
„Was in aller Welt ist nun schon wieder ChatGTP?“ Dieser Satz stammt nicht etwa von einer technologiefernen Seniorin, die mit gerunzelter Stirn eine Zeitungsüberschrift nicht versteht. Nein, dieser Satz stammte von mir, einem angehenden Abiturienten, mitsamt Fehler – es heißt „ChatGPT“. Diese mysteriöse Abkürzung steht nämlich für „Generative Pre-trained Transformer“ – einfach gesagt eine Künstliche Intelligenz, kurz KI, die eine Sprache gelernt hat und selbst neue Texte formulieren kann. Mein Rätselraten ist drei Jahre her, mein Staunen geht weiter. Es folgt der Versuch zu verstehen, was inzwischen schon selbstverständlich ist. Aus dem Leben eines 20-Jährigen.
Damals, vor drei Jahren, fragte ich einen Mitschüler, nachdem der Begriff über Wochen immer wieder in den Schulpausen gefallen war. Er erzählte begeistert, er habe seine Hausaufgaben mit ebenjenem Dingsda geschrieben. Beim besten Willen konnte ich mir nicht vorstellen, wie das funktionierte. Auf eine konkrete Frage in Sekunden eine präzise Antwort zu erhalten, die auch noch was hermacht? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Dass dies nur der Beginn einer Entwicklung, ja vielleicht sogar einer „KI-Revolution“ war, ahnte ich noch nicht. Damals war ich 17 und ein Jahr vor dem Abitur, mittlerweile bin ich 20 und studiere in Tübingen Geschichte und im Hauptfach Medienwissenschaft. Damit habe ich KI und den digitalen Wandel zu meinem täglich Brot gemacht.
Stolz kann ich heute sagen, dass ich bis nach dem Abitur nicht auf diesen Zug aufgesprungen bin. Natürlich bekam man mit, dass viele Mitschüler es bereits hier und da mal nutzten, um sich auf die Schnelle von KI einen Begriff erklären zu lassen oder um einen kleinen Text zu verfassen. Ich scherte mich nicht viel um diese neuartige Erscheinung im digitalen Universum, machte mein Ding und das erfolgreich. So hatte ich nie den Eindruck eines Defizits. Mittlerweile denke ich da anders. Ja, KI-Chatbots, intelligente digitale Gesprächspartner wie zum Beispiel Claude, Grok, Google Gemini oder eben ChatGPT, sind nur ein kleiner Teil der neuartigen KI-Anwendungen. Für die Schule und das Lernen dürften sie aber die größte Gefahr darstellen, die man sich derzeit ausmalen kann. Oder doch eine Chance?
Ich selbst nutze KI-Chatbots mittlerweile täglich. Und das hat Gründe, die über Bequemlichkeit hinausgehen: Chatbots vermögen das Suchen im weltweiten, informationsgefluteten Archiv namens Internet in gewisser Form zu bündeln. Nirgendwo sonst findet man so schnelle und vor allem exakt auf die Suchanfrage zugeschnittene Antworten. Dadurch, dass die KI-Chatbots auf das weltweite Netz zugreifen und verschiedenste Quellen miteinander abgleichen können, weisen die Antworten auf die Suchanfragen, sogenannte Prompts, mittlerweile eine erstaunlich hohe Qualität auf. Und nicht nur das: Durch die Milliarden Nutzerdaten, mit denen die Künstliche Intelligenz täglich gefüttert wird, „denkt“ und formuliert sie immer menschlicher, oft sogar emotional. Aber inhaltlich eben doch auch rational und lehrreich – dazu schnell, einfach, treffsicher, unterhaltsam, empathisch – und dann auch noch kostenlos. Quasi der perfekte Lehrer.

So lasse auch ich mittlerweile von ChatGPT Texte korrekturlesen, Websites nach Informationen absuchen oder mir Infos zu allen möglichen Themen auflisten oder manchmal gar bewerten. Ich frage nach den größten Kathedralen Europas oder nach Rat gegen Nackenschmerzen. All das könnte ich natürlich auch über separate Quellen tun: Dozierende, Freunde und Familie ums Korrekturlesen bitten, Wikipedia-Artikel oder Gebrauchsanweisungen lesen, meine Mutter um Rat gegen Schmerzen fragen. Oder noch besser: erst einmal selbst darüber nachdenken und schauen, wie weit man kommt. Aber der Mensch wählt selten die mühsame Lösung, wenn es eine bequemere, viel schnellere Alternative gibt.
Doch genau hier liegt das Problem an KI, das sich sehr gut mit der Navigation im Auto vergleichen lässt: Man kommt extrem komfortabel ans Ziel, weiß aber am Ende oft nicht mehr, wie man dort hingekommen ist. Das Orientierungswissen geht verloren, Zusammenhänge werden kaum nachvollzogen. Dabei stellt sich die Frage: Verlieren wir im KI-Zeitalter unser Allgemeinwissen zugunsten einer bloßen Bedienkompetenz? Müssen wir in wenigen Jahren vielleicht über die verheerenden Folgen der KI im menschlichen Bewusstsein diskutieren, ähnlich wie wir es heute bei sozialen Medien tun? Denn hinter dem freundlichen, stets hilfsbereiten Gesprächspartner steht eine enorme Macht, auch ökonomisch mit Blick auf die Datenmonopole, die die Betreiberfirmen mehr und mehr besitzen. Die gesellschaftliche und psychologische Wirkung im Unterricht und im Studium wird also stetig kritisch beobachtet werden müssen.
Denn spätestens seit dem Beenden meiner zum Glück noch recht KI-fernen Schullaufbahn ist sie nun aus dem deutschen Schulwesen kaum noch wegzudenken: Laut einer aktuellen JIM-Studie nutzen fast alle Schülerinnen und Schüler in Deutschland KI-Anwendungen: 91 Prozent der 12- bis 19-Jährigen haben bereits mindestens ein KI-Tool verwendet.
In der Universität erlebe ich es nicht anders, vielleicht sogar noch extremer – für die langen Hausarbeiten und die viele Literaturrecherche kommen die KI-Chatbots noch gelegener als in der Schule. Natürlich gibt es Abstufungen. Eine Mitstudierende erzählt: „Ich habe KI nicht viel benutzt, aber wenn, dann um E-Mails zu formulieren, Ideen für Arbeiten oder Themen für Hausarbeiten zu finden und diese zu strukturieren.“ Früher habe sie das mit ChatGPT gemacht, mittlerweile nutze sie spezialisierte Programme. „Ich kann die KI zu Texten befragen und so gezielt Stellen mitsamt Verweisen finden – hauptsächlich für Literaturrecherche bei Hausarbeiten“, sagt sie.
Auch im privaten Umfeld zeigt sich ein ähnliches Bild: „Ich lasse meine Aufsätze von KI prüfen oder ergänze Argumente, wenn mir nichts mehr einfällt“, berichtet mir eine Freundin. „In Mathe nutze ich sie, wenn ich nicht mehr weiterweiß, um mir Rechenwege erklären zu lassen.“ Gleichzeitig sieht sie die Entwicklung kritisch: „Viele werden einfach fauler. Aufgaben werden nicht mehr selbst gemacht, und manche schreiben sogar in Klassenarbeiten ab.“
Die Beispiele zeigen: Ein blindes Hinterherlaufen hinter einem Trend, der junge Menschen ausschließlich faul macht, wäre zu einfach gesagt. Viele nutzen KI ganz bewusst, um schnell an durchaus hochwertige Informationen und fundiertes Feedback zu gelangen. Gleichzeitig reflektieren sie die Risiken durchaus kritisch. Genau dieser Spagat sollte auch im deutschen Bildungswesen stärker in den Fokus rücken. Zudem ist KI kein bloßer Trend, sondern eine Technologie, die sich gerade erst etabliert und nie wieder verschwinden wird. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Neue technische Möglichkeiten setzen sich langfristig fast immer durch – trotz anfänglicher Skepsis.
Ansonsten ist die Nutzung von KI aber nicht wirklich ein Thema, über das ich mich mit Gleichaltrigen austausche. Nicht weil es ein Tabu wäre, sondern weil es mittlerweile doch sehr normal ist, so üblich wie Wikipedia oder YouTube. Nur eben interaktiv und unvergleichlich komplexer und schwerer zu durchschauen.
Auch erste Lehrende nutzten bereits KI, vor allem in meinem Hauptfach Medienwissenschaft, wo uns die Dozentin und Journalistin Dr. Pia Fruth verschiedene Texte über Boris Palmer und Co. vorlegte. Niemandem im Seminar fiel auf, dass einer der Texte von einer KI stammte. Zu Beginn des Sommersemesters 2026 betonte Dozent Dr. Torsten Maurer, dass er den Einsatz von KI für Referate und Hausarbeiten nicht sanktionieren würde. Er glaube jedoch fest daran, dass es uns hilft, ohne solche Unterstützung die Übungstexte durchzuarbeiten und Dokumente zu verfassen. Dies scheint mir auch der Konsens unter den Dozierenden zu sein: Zwangsläufig muss den Studierenden Eigenverantwortung eingeräumt werden – immerhin sind quasi alle volljährig und freiwillig da, um sich akademisch weiterzubilden. Sanfte Appelle an die Vernunft hört man dennoch immer wieder.
In der Schule, in der die Zustände logischerweise strikter und behüteter als in Hochschulen sind, ist es wichtiger, den Kindern und Jugendlichen einen verantwortungsvollen Umgang mit KI beizubringen. Viele Pädagogen fühlen sich dabei verständlicherweise überfordert, da das bisherige Fundament der Festigung von Wissen – die schriftliche Hausaufgabe – praktisch über Nacht entwertet wurde. An der Schule eines Onkels wurde der schriftliche Teil des Seminarkurses, die 15- bis 25-seitige Hausarbeit, ob der Künstlichen Intelligenz kurzerhand abgeschafft. An meiner alten Schule wurde die Notengebung so angepasst, dass Referat und Kolloquium nun die Hälfte ausmachen. Vorträge rücken also vermehrt in den Fokus: Vorbereiten lassen sie sich zwar auch mit KI, aber das Präsentieren und die anschließenden Fragen nimmt der Chatbot einem nicht ab.
Auch das Bewertungssystem ist mehr und mehr unter Zugzwang. Zwar findet die eigentliche Bewertung weiterhin in idealerweise handyfreien Klausuren statt, doch das Fundament der Vorbereitung – die Hausaufgabe – verliert ihren Wert als Übungsinstrument. Wenn Schüler durch KI-Lösungen eine Kompetenz nur vortäuschen, fehlt in der Prüfung das echte Verständnis.
Der Lehrerverband warnt daher vor einer Krise der Lernkontrolle. Man sollte bei diesem komplexen Thema jedoch nie den Fehler machen, es zu sehr zu vereinfachen. So zeigt die Bitkom-Umfrage, dass rund die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler selbst Angst vor den rasanten Entwicklungen rund um KI empfindet. Gleichzeitig würde eine pauschale Verteufelung der KI ihren Möglichkeiten nicht gerecht werden: Vielleicht ist die Störung und der Abbruch vieler klassischer Gegebenheiten durch die KI der dringend notwendige Katalysator für Reformen. Schon in Zeiten vor KI wurden Stimmen laut, die das sture Auswendiglernen hinterfragten. In Zeiten eines weltweit blitzschnell zugänglichen Wissensarchivs sind kritisches Hinterfragen und reflektiertes Diskutieren vielleicht die wichtigeren Fähigkeiten als das Interpretieren von Metaphern nach Schema F.
Ähnliches schwebt auch Professorin Doris Weßels vor: Die Bildungsexpertin betont, dass wir vor einem radikalen Rollenwechsel stehen. In der pädagogischen Theorie rückt der „Inverted Classroom“ in den Fokus. Hierbei wird Wissen zu Hause erarbeitet, während die wertvolle Zeit in der Schule für die kritische Reflexion genutzt wird. Mehr Sensibilisierung und Aufklärung muss daher zwei zentrale Probleme angehen: die Nutzung bewusster machen und Ängste reduzieren. Eine Reduzierung oder ein Verbot von KI ist unrealistisch; die Entwicklung ist nicht umkehrbar. In Zeiten, in denen KI veraltete Bildungsstrukturen aufdeckt und uns zwingt, den Fokus von der Ergebniskontrolle hin zur Vermittlung von Urteilskraft zu verlagern, muss sich das am Ende auch in den Prüfungsformaten widerspiegeln.
In dieser „verkehrten Welt“ liegt die Chance, Schule und Studium nicht mehr als Einbahnstraße, sondern als gemeinsamen Dialog zu begreifen, in dem Lehrkräfte als Mentoren den kompetenten Umgang mit der Technik moderieren – und in dem Lernen wieder mehr bedeutet als nur das richtige Ergebnis. KI wird das Lernen nicht abschaffen – aber sie zwingt uns, es neu zu definieren. Vielleicht ist das die neue Mündigkeit der Zukunft.

Statement zur KI – „Auf Knopfdruck“
Riedlingen – Otmar Schneider unterrichtet am Kreisgymnasium Riedlingen Latein, Geschichte, Griechisch, Gemeinschaftskunde und WBS (Wirtschaft / Berufs- und Studienorientierung). Der gebürtige Bitburger wurde von seinem ehemaligen Schüler Benjamin Fuchs um ein Statement zur KI in der Schule gebeten.

Herr Schneider, sehen Sie die KI-Revolution als Gefahr für die Schule, die die Lehrkräfte obendrein viel Kraft und Nerven kostet? Oder ist sie auch eine Chance?
Schneider: Es ist für Schulen im Prinzip egal, ob sie KI als Chance oder als Gefahr begreifen, weil es für sie keine Möglichkeit gibt, KI außen vor zu lassen. Grundlegend wichtig ist aber auch zu sehen, dass KI an der Schule – ähnlich wie in der Lebenswelt des Alltags – fast nur in der Form von Sprachanwendungen wie ChatGPT auftaucht, im Prinzip also als eine Art Google, die mit einem direkt zu kommunizieren vorgibt. Die KI-Anwendungen in Wirtschaft, Industrie, Forschung etc. gehen ja weit über das hinaus, sind die eigentliche Revolution und auch, wenn man es kritischer sieht, die eigentliche Gefahr.
Für die Schule ist KI insofern ein Problem, als sie das Kernstück schulischer Arbeit – die Vermittlung von Wissen und Urteilsfähigkeit – grundlegend verändert, vom kleinschrittigen, oft mühsamen – und deshalb auch nachhaltig wirkenden – Erlernen von Inhalten, der Vermittlung und dem Einüben von Lerntechniken, der Organisation von Wissen und der Möglichkeit langfristiger und vernetzter Nutzung (Grundlage von Urteilsfähigkeit) hin zu einem schnellen Erlangen von Teilwissen innerhalb kürzester Zeit, ohne Mühe, „auf Knopfdruck“. Im Grunde wird der Denkfehler, der der Umsetzung von Digitalisierung in der Schule von Anfang an zu Grunde liegt, nämlich die Vorstellung, man müsse nichts mehr wissen oder können, weil man alles nachschlagen kann, zementiert.
Dem hat die Schule wenig entgegenzusetzen, weil sich nur fortsetzt, was in den letzten Jahren (Jahrzehnten) schon längst in Form der Digitalisierung im Unterricht angekommen ist. Die klassischen schulischen Antworten sind: Einbeziehung von KI in die Recherche (hier vor allem wichtig: Wie prompte ich richtig?), Entwicklung neuer Prüfungsformate, v.a. im mündlichen Bereich, Nutzung von KI zur Unterrichtsvorbereitung, Erproben neuer Formate der Darstellung und Kommunikation. Hier spielt die Schule natürlich noch immer eine wichtige Rolle, weil ihre Herangehensweise eine andere ist und sie in der Regel auch andere Ziele verfolgt, als dies die Betreiber und Anbieter digitaler Lösungen tun. Aber der Einfluss digitaler Formate und sozialer Medien wächst.
Das alles wird Schule verändern. Wichtigstes Kennzeichen ist der Wandel (auch der Verlust) der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, die ja klassischerweise durch Lesen, Hören, Schreiben und Sprechen eingeübt und verfeinert wird. Dieser Wandel wird auch politische und gesellschaftliche Folgen haben.
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KI – verlernen wir das Lernen?






