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    Gastkommentar

    Eine Mauer, die nie gefallen ist

    veröffentlicht am: 13.08.2026
    Autor: Stefan Weinert
    Lesedauer: ca. 4 Minuten

    Am 13. August vor 65 Jahren begann die DDR mit dem Bau der Mauer, die Deutschland bis 1989 teilte.

    Es gibt Daten, die sich in das kollektive deutsche Gedächtnis ritzen wie Tattoos auf den Oberarm. Der 13. August 1961 ist eines davon. An diesem Morgen erwachte Berlin in einer neuen Realität: Die Mauer, die angeblich nie gebaut werden sollte, wurde von Ostberliner Arbeitern – flankiert von DDR-Grenzsoldaten – hochgezogen. Nicht als Idee, nicht als Drohung – sondern als Tatsache. Beton, Draht, Wachtürme. Eine Architektur der Angst. Bis sie das gesamte Nachkriegsdeutschland teilte. Bis zum 9. November – einem weiteren deutschen Schicksalstag – 1989. 

    Doch die Geschichte der Mauer endet nicht 1989. Sie bekam nur einen anderen Namen.

    Als die Mauer fiel, jubelte der Westen – und der Osten hoffte. Doch die Hoffnung wurde schnell zur Ernüchterung. Die DDR verschwand nicht nur politisch, sondern anthropologisch: Ihre Institutionen und Betriebe wurden abgewickelt, menschliche Biografien wurden entwertet, ihre Identität delegitimiert.

    Die Treuhand schloss Betriebe im Akkord. Millionen verloren Arbeit, Status, Zukunft. Die westdeutsche Erzählung lautete: „Ihr seid frei – und jetzt beginnt euer Leben endlich richtig.“

    Doch für viele begann etwas anderes: Ein Gefühl, überflüssig zu sein. Ein Gefühl, dass die eigene Vergangenheit nicht zählt. Ein Gefühl, dass man/frau nicht angekommen ist, sondern eingemeindet wurde.

    Die Mauer fiel – aber die Asymmetrie blieb.

    Die politische Spätfolge: ein Osten, der sich abspaltet
    Heute, im August 2026, zeigt sich die Langzeitwirkung dieser zweiten Entwertung. In vielen Regionen des Ostens ist die AfD übermäßig stark. Nicht, weil „der Osten fremdenfeindlich“ wäre – diese Erklärung ist bequem und falsch. Sondern weil dort ein kollektives Gefühl entstanden ist, nicht gehört, nicht respektiert, nicht gemeint zu sein.

    Die Fremdenfeindlichkeit ist nicht die Ursache, sondern das Symptom. Das eigentliche Problem ist ein jahrzehntelang gewachsenes Gefühl von Missachtung. Eine Mauer, die nicht aus Beton besteht, sondern aus Erfahrung.

    Und genau diese Mauer – die Mauer der Entwertung – ist nie gefallen.

    Die neue Mauer: gebaut aus Schweigen, Opportunismus und Verwaltungsroutine
    Die Mauer von 2026 besteht aus drei Materialien:

    • Schweigen, das sich als „Sachlichkeit“ tarnt.
    • Opportunismus, der sich als „Verantwortung“ ausgibt.
    • Verwaltungsroutine, die jede Abweichung als Störung empfindet.

    Sie steht nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Bürgern und Institutionen, zwischen Fragen und Antworten, zwischen Problemen und Lösungen. Sie steht in Sitzungszimmern, in Ausschüssen, in Amtsstuben – und manchmal mitten in Ravensburg.

    Die alte Mauer war brutal ehrlich: Sie zeigte offen, was sie war. Die neue Mauer ist höflich, korrekt, regelkonform – und gerade deshalb gefährlicher.

    Die Mauer von 1961 war ein Angriff auf die Freiheit. Die Mauer von 2026 ist ein Angriff auf die Verantwortung.

    Die DDR-Mauer sagte: „Du bleibst, wo du bist.“ Die 2026-Mauer sagt: „Wir bleiben, wie wir sind.“

    Die DDR-Mauer hinderte Menschen am Weggehen. Die 2026-Mauer hindert Institutionen am Hinsehen.

    Die DDR-Mauer war ein Bauwerk der Angst. Die 2026-Mauer ist ein Bauwerk der Bequemlichkeit.

    Die Psychoanalyse des Schweigens
    Wenn eine Gesellschaft beginnt, Konflikte zu vermeiden, statt sie zu lösen, entsteht eine Mauer. Wenn Behörden beginnen, Bürger als Störung zu empfinden, entsteht eine Mauer. Wenn Politik beginnt, Kritik als Angriff zu interpretieren, entsteht eine Mauer.

    Diese Mauer ist nicht aus Stein, sondern aus Abwehrmechanismen:

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    • Verdrängung: „Das Problem gibt es nicht.“
    • Rationalisierung: „Das Problem ist kompliziert.“
    • Projektion: „Das Problem sind die Kritiker.“
    • Regression: „Das haben wir schon immer so gemacht.“

    Die Mauer fällt nicht, weil sie niemand baut – sondern weil sie alle bauen.

    Warum diese Mauer nie gefallen ist
    Weil sie bequem ist. Weil sie uns schützt – nicht vor Feinden, sondern vor Verantwortung. Weil sie uns erlaubt, wegzusehen, ohne uns schuldig zu fühlen. Weil sie uns vorgaukelt, dass Ruhe ein Zeichen von Ordnung sei, nicht von Erstarrung.

    Die Mauer von 1961 fiel, weil Menschen sie nicht mehr ertrugen. Die Mauer von 2026 bleibt stehen, weil Menschen sie nicht mehr bemerken.

    Und jetzt?

    Die einzige Abrissbirne, die gegen diese Mauer wirkt, ist öffentliche Sprache. Nicht Geschrei, nicht Empörung – sondern klare, beharrliche, unbequeme Sprache. Sprache, die nicht fragt, ob sie genehm ist. Sprache, die nicht wartet, bis sie eingeladen wird. Sprache, die Mauern nicht akzeptiert, nur weil sie unsichtbar sind.

    Vielleicht ist der 13. August 2026 der Tag, an dem wir begreifen: Die gefährlichste Mauer ist die, die wir für normal halten.
    Stefan Weinert

    Stefan Weinert (74), pensionierter Sozialarbeiter aus Ravensburg, betreibt den Blog Schussental-Medial. Den Zugang zu seinem Blog haben wir unter dem roten Link-Balken in der rechten Spalte hinterlegt.

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    Stefan Weinert
    veröffentlicht am
    13.08.2026
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