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Bad Wurzacher Textilbetriebe

Der radelnde Landrat machte Station bei Mode-Binder und beim Finkhof

Foto: Uli Gresser
Werner Binder begrüßt den Landrat.
veröffentlicht am: 03.09.2026
Autor: Uli Gresser
Lesedauer: ca. 7 Minuten

Bad Wurzach – Am vergangenen Dienstag, 1. September, radelte Landrat Harald Sievers in Begleitung von Bürgern durch den nordöstlichen Teil des Landkreises. Von Bad Waldsee ging es über Bad Wurzach und Arnach nach Leutkirch. In Bad Wurzach besuchte er mit der Radler-Gruppe das Modehaus Binder, in Arnach den Finkhof.

Nach dem Start am Bahnhof Bad Waldsee führte die Tour nach Bad Wurzach, wo er zunächst das Modehaus Binder besuchte; Thema dort: der regionale Einzelhandel. Nach einer Stärkung ging es weiter zur Schäfereigenossenschaft Finkhof in Arnach. Dort wurde das Thema Bekleidung aus einer anderen Perspektive beleuchtet: Herstellung und Handel von Bio-Textilien.

Im Modehaus angekommen bedankte sich der Landrat, dass er und seine Mitfahrer auf seiner Tour das Haus „der schicken Kleider“ besuchen durften. Werner Binder, der gemeinsam mit seiner Frau Kathrin und seinem Bruder Rainer die Geschäftsführung des weit über die Grenzen des Landkreises hinaus bekannten Modehaus innehat, gab zunächst der rund 15 Personen umfassenden Radlergruppe um den Landrat – Bürgermeister Schiller kam vom Rathaus herüber und stieß dazu – einen kurzen Abriss über die Entwicklung des seit knapp 100 Jahren bestehenden Familienunternehmens. Von den Großeltern wurde das Modehaus Michelberger-Binder in den 1930er-Jahren gegründet. Vom Stammhaus aus, dem heutigen Trendhouse, wuchs das Unternehmen im Laufe der Jahrzehnte zu einem regionalen  Modemagneten mit vier Häusern, dem Stammhaus Trendhouse, dem Damenmodehaus im ehemaligen Gebäude der Kreissparkasse, dem Brautmodenhaus und dem Wäsche-Haus, geleitet von Irene Fels-Binder, der Schwester von Werner und Rainer. 40 Mitarbeiter zählen die Binder-Häuser insgesamt.

Die persönliche Beratung

Kathrin Binder mit Bürgermeister Florian Schiller und Landrat Harald Sievers.

Auf die Frage von Landrat Sievers, wie sie das geschafft hätten, obwohl ja Bad Wurzach kein klassischer Handelsplatz sei, antwortete Kathrin Binder: „Wir müssen für unsere Kundinnen aktiv sein, um ein attraktives Einkaufserlebnis bieten zu können.“ Ein weiterer sehr wichtiger Faktor sei die Kundenzufriedenheit: Viele Neukundinnen kämen aufgrund von Empfehlungen. Ein großer Pluspunkt sei die Beratung, bei der auf die individuellen Bedürfnisse jeder Kundin eingegangen werde. Etwas, was es im Internet überhaupt nicht gebe.

Das Geschlossenhalten am Montag erläuterte Werner Binder so: „Die Entscheidung, montags zu schließen, war sehr wichtig. Obwohl die Geschäfte geschlossen sind, erfolgen im Hintergrund trotzdem viele Arbeiten wie Einkauf, Deko und Bürotätigkeiten.

Im Laufe der Führung durch das Haus kam die Gruppe in jenen Bereich, der laut Kathrin Binder „die Frauenherzen höherschlagen lässt“, dahin, wo 3000 hochwertige Abendkleider auf Käuferinnen warten. Die Kundinnen, die teilweise bis aus Vorarlberg und vom Bodensee her kommen, um bei Binder einzukaufen, wüssten die Beratung und Service bei Binder sehr zu schätzen.

Die Schneiderei

Bei der Führung durchs Haus durften die Gäste auch „das Allerheiligste“, die Schneiderei, besuchen. Hier werden die Brautkleider der heiratswilligen Damen in aller Ruhe mit viel Handarbeit angepasst. Auch alle sonstigen Änderungen werden hier in liebevoller, mitunter auch mühsamer Handarbeit ausgeführt.

Das Brautmodenhaus Binder ist eines der letzten Häuser, das sich ein eigenes Atelier „leistet“. Bei vielen anderen Modehäusern wurde dieser Bereich „outgesourct“ (an freie Kräfte vergeben), bei Binder gibt es fünf Schneiderinnen im Haus (daneben noch etliche Heimschneiderinnen).

Birgit Hecker, eine von fünf Näherinnen, die im Haus arbeiten; daneben beschäftigt das Modehaus Binder noch Heimschneiderinnen.

„Verkaufen kann man lernen“

Kathrin Binder konnte anhand ihrer eigenen Vita die Frage von Landrat Sievers beantworten, wieviel Talent man für den Verkauf mitbringen muss und wieviel man dazulernen kann, beantworten. Sie selbst komme aus dem landwirtschaftlichen Bereich, Mode habe sie eigentlich nie interessiert. „Und dann ist mir halt mein Mann über den Weg gelaufen.“ Sprich: „Man kann alles lernen.“

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Im Anschluss öffnete Werner Binder den Besuchern auch noch Einblicke ins Brautmodenhaus. Wenn die angehenden Bräute einen Termin zur Auswahl eines Kleides ausmachten, gebe er ihnen den Tipp, mit möglichst kleiner Entourage anzureisen. „Denn entscheiden muss letztlich die Braut selber.“

Auf die Frage was mit nicht verkauften Brautkleidern geschehe, antwortete Binder: „Zuerst wird natürlich versucht, die Kleider über reduzierte Preise zu verkaufen. Was dann gar nicht mehr verkauft werden kann, spenden wir an die Diakonie. Auch an Faschingsvereine. Und an Kindergärten.“ Dort würden die Kleider zerschnitten und die Kinder bastelten daraus etwas Neues.

Besuch im Finkhof

Finkhof-Vorständin Melanie Maier (Zweite von links) begrüßt den Landrat.

Dann machte sich die Radler-Gruppe auf den Weg nach Arnach, wo mit Waldemar Westermayer ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter und Gemeinderat der Großen Kreisstadt Leutkirch und mit Anna Maria Ostermeier die Landrat-Stellvertreterin dazustießen. Mit Melanie Maier nahm die Vorsitzende der Finkhof-Genossenschaft die Gruppe unter ihre Fittiche. Sie stellte die vor mehr als 50 Jahren in Isny gegründete Genossenschaft vor und beschrieb, wie sie den Weg nach Arnach gefunden hatte. Sie sprach auch davon, dass die Genossen der ersten Generation auch harte Zeiten gehabt hatten, wo sie von der Hand in den Mund leben mussten. 1978 hatten die Alt-Genossen ­– seit 2018 hat eine neue Generation von Genossen die Geschäfte beim Finkhof übernommen ­– den Arnacher „Adler“ übernommen und bis Ende der 1980er-Jahre auch als Gaststätte betrieben. Kerngeschäft aber war schon damals der Handel mit Wollprodukten, auch die Erzeugung. Die  Genossen haben eine Schäferin mit Herde, um den Nachschub an Schafswolle zu erhalten. Der Handel aber sei inzwischen dominant.

Waldemar Westermayer (links), der frühere Bundestagsabgeordnete, kommunalpolitisch immer noch aktiv, und Josef Forderer, ehemaliger Kreisrat.

Inzwischen ist der Name Finkhof, wegen des florierenden Versandhandels, in ganz Süddeutschland, ja sogar in der ganzen Bundesrepublik ein Begriff. Die Genossenschaft beschäftigt knapp 50 Mitarbeiter. Im April wurde der erste Spatenstich für das neue Versandgebäude getätigt. Die Finkhöfler legen großen Wert auf Qualität. „Kaum ein Betrieb hat eine so hohe Zertifizierungsquote wie wir“, erklärte Melanie Maier den Besuchern. Die aktuelle Auflage ihres Kataloges beträgt 70.000 Exemplare. „Sobald es kälter wird, steigen die Anfragen und Bestellungen.“ Natürlich können nicht alle Produkte, die verkauft werden,  selbst hergestellt werden, aber die Finkhof eG lässt nach Möglichkeit ihre Produkte in der Umgebung produzieren, um auch die Wertschöpfung in der Region zu behalten. Das im Katalog angebotenen breite Produktportfolio, vom Strickgarn bis zur Matratze, zeichnet die Finkhof-Genossenschaft aus.

Im Rahmen der Führung. besuchte die Gruppe um Landrat Harald Sievers zunächst den ehemaligen Gastraum des „Adlers“, dessen Vertäfelung noch weitgehend original ist und noch immer die Atmosphäre der damaligen Zeit erahnen lässt. Heute ist darin das Stofflager untergebracht. Auf einem großen Tisch wird die Meterware konfektioniert.

In Arnach angekommen

Dass die Genossenschaft in Arnach „angekommen“ und inzwischen fest im Dorfleben verankert ist, zeigt die Tatsache, dass bei der Neugestaltung des Dorfplatzes dort ein Schäfchen-Brunnen errichtet wurde.  Und auch die Arnacher Narrenzunft „D‘ Schoafböck“ hatte sich bei der Gestaltung ihrer Figuren von der Genossenschaft inspirieren lassen.

Bei der Führung durch die Räume kamen die Besucher auch in die Weberei, wo eine Mitarbeiterin gerade einen Wollschal mit Regenbogen-Farben auf ihrem Webstuhl bearbeitete.

Abschluss in Leutkirch

Zum Abschluss der Radtour mit dem Landrat ging es noch nach Leutkirch, wo die Gruppe auf der hochmodernen Kartbahn „Battlekart“ noch einige Runden durch virtuelle Welten drehen konnte.
Text und Fotos: Uli Gresser

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