellungen. Für die Auseinandersetzungen um die ungegenständliche Kunst im Westen steht in der Schau die Gegenüberstellung der Gemälde Hofers mit ausgewählten Werken Willi Baumeisters. Karl Hofer stirbt am 3. April 1955 in Berlin.

Wer Lust auf hochkarätige Malerei der Klassischen Moderne hat, sollte den Weg nach Schloss Achberg bei Wangen nicht scheuen. Und dass die Ausstellung auch heiklen Fragen nicht ausweicht – umso besser.

„Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit“
bis 18. Oktober 2026, Schloss Achberg

Öffnungszeiten:  
Freitag 14 bis 18 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag 11 bis 18 Uhr
Zur Ausstellung ist ein fundiertes Katalogbuch zum Preis von 32 Euro erschienen.
Schloss Achberg bietet auch zu dieser Ausstellung wieder ein breites Begleitprogramm an.
Informationen dazu unter: www.schloss-achberg.de

Autor: Herbert Eichhorn


erschienen in Mai 2026

NEUESTE BLIX-BEITRÄGE

Karl Hofers Menschenbilder

Schloss Achberg – Alle Jahre wieder, kurz vor oder kurz nach Ostern, ist es so weit: In Schloss Achberg eröffnet eine neue Ausstellung, entweder mit Kunst der Gegenwart oder mit Klassischer Moderne. Diesmal geht es mit Karl Hofer um einen der ganz Großen der deutschen Malerei des 20. Jahrhunderts.
Mai 2026
Zankapfel Biber
ANZEIGEN
Mai 2026
Zankapfel Biber
Diese Anzeige kann aufgrund Ihrer Netzwerkeinstellungen nicht angezeigt werden.