
Memmingen – Wo Goethe seinen Faust in der Hexenküche verjüngen lässt, greift Intendantin und Regisseurin Sarah Kohrs am Landestheater Schwaben in Memmingen weit in den zweiten Teil voraus: Sie holt das Homunculus-Motiv in Faust I. Statt eines Zaubertranks steht in ihrer bearbeiteten Fassung die künstliche Erschaffung eines Menschen, und aus einem Faust werden zwei, ein alter und ein junger. Das ist mehr als ein dramaturgischer Kniff: Wer heute zusieht, wie ein Mensch am Reißbrett entsteht, denkt unweigerlich an die Grenzen von Technik und künstlicher Intelligenz. Und nicht zuletzt an den Größenwahn, der dahintersteckt und einen Schöpfergott in der Rechnung überflüssig erscheinen lässt.
Es ist heute wie seit mehr als zwei Jahrhunderten: Wer immer es mit Goethes Faust aufnimmt, ist gezwungen, aus der enormen Fülle des Werks seine eigene Collage zusammenzusetzen. Dass das immer noch gut funktioniert, liegt an den grundlegenden Fragen, die im Stück verhandelt werden und die kein Alter kennen, wohl aber durch den Gegenwartsbezug stets in neuem Licht erscheinen.
Die Bearbeitung des Stoffs durch Sarah Kohrs – mit Christian Katzschmann als Dramaturg und Maximilian Martin als Regieassistent an ihrer Seite – macht Goethe in der Reduzierung aber nicht schwächer, sondern schrumpft ihn an vielen Stellen aufs Wesentliche. Dadurch kommt die Inszenierung mit lediglich fünf Darstellerinnen und Darstellern aus, die den Blick unverstellt auf die großen Fragen lenken: etwa nach Schuld und Unschuld, Gut oder Böse, richtig oder falsch. Die spartanische Bühne von Aylin Kaip mit ihren verspiegelten Quadern vervielfacht, was ohnehin gespalten ist, und zeigt den Denker Faust in ständiger Selbstbetrachtung und gibt ihm Gelegenheit, sich selbst zu erkennen – oder auch von sich selbst abgestoßen zu sein. Harald Schröpfer führt den alten Faust vom Selbstzweifel in den Starrsinn und verkörpert diesen Abstieg so einfühlsam, dass man ihn zugleich unsympathisch und bemitleidenswert findet.

Joscha Schönhaus verzehrt sich als sein junges Alter Ego indes glaubhaft und mit körperlich starkem Ausdruck nach Gretchen. Weil der Altersabstand zwischen den Liebenden wegfällt, gewinnen die Schlüsselszenen eine Glaubwürdigkeit, die bei diesem Stoff selten ist. Leonie Maraska Menzel spielt ein Gretchen, dessen Schicksal gerade deshalb besonders rührt. Bei ihr tritt auch das Unterlegene und Schwache in den Hintergrund, was ihrer Figur mehr Selbstbestimmung einhaucht. Gerade wenn sie mit Faust interagiert, haben die Szenen etwas sehr Gegenwärtiges und Heutiges, worum sich schon viele Regisseure vergeblich bemüht haben.Die stärksten Momente aber gehören Josephine Bönsch als Mephisto. Ihre sarkastische Bösartigkeit schimmert in gehässigem Spott und lässt das Spiel immer wieder ins Schaurige kippen. Ihre unheimliche Präsenz ist es, die den alten Faust ansteckt, wodurch er selbst sarkastisch wird. Und es ist nicht nur der Ökonomie der Inszenierung geschuldet, dass Mephisto sämtliche Nebenrollen übernimmt, denn: Sind wir nicht alle manchmal teuflisch oder verteufeln?
Dem Landestheater Schwaben gelingt mit seinen zwei Fäusten eine zugängliche, überraschende und stellenweise packende Verdichtung der großen Menschheitsfragen, die Goethes Text nicht beschädigt. Wie Fausts Welt aus den Fugen war, so scheint es, ist es heute auch die unsere. Die Memminger Inszenierung hat zum Glück einen Michael Naroditski als lieben Gott, der am Ende verkündet: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ In unserer realen Gegenwart ist noch offen, woher die Erlösung kommen kann, wenn wir alles entfesseln, was es zu entfesseln gibt.
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