Arnach – Unter dem Motto „Was unsere alten Häuser so erzählen“ führte Ortsheimatpfleger Gebhard Baumann am vergangenen Samstag (18.4.) rund 30 Interessierte Personen, darunter auch einige ehemalige Arnacher, bei einem Rundgang an 13 ausgewählte Orten und Straßen innerhalb des Dorfes und erklärte dabei die Bauentwicklung Arnachs anhand von Bauernhäusern (Lehengüter, Sölden), Handwerkerhäusern, Ausgedinghäusern und ihren verschiedenen Baustilen. Der historische Dorfrundgang wurde am Folgetag wiederholt.
Los ging es am Dorfplatz, nach einer kurzen Begrüßung durch Peter Gottschling, den Sprecher des Vereines „Unser Arnach“, der die Führung organisierte. Gebhard Baumann begann den historischen Rundgang mit einem kurzen Geschichtsabriss der Ortschaft. Sie wurde im Jahre 941 erstmals urkundlich erwähnt, als der Ortsadlige Berngarius und der Einsiedler Ratperonius von Rötsee einen Handel abschlossen – bekannte Namen, nach denen wichtige Straßen im Ort benannt sind.
Nach dem Silva Arinanc (Ahornwald) benannt, entstand 1956 auch das Wappen mit dem Leoparden der Waldburger als Wappentier und den drei Ahornblättern. Im Bauernkriegsjahr 1525 wurde der „Adler“ zum Gerichts- und Amtshaus der Herrschaft Wolfegg. Nach dem Dreißigjährigen Krieg kamen Einwanderer aus der Schweiz, Namen wie Rölle und Hierlemann deuten darauf hin.
Arnach gehört zum Allgäu; wie dort gab es die Vereinödung (Aussiedlung), 28 von 50 Bauern bauten in den Jahren 1780 bis 82 ihre Höfe hinaus in die Fluren.
In alter Zeit gehörte die Pfarrgemeinde Arnach zur Diözese Konstanz, dessen Dekanatssitz in Isny war. Die Pfarrgrenzen seien nicht gleichzusetzen mit der politischen Ortsgrenze.1806 kam Arnach zum Königreich Württemberg und wurde dem Oberamt Waldsee zugeschlagen. 1938 kam Arnach zum Landkreis Wangen, nach der Eingemeindung nach Bad Wurzach. 1972 ging dieser dann im Jahr darauf im Landkreis Ravensburg auf. Aktuell hat Arnach rund 1300 Einwohner, aber mit 1282 ha die kleinste Gemarkungsfläche, dafür aber 49 Wohnplätze.
Heimatgeschichtliche Quellen
Wie es sich gehört, machte Gebhard Baumann auch Quellenangaben zu seinen Ausführungen. Viele der Informationen zu den Häusern und Wohnplätzen sind Hermann Haiss zu verdanken, einem Dorfschullehrer, der in den 1920er- und 1930er-Jahren in Arnach gewirkt hat und in einer handschriftlichen Liste Anmerkungen zur Besitzgeschichte der Anwesen gemacht hat. Die Liste ist schwer zu entziffern, da in Sütterlin geschrieben. Eine der letzten alten Arnacher, die Sütterlin lesen konnten, war Theresia Reischmann (1926 – 2023). Haiss hat zudem eine Arnach-Chronik verfasst, ein unveröffentlichtes Typoskript – auch dies ist eine Basis für die Ausführungen Baumanns. Weiter stützt er sich auf Bauakten und das Rathaus-Archiv und wurde in Festschriften über Arnach, auch in den Broschüren von Gerhard Reischmann, fündig.

Peter Gottschling, Sprecher des Vereins „Unser Arnach“, der als Veranstalter fungierte, begrüßte die zum historischen Dorfrundgang Gekommenen. Links neben ihm Ortsheimatpfleger Gebhard Baumann, der anschließend durchs Dorf führte.
Der Dorfplatz, von dem aus die Gruppe startete, diente im Laufe der Zeit als Bier- und Eiskeller, ab 1937 als Paradeplatz vor dem Hitler-Heim, nach dem Krieg als Spielplatz, später als Parkplatz für Bank und Dorfladen, ehe 2017 im Rahmen von Melap der jetzige, so beliebte Dorfplatz entstand.
Beim Rundumblick ging Baumann auf die Kirche ein, deren Turm ursprünglich aus dem 12. Jahrhundert stammt, während Chor und Kirchenschiff in den Jahren 1744 bis 1749 neu gebaut wurde.

Die Brauerei, die zum Gasthaus „Adler“ (Bild) gehörte, wurde 1874 gebaut (es gab vorher auch schon eine Sudstätte), brannte 1897 und wurde 1920 stillgelegt. 1936 wurde der obere Teil zum HJ-Heim umgebaut, der Rest abgerissen. Das in der NS-Zeit geschaffene „Heim der Jugend“, im Volksmund auch noch lange nach dem Krieg Hitler-Heim geheißen, wurde 2012 abgerissen.
1975 wurde das neue Bankgebäude eingeweiht (von der damals noch selbständigen Raiffeisenbank Amach), auf deren Parkplatz früher der Ross-Stall des „Adlers“ angesiedelt war. 1912 wurde das Gebäude des Dorfmarktes als Ross-Stall des „Adlers“ neu gebaut (nachdem der seitherige Ross-Stall abgebrannt war), 1954 wurde dort von Günther Müller – einem Spross der „Adler“-Familie – der Einkaufsladen eingebaut (der heutige Dorfmarkt). Im hinteren Teil befindet sich ein Lager der Schäfereigenossenschaft Finkhof.
Auch der Gasthof „Löwen“ grenzte mit seiner wechselvollen Geschichte an den Dorfplatz: Ab 1850 Schankwirtschaft, 1866 wurde der Saal angebaut; im „Löwen“ wurde auch geschlachtet, lange noch gab es einen Metzgerei-Laden. Im Saal war eine Theaterbühne.
Ab 1995 war der Löwen Tagungshaus des Finkhofs. Der „Löwen“ wurde 2016 im Rahmen des Melap-Programmes abgerissen, in einem Neubau entstanden 2019 neun Wohnungen.
Nächste Station des Dorfrundganges war die Ecke beim Haus Sigg. Auf dem Weg dorthin erläuterte Baumann, was an der Stelle der Aussegnungshalle stand: ein Ausgedinghaus von Grieses, in dem unter anderem auch einmal ein Kaufladen untergebracht war. Neben Elektro-Schneider, seit 1983 dort, liegt das ehemalige Gasthaus „Kanone“, das 2018 geschlossen wurde. Für viele ältere Arnacher war das Haus Riedle interessant, weil sie den dort bis 1975 von Klosterschwestern betriebenen Kindergarten besucht hatten.

Das Haus Riedle beherbergte einst den Arnacher Kindergarten, geführt von Untermarchtaler Klosterfrauen. Es hieß deshalb im Volksmund „Das Schwesternhaus“.
Vorbei am Friedhof, der 1960 und 1977/78 erweitert worden war, ging es zum Pfarrhaus, das bis 1989 Wohnhaus des jeweiligen Pfarrers war. Seit 2012 ist es Sitz des Arnacher Pfarrbüros. Das ehemalige Mesnerhaus diente zwischen 1780 und 1839 als Schulhaus, ab 1939 war der Pfarrsaal darin untergebracht; seit dem Umbau 2001 ist es das Gemeindehaus St. Ulrich.

In der Kisslegger Straße entstand 1923 die Villa Schmid (Bild), ein repräsentatives Wohnhaus mit Büroräumen für die Ziegelei von Josef Schmid. Die Kapelle an der Straße nach Eintürnen, Mitte des 18. Jahrhunderts erbaut, ist heute im Privatbesitz von Wolfgang Schmid. In jenem Bereich waren einige Geschäfte angesiedelt, unter anderem die Dorf-Käserei. Noch vorhanden ist das Baugeschäft Höhbau, in dem das Büro Ebel Geologie sich eingemietet hat. 1979 wurde das Gebäude der Kreissparkasse gebaut, seit der Schließung 2017 ist dort die Physiotherapiepraxis Gindele. Weiter dorfeinwärts steht das Haus Göppel, in dem heute noch eine Schuhmacherei betrieben wird.

Links das in den 1930er-Jahren erbaute Haus Göppel.
Zurück im Ortskern rückte vor allem das Gebäude der Alten Schule, das inzwischen als Vereinshaus genutzt wird, in den Mittelpunkt und das baulich verbundene Rathaus (erbaut 1911). Das Schulhaus, 1898 erbaut, diente bis 1963 als Volksschule, mit einer dreijährigen Unterbrechung ab 1966 bis 1990 als Grundschule und wurde danach zum Haus der Vereine umgebaut und später die Feuerwehrgarage angebaut. Im Rathaus war bis 1999 das Spritzenhaus, ab 2012 war darin auch das Schützenstüble untergebracht.

Rechts neben dem „Adler“ sieht man das Rathaus und einen Teil des Bankgebäudes.
Eine lange Geschichte hat das Gasthaus „Adler“ gegenüber von Rathaus und Volksbank. Seit 1979 die Schäfereigenossenschaft Finkhof das Gebäude übernommen hat, war es zunächst als Gastwirtschaft fortgeführt worden; inzwischen ist es Wohnhaus und Büro des Versandhauses Finkhof. Im angegliederten Backhaus ist der Finkhof-Verkaufsladen untergebracht; der ehemalige Kuhstall (erbaut 1865) dient dem Finkhof als Versandgebäude und Lager, das in nächster Zeit um ein dahinterliegendes modernes Versandgebäude ergänzt wird.

Auf dem Weg zum Lindenplatz kam die Exkursion an der ehemaligen Schmiede und Tankstelle Gregg und dem Gebäude der Wagnerei Vogel (Bild), die bis 1995 betrieben worden war, vorbei.
Der erste Sportplatz in Arnach wurde 1952 gebaut, die aktuell zwei neuen wurden 1998 eingeweiht, danach das Vereinsheim gebaut. Dort ist auch seit 2015 der zentrale Spielplatz angesiedelt. Zirka 1965 entstand am Lindenplatz eine kleine Siedlung, 1963 die ersten Häuser des Baugebietes Arnach-Süd, das 1970 und 1980 erweitert wurde. Das Lagerhaus, 1938 erbaut, wurde ab 1954 bis zum Neubau der Bank zur Bank und hatte einen Raum zur Fleischkühlung und beherbergte lang die in vielen Orten üblichen Gemeindegefriertruhen. An der Kreuzung Hünlishofen, Übendorf und Rahmhaus befindet sich die Gärtnerei Grad, die 1928 gegründet wurde. Die letzte Modernisierung fand 2017 mit dem Neubau von Gewächshäusern und einem Verkaufsraum statt.
Über den St. Simonweg, wo 1953/1956 Reihenhäuser als Arbeiterhäuser für das Ziegelwerk erbaut wurden, führte der Weg zur Kläranlage, die 1974/76 gebaut wurde, und zurück zur Berngariusstraße, wo im Haus Baumann von 1912 bis 1998 die Arnacher Poststelle untergebracht war. Über den Berleweg, wo im Rahmen von Melap+ ab 2013 mehrere Starterhäuser entstanden, vorbei am Haus Mayer/Lindemann, das 1910 als Lehrerhaus gebaut wurde, ging es zum Bildungshaus. Die Schule wurde 1962/63 als Volksschule mit Turnhalle und Lehrschwimmbecken gebaut, diente ab 1966 als Hauptschule mit Kindern auch aus Immenried und Eintürnen. 1978 erfolgte der Bühnen- und Küchenanbau an die Halle, 1989/90 der Anbau der Grundschule; seit 2007 ist der Komplex ein sogenanntes Bildungshaus. Nach der Schließung der Hauptschule zog 2009 in deren Räume die Sprachheilschule ein. 2016 bis 2019 wurde die Schule komplett umgebaut, der 1974/75 erbaute Kindergarten gegenüber zog 2018 ins Bildungshaus um.

Reinhold Mall unterstützte den Referenten mit einem tragbaren Verstärker.
Der Abschluss der Führung endete am Ausgangspunkt, dem Dorfplatz, mit einem Umtrunk. Gebhard Baumann erklärte sich gerne für eine Wiederholung bereit.
Text und Fotos: Uli Gresser
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