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Hechelmanns Nils Holgersson

Sonderausstellung in der Kunsthalle Friedrich Hechelmann im Schloss Isny

Foto: Herbert Eichhorn
Nils Holgersson. Der Start.
veröffentlicht am: 03.08.2026
Autor: Herbert Eichhorn
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Isny – Schloss Isny, das heute neben der Hechelmann-Kunsthalle auch Museum und Galerie der Stadt beherbergt, ist vielleicht das Hauptwerk des Künstlers. 25 Jahre lang hat er dort immer wieder neue Räume erschlossen. Die – auch materielle – Basis dafür schuf er natürlich durch seinen Erfolg als Künstler, vor allem als Illustrator. Seine Illustrationen zum Kinderbuchklassiker „Nils Holgersson“ werden derzeit dort in einer Ausstellung präsentiert.

Blick in die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn

Friedrich Hechelmann als Illustrator

Friedrich Hechelmann hat als Maler, als Bühnenbildner, als Filmemacher und als Kinderbuchautor gearbeitet. Aber den Kern seines Werkes bilden sicher seine Illustrationen zu den unterschiedlichsten literarischen Stoffen. Das Spektrum der fast 40 Werke, die der Künstler illustriert hat, ist erstaunlich breit. Es reicht von William Shakespeares „Sommernachtstraum“ über Giovanni Boccaccios „Decamerone“ und Michael Endes „Momo“ bis zu Cornelia Funkes „Geisterritter“. Ein Höhepunkt in diesem Teil seines Schaffens ist sicher Hechelmanns 2006 im Pattloch-Verlag erschienene illustrierte Bibel. Einige Bilder aus seinem Bibel-Projekt sind übrigens auf der Empore der Marienkapelle zu sehen. Die in den Jahren 2012/2013 geschaffenen Illustrationen zu Selma Lagerlöfs „Nils Holgersson“, die nun in einer Sonderausstellung in der Kunsthalle Friedrich Hechelmann in Schloss Isny zu sehen sind, waren eine der späteren Illustrationsarbeiten des Künstlers.

Der Schweinehirt, 1975. Foto: Herbert Eichhorn

Die frühen Märchenillustrationen

Friedrich Hechelmann, der 1948 in Isny geboren wird, studiert ab 1969 an der Akademie der Bildenden Künste in Wien Malerei. Dort ist er Meisterschüler bei Rudolf Hausner, einem der Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus. Zum Ende seines Studiums wird Hechelmann 1972 mit dem Preis der Akademie ausgezeichnet. In den 1970er-Jahren sind es dann zuerst seine Illustrationen, mit denen der junge Künstler für Aufmerksamkeit sorgt. Bezeichnenderweise sind es durchweg Märchenstoffe der deutschen Romantik, mit denen er sich in diesen legendären Frühwerken beschäftigt: Wilhelm Hauffs „Zwerg Nase“, Adelbert von Chamissos „Riesenspielzeug“ und E.T.A. Hoffmanns „Klein Zaches, genannt Zinnober“. Der Stil dieser frühen Arbeiten ist eigenwillig. Figuren mit teilweise skurril überzeichneten Physiognomien bewegen sich in detailreich geschilderten phantastischen Räumen voll überbordendem Dekor. Der Einfluss des Phantastischen Realismus ist deutlich. Einige Beispiele dieser frühen Märchenszenen sind in der sogenannten Privatgalerie der Hechelmann-Kunsthalle zu sehen. Im Lauf der Jahre wird der Illustrationsstil des Künstlers dann geschmeidiger, vielleicht auch poetischer.

Blick in die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn

Nils Holgersson

Einige Jahrzehnte und viele erfolgreiche Illustrationsprojekte später wendet der Künstler sich also diesem berühmten Kinderbuchklassiker zu. „Nils Holgersson, Nils Holgersson. Fliegt mit den Gänsen davon“: Mancher hat das Liedchen im Walzertakt vielleicht noch im Ohr, mit dem die Episoden der gleichnamigen japanischen Zeichentrickserie begannen, die in den frühen 1980er-Jahren mit großem Erfolg im deutschen Fernsehen liefen. Das Buch wurde dadurch damals noch einmal richtig populär. In Deutschland war es aber auch zuvor schon das bekannteste Werk der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf. Ihre großen Romane wie „Gösta Berling“ oder „Jerusalem“, für die sie 1909 den Nobelpreis für Literatur erhielt, kennt man dagegen kaum.

Die Begegnung mit der Bärin. Foto: Herbert Eichhorn

Poetische Landeskunde und Coming-of-Age-Geschichte

„Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“, so der ganze Titel, 1906/07 erschienen, war ursprünglich gar nicht als Kinderbuch gedacht. Es entstand als Auftrag des schwedischen Volksschullehrerverbandes, dem eine Art literarisches Geografiebuch vorschwebte. Die Autorin, selber eine erfahrene Lehrerin, lieferte schließlich eine poetische Landeskunde, in die sie Fakten, aber auch Geschichten und Sagen aus allen Regionen Schwedens einfließen ließ. Und sie schuf mit ihrer Geschichte des geläuterten Nils Holgersson aber gleichzeitig einen bis heute berührenden Entwicklungsroman, was sicher auch Hechelmann an dem Stoff interessiert hat. Heute würde man Selma Lagerlöfs Buch wahrscheinlich einen Coming-of-Age-Roman nennen. Die Story ist schnell zusammengefasst: Der 14jährige Bauernsohn Nils Holgersson wird, u.a. zur Strafe dafür, dass er Tiere gepiesackt hat, in einen Winzling verzaubert. Zusammen mit dem Gänserich Martin schließt er sich einer Schar von Wildgänsen an und kommt mit dieser durch verschiedene schwedische Landschaften und Städte. Dabei bewährt er sich in vielen Situationen und entwickelt sich zu einem verantwortungsbewussten jungen Mann. Er kehrt schließlich zum elterlichen Hof zurück und wird wieder zum Menschen zurückverwandelt.

Die Begegnung mit dem Fischer (Ausschnitt). Foto: Herbert Eichhorn

Hechelmanns aufwändige Maltechnik

Für das Buchprojekt des Knesebeck-Verlags wurde die über 100 Jahre alte Übersetzung von Pauline Klaiber-Gottschau komplett überarbeitet und modernisiert. Für die kleinen Gemälde mit den Schlüsselszenen aus dem Roman verwendet Friedrich Hechelmann wie in den meisten seiner Werke ein geradezu altmeisterliches Malverfahren: Mit feinem Pinsel malt er in einer aufwändigen Lasur-Technik auf zuvor mit einer Kreidegrundierung versehenem Papier. In der Ausstellung, in der die Auswahl von Originalen ohne störendes Glas präsentiert wird, lässt sich seine akkurate Malweise schön beobachten. Daneben entstehen für das Buch auch noch kleine Vignetten als Buchschmuck und Zeichnungen für das Vorsatzpapier.

Die Modellfigur. Foto: Herbert Eichhorn

Die Modellfigur

Der Künstler wählt neben den Szenen mit den Schwänen und den Bildern von den überflogenen Landschaften und Städten vor allem solche Situationen aus, in denen sich ein kleines Drama abspielt. So beeindrucken etwa die Begegnungen Nils Holgerssons mit der Bärin in einer Schlucht oder mit dem Fischer in den Schären vor Stockholm schon allein durch die unterschiedlichen Größen der handelnden Figuren. Gerade die stimmigen Größenverhältnisse zwischen dem geschrumpften Jungen und Tieren und Menschen waren Hechelmann ein besonderes Anliegen. Um sich diese anschaulich zu vergegenwärtigen, baute er sich eigens eine kleine Modellfigur von Nils Holgersson, die in der Ausstellung auch präsentiert wird. Diese Figur gibt dem Besucher einen reizvollen Einblick in den künstlerischen Arbeitsprozess. Sie belegt, wie sorgfältig Friedrich Hechelmann seine Illustrationen vorbereitet hat und wie sehr er gerade bei diesem Auftrag darauf bedacht war, Fantasie und genaue Wirklichkeitsbeobachtung in Einklang zu bringen.

Blick in die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn

Die Sonderausstellung, die noch bis Mitte November gezeigt wird, ist in die Dauerpräsentation der Kunsthalle Friedrich Hechelmann eingefügt. Der Besucher kann so gut den Wechselwirkungen zwischen diesen Illustrationen und den – meist größerformatigen – freien Arbeiten des Künstlers nachgehen. Überhaupt bietet die in der Kunsthalle gezeigte Werkauswahl einen guten Überblick über das Gesamtschaffen dieses „Romantikers des 20. Jahrhunderts“, wie der 2024 verstorbene Isnyer einmal genannt wurde.
Bericht und Bilder: Herbert Eichhorn

In der Bildergalerie gibt es weitere Impressionen aus der Ausstellung. Fotos: Herbert Eichhorn

Ausstellung „Die wunderbare Reise. Nils Holgersson in Originalbildern von Friedrich Hechelmann“

20. März bis 15. November 2026

Kunsthalle Friedrich Hechelmann im Schloss Isny

Montag, Donnerstag und Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr; Samstag, Sonntag und Feiertag 10.00 bis 17.00 Uhr.

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Herbert Eichhorn
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03.08.2026
Lesedauer: ca. 6 Minuten
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