Sepp Mahler als Wanderer zwischen Bild-Welten
Kressbronn / Bad Wurzach – Sepp Mahler und sein Werk glaubt man zu kennen und hat dabei meist bestimmte Motive vor Augen: eben der Moormaler aus Wurzach. Eine Ausstellung im Kunstmuseum Lände in Kressbronn stellt den Künstler nun in den Kontext des allgemeinen, ja internationalen Kunstgeschehens zwischen den beiden Weltkriegen.

Blick in die Ausstellung, im Vordergrund Günther Wendts Landschaftsbild mit einem Braunkohletagebau. Foto: Herbert Eichhorn
Bilder aus Brandenburg am Bodensee
Die neue Ausstellung wurde konzipiert von Ulrike Kremeier, der Direktorin des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst in Cottbus. Außer in Kressbronn wird sie daher auch noch in Frankfurt (Oder) zu sehen sein. Die ausgewählten Arbeiten stammen vor allem aus der Sammlung der Lände, aus dem Nachlass von Sepp Mahler in Bad Wurzach und aus den Beständen des Brandenburgischen Landesmuseums. Letzteres erklärt auch, warum viele der gezeigten Künstlerinnen und Künstler den Ausstellungsbesuchern am Bodensee eher nicht geläufig sein dürften. Viele stammen aus der Berliner oder aus der Dresdener Kunstszene oder kommen aus anderen Regionen Mittel- und Norddeutschlands. Oft zeigen sie ein ausgesprochenes Gespür für das gesellschaftliche Klima der Weimarer Republik und ergreifen zum Teil mit ihren Werken auch engagiert Partei. Es gibt in der Ausstellung auf alle Fälle viel zu entdecken an faszinierender Malerei, Zeichnung, Druckgrafik und Fotografie.

Walter Ballhause, „Räder statt Beine“, 1930. Foto: Herbert Eichhorn
Soziale Probleme und politische Konflikte
Welch ganz unterschiedliche Strömungen der Kunst jener Epoche die Kressbronner Präsentation in den Blick nimmt, wird schon durch deren Titel und Untertitel signalisiert: „Geträumte Wirklichkeiten. Sachliche, expressive, poetische und politische Blicke auf den Alltag der Jahre 1920-1940“. Die großen sozialen Probleme und die heftigen politischen Konflikte, die die Epoche prägen, bilden den Hintergrund von allem, was in der Lände jetzt zu sehen ist. Dabei werden in einem Teil der Arbeiten die gesellschaftlichen Realitäten ganz direkt thematisiert. In anderen finden Träume und Albträume sowie unterschiedlichste Fluchtbewegungen ihren Niederschlag, mit denen Gesellschaft und Künstler auf die Situation reagieren. Der unerwartete Clou der Auswahl ist dann allerdings, dass ausgerechnet die Schöpfungen des Oberschwaben Sepp Mahler die so verschiedenen künstlerischen Ansätze verknüpfen. Die Gemälde und Papierarbeiten des Wurzachers durchziehen die Ausstellung, wie es im Flyer heißt „als eine Art mäandernder roter Faden oder wie Wanderer zwischen (Bild-) Welten“.

Die Spiegelungen machen das Aquarell „Seelen“, 1925, von Sepp Mahler noch etwas rätselhafter als es so schon ist. Foto: Herbert Eichhorn
Traumszenen
Die Präsentation in der Lände zieht sich über zwei Ebenen. Auf der ersten Ebene werden zunächst fantastische Gegenwelten, aber auch mit expressionistischem Pathos vorgetragene Utopien in exemplarischen Beispielen gezeigt. Auch das Nebeneinander von gegenständlichen und ungegenständlichen Formensprachen ist für den Besucher hier eindrucksvoll erfahrbar. Traumszenen und zum Teil fast Bizarres bildet den Auftakt. Hier gibt es zum Beispiel die Radierungen des Hamburgers Alexander Friedrich aus dessen Serie „Die Wandlungen des Geträumten“ zu entdecken. Sepp Mahlers rätselhaftes Aquarell „Seelen“, in dem zusammengekauerte Frauenakte im Weltall zu schweben scheinen, passt hier natürlich wunderbar. Alle diese Arbeiten weisen auch noch zurück auf die Kunst des späten 19. Jahrhunderts, vor allem auf die Rätselbilder des Symbolismus. Auch Siegmund Freuds epochemachende Schrift „Traumdeutung“ von 1899 wirkt hier nach.

Alexander Rodtschenkos Linolschnitte, 1918/19. Foto: Herbert Eichhorn
Konstruktivismus
Ein weiteres Kapitel ist dann den abstrakten und konstruktivistischen Strömungen der Zwischenkriegszeit gewidmet. Blickfang ist hier der an der Stirnwand des Raumes präsentierte Zyklus von Linolschnitten des Russen Alexander Rodtschenko aus den frühen Jahren der Sowjetunion. Für eine kurze Phase steht damals die radikal ungegenständliche und geometrische Kunst des Konstruktivismus für die Utopie einer besseren Welt, auf die man zustrebt. In den etwa 20 Jahre später entstandenen Werken von Martha Hoepffner– sie stammen übrigens aus der Sammlung der Lände – wird dieser Kunst dann noch einmal Referenz erwiesen, etwa in Blättern wie „Hommage à Kandinsky“. Die Künstlerin nutzt dafür die experimentelle Technik des Fotogramms.


Aquarelle und Zeichnungen aus Sepp Mahlers „Sturm“-Mappe, 1924. Foto: Herbert Eichhorn
Zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion
Auf den Weg der Abstraktion begibt sich Sepp Mahler nicht. Er bleibt in der Gegenständlichkeit. Aber der streng-geometrische, manchmal kristalline Formenkanon der konstruktivistischen Kunst wirkt auch in sein Schaffen hinein. Das ist in der Ausstellung schön zu sehen an den Zeichnungen und Aquarellen, die Mahler Mitte der 1920er-Jahre in der Berliner Avantgarde-Galerie „Der Sturm“ ausstellte. Ebenfalls zwischen gegenständlicher und abstrakter Bildsprache bewegen sich auch die gleich daneben gezeigten farbigen Malereien auf Papier des Berliner Künstlers Paul Fuhrmann. Da ist zum einen das geradezu fiebrige Blatt, das die biblische Geschichte vom Tanz um das goldene Kalb schildert, sicher auch gedacht als Kritik an der eigenen Zeit. Hier dominiert figurenreich das Erzählerische. In seinem ungefähr gleichzeitig entstandenen Werk „Aufbruch“ stehen dagegen spitz züngelnde ungegenständliche Formen für die Dynamik der ersehnten gesellschaftlichen Umbrüche.
Die sozialen Wirklichkeiten werden dann von den Kunstwerken auf der zweiten Ausstellungsebene thematisiert. Im Treppenaufgang, der dort hinauf führt, hängen weitere Werke von Sepp Mahler. Darunter findet sich auch das attraktive kleine Temperabild aus der Sammlung der Lände, das als Plakatmotiv ausgewählt wurde. Das Motiv bezieht sich auf Maxim Gorkis berühmtes Schauspiel „Nachtasyl“, das eine Reihe gescheiteter Existenzen in einem schäbigen Obdachlosenheim zusammenführt. Das kleine Bild steht für das ausgeprägte Mitgefühl des Künstlers für solche verlorene Außenseiter vom Rand der Gesellschaft, die Mahler auch „Niemandsleute“ nennt.

Sepp Mahler, „Fabrikland“, 1926. Foto: Herbert Eichhorn
Rauchende Schornsteine
In diesem Bereich der Ausstellung wird eine von Industriearbeit geprägte Lebenswelt sichtbar. Gleichsam wie Signets der neuen Zeiten ragen rauchende Fabrikschlote in die Höhe. Am eindrucksvollsten ist hier vielleicht die Schilderung der durch den Braunkohletagebau aufgerissenen Landschaft im Gemälde des Senftenberger Malers Günther Wendt. Arbeit ist tatsächlich auch ein wichtiges Thema bei Sepp Mahler, wobei einem bei ihm zuerst natürlich die Darstellungen aus den Wurzacher Torfwerken in den Sinn kommen. Aber auch bei ihm ragt in einem Aquarell zwischen Abraumhalden ein Schornstein empor. Und der Künstler hat gerade in diesem Blatt auch die drastischen Folgen der Ausbeutung im Blick, wenn er eine Kolonne gebückt daherkommender Arbeiter und die Grabkreuze eines Friedhofs ins Bild rückt.

Tina Bauer-Pezellen, „Das kranke Kind“, 1931. Foto: Herbert Eichhorn
Künstler ergreifen Partei
Not und Krankheit als Nachwirkungen des Krieges, aber vor allem als Begleiterscheinungen der Industriearbeit sind das Thema von zahlreichen Exponaten. Bezeichnend ist etwa, dass gleich zwei Arbeiten eine Mutter mit einem kranken Kind zeigen, beide ganz typisch für die beiden Künstlerinnen Tina Bauer-Pezellen und Lea Grundig, die in Kressbronn mit einer ganzen Reihe von druckgrafischen Arbeiten vertreten ist. Das Schaffen von Lea Grundig kann exemplarisch stehen für die politisch interessierten und dann auch politisch engagierten Künstler dieser Epoche. Ihr Ehemann Hans Grundig wäre ein weiteres Beispiel. Sie schließt sich der kommunistischen Partei an und ist dann als Jüdin im Dritten Reich natürlich doppelter Verfolgung ausgesetzt. Sie sitzt – wie ja auch Sepp Mahler – eine Zeitlang in Haft, kann schließlich aber emigrieren. In der DDR wird sie dann zu einer einflussreichen Kulturfunktionärin. Nach der Not und dem Elend, das in diesem Teil der Ausstellung von den Künstlerinnen und Künstlern zum Thema gemacht wird, endet die Ausstellung dann mit einem ganz anderen Ton: Der liegende Frauenakt von Fritz Tröger zählt zu den in der nüchternen Bildsprache der sogenannten Neuen Sachlichkeit gehaltenen Stücken in der Auswahl. Das Gemälde erinnert in seiner unterkühlten Entspanntheit aber auch an die Werke des großen Schweizer Malers Félix Vallotton.

Hans Grundig, „Straßenbild“, 1922, und Fritz Tröger, „Liegender weiblicher Akt“, 1924. Foto: Herbert Eichhorn
Sepp Mahlers Bilder als roter Faden
Man kommt als Besucher vielfach angeregt aus dieser Ausstellung, die so viele unterschiedliche Aspekte der Kunst zwischen den beiden Weltkriegen so schlüssig vor einem ausbreitet: viele Bilder, die man noch nie gesehen hat, viele Künstlernamen, die man bisher nicht kannte. Glücklich der Besucher, der ein Smartphone dabeihat und in der Ausstellung oder später auf der Terrasse des Lände-Cafés noch ein paar Fakten googeln kann. Wobei die Ausstellung auch dann gut funktioniert und einem Freude macht, wenn man nichts weiß über die gezeigten Künstlerinnen und Künstler. Und schließlich bleibt da natürlich immer noch die Überraschung, dass es Arbeiten Sepp Mahlers sind, die den roten Faden dieser klug gemachten Ausstellung bilden – und wie überzeugend das gelingt.
Herbert Eichhorn
Weitere Bilder aus der Ausstellung nachstehend in unserer Galerie, Fotos: Herbert Eichhorn.
Bis 23. August
Ausstellung „Geträumte Wirklichkeiten. Sachliche, expressive, poetische und politische Blicke auf den Alltag der Jahre 1920-1940“
Noch bis 23. August 2026
Kunstmuseum Lände, Seestraße 24, Kressbronn
Freitag und Samstag 15.00 bis 17.00 Uhr
Sonntag 14.00 bis 17.00 Uhr
Weiter Informationen: www.kunstmuseum-laende.de
Den Zugang zur Webseite der „Lände“ haben wir unter dem roten Link-Balken in der rechten Spalte hinterlegt




















