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Zum geplanten Abriss der alten Landwirtschaftsschule
Die Osterhofer haben es gerade vorgemacht: Ein altes Gebäude kann mehr sein als ein altes Gebäude. Es kann Heimat sein, Identität stiften und Menschen zusammenbringen. Und wenn eine Dorfgemeinschaft bereit ist, selbst Geld in die Hand zu nehmen, Eigenleistungen zu erbringen und Verantwortung zu übernehmen, dann lohnt es sich offenbar, über den Erhalt eines solchen Hauses nachzudenken.
Der Gemeinderat hat dem Osterhofer Vorhaben deshalb einstimmig zugestimmt. Die Stadt übernimmt die Gestaltung der Außenanlagen, die Dorfgemeinschaft saniert das Gebäude. Geplant sind ein Backhaus, Sitzmöglichkeiten, ein kleiner Dorfladen beziehungsweise ein Automat und Toiletten. Rund 180.000 Euro soll die Sanierung kosten, 99.000 Euro müsste die Dorfgemeinschaft selbst aufbringen.
Warum sollte etwas, das in Osterhofen funktioniert, nicht auch in der Kernstadt funktionieren?
Bad Waldsee hat zwar Dorfgemeinschaftshäuser in seinen Teilorten. Aber wo ist eigentlich das Stadtgemeinschaftshaus der Kernstadt?
Vielleicht könnte es die alte Landwirtschaftsschule an der Friedhofstraße sein.
Nun ist vorgesehen, das städtische Grundstück zu verkaufen und dort die Investition von Reisch zu ermöglichen. Mehrere viergeschossige Wohnhäuser mit Flachdächern sollen entstehen, verbunden mit dem geplanten Ärztehaus. Wohnraum wird gebraucht, Ärzte werden gebraucht – dagegen lässt sich schwer etwas sagen.
Aber Stadtentwicklung ist mehr als die Frage, wie viele Quadratmeter Wohnfläche auf einem Grundstück untergebracht werden können.
Bad Waldsee lebt auch von seinem gewachsenen Stadtbild. Wer durch die Stadt geht, sieht vor allem Häuser mit Satteldächern. Das Flachdach ist hier nicht gerade das prägende Element. Und selbst wenn ein Gebäude mit Satteldach dieselbe Firsthöhe erreicht wie ein viergeschossiger Bau mit Flachdach, wirkt es eben anders. Wie konträr eine solche Architektur in der gewachsenen Umgebung wirken kann, lässt sich an der neuen Bebauung an der Biberacher Straße bereits betrachten.
Deshalb sollte man sich bei der alten Landwirtschaftsschule vielleicht nicht nur fragen: Was können wir dort bauen? Sondern auch: Was könnten wir dort bewahren und daraus machen?
Die Osterhofer haben ihr Gebäude bewahrt, weil sie bereit sind, selbst kräftig mit anzupacken. Vielleicht könnten auch die Waldseer ein solches Programm auf die Beine stellen.
Denn Vereine gibt es genug, die kein eigenes Zuhause haben. Gruppen, die sich immer wieder in Gaststätten treffen müssen. Menschen, die sich einfach einmal zusammensetzen möchten, ohne deshalb etwas konsumieren zu müssen. Und vielleicht gibt es auch genügend Bürgerinnen und Bürger, die bereit wären, sich einzubringen.
Warum also nicht einen Landwirtschaftsschulverein gründen?
Nach dem Vorbild des Kapellenvereins in Osterhofen könnten sich Vereine, Bürger und andere Interessierte zusammentun. Vielleicht mit Geld, vielleicht mit Arbeitsleistung, vielleicht mit Ideen. Ein Haus für die Kernstadt könnte entstehen – nicht als Konkurrenz zu den Vereinen, sondern als gemeinsames Zuhause.
Natürlich wird eine solche Initiative nicht die gesamte Sanierung eines Gebäudes ersetzen können. Und natürlich muss am Ende gerechnet werden. Aber bevor ein städtisches Grundstück endgültig verkauft und damit auch die Entscheidung über seine künftige Nutzung weitgehend aus der Hand gegeben wird, wäre es doch einen Versuch wert, die Bürgerschaft zu fragen: Wollt Ihr dieses Haus? Und wenn ja: Was seid Ihr bereit, dafür zu tun?
Und wenn die Stadt das Filetgrundstück an der Friedhofstraße tatsächlich verkauft, stellt sich noch eine andere Frage. Was bekommt die Stadtgesellschaft dafür zurück? Muss auf einem solchen Grundstück ausschließlich teurer Wohnraum entstehen? Oder sollte die Stadt nicht darauf bestehen, dass bei einer solchen Entwicklung auch sozial gebundener und damit bezahlbarer Wohnraum entsteht?
Schließlich verkauft die Stadt hier nicht irgendeine Wiese. Es handelt sich um städtisches Eigentum – also um Eigentum der Bürgerinnen und Bürger. Wenn dieses Grundstück veräußert wird, sollte deshalb auch ein erkennbarer Gegenwert für die Stadtgesellschaft entstehen. Ein Anteil geförderter oder preisgebundener Wohnungen wäre dafür eine Möglichkeit.
Dann hätte ein solches Projekt nicht nur ein Ärztehaus und neue Wohnungen hervorgebracht, sondern auch einen Beitrag zu einer Stadt geleistet, in der nicht nur diejenigen wohnen können, die sich die entsprechenden Preise leisten können.
Und vielleicht muss man sogar noch einen Schritt weiterdenken: Warum eigentlich entweder Bewahren oder neu Bauen?
Vielleicht könnte man die alte Landwirtschaftsschule erhalten und ihr eine neue Funktion geben. Vielleicht könnte daraus ein Haus der Vereine, ein Treffpunkt der Kernstadt, ein Ort für Veranstaltungen und Begegnungen werden. Vielleicht verbunden mit einem Teil sozial gebundenen Wohnens.
Osterhofen zeigt gerade, dass eine Dorfgemeinschaft etwas bewegen kann, wenn man sie lässt.
Vielleicht sollte Bad Waldsee deshalb einmal den Versuch machen, seine Bürger machen zu lassen. Denn eine Stadt besteht nicht nur aus Investoren, Wohnhäusern, Verkaufsflächen und Quadratmetern. Eine Stadt besteht vor allem aus den Menschen, die in ihr leben. Und die brauchen manchmal nicht noch ein neues Haus zum Wohnen, sondern ein altes Haus, in dem sie zusammenkommen können.
Nachschrift: Diesen Kommentar habe ich geschrieben, bevor die Diskussion um den Umzug der Tourist-Info ins Kornaus aufploppte. Die Landwirtschaftsschule wäre doch ein prima Standort für die Tourist-Info. Groß genug, dass alle Mitarbeiter einen schönen Platz fänden und an der Friedhofstraße mit dem großen Parkplatz verkehrsgünstig gelegen. Und die Pfeilerhalle im Kornhaus bliebe unangetastet.
Erwin Linder






























