
Oggelshausen – Oberschwaben ist reich an Geschichte und Kultur und somit auch die ideale Bühne für das „Große Sommerinterview“ mit dem Wetterexperten Roland Roth aus Bad Schussenried. Es ist jährliches Ritual, bei dem der Wettermann weit mehr zu sagen weiß, als nur auf die Frage zu antworten: „Wie wird das Wetter, Herr Roth?“ Es ist freilich eine wichtige Frage zu unserem Titelthema „Urlaub dahoim“! Die Antwort will verdient sein, denn der Mann für den Himmel weiß auch um die Tücken des irdischen Fußballs und hat nach einer vermasselten Weltmeisterschaft einiges dazu zu sagen und viel darüber zu schimpfen. Aber Fußball als leidenschaftlicher Zeitvertreib ist das eine, Roths pure Leidenschaft gilt dem Spiel des Himmels, Wetter genannt, dessen Geschehen vom Klima abhängt. Und deshalb war sein Vorschlag, den Spuren der Rentierjäger zu folgen, die vor rund 13.000 Jahren an der Schussenquelle, nicht weit vom Federsee entfernt, jagten und kampierten und ebenfalls einem Klimawandel ausgesetzt waren. Man darf gespannt sein.
Herr Roth, es sind heiße Zeiten, sowohl was das Wetter als auch was den Fußball anbelangt. Bei beiden sind Sie Experte. Was lief schief bei den Nagelsmännern?
Wir sind die wahren Weltmeister! Zumindest im Schön- und Kleinreden, im billigen Mainstream-Gelaber. Bundeskanzler Merz unmittelbar nach der Niederlage gegen Paraguay: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Okay, das war ‘ne Kommunikationspanne. Soll ja in der Politik gelegentlich vorkommen. Auch sonst konnte man hören oder über Leserbriefe wahrnehmen, wie sehr manche Leute vom Einsatzwillen und der Mentalität der deutschen Fußballmannschaft angetan waren. Welch ein erbärmlicher Realitätsverlust. Nach dem Auftaktkantersieg gegen Curacao wurden wir schon von vielen als Weltmeisterkandidat gehandelt. Doch schon das Spiel gegen Ecuador hat die Grenzen dieses ‚Starensembles‘ aufgezeigt. Wenn Kimmich vor einem Eckball oder Freistoß stets die Hand hebt, um zu signalisieren, he Jungs, gleich kommt ein Ball geflogen, dann hat das vielleicht kabarettistische Züge und lässt den Gegner schmunzeln, aber sicher nicht vor Ehrfurcht erstarren.
Ich habe mich ohnehin mit Grauen von dieser Infantino-Trump-versifften WM-Show abgewendet. Nicht aus Frust über das Ausscheiden der Deutschen, es hat mich einfach nicht interessiert. Das alles hatte mit Fußball nur noch wenig zu tun. Kommerz in bislang nicht gekanntem Ausmaß und ohne jegliche Scham zur Schau gestellt. Man verkauft uns Werbeeinspielungen als Trinkpausen für die geschundenen Fußballer, die nach 20 Minuten dringend mal durchatmen müssen, selbst bei frischen 18 Grad (da liegen die Handballer vor Lachen auf dem Boden). Und wir nicken dies mit Schulterzucken alles ab und schalten ein.
Nun soll es Kloppo richten. Was halten Sie davon?
Ob der, eine aus dem Ei gepellte allzeit präsente Werbefigur, das richten kann, weiß ich nicht. Aber auch egal. Das Problem liegt in der Tiefe, im Breitensport, ein Spiegelbild unserer Gesellschaft. Bundesjugendspiele ohne Wettbewerbsanreiz, bitte nicht auf Tore schießen, das könnte die zarte Seele eines Kindes verletzen. Fragt die Trainer an der Basis in sämtlichen Sportarten, die Betriebe und deren Ausbilder. Ein Landmaschinenmechaniker hat mir jüngst erzählt, dass zu einem Einstellungsgespräch die Mutter mitgekommen sei und ihm deutlich zu verstehen gab: ‚Sie schauen schon darauf, dass mein Junge nicht so viel und hart arbeiten muss!‘. Die deutsche Fußballmannschaft war eine Ansammlung von Ich-AGs und Ego-Shootern. Die Prämiendiskussion, das eigene Wohlbefinden und das der mitgereisten Entourage war wichtiger als der Siegeswille, als Einsatzkraft und Gemeinschaftsgefühl, als Ausstrahlung und Führungsqualität, als Eigenverantwortlichkeit, Widerstandkraft und Resilienz, welche Mannschaften wie Norwegen oder Argentinien ausgezeichnet haben. Und ganz besonders Sportarten wie die Nordische Kombination, für mich noch a Muggaseggele faszinierender als ‚meine‘ Eintracht aus Frankfurt. Sportler wie Eric Frenzel, Nathalie Armbruster, Johannes Ridzek und Vinz Geiger oder all die anderen geerdeten Kombinierer haben über Jahrzehnte hinweg immer wieder aufs Neue meine Sportbegeisterung geweckt. Doch diese Sportart, Königsdisziplin der Winterolympiade und von Anfang an dabei, wurde aus dem Programm genommen, larmoyant verkündet von Kirsty Coventry, der äußerst umstrittenen, aufgebrezelten Präsidentin des Olympischen Komitees. Man sieht, auch hier geht es ausschließlich um Vermarktung, um Kommerz bis zum Abwinken.
Aber dass Spanien Weltmeister geworden ist, oifach schee! Angeschaut habe ich mir das Endspiel allerdings nicht.

In vier Jahren wissen wir mehr. Dann rollt der WM-Ball in Marokko, Spanien und Portugal. Quasi vor unserer Haustüre und sicher auch wieder mit Trinkpausen, wegen der Hitze. Womit wir beim Wetter wären. Was lässt sich zu dem diesjährigen ‚Sommermärchen‘ sagen? Ziehen Sie eine vorläufige Bilanz.
Meteorologisch gesehen befinden wir uns im letzten Drittel des Sommers. Und ein Blick auf die ersten zwei Monate seiner Regentschaft zeigt, dass er bis dato ausgesprochen energiegeladen und heiß und abseits der kräftigen Gewittergüsse markant zu trocken war. An der Wetterzentrale in Bad Schussenried wurden 22 Hitzetage gezählt. Nimmt man den Mai hinzu, kletterten die Temperaturen bereits 28 Mal über die 30-Grad-Marke! In der dreißigjährigen Referenzperiode 1961 bis 1970 waren es derer lediglich 2,4 Tage im Sommerhalbjahr, stieg dann in den 80er Jahren auf 8,7 Tage und im bereits deutlich vom Klimawandel geprägten Zeitraum 1991 bis 2020 auf 11,8 Tage. In den letzten Wochen wurden sogar mehrfach Spitzenwerte über 35 Grad verzeichnet. Für solche Tage haben die Meteorologen noch keine Begrifflichkeit. Vorschlag: ‚bollahoiße Däg‘.
Aktuell liegt dieser Sommer auf Rekordkurs. Ob er den ‚Jahrhundertsommer 2003‘ in den Schatten stellen wird, hängt letztendlich vom August ab, der damals extrem heiß war. Die Folgen und Auswirkungen dieser Hitzewellen und der vielerorts ausgeprägten, seit Monaten anhaltenden Trockenheit waren und sind allgegenwärtig, oft augenscheinlich und einschränkend. Die persönliche als auch die öffentliche Mobilität (Straßen- und Bahnverkehr) kamen an ihre Grenzen, zahlreiche Veranstaltungen mussten abgesagt und Wasserentnahmeverbote aus Flüssen, Bächen und Seen verhängt werden. Dazu eine enorme Hitzebelastung, hohe UV- und Ozonwerte, schmelzende Gletscher, erhöhte Waldbrandgefahr und manches mehr. Der Bodensee liegt seit Wochen unter den tiefsten jemals im Sommer gemessenen Pegelständen. Dabei müsste er Ende Juni-Anfang Juli durch die Schneeschmelze in den Alpen eigentlich einen Höchststand aufweisen. Und es ist nur eine Frage der Zeit, bis der Schneeferner auf dem Zugspitzplatt, einer der letzten vier Gletscher Deutschlands für tot erklärt werden wird. Das Eis liegt ohne schützende Schneedecke blank der intensiven Sonneneinstrahlung ausgesetzt. Na ja, wen juckt’s!?

Nahezu 40 Grad ist echt ne Nummer. Worauf müssen wir uns einstellen?
Bei Hitzewellen mit teils deutlich über 30 Grad sterben tagtäglich mehr Menschen an derartigen Wetterbedingungen als im Straßenverkehr. Im Jahrhundertsommer 2003 gab es allein der Rheinschiene entlang, also in Ostfrankreich, Westdeutschland und den Benelux-Staaten, über 50.000 hitzebedingte Todesopfer zu beklagen. Man stelle sich vor, eine ähnliche Anzahl an Verkehrstoten wäre zu vermelden. Der Aufschrei und die (mediale) Aufmerksamkeit wären enorm. Beim Klimawandel und dessen Folgen erlebt man allenfalls ein überraschtes Achselzucken. Wenn wir eine nur annähernd so große Besorgnis, Anteilnahme und Einsatzbereitschaft für den Klimaschutz aufbringen würden wie vor einiger Zeit für ‚Timmy‘, einem völlig entkräfteten, totkranken Buckelwal, wäre schon vieles gewonnen. Die Brisanz der Klimaveränderungen kann man wohl am besten über Tierleid vermitteln, beispielsweise Eisbären auf schmelzenden Eisschollen. Dass der Klimawandel viel menschliches Leid, Tod und Flucht mit sich bringt, lässt uns kalt.
Wie viel Klimakrise steckt in dem Wetter?
Eine sehr gute Frage, die mir so noch nie gestellt wurde. Wetter beschreibt den aktuellen Zustand der Parameter Temperatur, Feuchte, Wind, Niederschlag, Sonneneinstrahlung, Bewölkung, Verteilung von Hochdruckgebieten und Tiefs und vieles andere mehr. Witterung den Wetterverlauf über Tage oder Wochen hinweg, und das Klima gibt die statistische Erfassung und Auswertung über einen Zeitraum von mindestens 30 Jahren wieder. An der Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass sich eine einigermaßen verlässliche Vorhersage für drei bis fünf/sechs Tagen erstellen lässt, ein vager Trend – je nach Wetterlage – für sieben, allenfalls zehn/zwölf Tage. Alles darüber hinaus ist Glaskugelprognostik auf dem Niveau eines Dominik Jung, der mit reißerischen, sensationsheischenden Wettermeldungen seine Klicks generiert. Wetterberichterstattung verkommt immer mehr zur billigen Verkaufsware.
Grundlage der Prognosen sind Wettermodelle. Dabei kommt es ähnlich wie beim Bäcker oder bei Konditoren darauf an, was der Einzelne aus den allen zur Verfügung stehenden Zutaten/Grundlagen macht. Meine Vorhersagen beruhen zu etwa 75 Prozent aus dem Input der Modellläufe, zu 20 Prozent aus meiner jahrzehntelangen Erfahrung und die letzten fünf Prozent sind dem Glück geschuldet. ‚Petrus, vielleicht Föhn oder nicht, was meinst du?‘ Rückmeldung? Pustekuchen!
Fakt ist, dass durch die enorme Energie, welche in den letzten Jahrzehnten in die Klimaküche gepumpt wurde, Wettermodelle und die davon abhängigen Prognostiker immer öfters mal an ihre Grenzen kommen. Die wissenschaftlichen, kommunikationstechnischen und synoptischen, also vergleichenden Grundlagen sind heutzutage weitaus präsenter als vor zwanzig/dreißig Jahren, doch mehr denn je lehrt uns der Klimawandel verunsicherte Demut. Ich gehe beinahe jede Nacht ins Bett und hoffe, dass sich der da oben an meine Vorhersage hält. Wetter ist tagtäglich gelebte Anarchie und für uns Fachleute der hin und wieder auch vergebliche Versuch, etwas Unberechenbares vorhersagbar zu machen.
Die Rentierjäger, die vor rund 12.500 bis 13.000 Jahren rund um die Schussenquelle und den Federsee gejagt haben, waren bestens angepasst an die damaligen klimatischen Verhältnisse, die sich aber auch änderten. Was geschah damals und welche Schlüsse lassen sich daraus für die heutige Situation ziehen? Welche Rolle spielt die Geschwindigkeit, mit der der Klimawandel voranschreitet?
Vor 12.000 Jahren, erdgeschichtlich betrachtet also gestern, als die Rentierjäger an der Schussenquelle auf den zurückweichenden Gletscher schauten und der Pfänder als Nunatak, als einzelner Berggipfel, aus dem riesigen Eismeer ragte, Friedrichshafen (gab es natürlich noch nicht) lag unter 500 Meter Eis, damals war es gerade mal vier bis fünf Grad kälter als 1980. Die Erdtemperatur hat sich in den letzten 100 Jahren um 1,3 Grad erhöht und seit 2023 sogar um 1,5 Grad, das im Pariser Klimaabkommen von den Politikern 2015 als Höchstmarke festgeschriebene Ziel. Doch der Klimawandel hält sich nicht an die politisch festgezurrten Marken und ist schneller als jede Planung. Man müsste halt auch konsequent handeln und entsprechende Rahmenbedingungen schaffen. In Europa stieg die Temperatur in diesem Zeitraum (letzten 100 Jahre) um zwei Grad und im ‚Hotspot‘ der Erwärmung, im Süden Deutschlands, um zweieinhalb Grad, wohlgemerkt in knapp 50 Jahren (seit 1980). Dazu benötigte die ‚Natur‘ in der Nacheiszeit Tausende von Jahren. Wir müssen uns dem Klimawandel anpassen, stoppen lässt er sich nicht mehr!

Sie sind als Wetterexperte viel gefragt, Ihre Vorträge übers Wetter und Klima sind ein ‚Dauerbrenner‘. Welche Resonanz erhalten Sie, wenn Sie über die Klimakrise und ihre Folgen sprechen?
Die Leute, welche seit 1978 zu meinen Klimavorträgen kommen, sind größtenteils schon recht gut informiert, an Fakten interessiert, klimafreundlich und vor allem bewusst und mit wachen Augen unterwegs. Die wissen, dass klimafreundliches Tun ein Gewinn für die eigene Lebensqualität ist. Ganz anders die Leute die dumpf in ihrer Hütte hocken, desinteressiert und gleichgültig, ahnungslos und unwissend. Es gibt definitiv immer mehr Menschen, welche den Klimawandel leugnen. Die erlebe ich aber nicht oder nur sehr selten bei den Vorträgen, sondern über die (a)sozialen Medien. Da schießen sie aus der Deckung und laden ihren Verbalschrott ab. Man muss den Schwurblern unablässig und energisch entgegentreten und klare Kante zeigen. Wie weich in der Birne muss man sein, um die Fakten nicht nur nicht wahrzunehmen, sondern diese sogar noch zu leugnen. Trump lässt grüßen!
Herr Roth, die alljährliche Frage zum Schluss: Wie wird das Wetter die nächsten sechs Wochen? Taugt es für ‚Urlaub dahoim‘?
Geht es nach der Siebenschläfertagsregel, dann müsste der August einige richtig heiße Tage bringen, denn ‚so wie das Wetter an diesem Tag, es sieben Wochen lang bleiben mag‘, lautet eine der bekanntesten wetterkundlichen Volksweisheiten. Denn am 27. Juni wurden deutschlandweit verbreitet neue Allzeitrekorde gemessen. An der Zentrale der Wetterwarte Süd wurde der bisherige Höchstwert vom 27. Juli 1983 (38,2°C) noch um ein halbes Grad überboten und in Neißemünde (Brandenburg) am Tag danach mit 41,7 Grad ein neuer Deutschlandrekord verzeichnet. Doch zum einen gibt es niemals sieben Wochen lang das gleiche Wetter und zum anderen ist nicht dieser eine Tag entscheidend, sondern der Zeitraum zwischen dem 25. Juni und dem 10 Juli. Fakt ist: Nichts Genaues weiß man nicht und abends ist (höchstwahrscheinlich) mit zunehmender Dunkelheit zu rechnen. Wir werden sehen!
Autor: Roland Reck
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„Bollahoiße Däg“






