
Wer hätte das gedacht, als vor über 20 Jahren in Biberach an der Riss die Rückkehr des Bibers zweifelsfrei bestätigt wurde – nach über 150 Jahren seiner Ausrottung? Welch eine Freude: Biberach hatte sein Wappentier zurück! Nun steht er wieder auf der Abschussliste – in Ausnahmefällen, wenn es nach der neuen Biberverordnung des Landes geht. Der Star vor 20 Jahren ist in den Augen von nicht wenigen Bauern, Politikern und ordnungsliebenden Zeitgenossen zum Schädling mutiert.
Dagegen protestieren Naturschützer. Es geht um Naturschutz contra Landnutzung. Es geht um Nutzen contra Schäden. Es geht um dulden contra entschädigen. Es geht um teilen contra herrschen. Es geht um Raum geben, zulassen, aushalten contra Kontrolle, verjagen und „entnehmen“, was töten bedeutet. Es geht um Wildnis contra Ordnung. Es geht um Vielfalt contra Eigentum. Es geht um Natur und unser Verständnis davon. Es geht um Psychologie und Emotionen. Es folgt ein Versuch, zu ergründen, was es mit dem Biber und uns auf sich hat.
Einst: Friedrich der Große war nicht nur Totengräber vieler seiner Soldaten sondern auch des Bibers. Als der Preußenkönig 1765 das Pelztier für vogelfrei erklärte, konnte jedermann das begehrte Wassertier jagen. Der Biber bot vieles, was heiß begehrt war. Sein dichter Pelz, sein leckeres Fleisch, sein „Bibergeil“ als Allheilmittel gegen Gicht und Mannesschwäche, und schließlich galt er kirchenrechtlich wegen seines schuppigen Schwanzes als Fisch und somit als sündenfreie Fastenspeise. Das wurde den Verfolgten zum Verhängnis. Mitte des 18. Jahrhunderts war „Meister Bockert“ nicht nur in Preußen, sondern auch andernorts in Deutschland größtenteils ausgerottet.
Anfang des 20. Jahrhunderts existierte in Deutschland nur noch ein einziges Restvorkommen an der Mittleren Elbe. Ab den 1960er Jahren begannen Wiederansiedlungsprogramme in Bayern und von dort folgten Generationen von Bibern den Fluss- und Bachläufen und kamen so auch nach Oberschwaben.

Heute leben schätzungsweise 11.500 Biber im Ländle. Die Kreise Biberach und Ravensburg sind dabei besonders beliebt. Im Kreis Ravensburg leben in 550 bis 600 Revieren etwa 2050 bis 2400 Biber. Und im Landkreis Biberach sind es geschätzte 400 bis 450 Reviere und maximal 1800 Tiere. Der Biber ist international und national streng geschützt, sowohl durch die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU, als auch durch das Bundesnaturschutzgesetz. Es ist deshalb verboten, Bibern nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten, sie erheblich zu stören oder ihre Wohnstätten, die Biberburgen, zu beschädigen oder erheblich zu beeinträchtigen. So war es noch bis kurz vor der Landtagswahl am 8. März diesen Jahres. Im Januar erließ die grün-schwarze Landesregierung im Schweinsgalopp eine Biberverordnung, die zur Abwendung von gravierenden Schäden nicht nur die Verjagung der Baumeister, sondern wenn sie sich dickköpfig zeigen auch das Töten derselben zulässt. Der Aufschrei der Naturschützer folgte prompt und fast 15.000 Menschen unterschrieben eine Biber-Petition für den weiteren strengen Schutz der Tiere nach artenschutzrechtlicher Einzelfallprüfung wie bisher statt Jagd nach „Allgemeinverfügung“ wie vorgesehen. Der Petitionsausschuss des neuen Landtags wird sich damit befassen müssen.
Betroffenheit: Der Biber zehrt an meinen Nerven! Vor meiner Haustüre, nur wenige hundert Meter entfernt, killt der rabiate Nager entlang der Umlach eine stolze Pappel nach der anderen. Alte Bäume, die landschaftsprägend sind, fallen dem Vegetarier zum Opfer. Das schmerzt! Aber damit nicht genug. Das Wassertier verlässt den Bach und macht sich über die Wiese auf den Weg zum Waldtrauf, wo er einer starken Eiche an die Rinde und damit an das Leben geht. Eine Eiche! Hallo, Meister Bockert, das ist Hartholz! Den Nager schert das nicht, die Eiche fällt. Ein knorriger, alter, wunderschöner Baum, ein Schmuckstück am Waldsaum – gefällt! Es schmerzt. Meine Erkenntnis: Die Natur will es so.
Bewunderung: Es gibt kein anderes Tier, das seinen Lebensraum so nachhaltig gestaltet wie der Biber. Nicht umsonst wird er respektvoll „Flussmeister“ oder „Bauingenieur“ genannt. Als „Schlüsselart“ schafft der Biber wertvolle Ökosysteme und Artenvielfalt und trägt zum natürlichen Klimaschutz und zur Klimaanpassung bei. Er ist ein Familientier und unablässig am Schaffa. Er ist unzweifelhaft der Oberschwabe unter den Tieren. Man muss seinen Fleiß bewundern, worauf er keinen Wert legt. Er möchte nur in Ruhe seiner Nachtarbeit nachgehen.
Konflikte: Aber das schafft auch Probleme. Denn nicht überall ist seine Fleißarbeit gerne gesehen. Wenn er mit seinen Dämmen Bäche aufstaut, kann das im Uferbereich zu Überschwemmungen führen, was den Bauern nicht amüsiert. Oder er untergräbt mit seinen Röhren sensible Dämme, gefährdet Straßen und andere Infrastruktur. Und wo Gefahr in Verzug ist, muss gehandelt werden. Dazu gibt es das Netzwerk der ehren- und hauptamtlichen Biberbeauftragten, die zu Rate gezogen werden und entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden, um den haarigen Gesellen Einhalt zu gebieten. Ein schwieriges Unterfangen, aber in den meisten Fällen gelingt es, hört man aus den zuständigen Unteren Naturschutzbehörden, wo das Bibermanagement angesiedelt ist. Das hat freilich Schwachstellen. So werden Grundeigentümer zwar bei der Prävention unterstützt, aber erhalten für aufgetretene Schäden kein Entschädigung. Und das sorgt für Ärger. Die Klage lautet: „kalte Enteignung!“ Abhilfe kann der Kauf oder Tausch der betroffenen Fläche bieten, was aber dauern kann.
Doch der Streit um den Biber offenbart viel mehr als nur das Eigeninteresse, der Streit ist oft hoch emotional und entspringt unserem Gefühl, mit dem wir Natur wahrnehmen und mit ihr umgehen. Wehe, die Natur tut nicht, was wir wollen!


An der Schussenquelle: Das war bei unseren Urahnen noch ganz anders. Die Steinzeitjäger mussten sich an die Natur anpassen, wollten sie überleben. So lauerten die urzeitlichen Jäger an der Schussenquelle den ziehenden Rentierherden auf, um für ihre Sippe ausreichend Fleisch zu erbeuten. Es darf vermutet werden, dass auch damals schon Biber am Ursprung der Schussen Bäume abnagten – und das tun die Rückkehrer seit 2022 wieder. Zum großen Ärger des Schwäbischen Albvereins in Bad Schussenried, der, nach eigenem Bekunden, schon seit 130 Jahren sich um das Naturidyll kümmert, damit die Besucher sich rund um die Quelle und deren Abfluss wohlfühlen, während die Kinder am und im flachen Wasser spielen. Und das sei nun nicht mehr der Fall, nachdem sich vor einigen Jahren eine Biberfamilie den Quellbereich als Revier ausgesucht, das Wasser aufgestaut hat und fleißig an den Bäumen nagt, klagt der Schwäbische Albverein, der sich laut Satzung dem Naturschutz verpflichtet fühlt, und nun droht, seine ehrenamtliche Arbeit einzustellen, wenn den Bibern nicht Einhalt geboten wird. Im Gemeindeblatt (Schussenbote, 27. Februar 2026) stellt der Verein fest, dass „es ausschließlich menschlicher Wille (im Original fett) war, der die Eingriffe in die Natur und immer wieder das Bemühen um deren Erhaltung bestimmt haben. Seit Herbst 2022 hat sich das geändert. Jetzt bestimmt das Vorhandensein einer Biberpopulation – geschützt durch die Naturschutzgesetzgebung – die weitere Entwicklung der Schussenquelle und deren Umgebung“.
Dem entgegnet Peter Holl, seines Zeichens Biberbeauftragter und als solcher auch zuständig für die angefeindeten Nagetiere, per Leserbrief. Der Biberexperte macht klar, dass es an der Schussenquelle keinen einzigen rechtlich fundierten Grund gibt, die Biberfamilie von dort zu verjagen und erst recht nicht zu jagen. Seine Vermutung: „Es scheint die Angst vor Kontrollverlust vorzuherrschen, die den Albverein zu diesen Absichten bewegt. Die Natur jedoch unterliegt dem ständigen Wandel, sie hat ihre eigene Ordnung und richtet sich nicht nach menschlichem Ordnungssinn.“
Das mag wohl stimmen, aber es ist nichtsdestotrotz eine harte Prüfung, die Unordnung der Familie Bockert zu ertragen. Die Roman und Andrea Fels erst gar nicht ablegen wollen, obwohl das Ehepaar behauptet: „Wir begleiten die Biber schon länger.“ Der 57-Jährige Hobbybauer und seine gleichalterige Frau halten vier Pferde und sind Betroffene. Ihnen gehört ein kleines Waldgrundstück nahe der Schussenquelle, das von den Bibern in Mitleidenschaft gezogen wird. Es ist „nur“ ein Hektar, auf dem wenig wächst – aber damit schafft man das Problem nicht aus der Welt. „Es geht ums Prinzip“, sagt Andrea Fels, und um die Frage: Was kommt als nächstes? Welche Wiese ist als nächstes unter Wasser und unbrauchbar? Und es geht auch um Erinnerungen, an die Eltern, an die eigene Kindheit, an eine aufgeräumte Natur – ohne Biber und ihr Chaos. „Do kensch blära“, fährt es aus Roman Fels heraus. Das Durcheinander von angenagten und umgefallenen Bäumen, der sich ausbreitende Morast, das stinkende Wasser kann der gelernte Schlosser nicht ertragen. Artenvielfalt, scheiß egal! An seinem Arbeitsplatz in der Industrie und in dem sorgfältig und aufwändig renovierten Bauernhaus herrscht Ordnung. Und das ist bei seiner Frau als Küchenleiterin in einem Seminarhaus nicht anders. Durch die Machenschaften der Biber fühlt sich das Ehepaar „kalt enteignet“ und ist empört. Sie sehen sich einer Biber-Bürokratie gegenüber, die mehr verzögert als sie hilft. „Mir hond aufgeba“, stellt die Reiterin frustriert fest. Aber noch nicht ganz: „Mir welled gscheid entschädigt werra, dann send mir raus.“ Im Gespräch sei ein Flächentausch, ein Verkauf ist nicht gewollt. Es geht schließlich um Grund und Boden, das ist viel mehr als schnöder Mammon.
Man muss Lösungen suchen und finden, erklärt der pensionierte Polizist und Biberbeauftragte Peter Holl auf die Frage, wie die Konflikte zwischen Mensch und Biber entschärft werden können. Das sei sein Bestreben als Naturschützer und Anwalt für „Meister Bockert“ und dessen Sippe.

Artensteckbrief: Europäischer Biber (Castor fiber)
• Mit einer Größe von bis zu 130 cm (incl. Schwanz – der Biberkelle) und einem Gewicht von zum Teil über 30 kg ist der Europäische Biber nach dem in Südamerika lebenden Wasserschwein das zweitgrößte Nagetierder Welt und das größte Europas.
• Sein Fell ist mit bis zu 23.000 Haaren pro cm2 eines der dichtesten im Tierreich. Zum Vergleich: der Mensch hat nur etwa 600 Haare pro cm2 auf dem Kopf.
• Bibergeil – das Drüsensekret, das der Biber zur Markierung seines Reviers nutzt – galt bis ins 19. Jahrhundert als Allheilmittel. Es enthält die schmerzlindernde Salizylsäure, den Wirkstoff von Aspirin. Salizylsäure ist in der Lieblingsnahrung der Biber – Weidenrinde – reichlich enthalten.
• Wegen seiner Lebensweise am und im Wasser und seines „beschuppten Schwanzes“ wurde er 1754 zum „Fisch“ erklärt und von der Kirche als Fastenspeise zugelassen.
• Biber sind monogam und gehen eine lebenslange Partnerschaft ein. Sie leben in Familien, die üblicherweise aus dem Elternpaar und den beiden jüngsten Jahrgängen von Jungtieren bestehen. Mit zwei Jahren werden die Jungtiere geschlechtsreif und müssen die Familie verlassen.
• Biber werden sich nie ungebremst vermehren. Sind alle Reviere besetzt, bleibt die Zahl der Biber in einem Gebiet in der Regel konstant. Der Bestand erreicht den Umweltbedingungen entsprechend eine Obergrenze. Ausschlaggebend ist das Angebot an Winternahrung (Gehölze).
• Der Biber benötigt zum Tauchen und Schwimmen eine Mindestwassertiefe von 80 cm. Ist das Wasser nicht tief genug, beginnt der Biber Dämme zu bauen, um das Wasser aufzustauen. So ist gewährleistet, dass der Eingang zum Biberbau immer unter Wasser liegt und die Biberfamilie vor Fressfeinden geschützt ist. Der Biber ist außer uns Menschen das einzige Lebewesen, das seinen Lebensraum aktiv gestalten und seinen Bedürfnissen anpassen kann.
Quelle: Fortbildungsgesell. für Gewässerentwicklung mbH
Autor: Roland Reck
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