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Marcel Barsotti, der 1963 in Luzern geborene Filmkomponist, gab im Jahr 2024 sein Debüt als Filmregisseur mit dem Kurzfilm „TRANSFORMATION“, einer Science-Fiction-Produktion, die mit künstlicher Intelligenz erstellt worden war. Der Film erhielt 17 internationale Auszeichnungen. Im Jahr 2025 stellte Barsotti seinen zweiten KI-Film „IMPERIA“ fertig. Der 36-minütige Science-Fiction-Film erhielt zehn Auszeichnungen und 12 internationale Nominierungen. Als Kurator vom deutschlandweit ersten KI-Filmfestival in Biberach erklärt der 63-Jährige seine Faszination von der neuen Technologie.

Kein Tag an dem die Künstliche Intelligenz (KI) nicht Thema in den Medien ist. Und nicht nur dort. KI ist neben Krieg und Spritpreisen ein Monsterthema, das inzwischen aus den Rechenzentren der Wissenschaft und Tech-Giganten im Alltag angekommen ist. Und demnächst auch in Biberach auf ganz unterhaltsame Weise als KI-Filmfestival zu betrachten sein wird. Das erste deutsche KI-Filmfestival findet vom 26. Oktober bis 1. November parallel zu den traditionsreichen Biberacher Filmfestspielen statt, nicht im Kino, sondern in der Stadtbuchhandlung. BLIX sprach mit dem Kurator des KI- Filmfestivals Marcel Barsotti über Gegenwart und Zukunft der Filmbranche im Zeichen von KI.

Herr Barsotti, Sie sind preisgekrönter Filmkomponist und inzwischen auch Creator von zwei KI-generierten Spielfilmen. „Imperia“ hatte letztes Jahr Deutschlandpremiere bei den Biberacher Filmfestspielen. Nun sind Sie Kurator beim ersten KI-Filmfestival in Biberach. Was motiviert Sie als klassisch ausgebildeter Komponist, sich mit der Künstlichen Intelligenz in der Filmbranche zu beschäftigen und diese zu fördern?

Zunächst möchte ich kurz etwas vorausschicken: Ich habe bereits vor zehn Jahren begonnen, mich neben meinem Beruf als Filmkomponist („Die Päpstin“, „Das Wunder von Bern“) mit Musikvideos zu beschäftigen. Nachdem ich mit „Fields“ meine erste internationale Auszeichnung als Regisseur erhielt, habe ich mich immer mehr mit Drehbuch, Bild und Schnitt auseinandergesetzt. Damals habe ich noch mit eigenen Aufnahmen und Stock Material gearbeitet. Die Musiken zu meinen Regiearbeiten habe ich immer selbst komponiert, also ohne Zuhilfenahme von KI, und das ist auch heute noch so. 2023 bekam ich das Angebot, einen Science-Fiction zu vertonen, der mir nicht gefiel, weshalb ich das Angebot ablehnte. Allerdings wurde durch diesen Sachverhalt meine Motivation geweckt, einen eigenen Film zu produzieren … und zwar mit KI. Nach den unerwarteten internationalen Erfolgen meiner KI-Filme „Transformation“ und „Imperia“, für die ich bis heute 40 internationale Auszeichnungen und 47 Nominierungen erhalten habe und meine Begeisterung an der Arbeit in diesem Genre stetig wuchs, entschied ich, meine Arbeit zu 100 Prozent mit KI generierten Filmen fortzusetzen. Ich wurde in Toronto, Zürich, Rom, Wien, New York, Tokio, Berlin, München und Seoul zu meinen Filmpremieren eingeladen und halte seitdem Speaker Panels und Workshops zum Thema KI im Film. Dann kamen die Gründer des AI-Filmfestivals in Biberach auf mich zu, nachdem meine beiden KI-Filme „Transformation“ und „Imperia“ bei den Biberacher Filmfestspielen 2024 und 2025 nominiert und die Kinos beider Filmpremieren restlos ausverkauft waren. Das Interesse und die Neugier waren groß, der erste Baustein für das erste KI-Festival in Deutschland war gelegt.

Ist die KI die Zukunft des Kulturguts Film?

Das glaube ich derzeit nicht, auch wenn man nicht in die Zukunft schauen kann. KI ist vielmehr eine komplett neue Art, Filme zu realisieren mit bahnbrechenden Möglichkeiten auch der Kreativität und Individualität. Für viele analoge Berufe ist das sehr erschreckend, ich bin ja selbst davon betroffen. Aber die neue KI-Technologie, die ja längst in unzähligen Berufen dieser Welt eingesetzt wird und positive wie negative Folgen hat, schreitet unaufhörlich in einer unglaublichen Performance voran. Aber KI ist noch viel mehr: sie zeigt völlig neue Strukturen im Denken, Ausprobieren, Handeln, Schöpfen, dem Zufall überlassen, wie man Filme unterschiedlichster Art herstellen, Drehbücher neu umsetzen, parallel Drehbuch, Schnitt und Ton in einem zusammen prompten, wie man mit Hilfe völlig surrealer neuen Techniken bildgewaltige Bilder schaffen kann. 

Kunst und Kultur gelten als singulärer Ausdruck menschlicher Existenz und Kreativität, die KI ist davon nur Nutznießerin ohne Authentizität. Wozu braucht man sie dann?

Da widerspreche ich zum Teil. Natürlich ist es wichtig, Kunst und Kultur im Rahmen der Urheberrechte und der eigenen Schöpfung zu schützen. Die künstlerische Arbeit eines Menschen bleibt immer sein eigenes geistiges Eigentum, aber wie lange noch?! Als ich vor drei Jahren mit der Arbeit mit KI anfing, war diese eher rudimentär, wiederholend und kopierte bereits bestehende Filme, wenig authentisch und inspirierend. Das ist längst nicht mehr so, KI entwickelt sich gerade kolossal in neue professionelle Strukturen. KI-Filme können mittlerweile hoch emotional sein mit täuschend echten oder surrealen Szenenbildern, KI-Charakteren, die von ‚echten‘ Menschen nicht mehr zu unterscheiden sind, mit perfekten Synchronstimmen und neuartigen KI-Drehbuchentwicklungen. Hier gilt die gleiche Regel wie bei einem analogen Film: zuerst benötigt man eine gute Story, es muss am Ende ein guter Film entstehen, der Film muss berühren und Gefühle erzeugen, am besten mit der eigenen Handschrift des Künstlers. Ich selbst schreibe mit meiner Frau Gundi die Drehbücher analog, wir nutzen keine KI, ebenso Musik und Schnitt werden analog realisiert. Das Bild ist KI. Aber wer glaubt, wie in mancher Werbung von KI-Distributoren versprochen, schnell einen guten Film mit ein paar Klicks zu erzeugen, irrt sich gewaltig. Ein guter KI-Film braucht genauso viel Zeit, Geduld und vor allem umfangreiches Know-how der Creators und der Filmgewerke. Deshalb sind noch viele KI Filme Mittelmaß, weil Creators eher auf Effekte als auf gute Geschichten setzen und wenig Erfahrung mit der kompletten Herstellung eines Films haben. Aber auch das wird sich ändern, eine neue Generation von Promptern wächst heran und erste Distributionswege werden demnächst den Markt international mit KI-Projekten erobern. In der Werbung findet KI längst täglich statt.

Sieht so die Zukunft aus? Szene aus Marcel Barsottis futuristischem KI-Film „Imperia“.

Ist der Zustand der Welt nicht auch damit zu erklären, dass wir mit der Geschwindigkeit unserer Technik nicht mehr mithalten können und auch nicht mehr unterscheiden können zwischen echt und unecht?

Das ist ein wichtiger Aspekt, selbst Forscher von Antrophic warnen davor, dass die KI uns demnächst überholt, manche reden sogar von einer Vernichtung der Menschheit, aber das halte ich für überzogen. Manche Firmen drosseln bereits ihre KI-Softwares, aufgrund deren beginnenden Selbstständigkeit. Gerade wurde AGI (Artificial General Intelligence) von OpenAI entwickelt, die erste selbstdenkende, menschlich-künstliche Intelligenz, die in ersten Tests bereits die Benchmark von 99 Prozent (!) erreicht hat. Ja, das ist erschreckend, aber Technik ist immer schon auch Bestandteil unseres Lebens, ob es der erste Hebekran beim Bau der Pyramiden war oder der neue Tesla Roboter Optimus. Es ist wichtig, dass wir uns mit dem Thema beschäftigen, auseinandersetzen, offen sind und bereit, zu lernen. Angst jedoch ist kein guter Berater, auch wenn Sorgen berechtigt sind, besonders im Bereich des Arbeitsmarktes. Es werden Millionen von Jobs wegfallen, viele Berufe werden aussterben, neue hinzukommen, ein Entwicklungszyklus in der Technologie. Roboter und KI generell werden immer mehr in allen Bereichen der Industrie und Wirtschaft, in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen übernehmen, was ja längst der Fall ist. Vielleicht mache ich auch deshalb Science-Fiction Filme, weil ich als 15-Jähriger schon fest davon überzeugt war, dass es so kommen wird. Ich habe in den letzten zehn Jahren unzählige Gespräche mit Kolleg*innen und Filmproduzent*innen zu diesem Thema geführt, die haben mich immer für verrückt erklärt. Nun bin ich als Pionier in Deutschland mit BAI Pictures durchgestartet und es hat sich bis heute alles bewahrheitet. Jetzt kommen die Firmen auf mich zu.

Eines scheint gesichert: Es wird ein Riesengeschäft, weil die KI viele Arbeitsplätze kosten wird – „vom Schauspieler bis zur Kamera“ (Barsotti), Filmkomponisten inklusive?

Meine Firma BAI Pictures, die erste reine KI-Firma in Deutschland, ist bereits in der Entwicklung von vielen neuen Filmstoffen wie Filme, Serien, Dokus, Vertikal Movies und anderen, neuen Formaten. Wir und unsere neuen Partner werden demnächst mit unserem ersten internationalen Kinofilm-Epos auf den Markt gehen. Eine Menge professioneller kreativer Arbeit steckt dahinter, neue Arbeitsplätze werden geschaffen, wir sind gerade dabei, ein strukturelles Netzwerk aufzubauen mit internationalen Produzenten, Distributoren und Mitarbeitern sowie eigens entwickelte Werbekampagnen, Sponsoren und Wegbereiter. Zu viel darf ich noch nicht verraten.

Und sicher ist noch nichts, aber erste Anzeichen und ein großes internationales Interesse sprechen für den Erfolg von KI-Filmen. Es hat schon immer lange gedauert, bis sich etwas NEUES durchsetzt, auch KI benötigt ihre Zeit, gerade im Filmbusiness, denn hier wird natürlich verständlicherweise dagegen gekämpft und argumentiert. Majors stecken dahinter, Aufträge, Studios und Angestellte, auch zurecht wie in der Musik. Aber warum bin ich dafür? Weil mit KI völlig neue kreative Wege beschritten werden können und die Aussage, KI kopiert nur Bestand und kann nicht emotionalisieren, trifft schon lange nicht mehr zu. Wer sich mit KI-Filmen, KI-Werbung, KI-Softwares oder KI-Musik beschäftigt, wird schnell erkennen, dass das so nicht stimmt. Der Zug ist bereits am Rollen. Und wir sind gerade erst am Anfang dieser Technologie. Auch biologische KI wird gerade entwickelt, die „Synthetische Biologische Intelligenz“, kurz SBI. Fast jeden Tag gibt es News zu neuen KI-Entwicklungen, ein Universum neuer technologischer Errungenschaften. 

Was versprechen Sie sich vom KI-Filmfestival in Biberach, das zeitgleich mit den klassischen Biberacher Filmfestspielen stattfindet?

Das AI Filmfestival in Biberach, das erste KI Filmfestival in Deutschland, wird ein großes Ereignis. Wir haben unzählige Sponsoren im Boot dank der Festivalgründer Uli Stöckle, Tobias Meinhold und Corinna Palm. Als Kurator habe ich über 300 Filme gesichtet, die derzeit besten AI Creators aus allen Ländern der Welt haben bei uns eingereicht, einige von ihnen werden auch vor Ort sein. Wir werden über 80 hochkarätige KI-Filme zeigen. Auch wenn wir noch kein großes Kino dafür haben, zeigen wir die Filme in der wunderschönen historischen Stadtbuchhandlung in Biberach. Wir zeigen, dass wir ‚roten Teppich‘ können, viel Prominenz aus Film, Medien und Politik wird vor Ort sein. Es wird ein tolles Rahmenprogramm geben, alles um das Thema KI. Auch ich werde einen großen Einblick in die KI-Filmwelt von morgen zeigen. Eine wunderbare Ergänzung zu den analogen Biberacher Filmfestspielen! Ich habe in den letzten Monaten immer wieder mit Biberach kommuniziert, aber die ablehnende Haltung gegenüber KI kam ganz klar zum Ausdruck. Ich finde es sehr schade, wenn alte Strukturen nicht überdacht und Sponsoren nicht überzeugt werden, das führt zu keinem kreativen Miteinander. Das sehen wir doch derzeit in unseren veralteten Filmförderungssystemen. Meine KI-Filme wurden von der Förderung rigoros abgelehnt. Dabei hätten neue Arbeitsplätze geschaffen werden können, auch mit einem Augenmerk auf Innovation in Deutschland. Deutschland ist (nicht nur) in der Filmbranche weit abgeschlagen, wir wurden längst von Asien und den USA abgehängt. Und andere europäische Länder schlafen auch nicht. Deshalb ist es so wichtig, dass nun ein erstes AI Filmfestival ins Leben gerufen wurde und Firmen wie BAI Pictures nach vorne preschen können, auch wenn aller Anfang nicht einfach sein wird.

Was erwartet die ZuschauerInnen in der Stadtbuchhandlung, wo die Filme gezeigt werden?

Großartige internationale Filme aller Genres: vom Realfilm, Cartoon, Zeichentrickfilm, Dokumentation bis hin zu Arthouse, Science-Fiction oder Fantasy. Es gab leider nicht so viele Einreichungen von guten langen Filmen, da zeigen sich noch Schwächen bei den Plots und in der Durchführung. Aber ein paar sehr gute Filme sind dabei, richtige Perlen! Das AI Filmfestival in Biberach wird eine Revolution, denn wir brechen Tabus auf. Wir zeigen, das KI-Filme längst nicht mehr kleine Filmversuche sind, wie man sie auf Facebook oder Instagram oft sieht, sondern ernstzunehmende, atemberaubende Filme in neuen Looks, mit neuen Ideen und großen Emotionen. Ich bin sehr stolz, dass wir das AI Filmfestival in Biberach auf die Beine gestellt haben. Die Skepsis seitens im Vorfeld angefragter renommierter Filmhochschulen und Investoren war groß. Die Reaktionen waren: ‚KI kopiert nur und ist nicht künstlerisch gut, damit verdient man kein Geld.‘ Aber wo leben wir denn hier, wenn beinahe eine ‚Brandmauer‘ zwischen analogem und KI Film gezogen wird. Erinnern wir uns an den Aufstand des Tonfilms, des Farbfilms oder der Bühnenzeichner, die durch CGI 1979 bei Lucas Film ersetzt wurden oder zuletzt bei den Schauspieler Gewerkschaften in den USA. Vieles hat sich komplett geändert und das Publikum brennt nach wie vor für gute Filme, das wird sich auch nicht ändern. 

Sie kennen Biberach bereits, worauf freuen Sie sich?

Ich liebe die Biberacher Filmfestspiele und habe ihnen, allen voran Festivalleiter Douglas Wolfsperger, viel zu verdanken. Er war der erste Festivalleiter in Deutschland, der mutig meine KI-Filme gezeigt hat. Was gab es damals während der Festivals für einen Aufschrei und völlige Ablehnung seitens der Schauspieler und Gewerke meinen Filmen gegenüber. Aber jeder Disput hat sich gelohnt! Ich liebe Biberach und das Biberacher Publikum! Es werden unfassbare KI-Filmperlen zu sehen sein, die es so in ihrer Art noch nicht gab. Ich liebe die kleinen Restaurants und Bars in Biberach, die Kneipen und Cafés. Die schönen Plätze und die herzlichen Menschen. Ich freue mich riesig auf gute Gespräche mit den Creators und Verantwortlichen und dem Publikum und ich freue mich darauf, mit meinem Team Uli Stöckle, Tobias Meinhold und Corinna Palm den Olymp des neuen Genres in der Filmindustrie zu erklimmen: Den KI-FILM!

Autor: Roland Reck


erschienen in Oktober 2026

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