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    Offener Brief an den Gemeinderat

    Es fehlt die ausführliche öffentliche Debatte

    veröffentlicht am: 25.09.2026
    Autor: Thomas Fricker, Markus Leser, Martin Trautmann
    Lesedauer: ca. 6 Minuten

    Zu Plänen, im Kornhaus die Tourist-Info anzusiedeln

    Nächsten Montag (28.9.) soll der Gemeinderat die Weichen stellen für eine Verlegung und Neugestaltung der Tourist-Information. Lediglich indirekt wird in der Tagesordnung deutlich, dass die Realisierung des Vorhabens zugleich den Fortbestand des Heimatmuseums in seiner jetzigen Form massiv in Frage stellen würde. Angesichts der Tragweite dieser Pläne hätte aus unserer Sicht vorab eine ausführliche und vor allem auch öffentliche Debatte stattfinden müssen. Ein paar wesentliche Informationen seien deshalb an dieser Stelle der Bürgerschaft zugänglich gemacht.

    1. Das Heimatmuseum war und ist ein, wenn nicht der wichtigste kulturelle Ankerpunkt in Bad Waldsee. Das vom Museums- und Heimatverein – mit Unterstützung der Stadt – getragene Haus betreute über Jahrzehnte hinweg nicht nur die wertvolle und stetig ergänzte Dauerausstellung zur Stadtgeschichte, sondern organisierte darüber hinaus immer wieder wegweisende Sonderausstellungen, von der überregional bedeutsamen Schau über Flugpioniere in Oberschwaben (damals organisiert maßgeblich von dem Bad Waldseer Fotografen Rupert Leser) bis hin zur Ausstellung über die Todesmärsche und Ermordung von KZ-Häftlingen in den letzten Tagen des 2. Weltkriegs durch Waldsee. Theatervorführungen, Konzerte und Lesungen vervollständigten das Spektrum der Aktivitäten, die das Kornhaus jeweils in seiner Gesamtheit beinhalteten.

    2. Dass in der amtierenden Vorstandsschaft des Museums- und Heimatvereins nach langjährigem intensiven ehrenamtlichen Engagement auch altersbedingt im Jahr 2025 der Wunsch nach Ablösung erwachte, war mehr als verständlich. Ebenso naheliegend war, dass diese Zäsur zu einer Überprüfung der Vereins- und Museumsarbeit sowie zur teilweisen Erneuerung genutzt werden sollte. Schon vor der entscheidenden Mitgliederversammlung fand sich intern eine kleine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger zusammen, die sich Gedanken über eine Fortentwicklung des Museumskonzeptes machen wollte und dazu von der Stadt ausdrücklich ermuntert wurde. Im Kreis dieser Gruppe wurde schließlich auch die Idee geboren, dass Bürgermeisterin Monika Ludy gleichsam interimsweise den Vorsitz des Museums- und Heimatvereins übernehmen sollte. So sollte die Gruppe, zu der die Verfasser dieses Beitrags gehören, genügend Zeit gewinnen, ein neues Konzept zu erarbeiten und anschließend dieses dem Verein nahezubringen.

    3. Auch wenn unsere Überlegungen noch nicht abgeschlossen waren: Unser Ziel war es, das Kornhaus zu einer einladenden Begegnungsstätte und offenen „Heimat für alle“ machen. Gerade in einer Zeit abnehmender Gemeinschaft auch in der Bad-Waldseer Stadtgesellschaft, dem Rückzug in Meinungsbubbles, gar der bewussten oder unbewussten Ausgrenzung oder schlicht Nichtwahrnehmung von unterschiedlichsten Menschen oder Gruppen, wollten wir ein Gegenmodell als Chance etablieren. Für Kultur und Dialog, als Anziehungspunkt für vielfältige Interessen und Bedürfnisse, dabei die Geschichte der Stadt mit aktuellem Geschehen verknüpfend. Zu diesem Zweck sollten Sonderausstellungen mit Ausstrahlung, aber auch lokaler Verankerung konzipiert, die Zusammenarbeit mit Schulen intensiviert, Workshops, aber auch Diskussionsabende und ähnliches mehr veranstaltet werden. Eine Cafeteria als Treffpunkt nach Events war ebenfalls Gegenstand der Überlegungen.

    4. Parallel dazu muss es bei der Stadt zu einer Neubewertung der Lage gekommen sein. Erst wurde aus dem einen geplanten Jahr Interimsvorstandsschaft ein zweites, das mit Umbauten begründet wurde, über die uns die Stadt vorher nicht informiert hatte. Dann wurde publik, dass die Stadt beabsichtige, die existierende Tourist-Info in anderer Form im Kornhaus unterzubringen. Letzteres erfuhren auch wir durch die Zeitung. Angesichts der Vorgeschichte ein – nun ja – merkwürdiges Gebaren. In einem späteren Gespräch zwischen Bürgermeisterin / Vereinsvorsitzenden und uns wurde einerseits betont, dass die Verlegung der Tourist-Info Priorität genieße. Andererseits wurde uns versprochen, die Machbarkeitsstudie zur Unterbringung der Einrichtung im Erdgeschoss des Kornhauses frühzeitig zu erhalten, um die dort angestrebten Möglichkeiten zur Doppelnutzung mit Blick auf unsere Ideen zu prüfen. Leider ist auch daraus nichts geworden.

    5. Wie aus der nun vorliegenden Tagesordnung hervorgeht, soll sich der Wirkungskreis des Museums (und damit wohl auch die Zuständigkeit des Vereins) künftig aufs erste und zweite Obergeschloss beschränken. Zum Erdgeschoss heißt es vage, dieses solle „nach Möglichkeit so ausgestaltet werden, dass eine Mehrfachnutzung möglich ist.“ Was ist, wenn diese Möglichkeit dann eben nicht entsteht? Genau das ist wohl beabsichtigt. Nur noch „kleine“ Ausstellungen sollen machbar sein sowie „möglicherweise“ Veranstaltungen mit bis zu 80 Personen. Damit wäre eine ernstzunehmende Nutzung für kulturelle Zwecke – übrigens auch eine Schau wie die Ausstellung zum Stadtjubiläum – nicht mehr möglich. Als fragwürdig erweist sich zudem das hehre Wort von zu schöpfenden Synergien. Zwar könnten die Öffnungszeiten angesichts des Personals der Tourist-Info wohl verlängert werden. Dann aber eben nur inklusive des Mobilars der laut Tagesordnung „zukunftsorientierten“ Info mit „Aufenthaltsqualität für Einheimische und Gäste“. Kunst und Kultur zwischen Prospekten und Fremdenverkehrswerbung.

    6. Offenbar hat die Stadt ihr Vorhaben bis ins Detail durchgeplant, bevor es nun dem Gemeinderat vorgelegt wird. Dazu gehört auch die Eröffnung der Möglichkeit, einen Teil der absehbaren Kosten – 700.000 Euro für die Tourist-Info-Verlegung und 100.000 Euro wohl als Bonbon fürs geschrumpfte Museum – über Mittel eines Tourismus-Infrastruktur-Programmes wieder hereinholen zu können. Bei einer Förderzusage von 65 Prozent der gesamten Investitionssumme wären das 520.000 Euro. Die Frist zur Einrichtung des Förderantrags für eine Auszahlung noch in 2027 endet am 1. Oktober, drei Tage nach der Gemeinderatssitzung. Preisfrage: Wer traut sich im Gemeinderat noch, mit „Nein“ zu stimmen“, wenn er sich anschließend des Vorwurfs erwehren muss, eine halbe Million Euro Zuschuss in den Wind zu schießen?

    Dass sich der Museums- und Heimatverein unter dem Vorsitz Monika Ludys dem Ansinnen von Bürgermeisterin Ludy widersetzt, erscheint schwer vorstellbar. Wir finden allerdings: Derlei finanzielle Erwägungen sollten eine gründliche Diskussion des Gesamtvorhabens nicht verhindern dürfen. Die Pläne der Stadt laufen auf ein Weniger an Kultur zugunsten einem Mehr an Marketing hinaus. Die Überlegungen unserer Gruppe, die dem Gemeinderat bisher vorenthalten worden sind, würden das Marketing der Stadt nicht verschlechtern, aber Kultur und Austausch in Stadt und Umland womöglich in erfrischender Weise verbessern. Gäbe die Stadt dafür 300.000 Euro aus, stünde sie übrigens auch ohne Touristik-Zuschuss finanziell kaum schlechter da als vorher. Und es wäre eine Chance, mitten in der „guten Stube“ der Stadt ein großartiges Signal des nachhaltigen, demokratischen Miteinanders zu setzen.
    Thomas Fricker, Markus Leser, Martin Trautmann

    Anm. d. DBSZ-Red.: Leserbriefe und Offene Briefe sind Meinungsäußerungen. Die Redaktion der Bildschirmzeitung akzeptiert ein breites Spektrum an Meinungen. Nicht veröffentlich werden extremistische, persönlichkeitsverletzende oder offensichtlich wahrheitswidrige Äußerungen.

    Bevorzugt veröffentlichen wir Leserbriefe zu lokalen und regionalen Themen. Aber auch Meinungsäußerungen zu allgemeinen Themen, die die hiesige Leserschaft bewegen, werden gerne entgegengenommen.

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