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Eindrucksvolle neue Ausstellung auf Schloss Achberg

Karl Hofers Menschenbilder

Foto: Sophia Kesting
Mädchen mit Blumen, 1936 (Ausschnitt), Sammlung Arthouse
veröffentlicht am: 13.04.2026
Autor: Herbert Eichhorn
Lesedauer: ca. 9 Minuten

Schloss Achberg – Alle Jahre wieder, kurz vor oder kurz nach Ostern, ist es immer so weit: Schloss Achberg eröffnet eine neue Ausstellung, entweder mit Kunst der Gegenwart oder mit Klassischer Moderne. Diesmal geht es mit Karl Hofer um einen der ganz Großen der deutschen Malerei des 20. Jahrhunderts.

Karl Hofer in der Weimarer Republik

Die Bedeutung des 1878 in Karlsruhe Geborenen als Künstler und als Lehrer ist unbestritten. 1921 wird er in Berlin Professor für Malerei. Seine Werke sind bei Museen und Sammlern früh sehr begehrt. Er ist Mitglied der Preußischen Akademie der Künste und überhaupt eine im Kulturleben der Weimarer Republik sehr präsente Persönlichkeit. Auch als solche gerät er selbstredend dann schnell ins Visier der Nationalsozialisten, die ihn gleich nach der Machtergreifung aus seinem Lehramt entlassen. 1937 sind seine Werke auch in der berüchtigten Ausstellung „Entartete Kunst“ vertreten. Im gleichen Jahr werden 311 seiner Werke aus den deutschen Museen entfernt, was natürlich auch zeigt, wie gut er in öffentlichen Sammlungen bereits vertreten war.

Blick in die Ausstellung: Kuratorin Marie-Theres Pecher vor der Infowand zur Biografie des Künstlers; Foto: Anja Köhler für Schloss Achberg

Hofers Rolle in der frühen Bundesrepublik

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wird seine Rolle eher noch wichtiger. 1945 wird er Direktor der wiedereröffneten Berliner Kunsthochschule und 1950 Erster Vorsitzender des Deutschen Künstlerbundes. Er wird zum Hauptakteur in der damals in der jungen Bundesrepublik leidenschaftlich geführten öffentlichen Debatte um den richtigen Weg der Kunst. Unter den Künstlern ist Karl Hofer, der im Unterschied zu vielen Zeitgenossen an einer figürlichen Bildsprache festhält, der einflussreichste Wortführer der Gegner der abstrakten Kunst. Auf der anderen Seite steht als wichtigster Künstler der Stuttgarter Willi Baumeister, der mit seinem Buch „Das Unbekannte in der Kunst“ auch die Programmschrift der Abstraktion geliefert hatte. Bis Ende der 1950er-Jahre sollte sich schließlich die damals viel beschworene „Weltsprache der Abstraktion“ als der gewissermaßen offizielle Stil der Bonner Republik durchsetzen, ganz im Sinn der angestrebten Westorientierung der jungen deutschen Demokratie.

Dass Karl Hofer heute beim Publikum weniger populär ist als andere aus seiner Generation, also etwa Paul Klee oder die Expressionisten der Künstlergruppe „Brücke“, hat wahrscheinlich mit der ganz eigenen Wesensart seines Schaffens zu tun. Sein Werk, in dem einige wenige Themen über Jahrzehnte immer wieder variiert werden, hat nichts Spektakuläres, weder was Motive noch Malweise oder Kolorit angeht. Seine Figuren wirken oft wie aus der Zeit gefallen, still und in sich gekehrt, ja melancholisch.

Mädchen mit erhobenen Armen, 1941, Sammlung Arthouse; Foto: Sophia Kesting

Ein Mäzen aus der Schweiz

Aber erst einmal ein Blick zurück. Karl Hofers Kindheit war schwierig. Zeitweise lebte er in einem Waisenhaus. Er studierte Malerei an den Akademien in Karlsruhe und Stuttgart. Ein Wendepunkt in seinem Leben tritt ein, als er 1901 den Schweizer Großkaufmann und Mäzen Theodor Reinhart kennenlernt, der ihn über Jahre fördern und finanziell unterstützen wird. So ermöglicht dieser Hofer mit seiner kleinen Familie Aufenthalte in Rom und in Paris sowie später noch zwei Reisen nach Indien. Dies alles sind für den jungen Maler wichtige Stationen auf dem Weg der künstlerischen Selbstfindung, bevor er sich dann 1913 in Berlin niederlässt.

Blick in die Ausstellung: Raum „Faszination Indien“; Foto: Simone Lipski für Schloss Achberg

Ausstellungsstation Schloss Achberg

Die Ausstellung verfolgt die Entwicklung Hofers in einer sehr einleuchtenden Abfolge von thematischen und biografischen Kapiteln. Wie bei der großen Kollwitz-Präsentation im vergangenen Jahr gliedern wieder große Farbtafeln mit erläuternden Texten, Äußerungen des Künstlers und ausgewählten Fotos die Schau. Für die Ausstellung, die in Kooperation mit dem Kunstmuseum Moritzburg in Halle, der Städtischen Galerie Bietigheim-Bissingen und der Kunsthalle Rostock entstand und für Schloss Achberg vom Chef des Hauses Michael C. Maurer und Marie-Theres Pecher eingerichtet und erweitert wurde, konnten die Macher sozusagen aus dem Vollen schöpfen. Hauptleihgeber ist nämlich die Sammlung Arthouse des Leipziger Medienunternehmers Prof. Michael Kölmel und seiner Frau Dr. Doris Apell-Kölmel, die über 200 Gemälde des Künstlers ihr Eigen nennt. Interessant ist bei einigen Werken auch ihre Herkunft. So konnte zum Beispiel ein Frühwerk des Künstlers aus der Sammlung des Museum of Modern Art in New York erworben werden, ein Beleg für die frühe Wertschätzung des Malers in den USA. Einige Stücke stammen aus der legendären Sammlung des schwäbischen Medienunternehmers Rolf Deyhle, der ebenfalls ein passionierter Hofer-Sammler war.

Fahnenträger, 1940, Sammlung Arthouse; Foto: Sophia Kesting

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Die Themen des Künstlers

Die ersten Kapitel der Ausstellung zeigen Karl Hofer auf der Suche nach einem eigenen Stil. Die in Paris entstandenen Gemälde spiegeln zum Beispiel seine Auseinandersetzung mit Cezanne, aber auch mit dem spätromantischen Pathos eines Eugène Delacroix. Wichtig werden dann die Aufenthalte in Indien. Auf der Suche nach natürlichen, unverfälschten Lebensformen treibt es in dieser Zeit viele Künstler in die Ferne. Emil Nolde oder Max Pechstein reisen zum Beispiel in die Südsee. Auch Hofer ist fasziniert von der Natürlichkeit und gelassenen Sinnlichkeit der schlanken jungen Männer und Frauen, die ihm dort Modell stehen. Damit hat er auch zwei seiner typischen Themen gefunden: still in sich versunkene Mädchenfiguren und spielerische Gruppen junger Männer.

Da ist zum Beispiel das immer wieder aufgegriffene Motiv der Fahnenträger. Diesen Figuren ist alles Heroische, was man bei dem Thema eigentlich erwarten könnte, fremd. Man hat eher den Eindruck eines entspannten Balletts, das da am Strand aufgeführt wird. Alle seine Gestalten bewegen sich in zeitlosen Räumen. Man hat es deutlich mit einer Gegenwelt zu jenen Themen zu tun, in denen sich bei anderen Künstlern die gesellschaftliche Realität dieser Jahre spiegelt. Obwohl auch Hofer in Berlin lebt, spielen bei ihm das Nachtleben der Großstadt oder die sozialen Folgen des Ersten Weltkriegs keine Rolle. Was immer wieder auftaucht, sind Darstellungen von Maskierten, Clowns oder Menschen aus dem Zirkus. Aber auch sie bewegen sich in neutralen Räumen und sind wohl eher als Sinnbilder für die Außenseiterrolle der Künstler in der Gesellschaft gedacht.

Circusleute, um 1920, Sammlung Arthouse; Foto: Sophia Kesting

Zweite Heimat Tessin

Die Sehnsucht nach dem Süden und dem zwangloseren Leben dort führt Karl Hofer schließlich ins Tessin. In den 1920er- und 30er-Jahren verbringt er dort seine Sommer, kann letztendlich sogar ein Haus am Luganer See erwerben. Es entstehen lichtdurchflutete Landschaftsgemälde. Menschen fehlen. Ihr Wirken ist nur in den Wegen und Bauten spürbar, etwa den einfachen kubischen Häusern, die man auch aus Hermann Hesses Aquarellen aus dem Tessin kennt.

Düstere Zeiten

Aber Karl Hofers Bildwelt ist keine durchweg sonnige und heile. Seine Einzelfiguren wirken oft nachdenklich und selbst dort, wo Gruppen zusammenfinden, geht es nie sehr lebhaft zu. Überall ist eine Skepsis zu spüren gegen alles Lärmende, das wir gerade mit den zwanziger Jahren gerne in Verbindung bringen. Auch für die politischen Umwälzungen, die am Horizont heraufziehen, zeigt Hofer ein feines Gespür. Über seine Rolle schreibt er selber: „Der Künstler ist eben ein geistiger Seismograph, der das Unheil vorausregistriert.“ In Zeitungsartikeln wie „Faschismus, die dunkle Reaktion!“ von 1931 bezieht er deutlich Stellung.

Kurator Michael C. Maurer vor Hofers „Kassandra“ 1936, Museum Moritzburg Halle; Foto: Anja Köhler für Schloss Achberg

Mit seinem düsteren Großformat „Kassandra“ erhebt er auch in seiner Malerei seine Stimme. Das Bildnis der Seherin aus der griechischen Mythologie, deren Warnungen ungehört bleiben, ist 1936 eine deutliche Mahnung. Letztlich legen sich die Schatten auch auf Hofers Weg. Die Entlassung aus dem Lehramt, die Diffamierung als „entartet“, die Zerstörung von Atelier und Wohnung bei einem Luftangriff und schließlich der Untergang Berlins – das alles trifft den Künstler tief. Bezeichnenderweise reagiert er darauf mit einem Gemälde, das nicht das konkrete Geschehen schildert, sondern mit einer zeitlosen und eben auch zeitlos gültigen Nachtszene. In seiner „Bösen Nacht“ von 1947 – übrigens aus der Kunstsammlung des Landkreises – streifen Wölfe durch eine Landschaft mit Ruinen und abgestorbenen Bäumen.

Böse Nacht, 1947, Kunstsammlung des Landkreises Ravensburg; Foto: Karin Volz

Mathilde Hofer

Es ist ein Verdienst der Ausstellung und des Kataloges, dass sie auch Zwiespältiges aus Hofers Biografie ansprechen. Vor allem der Umgang mit seiner jüdischen Frau irritiert. Das Ehepaar lebt schon lange getrennt und der Künstler will sich schon länger scheiden lassen. 1938 willigt Mathilde Hofer in die Scheidung ein. Dem Künstler ermöglicht das die – für seine Arbeit wichtige – Rückkehr in die Reichskammer der bildenden Künste, aus der er wegen seiner Ehe mit einer Jüdin ausgeschlossen wurde. Sie verliert durch die Scheidung allerdings den Schutz der „privilegierten Mischehe“, wird schließlich 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Hofer im geteilten Deutschland

Die dritte Ebene der Ausstellung auf Schloss Achberg ist der Rolle Karl Hofers im geteilten Deutschland gewidmet. In der Bundesrepublik dominiert in den Nachkriegsjahrzehnten die abstrakte Malerei, auch zum Beispiel in den ersten Documenta-Ausstellungen. Für die Auseinandersetzungen um die ungegenständliche Kunst im Westen steht in der Schau die Gegenüberstellung der Gemälde Hofers mit ausgewählten Werken Willi Baumeisters. Interessant ist aber auch, was in der DDR passiert. Dort greifen die Maler der sogenannten „Halleschen Schule“ stilistische und atmosphärische Impulse von Hofer auf. In der Ausstellung dokumentieren Arbeiten u. a. von Hermann Bachmann und Werner Rataiczyk dieses im Westen kaum bekannte Kapitel der Kunstgeschichte. Über all das informiert auch gründlich der in jeder Hinsicht gut gemachte Katalog zu der Ausstellung. Der enthält übrigens – und das ist mehr als eine hübsche Dreingabe – auch aufschlussreiche Äußerungen wichtiger zeitgenössischer deutscher Maler wie Neo Rauch oder Tilo Baumgärtel zum Werk Karl Hofers.

Aus all dem wird hoffentlich klar, dass auch dieses Jahr gilt: In den nächsten Monaten gibt es, wenn man Lust auf hochkarätige Malerei der Klassischen Modene hat, zwischen Donau und Bodensee wahrscheinlich kein lohnenderes Ziel als Schloss Achberg. Und dass die Ausstellung auch heiklen Fragen nicht ausweicht? Umso besser.
Herbert Eichhorn

In der Bildergalerie weitere Impressionen aus der Ausstellung; Fotos Simone Lipski und Anja Köhler für Schloss Achberg sowie Herbert Eichhorn

Ausstellung „Karl Hofer. Zwischen Schönheit und Wahrheit“

Bis 18. Oktober 2026
Schloss Achberg
Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag 11.00 bis 18.00 Uhr

Schloss Achberg bietet auch zu dieser Ausstellung wieder ein breites Begleitprogramm an.
Informationen dazu unter www.schloss-achberg.de

Zur Ausstellung ist ein fundiertes Katalogbuch zum Preis von 32 Euro erschienen.

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Herbert Eichhorn
veröffentlicht am
13.04.2026
Lesedauer: ca. 9 Minuten
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Fotos: Simone Lipski und Anja Köhler für Schloss Achberg sowie Herbert Eichhorn
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