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    „kleine Galerie“ im Bad Waldseer Haus am Stadtsee

    Zita Habarta vermittelt „Sensitive Codes“

    Foto: Peter Lutz
    Zita Habarta vor COCSO 1-nr (wohl eines ihrer Lieblingskinder)
    veröffentlicht am: 22.05.2026
    Autor: Peter Lutz
    Lesedauer: ca. 7 Minuten

    Bad Waldsee – Der Kunstraum „kleine galerie“ um Haus am Stadtsee in Bad Waldsee präsentiert Arbeiten, die aus real Existierendem neue Sichtweisen vermitteln. Die Münchner Künstlerin Zita Habarta erarbeitet dies mit modernen Technologien. Ihr experimentelles Mal-, Zeichen- und Bauwerkzeug ist der Computer. Damit schafft sie Assoziationen zu den immer enger werdenden Beziehungen von Mensch, Wissenschaft und Technik, deren Beurteilung sie dem Betrachter überlässt, der darin enthaltene Codes entdecken darf. Ihre Computer-Grafiken sind in Bad Waldsee noch bis 26. Juni zu sehen.

    Galerieleiter Axel Otterbach bei der Begrüßung

    Laudator Reiner Schlecker

    Zita Habarta

    ROD CY7#35

    ROD CY 5#33

    QUO rod 2

    PAC3 white

    YOOY

    TYX conc 1 

    ROD -00 rod green

    KYROL

    ROD CY 5#33 (wie Nr. 4853)

    Künstlerin und Laudator: Zita Habarta und Reiner Schlecker

    In seiner Begrüßung der Vernissagegäste – unter ihnen auch Altbürgermeister Rudolf Forcher – stellte Galerieleiter Axel Otterbach klar, die Arbeiten Zita Habartas seien keine KI-gesteuerten Werke. Die Vereinnahmung durch diese Technik sehe er kritisch, weil sie nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche – auch Kunst, Kultur und (kulturelle) Bildung verändere. Daher müssten Kunstschaffende sich nicht nur mit neuen technischen Möglichkeiten befassen, sondern auch eine Positionierung finden. Nur auf diese Weise könne auch KI ein generatives Potenzial entfalten. Da nun mal neue Technologien existieren, müsse sich auch Kunst und Kultur ihrer gesellschaftlichen und sinnstiftenden Kraft wieder bewusst werden, was weit über bloßes Anwenden hinausgehe. Zwar arbeite Habarta mit dem Rechner, nicht aber mit KI. Surreale Raumvisionen, skulpturale Fragmente und Objektzeichnungen kreiert sie in zweidimensionalen Programmen. Er, Otterbach, sei gespannt, wie Reiner Schlecker in Zita Habartas Arbeiten einführen werde. Vor 20 Jahren führte er hier schon mal künstlerisch-ironisch auf einem Stuhl stehend mit Gitarre in das Kurwesen ein. Diesmal stieg er aber nicht auf den Stuhl!

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    Dennoch begann Schlecker die Einführung nicht wie üblich mit zunächst an den Künstler herantastenden und höflichen Formen. Nein, er lud die Kunstfreunde in die unendlichen Weiten des Weltraums ein, wie das wohl im Jahr 2200 recht normal sein werde. Alle waren nun im Raumschiff „Enterprise“. Rasch war man damit gedanklich in Dimensionen, die völlig freies Denken und kreatives Schaffen ermöglichen könnten. Weiter näherte er sich seiner Aufgabe mit dem Bild eines zehn Zentimeter langen Strichs, der links mit dem Wort Omsk beginnt und rechts mit Wladiwostok endet, womit gedanklich die tausende Kilometer lange transsibirische Eisenbahn dargestellt sei, was dem ungeheuren Vermögen der Zeichnung entspreche. Ein weiteres Bild in die Weiten der Phantasie war die Kinderbuchgeschichte „Alice im Wunderland“, die der Mathematiker Lewis Carroll vor 150 Jahren erdachte. Auch damit wurden schon Wege vom Vertrauten in unbekannte Traum- und Wunderwelten gedacht.

    Auch Zita Habarta betrete Wunderwelten nicht wie das weiße Kaninchen und Alice, sondern mit digitalen Visionen beame sie uns in Traumwelten, die in der heutigen Realität nicht möglich wären. Und solches funktioniere nur mit dem Computer! Schlecker befasste sich dann mit dem künstlerischen Werdegang Habartas. Bereits in ihren Kindertagen sei sie von der Trickfilmwerkstatt ihres berühmten Vaters Jan Habarta geprägt worden. Er gilt als Pionier der Cut-Out-Animation bzw. Legetechnik oder Flachfigurenfilm, was heute digital in Erklärvideos üblich ist. Jan Habarta schuf allerdings noch handwerklich Kinderfilme und Collagen. Gerade die Collagentechnik beeindruckte die Tochter Zita in besonderer Weise.

    Der Bildschirm ist für sie die weiße Leinwand, auf der sie malt

    Aufgewachsen in solch inspirierender Grafiker-Ateliersumgebung setzt die Künstlerin diese Familientradition auf ihre Weise fort. Sie studierte Produktdesign und befasste sich danach mit Entwurf- und Formfindung industrieller Produkte. Über weitere Stationen führte auch ihr Weg zum Trickfilm. Dabei war sie als Zeichnerin von Spezialeffekten in der Animation sehr erfolgreich. Es gehöre schon besondere Begabung und entwickeltes räumliches Denkvermögen dazu, sich vorzustellen, wie sich beispielsweise ein Berg um 180 Grad (nicht wie bei Baerbock um 360 Grad!) dreht oder eine Meereswelle, die langsam in sich zusammenbricht, meinte Schlecker zurecht. Auch wenn sie mit Spezialisten der Trickfilmszene zusammenarbeitete, sah sie dies nie als künstlerische Arbeit, sondern als Broterwerb. Frei von Vorgaben wollte sie werden und eigene Wirklichkeiten durch Farbe, Raum, Licht und Bewegung erschaffen. So ließ sie sich mit Beginn der 2000er-Jahre im Bereich der digitalen Medien weiterbilden und begann ihre Experimente mit dem Computer als Werkzeug. Nicht um die Technik gehe es aber heute, sondern um den Umgang damit. Es gehe um die Fähigkeit, Vorstellungen zu formulieren bzw. Ideen in visuelle Bilder umzusetzen. Reiner Schlecker wörtlich: „Nur wer eigenen Gedanken eine eigene Richtung mitgibt, kann dort wirklich arbeiten und das trifft ohne Wenn und Aber auf Zita Habarta zu.“Wenn sie von ihrer digitalen Hilfskraft spricht, erfahre man ihren sinnlichen Umgang mit den digitalen Möglichkeiten des Kunstschaffens. Der Bildschirm ist für sie die weiße Leinwand, auf der sie male. So entwickelte sie komplexe Objektstrukturen bzw. Bausteine, die ein Gemisch aus Farbflächen, analog hergestellten Buntstiftzeichnungen, Collagen, Fotografien oder spontanen Versatzstücken sind. Jedes Bauteil und jede Ebene ist von ihr selbst kreiert.

    Für die Ausstellung „sensitive Codes“ in der „kleinen galerie“ habe die Künstlerin eine kleine, aber feine Auswahl von Computergrafiken aus verschiedenen Werkphasen zusammengestellt. Es handele sich dabei um hochwertige lichtechte Pigmentdrucke auf qualitativem Hahne-Mühle-Papier in begrenzter Auflage unterschiedlicher Größen und mit geheimnisvollen Titeln bzw. augenzwinkernden Namencodes wie ROD, CY5/33, KYROL, CACSO3-blue etc.

    In der Ausstellung ist links die ROD-Serie mit malerischen Wirkungen zu sehen. Perspektivische Raffinessen, sequentierte Bildwiederholungen (Spiegelungen?) und collagenartige Einsätze von Raumstrukturen und -ebenen mit linearen Elementen ziehen den Blick in die Tiefe eines ästhetischen Raumgebildes; illusionistische Lichteffekte, subtile Farbschattierungen aus hell-rosa Pastelltönen sind zu erleben.

    Ob sich da nicht auch überschwängliches Barock, aber ohne das obligatorische Personal wie Engel und Heilige einmische, fragte Schlecker wohl standortbedingt?

    Auf der anderen Seite sind plastisch wirkende „maschinenartige“ und schwerelose Gebilde mit starker Strahlkraft. Diese grafische 3-D-Malereien würden mit ihren Betrachtern ihre Späße treiben, meinte Schlecker. Wie organische Strukturen oder „technoide Wesen“ wachsen sie mit ihrer haptischen Anmutung und Raumgebilden zu feinfühligen Chiffren, die das Gehirn entschlüsseln möchte.

    Im Falle der PAC-Serie werden Baustein auf Baustein aufeinandergepackt, wodurch auch hier ein plastisch wirkendes Objekt entstehe. Imaginäre Papierstreifen „ergießen“ sich übers Blatt, rollen sich ein oder fransen sich aus und sind mal Licht, mal Schatten im luftleeren Raum.

    Es geht ihr um Freiheit

    Zita Habarta gehe es stets um Freiheit, meinte Schlecker abschließend und forderte die Besucher auf, sich die Freiheit zu nehmen zu gucken, einzutauchen und zu reden. Die Künstlerin sei persönlich anwesend, fragen Sie sie! Tatsächlich konnte man unkompliziert und frei über ihre anspruchsvollen und eben auch komplizierten Arbeiten reden. Welche von den hier gezeigten Arbeiten am sichtbarsten sensitive Codes verbergen würden, beantwortete sie mit „alle sind sie meine Kinder“.

    Dem Berichterstatter der Bildschirmzeitung erklärte sie am Beispiel des Bildes 2_ROD CY5#33, allein in der linken unteren Ecke befänden sich 50 Elemente oder Symbole. Fast filigran entlockte sie diese ihrem Malwerkzeug, dem Computer! Ihre Ausstellung ist bis 26. Juni im Haus am Stadtsee zu sehen!

    Reiner Schlecker, Zita Habarta und Axel Otterbach (von links)

    Carola Rummel (links), Frau Langer und Matthias Thorner (Grafikdesigner)

    Axel Otterbach, Brigitte Hecht-Lang und Ernst Langer (von links)

    Barny Bitterwolf und Hans Ehinger

    Text und Fotos: Peter Lutz

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    Peter Lutz
    veröffentlicht am
    22.05.2026
    Lesedauer: ca. 7 Minuten
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