
Der französische Jura ist die südwestliche Fortsetzung der Schwäbisch-fränkischen Alb – und gleichzeitig der topografische Höhepunkt dieses Gebirgszuges. Der Jura ist somit einer der längsten Gebirge Europas. Ein Wanderbericht.
Mit der Geißbockbahn fuhren Kalle und ich nach Friedrichshafen, stiegen dort in den Katamaran nach Konstanz und ließen uns dann von der Schweizerischen Bundesbahn über Zürich und Lausanne nach Vallorbe bringen. Der Kaffee im dortigen Restaurant am Bahnhof stimmte uns schon darauf ein, dass wir im französisch geprägten Teil Europas sind. Der Aufstieg führte uns durch dichte Wälder zu unserem ersten Quartier: „La petite Echelle“ ist eine bewirtschaftete Hochalpe auf rund 1150 m Höhe, besteht seit dem Jahr 1600 und bietet neben Kuhglocken, Käsefondue und Plumpsklo romantische Schlafplätze in Jurten – die absolute Ruhe gibt es gratis.
Der Jura besteht aus Kalkgestein. Malerische Felsen und sanfte Höhenzüge wechseln sich ab. Milch- und Viehwirtschaft sind die traditionellen Nutzungsformen, ansonsten ist der Jura weitgehend von Wald bedeckt. Oberflächenwasser gibt es nur in den Tälern, der Wanderer tut gut daran, sich morgens mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen. Das Karstgestein bildet weitverzweigte unterirdische Höhlensysteme, die an manchen Stellen spektakuläre Quellen hervorbringen, so z.B. diejenige des Doubs nahe dem Ort Mouthe. Mouthe liegt auf rund 950 m Meereshöhe und ist der kälteste Ort Frankreichs: dort wurde am 17. Januar 1985 mit – 41 °C die niedrigste jemals in Frankreich registrierte Temperatur gemessen.

Am dritten Tag durchstreifen wir schier endlose und einsame Wälder. Hauptbaumart ist die Buche, in höheren Lagen kommen die Fichte und die Tanne hinzu. Auch hier zeigt sich der Klimawandel: die Fichte leidet am meisten unter der Hitze und Trockenheit, in der Folge hat der Borkenkäfer leichtes Spiel. Durch die starke Durchmischung der Wälder sind die Ausfälle jedoch nur kleinflächig, die Waldstruktur bleibt insgesamt erhalten, das Ökosystem hat die Chance sich den veränderten Bedingungen anzupassen.
Unser nächstes Quartier ist eine einfache Hütte mitten im Wald. Das „Chalet Gaillard“ wird von einem Herrn bewirtschaftet, der früher eine gut bezahlte Stellung innehatte und sich dann entschloss, aus den Zwängen des Arbeitslebens in einer großen Firma auszusteigen. Zum Waschen gibt es Wasser aus der Zisterne, die Toilette ist ein Plumpsklo mit Sägemehl. Kein Zivilisationsgeräusch stört die Ruhe, zu hören ist nur das Zwitschern der Vögel, das Summen von Insekten, das Rauschen des Windes in den Bäumen – und das gelegentliche Klappern der Töpfe aus der Küche. Und weil es die letzte Ferienwoche in Frankreich ist, bevor die Schule wieder beginnt, sind wir trotz offizieller Hochsaison die einzigen Gäste im Haus. Erholung pur. Gelegenheit zum Runterkommen und Nachdenken über das, was im Leben wirklich wichtig ist. Der Austausch darüber mit dem Wirt wirkt anregend.
Die folgenden Tage sind körperlich fordernd: es geht auf den Hauptkamm des Jura, der mit dem Crêt de la Neige eine Höhe von 1.720 m erreicht. Nach dem Aufstieg finden wir uns in einer klassischen Weidelandschaft der Alpwirtschaft wieder. Wo Schafe gehalten werden, werden sie wegen Wolf und Luchs von aufmerksamen Herdenschutzhunden begleitet, denen wir besser großräumig ausweichen.
Angekommen auf den Höhen bot sich uns ein atemberaubender Ausblick: der tiefblaue Genfer See lag uns zu Füße, die Stadt Genf grüßte mit ihrem berühmten Springbrunnen und gegenüber winkte der imposante Mont Blanc mit seinem gewaltigen Gebirgsstock herüber. Der schweißtreibende Aufstieg war im Nu vergessen, das Vesper schmeckte angesichts dieses Panoramas doppelt gut und wir wussten nun, warum dieser Wegabschnitt des GTJ, des „Grande Randonée du Jura“, hier „Balcon du Léman“ heißt.

Die letzte Nacht in den Bergen verbrachten wir in einer einfachen Herberge. Zusammen mit einem jungen belgischen Pärchen waren wir nur vier Gäste und wurden sehr freundlich bewirtet. Zum Abendessen gab es echtes französisches Raclette, und wir unterhielten uns mit den Belgiern prächtig. Da wurde mir wieder bewusst, welchen Segen die europäische Einigung für unseren Kontinent und für unser alltägliches Leben gebracht hat: nicht nur, dass wir völlig problemlos reisen und Staatsgrenzen überschreiten können, dass wir mit demselben Geld bezahlen können, dass die Standards angeglichen sind, sondern auch dass wir einen sehr bereichernden und entspannten Austausch mit vielen Menschen aus allen Himmelsrichtungen Europas pflegen können.
Man muss sich daran erinnern: Frankreich war einmal „der Erbfeind“ Deutschlands. Im zweiten Weltkrieg waren weite Teile des Jura Sperrgebiet und als späterer Siedlungsraum für Deutschland vorgesehen. Eine Gedenktafel erinnert an die Rettung jüdischer Kinder vor dem Naziterror.
Heute, nach 60 Jahren Aussöhnung, wurden wir überall freundlich und offen begrüßt, zu einem interessierten Gespräch eingeladen und als Gäste herzlich willkommen geheißen. Aus Feinden wurden Freunde. Und da gibt es tatsächlich Parteien und Strömungen, gerade auch in Deutschland, die das alles rückgängig machen wollen und in der nationalen Abschottung das Heil sehen: Welch ein irrsinniger Verlust wäre das!
Der französische Jura ist eine beeindruckende Landschaft, nicht umsonst sind weite Teile als Naturpark ausgewiesen und genießen einen besonderen Schutz. Wer Ruhe sucht, wer durch weitläufige Wälder streifen will, wer atemberaubende Ausblicke schätzt, der ist hier richtig.
Autor: Dietrich Knapp
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Karst und Kühe






