
Bad Waldsee – Auf der Heimfahrt hör’ ich die 18-Uhr-Nachrichten und erfahre, dass 70.000 Menschen in einer Petition den Bundestag auffordern, „das Recht auf ein Leben ohne Digitalzwang ins Grundgesetz“ aufzunehmen. Gehört dazu auch das Recht auf eine gedruckte Zeitung, frag’ ich mich?
Im Logistikdepot von Mekuria, dem Zustelldienst von Schwäbisch Media, in Bad Waldsee wurde diese Frage so nicht gestellt, aber die kleine Besuchergruppe von Ü60- und Ü70-Jährigen würde wohl zu den Befürwortern gehören, denn es geht um ihre Zeitung, die sie zwar noch sechsmal in der Woche erhalten, aber nicht mehr zum Frühstück, sondern zum Abendbrot – und es ist die Zeitung für morgen. Das bricht mit einer tiefsitzenden Gewohnheit. Wozu?
Print ist mächtig unter Druck. Und eine Abonnenten-Zeitung wie die Schwäbische Zeitung besonders. Ihr Verbreitungsgebiet ist groß im ländlichen Raum mit weiten Wegen und deshalb teurer Zustellung, die mit jeder Kündigung für den schwindenden Rest noch teurer wird. Und die Zustellung am frühen Morgen, wie bisher, braucht viele hartgesottene FrühaufsteherInnen, die bei Wind und Wetter meist noch im Dunkeln die Tageszeitung in die Briefkästen stecken. Es sind die wahren HeldInnen, die für die morgendliche Zeitungslektüre sorgen, die immer weniger werden. Das System ist hochgradig störungsanfällig.

Die Heilung soll Mekuria bringen zusammen mit der Post von Südmail, den Paketen von Hermes und obenauf der Schwäbischen und das einmal am Tag gegen Abend, wenn die AdressatInnen zu Hause sind. So experimentierte man zunächst in Bad Saulgau und will nun bis Ende des Jahres auch im übrigen Verbreitungsgebiet der Schwäbischen Zeitung so verfahren. Damit „stemmen wir uns gegen das Verschwinden der gedruckten Zeitung“, erklärt der Geschäftsführer des Schwäbischen Verlags und der SV-Gruppe Lutz Schumacher in der Schwäbischen Zeitung (6. Mai 2026). Aber das Zeitungsgeschäft ist heikel, das weiß man am besten in Ravensburg beim Schwäbischen Verlag. Liebe Gewohnheiten zu schleifen provoziert Kündigungen, insbesondere wenn der Frust über die mangelnde Qualität der Zeitung schon groß ist.
Das bekam auch der neue Chefredakteur Christoph Reisinger zu hören, der extra zur Leserinformation nach Bad Waldsee ins Logistikdepot kam. 3 Euro 10 für ein paar Lokalseiten, die gefüllt sind mit wenig relevantem Lokalem, stattdessen mit Nachrichten von irgendwo und die Vereinsseiten von den Lesern selbst stammen, kritisiert eine Rentnerin in ruhigem Ton das Preis-Leistungsverhältnis und erhält Kopfnicken in der Runde.
Von einem Imageproblem, das die Krise der Zeitung verschärft, will der Chefredakteur freilich nicht sprechen. Er verweist viel mehr auf die Beruhigung, die sich auf Seiten der Kritiker seit seinem Kommen im letzten Jahr eingestellt habe. Aber das ist nicht das Anliegen der Leserin, es geht ihr nicht um die überregionale Berichterstattung und deren Schlagseite, sondern um die mangelnden Lokalnachrichten und deren Aktualität. Dass die Abendzustellung auf Kosten der Aktualität geht und die fehlende Montagsausgabe – stattdessen gibt es eine Sonntagsausgabe, die am Samstagnachmittag geliefert wird – Lücken hinterlässt, räumt der Chefredakteur ein. Die fehlenden Sport- und Wahlergebnisse vom Sonntag, die zukünftig erst am Dienstag nachzulesen seien, bereiten ihm auch „Phantomschmerzen“, so Reisinger. Aber das Rennen gegen online sei eh nicht zu gewinnen, konstatiert der Zeitungsmacher. Die Zeitungsleserin, die seit 40 Jahren die Zeitung beim Frühstück gelesen hat, sieht es noch nüchterner: in fünf Jahren gäbe es keine gedruckte Schwäbische mehr! Der Boss des Schwäbischen Verlags Lutz Schumacher erhöht im Interview mit seinem Chefredakteur auf zehn Jahre. „Wir wollen, dass es auch in zehn Jahren noch gedruckte Zeitungen gibt.“ Es werden dann wohl nicht mehr viele sein, die sie vermissen.
Autor: Roland Reck
NEUESTE BLIX-BEITRÄGE
Tageszeitung zum Feierabend






