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Bad Waldsee – Wer an einem Donnerstagabend in den Wintermonaten um 19.00 Uhr an der Mariensäule bei der Pfarrkirche St. Peter wartet, hat sich auf eine ganz besondere Begegnung eingelassen. Von hier aus führt Karl Josef (Josl) Fähndrich seine Gäste zu Fuß zum Haus Josl. Was folgt, ist weit mehr als eine gewöhnliche Hausbesichtigung. Fähndrich nimmt seine Besucher mit auf eine spannende Reise durch die Jahrhunderte – von der Entstehung der oberschwäbischen Landschaft über die Anfänge der Besiedlung Waldsees bis in die jüngere Stadtgeschichte.
Das Haus Josl gilt als das älteste Gebäude Bad Waldsees. Seine Geschichte beginnt allerdings nicht erst mit den Mauern, die heute noch zu sehen sind. Um die besondere Lage des Hauses zu verstehen, holt Fähndrich zunächst weit aus und beginnt mit der Entstehung der Landschaft. Der Rückzug des Rheingletschers vor rund 16.000 bis 17.000 Jahren prägte die Gegend, in der später Bad Waldsee entstehen sollte. Zwischen dem heutigen Stadtsee und dem Schlosssee bildete sich ein erhöhter Kiesrücken. Seine höher gelegenen Stellen „zwei Inseln“, wie Fähndrich sagt, boten geeigneten Baugrund. Auf den höchsten Erhebungen entstanden das Gotteshaus und das Kloster, auf einer weiteren Erhebung die Vorgängerbauten des heutigen Hauses Josl. Eine bemerkenswerte Feststellung: Das Haus liegt rund 50 Zentimeter höher als die Kirche und damit am höchsten Punkt der historischen Altstadt.
Ein Blick zurück bis in die karolingische Zeit
Fähndrich spannt den historischen Bogen bis in die Zeit um das Jahr 800. Ob damals an der Stelle des heutigen Hauses bereits Gebäude standen, lässt sich bislang nicht sicher sagen. Dafür wären weitere archäologische Untersuchungen erforderlich. Sicher ist jedoch, dass Waldsee schon früh eine bedeutende Siedlung war. Die Überlieferung berichtet von einem Königshof. Die erste Erwähnung Bad Waldsees im Kodex des Klosters Weißenburg im Elsass verzeichnet um 926 einen Heiden- (Ungarn) Einfall, bei dem ein Königshof, eine Kirche und eine Mühle zerstört wurden.
Auch die politische Geschichte Oberschwabens gehört zu Fähndrichs Ausführungen. Auf die römische Herrschaft folgte die Zeit der Alemannen. Später dehnten die Franken ihr Reich nach Süden aus und gliederten die Region in ihre Herrschaftsorganisation ein. Die Verwaltung erfolgte unter anderem über Gaue, an deren Spitze Gaugrafen standen. Für den Haistergau sind die Namen zweier hochrangiger Adeliger überliefert: Vago und Chadalo. Dr. Karel Hruza, ein gebürtiger Waldseer, hat in seiner Beschreibung des Haistergaus auf diese historischen Persönlichkeiten hingewiesen.
Ein Haus voller Spuren und Geschichten
Wie sich das Haus im Laufe der Jahrhunderte entwickelte, kann Fähndrich anhand alter Urkunden, historischer Nachweise und der vorhandenen Bausubstanz anschaulich erläutern. Das stattliche spätmittelalterliche Gebäude stammt aus dem 14. Jahrhundert. Es wurde allerdings auf den Mauerresten eines älteren, massiven Steinhauses errichtet, das vermutlich bis in die Frühzeit der Stadt zurückreicht. Vielleicht eines Burgturmbaus, wie die mächtigen Grundmauern vermuten lassen
Beim Rundgang gibt es viel zu entdecken. Alte Balken und Gemäuer erzählen von vergangenen Bauzeiten. Ein historisches Fresko, die Darstellung eines Granatapfelbaumes, an einer Wand und alte Münzen, die auf dem Grundstück gefunden wurden, geben weitere Einblicke in das Leben früherer Bewohner. Besonders eindrucksvoll sind der Laubengang und die sogenannte Bohlenstube, in denen die Geschichte des Hauses unmittelbar erlebbar wird.
Doch Fähndrich beschränkt sich nicht auf Jahreszahlen und bauliche Befunde. Er versteht es, seine Erklärungen mit Geschichten und Anekdoten zu würzen. Dabei wird auch die jüngere Vergangenheit lebendig. Gerade für ältere Waldseer, die noch in den 1950er- und 1960er-Jahren aufgewachsen sind, dürfte der Vergleich mit den damaligen Stadtansichten interessant sein. Wie sehr sich das Gesicht der Stadt verändert hat, wird dabei deutlich. Während große öffentliche Gebäude wie Rathaus und Spital ihr vertrautes Erscheinungsbild bewahrt haben, erfuhren zahlreiche andere Häuser tiefgreifende Veränderungen.
Wo stand die erste Befestigung der Herren von Waldsee?
Besonders spannend wird es, wenn Fähndrich seine eigenen historischen Überlegungen vorstellt. Eine davon betrifft die Frage nach dem ersten befestigten Sitz der Herren von Walasee. Traditionell wird dieser auf der heutigen Burghalde im Bereich der evangelischen Kirche vermutet. Fähndrich vertritt hierzu eine andere Auffassung. Seiner Ansicht nach könnte der Name Burghalde eine Verballhornung des Begriffs Buchenhalde sein. Die erste befestigte Anlage der Herren von Waldsee könnte seiner These zufolge vielmehr am Standort des heutigen Hauses Fähndrich gestanden haben – möglicherweise eine Turmburg, ähnlich den Resten der Ruine Neuwaldsee oder dem Hatzenturm in Wolpertswende.
Eine These, die zur Diskussion anregt und zeigt, dass die frühe Geschichte Waldsees noch längst nicht in allen Einzelheiten geklärt ist.
Dass das Haus über viele Jahrhunderte hinweg von Menschen mit gehobener gesellschaftlicher Stellung bewohnt wurde, lässt sich anhand der historischen Überlieferungen nachvollziehen. Unter den früheren Bewohnern finden sich Bürgermeister, Amtmänner, alles Angehörige angesehener Familien. Auch die wechselvolle Nutzung des Gebäudes als Gastwirtschaft und Wohnhaus gehört zu seiner Geschichte.
Aus dem Wunsch, das Elternhaus zu erhalten, wurde Leidenschaft
Hinter all diesen Erkenntnissen steckt eine ganz persönliche Geschichte. Karl Josef Fähndrichs Beschäftigung mit dem Haus begann zunächst mit dem Wunsch, das Elternhaus zu erhalten und seine besondere Bausubstanz zu bewahren. Aus diesem ursprünglichen Anliegen entwickelte sich über die Jahre eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Gebäudes. Was zunächst ein Erhaltungswunsch war, ist längst zu einer beinahe unerschöpflichen Leidenschaft geworden. Fähndrich hat über viele Jahre recherchiert, historische Dokumente ausgewertet und sich mit Fachleuten ausgetauscht.
Seine Begeisterung ist bei der Führung jederzeit spürbar. Ergänzt werden seine Erzählungen durch eine aufwendig gestaltete, mit Unterstützung Künstlicher Intelligenz erstellte Dia-Präsentation, die historische Zusammenhänge und Geschichten aus dem Haus anschaulich vermittelt.
Am Ende des Rundgangs bleibt der Eindruck, dass das Haus Josl weit mehr ist als ein altes Gebäude hinter dem Kornhaus. Es ist ein Stück lebendige Waldseer Geschichte, in dessen Mauern sich viele Jahrhunderte Stadtentwicklung widerspiegeln.
Karl Josef Fähndrich ist es gelungen, aus dem Wunsch, das Elternhaus zu erhalten, eine spannende historische Forschungsarbeit zu machen und diese Begeisterung mit anderen zu teilen. Seine Donnerstagsführungen sind deshalb nicht nur für geschichtlich Interessierte eine Empfehlung, sondern auch für alle Bad Waldseer und ihre Gäste, die ihre Stadt einmal aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen möchten.
Donnerstags um 19.00 Uhr
Die Führungen finden in den Wintermonaten donnerstags statt. Treffpunkt ist um 19.00 Uhr an der Mariensäule bei der Pfarrkirche St. Peter. Von dort geht es gemeinsam zum Haus Josl.

Fresko Granatapfelbaum.

Dachplatten mit magischen Schutzzeichen.

Münzen, die im Haus aufgefunden wurden.
Text und Fotos: Erwin Linder

































