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Bad Waldsee – Wenn ein Meister der Sologitarre in die Saiten seines hochwertigen Instruments greift, braucht es weder Verstärker noch Mikrofon oder überdimensionierte am Mischpult gesteuerte Lautsprecher. Der Musiker selbst und seine wunderbare Gitarre erfüllt den Konzertraum absolut authentisch und unentstellt. Dieses heute leider so selten gewordene Musikerlebnis durften sehr zahlreiche Besucher im Maximilianbad in einem Konzert mit Neven Sulic genießen. Sulic präsentierte in fünf herrlichen Programmpunkten Kompositionen von Heitor Villa-Lobos, Francisco Tarrega, Leo Brouwer, Gaspar Sanz und João Pernambuco. Der Solist selbst moderierte sein Konzert und gab dabei spannende Einblicke in die musikhistorische Umwelt der Komponisten und in die Lebenswirklichkeiten ihrer Zeiten in Lateinamerika und Spanien. Das Konzert spannte einen Bogen von der Renaissance bis zur Moderne.
Drei Preludios des Brasilianers Heitor Villa-Lobos waren Auftakt des Konzerts. Villa-Lobos ist ein bedeutender Vertreter der lateinamerikanischen Klassik. Er schuf Werke für Orchester aber auch für Gitarre. Er war eng mit den Menschen seiner Heimat verbunden, außerdem war er begeisterter Verehrer Johann-Sebastian Bachs. Beides spiegelt sich in seinem Schaffen wieder. Aus seiner Feder stammen beispiielsweise „Bachianas Brasileiras'“ So trägt eines der drei gespielten Preludios den Titel „Homenagem à Bach“. Die beiden anderen sind lyrisch oder die Atmosphäre des gesellschaftlichen Lebens in Brasilien abbildend. Großartig war dieser geschickt gewählte Auftakt.
Mit dem Spanier Francisco Tarrega entführte Sulic in die Romantik des 19. Jahrhunderts. Heute spreche man über die Gitarre vor und nach Tarrega. Bis dahin war die (italienische) Gitarre kleiner und fünfsaitig. Insbesondere Antonio de Torres gilt seit dem 19. Jahrhundert als Vater der heutigen sechsaitigen und größeren klassischen Konzertgitarre, der die E-Saite zugefügt wurde. Mazurkas von Torres gehören heute zum festen Repertoire der klassischen Gitarre. Auf Tarrega gehen die heutigen Spieltechniken und die Haltung des Instruments zurück, berichtete Sulic. Er spielte aus Tarregas Mazurkas „en Sol“, „Marieta“ und „Sueño“. Die romantische Note dieser betont verhalten aber ausdrucksvoll zu spielenden Titel entfachten bei den Gästen die wohl zarten Empfindungen, wie es Tarrega und sein Interpret des Abends sicher gewünscht hatten.

Die bis dahin eher harmonischen Kompositionen wurden nun mit Stücken von Leo Brouwer abgelöst, die sich aus völlig neuen Klangkombinationen zusammensetzen. Brouwer ist Kubaner und Sohn eingewanderter Niederländer. Er ist Gitarrist, Dirigent, Komponist und Arrangeur. Unter anderem schuf er auch Kompositionen zu Filmen („Dem Himmel so nah“ oder „Bittersüße Schokolade“). Die beiden vorgetragenen Stücke „Elogio de la danza“ und „Un día de noviembre“ enthielten abrupte Kontraste zwischen laut und leise sowie hart wechselnde Rhythmen und sind Beispiele der Moderne im Bereich der Gitarrensolos. Sulic trug sie höchst konzentriert und mit absoluter Präzision vor und entlockte seinem Instrument auch rhythmische Untermalungen ähnlich einem Cajon. „Un día de noviembre“ passte bestens in die nun anstehende Jahreszeit und vermittelte, natürlich wieder kontrastreich, eher Stille und Wärme.

Mit Gaspar Sanz ging’s wieder rüber nach Spanien in Zeiten des 17. und 18. Jahrhunderts ins Barock. Sanz schrieb die älteste Gitarrenschule und hinterließ eine Sammlung von neunzig Stücken, die er seinen umgebenden Menschen widmete. An der Universität Salamanca studierte er Theologie und wurde auch Priester. Weil Sanz lange vor Tarrega lebte, wurden seine Kompositionen für die früheren kleineren Gitarren und damit anderen Spieltechniken geschaffen und mussten für die heutigen Konzertgitarren umgeschrieben werden. Sulic trug aus Sanz‘ „Suite española“ die Sätze Españoleta, Rujero y Paradetas, Folias und Canarios imponierend grandios vor. Wie nach allen Konzertbeiträgen gab es begeisterten Applaus. Der diesmal aber herausfordernd lang und anerkennend war!
Zugabe
Neven Sulic nahm dieses Geschenk gerne an und gab dem Publikum eine ganz besondere Zugabe zurück. Es war „Sons de carrilhões“ von dem Brasilianer João Pernambuco. Auch über diesen Musiker berichtete Sulic. Der sei eigentlich ganz einfacher, aber hochbegabter Straßenmusiker und Gelegenheitsarbeiter gewesen, der weder lesen noch schreiben konnte. Gebildetere und befreundete Musiker brachten Pernambucos Werke zu Papier und wurden somit bewahrt. Seine Freunde sorgten auch dafür, dass er später einen bescheidenen Hausmeisterjob bekam und nicht mehr hart als Bauarbeiter schuften musste und sich so verstärkt seinem musikalischen Schaffen zuwenden konnte. Der Musiker starb 1947. Der Titel der Zugabe heißt auf Deutsch „Glöckchenklänge“ oder „Klang der Glockenspiele“. Und so zart und heiter war das Sologitarrenstück tatsächlich, natürlich hoch sensibel von Sulic vorgetragen.

Für Neven Sulic ist das Sein auf den Melodiewellen der Musik sicher auch eine Art meditativer Prozess, der das Publikum und sich selbst miteinander verbindet. Die zarten und warmen, aber auch heftig rhythmischen Klänge seiner anmutigen Gitarre ziehen Besucher unwiderstehlich in ihren Bann, was ihm an diesem Konzertabend wieder mal spielend gelang. Seine Hände erwecken sein Instrument irgendwie zum Leben und er nimmt sein Publikum so auf eine Reise voller Harmonie, seltener Stille und Schönheit.
Ein Chilene mit kroatischen Wurzeln

Neven Sulic wuchs als Sohn kroatischer Einwanderer in Santiago de Chile auf. Er studierte an der Facultad de Artes der Universidad de Chile sowie am Conservatorio Superior de Música in Barcelona. Seine Spieltechnik perfektionierte er bei Maestro Abel Carlevaro. Heute lebt Sulic in Deutschland und hält dennoch intensiven Kontakt zur lateinamerikanischen und spanischen Gitarrenmusikszene.
Text und Fotos: Peter Lutz
































