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Bad Waldsee – Es gibt Geschäfte, die sind mehr als Verkaufsstellen. Sie gehören über Generationen hinweg zum Stadtbild, zum Alltag und zu den persönlichen Erinnerungen vieler Waldseer. Das Kurzwarengeschäft Stein in der Hauptstraße ist ein solches Geschäft. Nach rund 160 Jahren wird Rita Thomas ihren Laden zum Ende dieses Jahres schließen. Damit endet eine lange Waldseer Familientradition. Die außergewöhnliche Ladeneinrichtung stammt von 1926. Sie droht verlorenzugehen.
Gegründet wurde das Geschäft vor rund 160 Jahren als klassisches Kurzwarengeschäft. Damals gab es noch längst nicht die Auswahl an Konfektionskleidung wie heute. In und um Waldsee arbeiteten zahlreiche Schneider und Schneiderinnen, die Kleidung nach Maß fertigten. Auch Hausfrauen und Mütter nähten einen großen Teil der Kleidung für ihre Familien selbst. Fäden, Knöpfe, Bänder, Strümpfe, Wäsche und all die anderen Dinge, die dafür benötigt wurden, waren deshalb wichtige Waren des täglichen Lebens.
Den Grundstein für das Geschäft legte ein Onkel der Großmutter der heutigen Inhaberin. Er kam mit seiner Frau von der Schwäbischen Alb nach Waldsee und eröffnete dort das Kurzwarengeschäft. Das Ehepaar blieb kinderlos und nahm seine Nichte Maria Bucher mit in den Betrieb auf.
Aus einem Ladenmädchen wurde die Geschäftsinhaberin
Hier beginnt zugleich eine kleine Familiengeschichte, die fast wie aus einem Roman klingt. Maria Bucher lernte im Geschäft den aus Rottenburg stammenden Stefan Stein kennen. Er war als Außendienstler unterwegs und kam dabei auch nach Waldsee. Aus der Bekanntschaft wurde Liebe, die beiden heirateten – und das Kurzwarengeschäft ging schließlich an sie über.
Die Familientradition setzte sich fort. Stefan Stein und Maria übergaben das Geschäft an Karl Stein und dessen Frau Maria, die den Kurzwarenladen in der Hauptstraße weiterführten.
In der nächsten Generation übernahm schließlich Rita Thomas, geborene Stein. Gleich nach der Schule, mit 16 Jahren, wurde sie in den Familienbetrieb einbezogen. Viel Zeit für die Frage, ob sie einmal etwas ganz anderes machen wollte, blieb offenbar nicht: Ihr Vater führte sie ganz selbstverständlich in die Arbeit ein. Sie lernte die Buchhaltung kennen, den Einkauf und den gesamten geschäftlichen Ablauf.
1986 übernahm Rita Thomas das Geschäft von ihren Eltern
Seitdem hat sich die Welt des Einzelhandels grundlegend verändert. Aus dem ursprünglichen Kurzwarengeschäft wurde im Laufe der Jahrzehnte ein Textilfachgeschäft. Neben den klassischen Kurzwaren gab es nun Pullover, Unterwäsche, Nachthemden, Socken und vieles mehr. Geblieben aber sind die Kurzwaren – und vor allem eine Ladeneinrichtung, die selbst längst Geschichte geschrieben hat.
665 Schubladen erzählen vom Einkauf vergangener Zeiten

Wer heute den Laden betritt, fühlt sich ein wenig in eine andere Zeit versetzt. Die ganzen Wände scheinen aus grünen Einbauschränken mit zahllosen Fächern und Schubladen zu bestehen. Insgesamt sind es 665 Schubfächer, die in dem relativ kleinen Ladenlokal untergebracht sind.
Die Einrichtung stammt aus dem Jahr 1926. Sie wurde damals eigens eingepasst und ist eine handwerklich außergewöhnliche Schreinerarbeit. Jedes Fach hatte seinen Zweck, alles war übersichtlich sortiert. Denn gerade in einem Kurzwarengeschäft kam es darauf an, eine unglaubliche Vielzahl kleiner Artikel geordnet und griffbereit aufzubewahren.
Und Rita Thomas kennt ihre Einrichtung bis heute genau. Sie weiß genau, was sich in welchem Schubfach befindet.
So erzählen die grünen Schubladen nicht nur von Knöpfen, Garnen, Bändern und anderen Kurzwaren. Sie erzählen auch davon, wie früher eingekauft, genäht und gearbeitet wurde – lange bevor Kleidung überwiegend fertig von der Stange kam.
Zum Jahresende ist Schluss
Nun geht auch diese Ära zu Ende. Zum Ende dieses Jahres wird Rita Thomas das Geschäft schließen. Nach 160 Jahren verschwindet damit ein Stück Waldseer Einzelhandelsgeschichte.
Besonders bedauerlich ist, dass damit auch die historische Ladeneinrichtung verloren geht. Das Gebäude soll abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden. Damit würden auch die 665 Schubladen von 1926 verschwinden.
Dabei wäre diese Einrichtung durchaus erhaltenswert. Vielleicht gibt es ein Museum, einen Sammler oder eine andere Einrichtung, die diesem außergewöhnlichen Zeugnis alter Handwerks- und Einzelhandelskultur ein neues Zuhause geben möchte. Rita Thomas würde die historische Ladeneinrichtung gerne in gute Hände geben.
So könnte aus dem Ende eines alten Geschäftes zumindest für einen Teil seiner Geschichte ein Neuanfang werden. Die 665 grünen Schubladen würden dann vielleicht auch künftig davon erzählen, wie wichtig ein Kurzwarengeschäft einst für eine Stadt wie Waldsee war.
Und vielleicht würde so ein Stück dieser 160-jährigen Waldseer Tradition doch noch weiterleben.
Text und Fotos: Erwin Linder
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