Arnach – 90 Jahre ist Matthias Grad inzwischen und immer noch vital, am Gemeindeleben teilnehmend, im Familienbetrieb mithelfend. „D’r Gärtner“, wie er in Arnach über Jahrzehnte kurz genannt wurde, schaut auf ein Leben voller Fleiß und mit viel Unternehmergeist zurück. Zusammen mit seiner 2012 verstorbenen Frau Annemarie hat er die vom Vater gegründete Gärtnerei ausgebaut und nach erfolgreichem Schaffen an die Söhne Matthias jun. und Hubert übergeben. Bei aller Arbeitsamkeit und dem steten Bemühen um das Wachsen und Gedeihen des Betriebes hat Matthias Grad es nicht versäumt, sich in der Allgemeinheit einzubringen. Er war Stadtrat und Ortschaftsrat, hat bei der Feuerwehr mitgemacht und er hat Theater gespielt. Gerne und unglaublich detailliert erzählt er von früher. Wir haben ihm stundenlang zugehört und vor unserem Auge erstand ein lebendiges Bild von Alt-Arnach, vom Dorf, wie es früher war.

1928 gründeten Heinrich und Genovefa Grad ihre Gärtnerei. Unser Bild zeigt das Gärtnerhaus, gemalt von Gottesberg-Pater Marquart (vor 1945). Links vom Gärtnerhaus sieht man den Hof Alois Müller („Dirrabauer“) und dahinter die mächtige Linde. Rechts im Hintergrund der Hof Hasenmaile (damals Gmünder). Davor das Häuschen von Alfons und Kreszentia Menig.
Heinrich Grad, der Vater unseres Zeitzeugen, geboren 1896, war auf dem Gassebner-Höfle in Arnach daheim. Die „Hoimet“ überließ er seiner Schwester; ein Schönenberger aus Übendorf heiratete her. Johanna, die Schönenberger-Tochter, ehelichte später den Alois Gassebner aus Seibranz, den die Arnacher vor wenigen Wochen zu Grabe getragen haben. Der zweimal verwitwete Alois hat das Sächle an der Straße nach Leutkirch lange noch betrieben, fast bis in unsere Tage.
Heinrich, der eigentliche Hofanwärter, war einen anderen Weg gegangen. Beim Scheerer in Waldsee lernte er Pomologe, wurde Fachmann für Obstbau. Damals hatte jeder Hof eine Obstanlage. Most, auch mit Wasser verdünnt, war das Standardgetränk und jede Hausfrau verstand sich aufs Einwecken und Dörren. Nicht lange konnte Heinrich in den vielen Obstgärten rund um Arnach nach dem Rechten sehen; 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges, war er 18 und somit bei den Ersten, die eingezogen wurden. Ein Durchschuss im linken Bein war letztlich sein Glück; Heinrich überlebte den Krieg, hatte aber ein um 4 Zentimeter verkürztes Bein und musste zeitlebens einen orthopädischen Schuh tragen.
1928
Nach dem Krieg arbeitete er unter anderem beim erstmaligen Teeren der Straße Arnach – Eintürnen. Aber der Obstfachmann und Baumwart hatte einen Traum: die eigene Gärtnerei. 1928 war es soweit. Von der „Hoimet“ bekam er ein Grundstück, deutlich außerhalb von Arnach am Weg Richtung Hünlishofen gelegen. „‘s letscht Haus domols war de Dirrabauer ond de Hof vo Blanks neba d‘r Villa“, beschreibt Matthias Grad die Gebäudesituation im Arnach der 1920er-Jahre.
Der „Dirrabauer“ – das war der Hof von Alois und Markus Müller (heute Schöllhorn); das mächtige Stallgebäude von Blanks auf der Straßenseite gegenüber ist nicht mehr vorhanden, wohl aber die Villa (am alten Sportplatz). Das Lagerhaus an der heutigen Ratperoniusstraße war noch nicht da und nicht im Entferntesten dachte man an eine Siedlung wie das in den 1970ern entstandene Quartier „Arnach Süd“.
Der Strom kam erst 1942
Das allein draußen in der Flur stehende Gärtnerhaus hatte keinen Wasser- und keinen Strom-Anschluss. Man bohrte einen Brunnen und Matthias Grad kann sich noch genau an den „Golker“ (Handpumpe) in der Waschküche im Keller und in der Küche erinnern. Der Stromanschluss kam erst 1942. Bis dahin hatte man Karbid-Licht im Gärtner-Haus. Matthias Grad hat noch die dünnen Rohrleitungen vor Augen, durch die das im Keller über eine Reaktion von Calciumcarbid und Wasser erzeugte Gas strömte.
1928 heiratete Heinrich Grad. Seine Braut Genovefa Netzer (geb. 1900) stammte aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Das Netzer-Höfle lag ebenfalls am Hünlishofer Weg, ein Stück weiter draußen. In der Silvesternacht 1926 war das Anwesen abgebrannt. Leichtsinnige Burschen hatten am Fünf-Mädel-Haus der Netzers ein Feuerwerk gezündet. Einer der „Kracher“ hatte wohl den Weg in den Heustock gefunden. Der Hof wurde nicht an Ort und Stelle wieder aufgebaut, sondern im Dorf errichtete man ein Ersatzanwesen, mit Tennentor zwar, aber nicht mehr als Landwirtschaft betrieben. Josef Netzer, Heinrichs Schwager, eröffnete dort ein Friseurgeschäft. Aus der nicht mehr betriebenen Netzer-Landwirtschaft fiel Heinrich und Genovefa später ein passendes Grundstück zu, ideal zur Erweiterung der Gärtnerei.
Genovefa war zur Zeit des Brandunglücks in der Schweiz in Stellung. Bei einem Professor arbeitete sie als Köchin. Sieben Jahre tat sie dort Dienst.
„A Spitzafloisch“
Schweine und Hühner hatte die Gärtnerfamilie nicht. Aber Schlachthasen, Schwarzloh und Blaue Wiener. Im zweiten Krieg hielt Heinrich stets etwa 100 Hasen, für die er einen kleinen Heustock im Schopf nebenan vorhielt. Wenn er schlachtete, mussten 10 bis 15 der Langohren dranglauben. Vorder- und Hinterläufe wurden eingeweckt. „A Spitzafloisch“ sei das gewesen, erinnert sich Matthias Grad, besonders das von den kleineren Lohkaninchen. 1945, als die Franzosen kamen, vergruben Grads Gläser mit dem Hasenfleisch. Notvorrat über den Umsturz.
Zum Trocknen der Hasenfelle baute Heinrich Grad Holzrahmen, auf die die Felle aufgespannt wurden. Vom Pelz machte man Muffe (Handwärmer) für die Schwestern von Matthias.
Fleisch bekam man ansonsten aus Notschlachtungen, ausgerufen vom Amtsboten Lerch. Oder es ging eine „Floischsagere“ herum. Nicht von allen nahm man gerne, mancher „Klammhoka“ gab nur Knochen.
Milch holte die bald sechsköpfige Gärtnerfamilie – der 1935 geborene Matthias hatte zwei Schwestern und einen Bruder – in der Arnacher Käserei. Als es 1947 – nach den kargen Margarine-Jahren zuvor – eine Butterzuteilung gab, bekamen die Kinder Bauchweh, so entwöhnt waren sie (damals zwischen acht und 15 Jahre alt).
Gemüse, klar, das hatten Grads im Überfluss. Auch Obst, wobei das nur für den Eigenbedarf erzeugt wurde. Matthias Grad, der Mann mit dem fotografischen Gedächtnis, weiß noch, wo welches Spalierobst am Gärtnerhaus hochrankte. „Auf d’r Südseita waret Birna, im Norda Sauerkirscha, auf de and‘ra Seita Epfel. Und übr‘m Eigang isch wilder Wei gwachsa.“ Der wurde aber nicht gekeltert. Die Kirschen wurden eingedünstet. In der Baindt auf der Arnach zugewandten Seite standen Obstbäume.
Matthias erinnert sich auch an das Ährenlesen. In den 1940er-Jahren und noch lange danach wurde um Arnach auch viel Getreide angebaut. Nach dem Abernten durch die Bauern durften die Kinder nachlesen. Der durchaus beachtliche Korn-Ertrag wurde dann zu Müller Abele in Gensen oder Müller Feirle in Truschwende gebracht.
Der überstrenge Lehrer
1942 wurde Matthias eingeschult. Natürlich erinnert er sich an den überstrengen Lehrer Döser. Der war als NS-Gegner aufs Dorf strafversetzt. Und das ließ er die Kinder spüren. Döser hatte drei Stecken, um die Schüler zu züchtigen: „Zwieback“, „Samt“ und „Zunder“ hießen die pädagogischen „Instrumente“. Und sie wurden eingesetzt. Matthias erinnert sich an eine Fragestellung in Raumlehre. Es ging um das gleichschenklige Dreieck. Und keiner wusste Bescheid. Da gab es für jeden vier „Tatzen“ und sogar „Hosenspanner“.
Im Krieg war Kohle so knapp, dass es sogar Kohleferien gab. Oder man saß mit dem Mantel in der kalten Schulstube.
Mit zehn Jahren wurde Matthias Hütebub beim „Dirrabauer“ (Alois Müller). Tagsüber schaffte er auf dem Hof mit, vor allem in den Ferien, beaufsichtigte die Kuhherde, half bei der Heuernte, band Garben. Vier oder fünf Sommer. Das Mittagessen bekam er bei Müllers, geschlafen hat er zu Hause. An viele Details kann sich Matthias erinnern, so an den Aufsitzmäher, dem ein Pferd vorgespannt war.
Auch weiß er von den Zwangsarbeitern, die im Krieg ihre Unterkunft im Oberstock des „Adler“-Rossstalles hatten (heute Dorfmarkt). So manch einer der gegen seinen Willen in Arnach arbeitenden Fremden, aus Frankreich, Polen, Rußland und anderen besetzten Ländern verschleppt, machte sichtlich Dienst nach Vorschrift. Er habe gesehen, wie sie bei Dienstschluss mit dem Glockenschlag die Gabel wegwarfen – auch wenn der Heu- oder Garbenwagen noch nicht voll beladen war. Man kann es ihnen wohl nicht verdenken, äußert der 90-Jährige Verständnis, auch wenn es damals schon „widerwillig“ ausgesehen habe.
Annemarie

Annemarie Grad, damals noch Klöckler (um 1960).
Ein zielstrebiger junger Gärtner mit eigenem Betrieb braucht eine Frau, die das Bücken und Pflücken nicht scheut. Matthias kannte seine Annemarie bereits aus der Schulzeit. Die Bauerntochter vom Klöckler-Hof in Geboldingen war eine Fleißige, ging als junges Mädchen in den Wald zum Bäume-Pflanzen und Unkraut-Wegsicheln. „Boscha-Mädla“ hieß man solche Waldarbeiterinnen, die bei Wald-Capo Johann Netzer „a netts Geldle“ verdienten. Es sei hart verdientes Geld gewesen, denn der Capo war streng. Ja, schaffig war sie und obendrein eine hübsche; beiden war bald klar: Das passt.

Annemarie als junge Gärtnersfrau.
Als Matthias einmal bei seiner Annemarie in Geboldingen war, klopfte es am Haus. Xare Miller, der Nachbar, stand vor der Tür: „Du, Mattheis, Du muasch mir helfa. I komm it ins Haus nei. D‘ Tür goht it auf.“
Mit vereinten Kräften schob man Millers Haustür auf und erkannte den Grund der Blockade: Es war Millers Knecht, der im Hausgang seinen Rausch ausschlief – genau hinter der Türe.
Johann, der Knecht, schaffte sicher sein Teil und das machte eben durstig und die Wirtschaft in Brugg war nicht weit. Manchmal stichelten die Geboldinger Burschen: „Johann, woisch Du scho, worum de Brugg-Wirt a so a groß‘ Auto hot? ‘s isch Dei Geld.“
Seiner Lebtag schaffte Johann bei Millers redlich und die Dienstherrschaft dankte es ihm mit einem schönen Austrag auf dem Hof. Sie zahlte dem Johann Pflug einen achtbaren Grabstein und als die Ruhezeit abzulaufen drohte, wurde diese verlängert. Zweimal!

Brugg-Wirt Simon Ringer (1901 – 1965) mit dem Opel Rekord der Wirtschaft. Er selber hatte keinen Pkw-Führerschein. Gefahren ist zunächst Wirtstochter Luise; sie war Jahrgang 1936. Der Opel wurde also frühestens 1954 gekauft. Luise heiratete später den Schmiedemeister Richard Gregg in Arnach und betrieb mit ihm die Arnacher Tankstelle. Sie starb 2014.
Vier Buben in vier Jahren
Zurück zu Matthias und Annemarie: 1962 war Hochzeit. Doch zuvor baute man das Gärtnerhaus um, stockte auf und erweiterte. Binnen vier Jahren kamen vier Buben und es wohnten drei Generationen unter einem Dach. „D‘r Haushalt, d‘ Gärtnerei, vier Buaba innerhalb vo vier Johr – do wär so manche v’rdloffa.“ Sehr dankbar und oft denkt Matthias an seine 2012 verstorbene Annemarie.
1998 übergaben Matthias und Annemarie Grad an die nächste Generation.

Heinrich mit seinen vier Arnacher Enkeln (Matthias, geboren 1963; Hubert, geb. 1964; Wolfgang, geb. 1965; Manfred, geboren Anfang Januar 1967).

Matthias mit Enkel Gabriel (geb. 2007).
29 Jahre Kommunalpolitik
Allerseelen 2025. Matthias Grad steht am Grab von Karl Faßnacht, dem einstigen Ziegelwerkschef. „Denksch an de Stoiner-Karle“, fragt der Schreiber dieser Zeilen den alten Gärtner nach einer gewissen Wartezeit. „Jo, neba emm ben i domals z‘ Wuuza ghocket.“ Das war ab 1972, nach der Eingemeindung Arnachs nach Bad Wurzach. Damals hatte es für den vergrößerten Stadtrat nicht eigens eine Gemeinderatsneuwahl gegeben, sondern Arnach delegierte drei Stadträte. Es waren dies eben Karl Faßnacht und Matthias Grad sowie Alfred Schwarz, Landwirtschaftsmeister aus Geboldingen und Kommandant der Arnacher Feuerwehr. Man sei seinerzeit im Bad Wurzacher Stadtrat nicht nach Fraktionen gesessen, sondern nach dem Alphabet. Und da G nach F kommt, saßen Grad und Faßnacht nebeneinander.
Bis 1980 vertrat Matthias Grad Arnach im Stadtrat. Dann kandidierte er nicht mehr, der Aufbau einer Gärtnerei-Filiale in Kißlegg erforderte alle Kraft. Im Arnacher Rat war Matthias Grad 29 Jahre lang Mitglied, von 1965, als Arnach noch selbständig war, bis 1994.
Der Tag, als die Panzer kamen
Matthias Grad, Jahrgang 1935, ist in Arnach einer der letzten Augenzeugen des Einmarsches der Franzosen.
Man schrieb den 28. April 1945. Vom Humberg herab, wie die Zeitzeugen Richard Mennig, geboren 1938, und Xaver Müller (1923 – 2014) berichteten, und von Brugg herauf (Quelle: Hedwig Hierlemann geb. Kling / 1928 – 1994 und Theresia Reischmann geb. Kling / 1926 – 2023, beide in Brugg geboren und aufgewachsen) kamen um die Mittagszeit die Panzer. In Grads „Hoimet“ an der Straße nach Leutkirch war Heinrichs Mutter bettlägrig. Um ihr die Aufregung zu ersparen, verlegte man sie in den Tagen vor dem erwarteten Einmarsch ins Gärtnerhaus draußen am Hünlishofer Weg. „Und denn send dia Panzer it Richtung Post gfahra, sondern zu eis raus und weiter Richtung Übadorf. Dia Loisa hot ma no johrweis gsäa“, sagt Augenzeuge Matthias Grad, damals neun Jahre alt.
Die Vorbeifahrt beobachtete die Gärtnerfamilie am Haussteffel stehend. Vater Heinrich gebot den Kindern, die Hände vorne zu lassen, damit keiner der fremden Soldaten einen falschen Eindruck gewinnen konnte. Nach der Besetzung Arnachs wurden fünf Franzosen und ein Marokkaner im Gärtnerhaus einquartiert. Die Eltern Grad verblieben im Haus, die Kinder zogen zur Netzer-Oma in der Dorfmitte um.
In Netzers nach dem Brand von 1926 neu erbautem Haus (an der heutigen Berngariusstraße; heute steht dort Matthias Grads Haus) wohnte im Oberstock NS-Bürgermeister Karl Schlachter mit Frau und Tochter Anni zur Miete. Um den 18. April 1945 herum verschwand Schlachter, der das Dorf ab 1934 fest im Griff gehabt hatte. Er versteckte sich im Herrgottser Ried. Täglich ging Anni mit dem Essen an „Schwobes“ Hof in Brugg (heute Reischmann) vorbei und brachte dem Abgetauchten das Essen (gesehen und berichtet von Theresia Reischmann). Nach einiger Zeit kehrte Schlachter in seine Wohnung zurück. Bald wurde er von der Besatzungsmacht festgenommen und in einem Lager bei Balingen interniert.
Nach dem Umsturz traten Mutter und Tochter Schlachter, die im Dritten Reich der Kirche den Rücken gekehrt hatten, wieder in die Kirche ein. Im vollbesetzten Arnacher Gotteshaus knieten sie an der Kommunionbank und begannen laut das Glaubensbekenntnis zu beten. „Do hond dia Leit afanga lacha“, berichtet Matthias Grad, der als Ministrant dabei war. Mit einem streng gesprochenen „Alles betet mit“ stellte Pfarrer Ludwig Segmiller den Ernst wieder her.
Geselligkeit
Ein Gärtner hat’s im Winter ruhiger. Auch auf dem Bau ruht meist die Arbeit. Heinrich Grad und Sohn Matthias und Friedrich Heissele und Sohn Erwin, die Gärtner und die benachbarten Zimmerer, trafen sich von Dezember bis Februar jeden Dienstag zum Tarocken. Überhaupt war die Nachbarschaft in der heutigen Ratperoniusstraße, die damals noch keinen Namen trug, sehr gut.
In der Adventszeit pflegte man den religiösen Brauch des Frautragens, zog mit einer Muttergottesfigur von Haus zu Haus, beginnend beim „Wanger“ (Wagner Wirbel, später Vogel). Die Figur wurde nach einer Andacht in einem der Häuser am Weg – so zum Beispiel bei Maurermeister Otto Vogt – gelassen und am nächsten Adventssonntag eine Station weitergetragen. Ziel war das Höfle des Geschwisterpaares Antonie und Franz Müller in Freipürsch, die Jahr für Jahr mit größter Liebe zum Detail eine prächtige Krippe bauten.
Pfarrer Segmiller prüfte den Text
Wie heutzutage wieder stand das Laientheater in den 1950er- und 1960er-Jahren hoch im Kurs. Im Unterschied zu heute wurden allerdings ernste Stücke aufgeführt – nach dem Krieg unter Führung von Konrad und Rosamunde Schmid (Inhaber der Arnacher und der Geboldinger Käserei), später unter der Regie von Josef Schädler, dem Chef der Arnacher Bank. Im Stück „Ben Hur“ spielte Matthias Grad den Messala, Freund und Gegenspieler des Titelhelden. Matthias Grad berichtet von einer Besonderheit im Vorfeld der Stücke-Auswahl, die heutzutage nicht mehr vorstellbar ist: Die Stücke wurden Pfarrer Segmiller zur inhaltlichen Prüfung vorgelegt.
Im Krieg Gemüseanbau
Im Krieg wurde aus Gründen der Ernährungssicherheit Feldgemüse angebaut; hierfür hatte Heinrich Grad von der Pfarrei ein großes Grundstück am Tobelbach Richtung Riedlings angepachtet. Für die vielen Arbeiten in Feld und Garten hatte man Helfer, so auch Anni, die Tochter von NS-Bürgermeister Karl Schlachter. Im Feld wurden vor allem Kraut und Kohl angebaut. Auch Wirsing, rote Beete, Rhabarber und anderes mehr. Im Krieg gab es sogar ein Anbau-Verbot für Blumen.
An die Kriegsgärtnerei hat Matthias Grad noch deutliche Erinnerungen. Für den Gemüseverkauf habe man einen „Kreuzbengel“ am Haus gehabt, um den Andrang der Schlange stehenden Leute zu steuern. Krauthobler Franz Müller von Freipürsch (der später als Mesner Dienst tat) war ein wichtiger Mann in der örtlichen Versorgungswirtschaft. Auch von auswärts kam Kundschaft: Gärtner Hugo Ill aus Wangen habe einmal 40 Zentner Gelbe Rüben geholt.
Im Krieg baute Heinrich Grad auch Tabak an. Für Kunden verkaufte er die Pflanzen, für den Eigenbedarf trocknete er Blätter.
Nach dem Krieg spezialisierte sich Heinrich Grad auf Blumen und Zierpflanzen sowie junge Gemüsepflanzen und Samen zum Verkauf. Genovefa, seine Frau, sagte: „I schaff alles, bloß koi Baumschul.“
1950, mit 15 Jahren, ging Matthias in die Lehre bei Hugo Ill in Wangen. Er wohnte in einem betriebseigenen Zimmer gegenüber dem Fidelisbeck. Der Lehrlingslohn: 6 Mark im Monat, Kost und Logis frei. Der dreijährigen Lehre hängte Matthias noch ein Jahr als Gehilfe an. Vater Heinrich habe darauf Wert gelegt: „Drei Johr hot d’r Hugo d‘ Arbet mit Dir ghett, do goht ma it so schnell.“ Danach ging Matthias für vier Jahre nach Ludwigsburg, wo er unter anderem beim Blühenden Barock schaffte.

Matthias in seiner Zeit bei Gärtner Hugo ILL in Wangen (1950 bis 1954). Der prächtige Rosenkohl war es wert, fotografiert zu werden. Mit dem Transportrad fuhr Matthias auf den Markt, um Waren zu liefern.
Wie in Arnach, so auch in der Fremde: Matthias war ein Mitmacher. In Ludwigsburg schloss er sich einer Volkstanzgruppe an.
Ab 1958 war er wieder daheim. Um 1960 wollte Feuerwehr-Kommandant Erwin Heissele seinen Posten aufgeben und schlug Matthias Grad als Nachfolger vor. Man traf sich im Café Schöllhorn (das letzte Haus Arnachs an der Straße Richtung Leutkirch). Auf dem Klo raunzte einer der Kameraden den 25-jährigen Heimkehrer an: „Des isch fei a großes Fass wert, wemma nui isch ond glei vorna na kommt.“ Matthias aber, der Ausbaupläne bei der Gärtnerei im Kopf hatte, sagte: „I ho gar it derweil.“
Das erste Gewächshaus kam nie an
Es war im Krieg, da bestellte Heinrich Grad bei der Firma Hensler in Stuttgart sein erstes Gewächshaus, 21 Meter lang. Es sollte per Bahn kommen. Der Zug wurde bombardiert. Ersatz wurde geleistet, geliefert noch in der Kriegszeit.
Es war 1957 oder 1958. Heinrich Grad und Julius Hofer, Grads Schwiegersohn, auch er ein Gärtner, fuhren nach Ludwigsburg, um ein Gewächshaus zu inspizieren und zu fotografieren. Das bauten sie dann in Arnach nach. Ob Fritz Harscher, der ortsansässige Schlossermeister, bei der Fahrt nach Ludwigsburg dabei war, ist Matthias Grad nicht mehr erinnerlich. Jedenfalls kam die Eisenkonstruktion des Arnacher Nachbaus aus Fritz Harschers Werkstatt, die Verglasung führte Heinrich selber aus.
Das 1958 erbaute Gewächshaus war 30 Meter lang und 6 Meter breit, hatte drei Kamine und wurde mit Koks beheizt. Im Winter musste man täglich in der Frühe Kokskohlen schaufeln. Auch nachts musste man nachlegen, weil der Kessel zu klein war.
Natürlich gab es auch schmerzhafte Rückschläge. Einmal ist ein 40 Meter langes Folienhaus unter der Schneelast zusammengebrochen.
Handarbeit. So vieles war (und ist) beim Gärtnern Handarbeit. Unvergessen ist dem 90-jährigen Matthias Grad das Beschaffen von Mist. Den bezog er von seinem Namensvetter Matthias Blank (1931 – 2018). Meist kam Blanks Mistfuhre um den Namenstag herum (24. Februar). Dann gratulierten sich die zwei Matthiasse zunächst gegenseitig, ehe sie zur Mistgabel griffen und den Dung abluden.
1967 stellte Matthias Grad auf Öl um. Als großer Abnehmer musste er um jeden Zehntelspfennig feilschen. 1967, das weiß Matthias Grad noch genau, kaufte er 30.000 Liter für 7,85 Pfennig den Liter.
Kißlegg
1980 übernahmen Matthias und Annemarie Grad die Gärtnerei Würstle in Kißlegg. 1,5 Millionen Mark investierten sie in Kauf und Ausbau. Annemarie war viel im Verkauf in Kißlegg. Mit der Zeit kannte sie die Leute dem Namen nach sehr gut. Wenn das Ehepaar Grad in Kißlegg bei Veranstaltungen anwesend war und als Geschäftsleute oft auch angesprochen wurde, dann ließ sich Matthias rechtzeitig von seiner Annemarie Namen zuflüstern.
Die Filiale Kißlegg wurde von der Grad GbR 2013 aufgegeben, weil man alle Kraft auf den Standort Arnach und eine neue Verkaufsstelle in Bad Wurzach konzentrieren wollte. Auch in Bad Waldsee ist man engagiert, insbesondere bei der Grabpflege.
„Wia kennet Ihr bloß …“
Margit Reischmann wuchs neben der Gärtnerei auf. Natürlich waren die Treibhäuser ein paradiesisches Gelände zum Versteckerles-Spielen und auch zum Anstellen von so manchem Unfug. Gerne turnte die Kinderschar aus der Nachbarschaft auf den hoch aufgetürmten Torfmullballen herum, was Gärtner Grad gar nicht gern sah wegen der Gefahr. Da konnte der sonst so gütige „Vadd’r Grad“, der gnädig wegsah, wenn mal Tomaten stibietzt wurden, auch streng werden. Manchmal, aber das kam selten vor, platzte beim Herumturnen einer der Mullballen. Dann waren die Lausbuben und Rotzmädla tagelang nicht mehr gesehen.
Gerne kletterte die Kinderschar in der allein stehenden Kiefer draußen am Hünlishofer Weg herum. Als ein kleiner Bub, hinaufgelockt von den Größeren, weinend oben im Geäst saß und sich nicht mehr heruntertraute, musste Vater Grad mit der Leiter kommen und das Büble „retten“. Eigentlich das einzige Mal, sagt Nachbarsmädle Margit, dass „Vadd’r Grad“ richtig geschimpft hat: „Wia kennet Ihr bloß …“


Lausbuben auf den Torfmullballen. Auch Mädla aus der Nachbarschaft turnten gelegentlich auf den Ballen herum.

Nachbarsmädla Waltraud (links) und Margit mit Grads Wolfgang.

Das Luftbild aus den späten 1950er-Jahren zeigt die Gärtnerei Grad und die an der Wegegabelung nach links Richtung Dorf führende Ratperoniusstraße (die damals noch nicht so hieß). Rechts oben sieht man die alleinstehende Kiefer. Die drei Wege führen nach Hünlishofen (links), Übendorf (Mitte) und Rahmhaus (rechts). Die Straße Richtung Dorf – also die heutige Ratperoniusstraße – war in der Kindheit des 1935 geborenen Matthias Grad noch unbebaut. Das heutige Lagerhaus und die ganze Siedlung Arnach-Süd waren noch nicht vorhanden. Die ersten Gebäude am Ortsrand waren der Hof Müller („Dirrabauer“), heute Schöllhorn, und der Hof Blank (heute nicht mehr vorhanden) sowie Blanks Villa und das Baugeschäft Vogt. Das hier abgebildete Grad-Haus mit Treibhäusern und Beeten entstand 1928. Entlang der Straße Richtung Dorf sieht man die Oberleitung, die 1942 gemacht wurde.
Das Feld rechts des Grad-Hauses bis zur allein stehenden Kiefer wurde Mitte der 1960er-Jahre bebaut (Max-Müller-Weg). Schultheiß Max Müller, der gegen Ende des 19. Jahrhunderts amtierte, er wurde auch als „Menschen- und Viehdoktor“ zu Rate gezogen, begrub dort, wo die Kiefer steht, sein totes Pferd. Noch bis mindestens 1980 konnte man an einem großen Stein die Jahreszahl jener Bestattung lesen (ca. 1880). Die Kiefer wurde wohl zur Erinnerung an das geliebte Ross gepflanzt.
Scan: Manfred Braun

Das Gärtnerhaus wurde zur Hochzeit (1962) aufgestockt, so dass drei Generationen darin Platz hatten. Links vom Gewächshaus der unterkellerte Schopf, in dem Heizmaterial gelagert war. Bevor man auf Öl umstellte (1967), wurde das Gewächshaus mit Koks und auch Holz beheizt. Heinrich und Matthias gingen in den Wald zum „Stocka“. Auf Kahlschlägen schafften sie Wurzelstöcke heraus – eine mühsame Arbeit. Die Parzellen bekamen sie von Förster Hecht gegen Entgelt zugeteilt. Auf dem von 1958 stammenden Gewächshaus sind die Kamine zu erkennen, von denen einer noch als Erinnerungsstück erhalten ist. Die Aufnahme stammt wohl von 1961 (links vom Haus ist noch der Schutthaufen vom Teilabbruch zu erkennen).

Matthias Grad sen. beim Abbrechen eines alten Gewächshauses. Um 1998.

Jede Generation der Grads hat viel gebaut. Hier sieht man Matthias Grad jun. mit einer Schaltafel (assistiert von der nächsten Generation).

Hubert, der zusammen mit seinem Bruder Matthias das Geschäft seit 1998 führt, beim Schneeräumen. Oben lugt der Kamin des Harscher-Gewächshauses von 1958 hervor. 1990er-Jahre.

Jung-Gärtner Gabriel (geb. 2007).

Das Hensler-Gewächshaus, erbaut um 1945, abgebrochen um 2012. Arbeitswirtschaftlich vorteilhaft: die hochgelagerten Abstellflächen für Topf-Blumen.

Auch das ein Produkt der fleißigen Gärtnerfamilie aus Arnach: Mini-Christbäume.

Die nie endende Pflicht eines Gärtners: Gießen.

Fasnetverkünden. Im VW Käfer Karl Magel. Selbstverständlich gibt es für die Musikanten ein Schnäpsle. Vor 1980.

Matthias mit dem inzwischen 96-jährigen Rupert Veser.

Die Taschenuhr von Heinrich Grad (1896 – 1983). Foto: Gerhard Reischmann

Den Kamin vom Harscher-Gewächshaus (erbaut 1958, abgebrochen um 2012) hat die Familie Grad auf einen Findling gesetzt und damit eine Blumeninsel vor ihrem Geschäftshaus in Arnach gestaltet. Foto: Gerhard Reischmann

Die Gärtnerfamilie Grad (stehend von links Hubert, Matthias und Annette; sitzend Matthias sen. und Gabriel). Nicht auf dem Bild Huberts Frau Irma, die in Bad Wurzach in der Grad-Filiale schafft.

Unvergessen: Annemarie (1936 – 2012).
Matthias Grad schaut auf ein langes und gutes Leben zurück. Und sieht den Betrieb bei seinen Söhnen Matthias und Hubert und deren Frauen Annette und Irma in besten Händen. Und das Schönste: Gabriel, der Sohn von Matthias und Annette, lernt – Gärtner.
Text: Gerhard Reischmann / Fotos: bei Grad; Reischmann
Unter dem roten Download-Balken in der rechten Spalte oben haben wir noch zwei PDF-Dokumente mit weiteren Bildern zur Gärtnerei hinterlegt







