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Ellwangen / Aichstetten – Kreuzwegandachten gab es früher während der Fastenzeit regelmäßig. Heute sind sie selten geworden. Was es aber in fast jeder katholischen Kirche gibt, sind bildliche Darstellungen der 14 Kreuzwegstationen. Diejenigen in Ellwangen und Aichstetten sind dabei auch schöne Beispiele für die erneuerte christliche Kunst im 20. Jahrhundert.
Kreuzwege
Kreuzwegandachten, bei denen der im Neuen Testament beschriebene Leidensweg Jesu über die Via Dolorosa bis zum Golgatha-Hügel betend und meditierend betrachtet wird, kennt man seit dem Mittelalter. In dieser Zeit entstanden auch erste entsprechende Bildfolgen. Um 1600 wurden schließlich die 14 Stationen festgelegt. Und ab Ende des 17. Jahrhunderts setzten sich in den Kirchen auch die bildlichen Darstellungen durch. In vielen Kirchen Oberschwabens zum Beispiel – auch in neueren – findet man Kreuzwegstationen aus dem 18. Jahrhundert, aus dem Spätbarock. Aber auch im 19. Jahrhundert entstanden viele Kreuzwege. Und die Tradition reicht bis in die Gegenwart. So wurde jetzt zu Beginn der Fastenzeit im Petersdom der neue Kreuzweg des Schweizer Malers Manuel Dürr präsentiert. Der Künstler war aus einem von der Fabricca di San Pietro ausgeschriebenen internationalen Wettbewerb als Sieger hervorgegangen.

Aus der Barockzeit: Station 11 des Kreuzwegs (Jesus wird ans Kreuz genagelt) am Kerker-Christi-Altar in der Spitalkirche in Wangen. Foto: Herbert Eichhorn
Der Künstler August Blepp
Dürr setzt in seinem Zyklus für Rom stilistisch ganz auf altmeisterliche Maltechniken. Im Vergleich damit kommen die beiden Kreuzwegfolgen, die August Blepp vor rund 80 Jahren für Ellwangen und Aichstetten schuf, noch immer erstaunlich modern daher. Blepp, Jahrgang 1885, der an der Stuttgarter Kunstakademie bei dem legendären Adolf Hölzel studiert hatte, war damals einer der meistbeschäftigten Kirchenkünstler in der Diözese Rottenburg. 56 Kirchen hat er zwischen 1921 und 1949 ausgestattet, vor allem in der Gegend um Rottweil, aber auch einige im Allgäu und in Oberschwaben. Blepp malte zum Beispiel die Kirche des Jordanbades oder St. Petrus Canisius in Friedrichshafen aus. Manche seiner Werke sind allerdings heute nicht mehr erhalten. So wurden seine Wandmalereien in der Kirche von Eisenharz 1956 übermalt.
Ein neuer Bischof bringt neuen Wind
Dass der Künstler so häufig mit solchen Aufträgen betraut wurde, hatte auch mit seinen Förderern zu tun, allen voran Albert Pfeffer, Pfarrer in Lautlingen und Vorsitzender des sehr rührigen „Kunstvereins der Diözese Rottenburg“. Er war ein Pionier bei der Annäherung der Kirche an die moderne Kunst. Genauso wichtig war aber sicher auch Johann Baptist Sproll, der 1927 zum neuen Bischof gewählt wurde und offen war für künstlerische Neuerungen im Kirchenraum. Sein Vorgänger Paul Wilhelm von Keppler war dagegen eher ein Gegner solcher Tendenzen und davon überzeugt, neue Kirchen und Kirchenausstattungen sollten sich – noch ganz im Sinn des Historismus – an der altchristlichen oder mittelalterlichen Kunst orientieren. In den innerkirchlichen Auseinandersetzungen um die Kunst war Keppler einer der Wortführer des Antimodernismus gewesen. Legendär wurde zum Beispiel sein drastisches Urteil über die eleganten frühen Wandmalereien des später berühmten Karl Caspar in der Kirche in Heudorf im Kreis Sigmaringen.

Die Stationen 1 bis 4 in Ellwangen. Foto: Herbert Eichhorn
Die Kirche in Ellwangen
In den Jahren 1935 bis 1936 schuf August Blepp die den Raum prägenden Wand- und Deckenmalereien sowie den linken Seitenaltar, einen Marienaltar, für die Kirche St. Kilian und Ursula in Ellwangen. Diese war 1864 im neuromanischen Stil errichtet worden. Man entdeckt Interessantes: Im Marienaltar erkennt man zum Beispiel hinter der Madonna eine Darstellung des Dorfes. Im linken Flügel werden die Kriegserfahrungen von Josef Engling, des im Ersten Weltkrieg gefallenen Mitbegründers der Schönstattbewegung, dargestellt. In den Vertretern der Stände und Berufe an der Chorwand sollen der Überlieferung nach Ellwanger Bürger porträtiert sein.

Die Stationen 11 bis 14 in Ellwangen. Foto: Herbert Eichhorn
Der Kreuzweg in Ellwangen
Einige Jahre später, 1943, schuf Blepp für Ellwangen dann auch noch einen Kreuzweg. Mit 14 einzelnen Ölgemälden in identischen breiten Hochformaten – heute sind diese zu mehrteiligen Friesen zusammengesetzt – hält sich Blepp in Ellwangen an den geläufigen Typus. In der Gestaltung der Szenen orientiert er sich an eigenen, früher gefundenen Lösungen, etwa an seiner Bildfolge für Dietingen. Seine Darstellungen, in denen die Figuren eng in den Rahmen eingespannt werden, sind, abgesehen von der ersten Station (Jesus wird zum Tode verurteilt), ausgesprochen undramatisch aufgefasst. Sie entsprechen einer Traditionslinie der Kreuzwegdarstellungen, in denen die einzelnen Stationen als ruhige Andachtsbilder zur stillen Betrachtung einladen. Besonders eindrucksvoll gelingt das in den streng frontal angelegten Stationen 10 (Jesus wird seiner Kleider beraubt), 13 (Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt) sowie 14 (Der Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt).

In Aichstetten hat der Künstler zum Teil jeweils zwei Stationen zu einer Szene zusammengefasst. Hier die Stationen 1 bis 6. Foto: Herbert Eichhorn
Die Kirche in Aichstetten
Die Kreuzwegstationen des Künstlers aus dem Jahr 1949 für die Pfarrkirche St. Michael in Aichstetten – 1869 bis 1871 ebenfalls im neuromanischen Stil erbaut – sehen ganz anders aus. Wie in Ellwangen wird auch hier der Kirchenraum von den Arbeiten Blepps maßgeblich geprägt, die er zwischen 1942 und 1949 schuf. Die Wandmalereien am Chorbogen zeigen verschiedene Szenen aus dem Marienleben und aus dem Leben Jesu. Ungewöhnlich ist allerdings das Bildprogramm des Hochaltars. Rechts und links des riesigen Kruzifixes, das von dem Lindauer Bildhauer Willi Veit stammt, sind die eher selten dargestellten sogenannten „Sieben Blutvergießungen Jesu“ zu sehen. Dieses Programm und überhaupt die ambitionierte Neugestaltung gehen auf Pfarrer Pius Scheel zurück, der von 1936 bis 1952 in Aichstetten war. Dieser war sehr an Kunst interessiert und 30 Jahre lang im Kunstverein der Diözese aktiv. Bevor er nach Aichstetten kam, war er Kreuzkaplan auf dem Wurzacher Gottesberg und ein wichtiger Förderer des Heilig-Blut-Festes. Und von dort brachte er vielleicht auch das Thema der Blutvergießungen mit. Diese zieren dort nämlich das Hl. Blut-Reliquiar. Andachten entlang von Darstellungen der sieben Szenen waren früher übrigens in der Fastenzeit eine mögliche Alternative zum 14-Stationen-Kreuzweg.

Die Stationen 7 und 8 in Aichstetten. Foto: Herbert Eichhorn
Der Kreuzweg in Aichstetten
Auch der von August Blepp hier nun direkt auf die Wand gemalte Kreuzweg ist ziemlich ungewöhnlich. Während in Ellwangen wie üblich die Stationen in 14 in Format und Gestaltung einheitlichen Bildern gezeigt sind, herrscht hier große Vielfalt. Die Bildfolge besteht nun aus zehn Stationen. Sechs davon sind breite rechteckige Querformate, vier sind ohne Rahmung auf die Wand gesetzt. Bei den Querformaten gibt es Einzelszenen, daneben zwei deutlich abgegrenzte Szenen in einem einzigen Rahmen, und dreimal werden zwei Stationen zu einer Szene kombiniert. Durch die Querformate entstehen regelrechte Bühnenräume, auf denen die Figuren, oft mit weitausgreifenden, zum Teil geradezu theatralischen Gesten, miteinander agieren. Ein Beispiel hierfür ist das zweite Bild, in dem die Stationen 3 (Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz) und 4 (Jesus begegnet seiner Mutter) zu einem einzigen dramatischen Geschehen zusammengespannt sind. Wie ganz anders wirkt da die stille Begegnung von Mutter und Sohn in Ellwangen. Auch in den separat gezeigten Einzelstationen geht es dramatischer zu, so etwa auch in der Station 8 über dem rechten Beichtstuhl (Jesus begegnet den weinenden Frauen).

Nachdem August Blepp gestorben war, hat in Aichstetten der Leutkircher Künstler Alfred Vollmar den Kreuzweg nach den Entwürfen Blepps zu Ende geführt. Hier Station 11 (Jesus wird ans Kreuz genagelt). Foto: Herbert Eichhorn
Die Aichstettener Bildfolge steht für einen Neuanfang
Über die Gründe dafür, dass August Blepp nach nur wenigen Jahren in Aichstetten so einen ganz anderen, spannungsgeladenen Kreuzweg konzipierte, kann man nur spekulieren. Allerdings lagen dazwischen für ihn sehr einschneidende Erfahrungen. Im Sommer 1944 wurde der Künstler im Alter von 59 Jahren zum Landes-Schützen-Bataillon einberufen und tat dann Dienst in der Wachmannschaft des Konzentrationslagers in Utting am Ammersee, einem Außenlager von Dachau. Was er dort sah und hörte, muss Blepp, der dem Nationalsozialismus immer distanziert gegenüberstand, schwer erschüttert haben. Vielleicht steht daher die neue Bildsprache vor allem für einen befreienden künstlerischen Neubeginn nach den Kriegsjahren. Dass dieser Aufbruch nicht weiterführte, hat eine gewisse Tragik: Im Sommer 1949 musste Blepp seine Arbeit in Aichstetten krankheitsbedingt abbrechen und starb am 15. August des Jahres in seiner Heimat Weilen unter den Rinnen bei Rottweil. Die Stationen 11 bis 14 führte schließlich der Leutkircher Maler Alfred Vollmar nach Blepps Entwürfen aus.
Die Kirchen in Ellwangen und Aichstetten sind späte Höhepunkte im Schaffen dieses wichtigen Vertreters einer erneuerten Kirchenkunst. August Blepps so unterschiedliche Kreuzwegzyklen dort stehen auch für unterschiedliche Sichten auf das Passionsgeschehen und sind vielleicht gerade jetzt in der Fastenzeit einen genaueren Blick wert.
Herbert Eichhorn
In der Galerie weitere Bilder
In der Galerie finden Sie weitere Bilder aus den beiden Kirchen und zu ihren Kreuzwegen.









































