
Es gab nicht nur ein fieses Virus, es gab auch einen kleinen Hasen. Das Virus lauert immer noch, hat aber nicht mehr die Kraft zur Pandemie. Der Hase ist vermutlich schon tot, aber lebt fort in einem wunderschönen Buch mit dem schlichten Titel „Hase und ich“. Es folgt eine Betrachtung in absurden Krisenzeiten einerseits und zu Ostern, dem Fest der Hoffnung, andererseits. Und in Erinnerung, dass Corona als weltweite Katastrophe auch kleine Wunder vollbrachte wie „Die Geschichte einer außergewöhnlichen Begegnung“.
Es ist die Geschichte von Chloe Dalton, einer vorbildlichen Protagonistin des Globalismus: ehrgeizig und international, immer einsatzbereit, um bei Konflikten irgendwo auf der Welt Politiker zu beraten. Das war ihre Droge. „Ich war süchtig nach Reisen, zu denen ich oft innerhalb weniger Stunden aufbrechen musste.“ Dann kam das Virus aus China und verbannte die Karrierefrau in ihr Cottage ins englische Hinterland. Kontaktsperre, Stillstand. „Immense Ratlosigkeit und tiefe Zukunftsangst“ überfielen die Powerfrau, die sich bis dahin „mit internationalen Krisen, die Menschen betrafen, und auf Tieren selten Rücksicht nahmen“, beschäftigt hatte.
Das ändert sich am Ende eines langen Spaziergangs. Es ist noch früh im Jahr mit einem späten Wintereinbruch. Mitten auf dem Feldweg, der zu ihrem Landhaus führt, duckt sich vor ihren Wanderschuhen ein winzig kleiner Hase. Glücklicher Zufall, dass sie das Häslein überhaupt gesehen hat. Es passt in eine Hand, als sie es hochnimmt und mit großen Zweifeln nach Hause trägt. Ihre Sorge: Bringe „ich es vor lauter Fürsorge vielleicht um“?
Das Gegenteil ist der Fall: Sie zieht den Hasen mit speziellem Milchersatz für Katzenbabys groß und kümmert sich Tag wie Nacht um Fütterung, Wärme und Sicherheit – ohne, dass sie das Hasenkind verhätschelt, sie hält zu dem Wildtier schweren Herzens Distanz. Sie hat Zeit, dank Corona! Die globale Zäsur entschleunigt und rückt das Nahe in den Fokus. Es zählt das Überleben eines kleinen Hasen.
Das Experiment gelingt. Der namenlose Hase gedeiht, nimmt seinen Platz im Haus ein, entdeckt auch den Garten, den eine brüchige Mauer einhegt, die er ausgewachsen schließlich überspringt. Es beginnt die Zeit der großen Sorge, ja Angst, dem Hasen könnte jenseits der Mauer ein Unglück widerfahren. Gefressen zu werden oder unter die Räder zu kommen. Und überhaupt: Kommt er wieder?
Ja, er kommt wieder. Wie er verschwindet, so regelmäßig kehrt er heim. Aber die Sorge bleibt. Und wird nicht kleiner, als die Häsin sogar ihren Nachwuchs in ihrem Refugium hinter der Mauer zur Welt bringt. Die Autorin und professionelle Beraterin hält sich zurück, beobachtet und informiert sich, studiert im Internet und in Büchern über das Leben dieses faszinierenden Wildtieres und lässt die LeserInnen daran teilhaben. So entstand ein prosaisches Sachbuch aus einer fundamentalen Krise heraus. „Hase und ich“ wird häufig als herausragendes Beispiel modernen Nature Writings gelobt – poetisch, präzise und emotional ohne Kitsch, aber mit besonderer Wärme. Es handelt von der hohen Kunst der richtigen Nähe und Distanz, und wie wahre Fürsorge Freiheit möglich macht, Abschied inklusive.
Das mit Schwarz-weiß-Zeichnungen illustrierte Buch ist auch eine Metapher, wie wir Natur (falsch) verstehen und mit ihr umgehen. Das Corona-Virus entsprang schließlich einem Tiermarkt in China. Aber das brutale Verständnis von Natur als Besitz ist wahrlich keine chinesische Eigenheit, sondern ein weltweites Phänomen menschlicher Zivilisation, aktueller denn je. Der Hase hatte Glück. Frohe Ostern!

Autor: Roland Reck
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