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Vortrag von Rainer Jensch

Zum 150. Todestag von Joseph Anton von Gegenbaur

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Foto: Jensch
Das Gegenbaur-Denkmal am Frauentor, geschaffen 1901 – 25 Jahre nach dem Tod des Künstlers. Es stammt von der Hand August Schädlers.
veröffentlicht am: 31.03.2026
Autor: Dr. Rainer Jensch, Stadtarchivar
Lesedauer: ca. 20 Minuten

Wangen – Im Rahmen der Mitgliederversammlung des Wangener Altstadt- und Museumsvereins (AMV) hat der scheidende Stadtarchivar Dr. Rainer Jensch über Joseph Anton von Gegenbaur gesprochen, einen großen Sohn der Stadt, der im 19. Jahrhundert als Kunstmaler hohen Ruhm errungen hatte. Die Bildschirmzeitung „Der Wangener“ hat den Stadtarchivar um sein Rede-Manuskript gebeten, das er uns dankenswerterweise zum Zwecke der Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Nachstehend die Würdigung des bedeutenden Künstlers Joseph Anton von Gegenbaur aus der Feder von Rainer Jensch (die Zwischentitel wurden von der Bildschirmzeitung eingefügt):

Es war vor 150 Jahren, als Joseph Anton von Gegenbaur in seinem über alles geliebten Rom im Alter von 76 Jahren einem Magenkrebsleiden erlag.

Auf sein Künstlerleben blickte man in der Hauptstadt des damaligen Königreichs Württemberg mit außerordentlich großem Stolz. Damals kannte in Stuttgart den Namen „Gegenbaur“ noch jedes Kind. Zu den ruhmvollen Glanzpunkten seiner Kunst gehörten seine sechzehn Historienbilder im Stuttgarter Neuen Schloss. 

Auch in seiner Heimatstadt Wangen verehrte man den königlich-württembergischen Hofmaler. Zehn Jahre nach seinem Tod organisierten die Stadtväter eine Gedenkausstellung, bei der auch die bronzene Gedenktafel am Geburtshaus in der Langen Gasse enthüllt wurde. 1901 wurde das von August Schädler geschaffene Denkmal aus weißem Marmor und schwarzem schwedischem Granit vor dem Frauentorplatz feierlich enthüllt. Dank der Renate- und Anton-Birk-Stiftung erstrahlt es bis in unsere Tage stets in frischem Glanz. Auch die neue Prachtstraße vor den Toren der Stadt sollte an den großen Sohn der Stadt erinnern. Und im Altertumsmuseum war seiner Kunst eine ganze Abteilung gewidmet. Im Jahr 1976 wurde zum 100. Todestag des Künstlers eine Werkausstellung im neu eröffneten Heimatmuseum in der Eselmühle präsentiert.

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die letzte große Ausstellung im Jahr 2000. Dabei wurde in der Eselmühle einer der auf dem Speicher des Schlosses Ludwigsburg wiederentdeckten monumentalen Entwurf-Kartons zu den Historienbildern gezeigt. Der Gästebucheintrag eines damals aus Stuttgart angereisten Besuchers lautet:

„Aus der ‚Residenz‘ angereist, um zu sehen, was man in den Stuttgarter Schlössern nicht mehr sehen kann: Herzlichen Dank der wunderbaren Stadt Wangen!“

Ein armer Knabe aus der Hinteren Bindgasse

Doch ist es nicht nur die Kunst, sondern auch die edle menschliche Seite des Malers, die uns noch immer fasziniert. Es ist die Geschichte eines armen Knaben aus der „Hinteren Bindgasse“, dem der Aufstieg zu höchsten Ehren durch künstlerisches Talent und unermüdlichen Fleiß gelang.

Josef Anton wurde am 6. März des Jahres 1800 in der Langen Gasse geboren und hat die bewegte Zeitenwende der Reichsstadtära zur bairischen, dann württembergischen Oberamtsstadt erlebt. Sein Vater Stephan war ein gelernter Strumpfwirker, ein Beruf, mit dem nicht viel zu verdienen war. Deshalb musste er sich nach seinen Lehrjahren für fünf Jahre als Kontingentsoldat der Reichsstadt Wangen in den Napoleonischen Kriegen verdingen. Nach seiner Entlassung aus dem Militär verdiente er zunächst als Polizeisoldat der Stadt sein Brot, später dann durch Tagelöhnen.

Der Vater schloss eine Vernunftehe

Erst mit einer Eheverbindung, bei der die Mitgift ein ausschlaggebender Faktor war, konnte Stephan Gegenbaur seine wirtschaftliche Situation in bessere Bahnen bringen. Wie so oft in der Geschichte schickte auch er sich in eine Ehe mit großer Gegensätzlichkeit. Die Braut Magdalena Rudhart kam aus Siggen, eine altledige Bauerntochter, die mit ihren 41 Jahren schon 17 Jahre älter war als er. Für die vom Hof weichende Landpomeranze bot der Einzug in das Wangener Bürgerrecht große Vorteile. Mit ihrem eingeworfenen Heiratsgut konnte Stephan im Jahr 1798 die elterliche Wohnung im Haus in der Langen Gasse von seiner verwitweten Mutter abkaufen. Inklusive der darauf lastenden Schulden, der Auszahlung seiner ledigen Geschwister und der Versorgung seiner Mutter. Ein großes Mutterglück war es, dass seine Frau Magdalena am 6. März 1800 noch einen Sohn zur Welt bringen sollte.

Schon zwei Monate nach der Geburt verkaufte Stephan sein Elternhaus. 1801 erwarb er eine Wohnung im Haus Bindstraße 21. Sie bestand aus einer Stube und einer Küche im unteren Stock, einer Kammer im oberen Stock und einem Verschlag unter dem Dach. Für das einzige Kind aus dieser Ehe waren die elterlichen Verhältnisse alles andere als einfach. Die betagte Mutter war in religiösen Fragen eine streng konservative Frau. Sie war fest entschlossen, ihren einzigen Sohn einer geistlichen Laufbahn zuzuführen. Deshalb ermöglichten ihm seine Eltern den Besuch der Wangener Lateinschule. Dort fiel der Junge durch sein außerordentliches Zeichentalent schon früh auf. Sein Schullehrer überließ ihm aus seiner Sammlung einige Kupferstiche, die er in minutiöser Akribie kopierte. Die Mutter konnte und wollte sich mit den künstlerischen Ambitionen ihres Sohnes nicht abfinden. Als er nach der Schule einmal seiner Mutter triumphierend ein solch gefertigtes Kunstwerk mit hoch ausgespanntem Arm entgegenstreckte, fuhr ihm unversehens eine Ohrfeige an seinen Kopf, „daß er die Engel im Himmel musiciren hörte.“

Gegenbaur bezeichnete diese Schelle später als „Weihe zu seinem Künstlerberuf!“

Das große Talent des Sohnes

Von ganz anderer Art war der Charakter des Vaters, der als Soldat schon in der Welt herumgekommen war. Dass er in seinen Umgangsformen nicht zimperlich war, zeigt allein schon sein Strafregister in Sachen Streithändel, Beleidigungen und nächtlichem Radau. Anders als seine Frau erkannte er das große Talent seines Sohnes und förderte es nach seinen Möglichkeiten. Der Knabe kam in unermüdlichem Kopieren von Graphik mit der akademischen Malerei seiner Zeit in Berührung und konnte seine Zeichenkunst anhand der qualitätsvollen Vorlagen schulen. Die Bilder und Zeichnungen dieser Kinderjahre, die sich in der städtischen Sammlung erhalten haben, sind von den Originaldrucken kaum zu unterscheiden und zeigen sehr eindrucksvoll die große Begabung des Knaben.

Das Schreibheft

Ein erhaltenes Schreibheft zeigt den außergewöhnlichen Schreib- und Zeichendrang des erst elfjährigen Knaben. Doch nicht nur die Form, auch der Inhalt des Schreibheftes ist bemerkenswert: Neben verschiedenen Alphabeten sind es altkluge Weisheitslehren, die teilweise sogar in Latein wiedergegeben sind. Der heranwachsende Knabe war gezwungen, neben der Schule auch zum Broterwerb seiner Familie beizutragen. Aufgrund seines außerordentlichen Talents für Schönschrift hatte er in einem Schreibbüro bei einem sogenannten „Substituten“ Schreibarbeiten zu übernehmen, bis ihm „die Finger steif wurden“. Für seine Zeichnerei blieb meist nur noch zu nächtlicher Stunde Zeit. Als seine Augen mehr und mehr mit Blut unterliefen, der Knabe aber das Zeichnen nicht sein lassen wollte, kündigte der Vater dem Substituten auf.

Einen besonderen Anteil bei der Weiterentwicklung in der Technik der Ölmalerei hatte der Wangener Kunstmaler Jakob König.

Aus Furcht vor der elterlichen Missbilligung seines künstlerischen Dranges entstanden die ersten Werke in aller Heimlichkeit mit improvisierten Malergerätschaften vor einer Fensterluke im Dachverschlag seines Elternhauses.

Als dem Inspektor bei einer Schul-Visitation einige Zeichnungen des Knaben vorgelegt wurden, zeigte sich dieser dermaßen überrascht, dass er dieselben an den königlichen Hof nach Stuttgart zur Begutachtung übersandte.

Dem darauffolgenden Angebot, unentgeltlich in die damals berühmte Porzellanfabrik zu Ludwigsburg aufgenommen zu werden entgegnete der Knabe mit Entrüstung: „Ich will aber kein Hafner, sondern nur Maler werden.“

Mit 15 Jahren Kunststudent in München

Tatsächlich konnte er im Jahr 1815 zum Kunststudium nach München reisen, wozu er aus Mitteln der Wangener Familienstiftungen finanziell unterstützt wurde.

In der Münchner Akademie durcheilte der 15-Jährige in der Klasse von Professor Robert von Langer die nach strenger Systematik gegliederten Zeichenkurse.

1820 sorgte er auf der Münchner Ausstellung mit seinem Ölgemälde „Hl. Sebastian“ für einiges Aufsehen.

Mit den Portraits seiner Eltern stellte sich der junge Gegenbaur in Stuttgart bei Professor von Dannecker vor.

Im Jahr 1823 entstand das Weihnachtsbild „Anbetung der Hl. Drei Könige“ für den Hauptaltar der Stadtpfarrkirche, das heute in der Wangener Spitalkirche zu finden ist.

Gefördert vom König

Von 1823 an wurde der junge Künstler dann von König Wilhelm I. von Württemberg gefördert. Dies bestand in einem Stipendium für einen dreijährigen Rom-Aufenthalt zum Studium der Malerei der alten italienischen Meister. Damals weilten bereits viele der berühmten Nazarener-Größen in Rom. Von dem berühmten romantischen Maler Julius Schnorr von Carolsfeld ist überliefert: „Drei Württemberger sind angekommen, welche hier [in Rom] besonders auf die Frescomalerei sich verlegen sollen, um dereinst den Palast des Königs mit Malereien auszuzieren. Einer, Gegenbaur, ist für Historien, die anderen sind mehr für Ornamente und dergleichen bestimmt.“

Während seines Rom-Aufenthaltes erhielt der junge Gegenbaur einen Brief von seinem Jugendfreund Franz Xaver Bucher, Sohn des gleichnamigen Lehrers und Organisten von Wangen, in welchem ihm dieser seine Heirat mitteilte. Die beiden waren sich aus ihrer gemeinsamen Studienzeit in München sehr vertraut. Die Passagen aus dem Antwortbrief Gegenbaurs vermitteln etwas von jenem köstlichen römischen Geist des Eichendorff’schen Taugenichts, der die jungen Künstler in Rom gefangen nahm. Zunächst gratuliert Gegenbaur seinem Freund zum Entschluss der Ehe, wunderte sich aber über seinen Freund Bucher, dass er „… als ein sonst so gefährlicher Feind des Ehestandes sich selbst ohne langes Zaudern unter sein Joch verfügt habe …“

Römische Abenteuer

Dann berichtet Gegenbaur über seine eigenen Liebesabenteuer in Rom: „..Mit meinem Herzen also, da sah es wirklich lange sehr schlimm aus und wie mir scheint auch jetzt nicht am besten, denn gerade an jenem Theile, wo die Liebe sitzt, ist es am meisten zerlumpt… auch mir raubte ein zartes Wesen Herz und Seele … indem mein Zimmer bloß durch eine Wand von dem ihrigen getrennt war, aus der ich zwar lange nur durch eine kaum bemerkbare Öffnung (welche ich mit einem feinen Instrumente bohrte) ihren himmlischen Gesang belauschen konnte, bis einmal ihr die Klagetöne meiner beengten Brust in stiller Begeisterung ein heißes Liebesgeständnis zuflüsterten. Dieses fand nun seine günstige Aufnahme, die Begierde stieg gegenseitig immer höher, und das Loch in der Wand wurde täglich größer und größer, … In dieser Nacht, wo alles schlummerte, schlich ich, ..mit zitterndem Blute auf den …Treppen ab und Treppen auf, bis ich zu einer Türe gelangte, die mir das Mädchen leise öffnete. Ich war wie in den Lüften, als ich ihr klopfendes Herz an das meinige drücken und die feurige Liebe einer stolzen Römerin zum ersten Male empfinden konnte. … Doch nicht lange kostete ich der Liebe höchsten Reiz.“

Als die Mutter das Liebespaar in flagranti erwischte, packte der Student noch in derselben Nacht seine Sachen und bezog ein Zimmer in einem anderen Stadtteil Roms, wo er vor den Verfolgungen der alten Mutter sicher war.

Doch auch in seiner neuen Umgebung blieb Gegenbaur von Liebesanfechtungen nicht verschont wie er weiter schildert:

„…Ich suchte mich nun in meiner neuen Wohnung in dergleichen Verwicklungen nicht weiter mehr einzulassen, damit ich mein damals schon angefangenes Bild, welches Moses in der Wüste vorstellt, nachdem er für sein dürstendes Volk aus einem Felsen Wasser fließen gemacht hatte, mit desto größerer Ruhe in der mir angemessenen Zeit vollenden könnte.

Aber was half der gute Vorsatz, wenn ich auch noch so früh mit ihm aus dem Bette stieg, meine Fenster öffnete um frische Morgenluft einzuatmen, und wenn ich unter mir auf beiden Seiten meines Eckzimmers die freundlichsten Blumen und Orange-Gärten erblickte, aus welchen sich alte Weinstämme an den gegenüberstehenden Häusern grünend hinaufpflanzten, ihre süßen Früchte unter weiten und schattigen Armen über die Fensterstöcke verbreiteten, und nun mit den jung und zart belaubten Zweigen in den lockigen Haaren der liebreizendsten Mädchen freundlich spielten, deren feurige Blicke mein armes Herz unwiderstehlich hinhielten, und es von allen Seiten dergestalt entzündeten, dass selbst die Wunderquelle Moses oft nicht Kraft genug hatte, im Kampfe meiner neuen Liebesglut zu bestehen.

Nicht minder gefährlich waren mir die Anfechtungen im Innern meines Hauses, von meiner Hausfrau selbst. Dieses Weib von 26 Jahren … ist schön und üppig gebaut, voll von Reizen und Lebenslust, aber untreu und mit einem Wort eine Römerin, die stets im nachlässigen Anzuge und in ungezwungenen und lieblichen Manieren um mich her hüpfte und nicht selten mich durch Gitarre und Gesang von meiner Arbeit abzuteilen vermochte.“

Moses und Wilhelm

Das Bild „Moses schlägt Wasser aus dem Felsen“, welches er von April bis November 1825 gemalt hatte, war eine Allegorie, die seinem Mäzen schmeicheln sollte. Gegenbaur setzte die Rettung des in der Wüste dürstenden Volkes Israel durch Moses gleich mit König Wilhelm, der den Künstlern ein lebenspendender Quell war. Neben seinem eigenen Konterfei hat Gegenbaur sogar seinen Dackel namens „Pik-As“ im Bild verewigt. 14 Tage lang wurde das Meisterwerk in Rom ausgestellt, wo es viel Bewunderung, aber auch Kritik, vor allem von den Deutschrömern erfuhr. Zur Zeit des Briefes war es schon auf dem Weg nach Stuttgart, wo es beim König die Türen für die offiziellen Malaufträge bei Hofe öffnen sollte.

Zunächst aber wollte Gegenbaur noch die Freskomalerei studieren, vornehmlich in Florenz und Venedig.

In Stuttgart

Nach Stuttgart zurückgekehrt, erhielt er den Auftrag zur Ausmalung der Ballsaaldecke und der Bibliothek des neuerbauten württembergischen Lustschlosses Rosenstein bei Stuttgart. Es waren mythologische Motive, die er in anmutigen Gruppierungen und beeindruckendem Kolorit von 1826 bis 1829 schuf. In der Kuppel des Großen Saals malte er den Olymp mit Jupiter, Amor und Psyche. Hier verdiente er 700 Gulden im Jahr und nach vollendeter Arbeit weitere 1600 Gulden Honorar.

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Der zweite Rom-Aufenthalt (1829 – 1835)

Mit guter finanzieller Ausstattung zog es ihn danach zu weiteren Studien nach Rom, wo er sich von 1829 bis 1835 zum zweiten Mal aufhielt. In diese Zeit fiel seine Erfindung der „transportablen Fresken“ auf Leinwand. Auch schuf er jene an Raffael angelehnten Madonnenbilder, die vor allem bei den Engländern hochgeschätzt waren. Bei einem Zusammentreffen des Königs von Württemberg mit mehreren Künstlern in Civitavecchia wurde ihm eine Anstellung am Stuttgarter Hof in Aussicht gestellt.

1835: Königlich-württembergischer Hofmaler

Auf der Rückreise von seinem Studienaufenthalt in Italien weilte er 1835 eine Zeitlang in seiner Heimatstadt Wangen, um seinen Vater zu besuchen und um der heißen Jahreszeit in Rom zu entfliehen. Nach sechs Wochen wurde er nach Stuttgart beordert, wo er nun zum königlich-württembergischen Hofmaler ernannt wurde. Ihm wurde die anspruchsvolle Aufgabe der Ausmalung der Säle des Neuen Schlosses mit Historienfresken aus der württembergischen Geschichte aufgetragen. Mit seiner dauerhaften Anstellung gründete er seinen Hausstand in der Alten Kanzlei am Schlossplatz. Diese Wohnung diente ihm bis zu seinem Tod als Stuttgarter Domizil. Die Arbeiten an den Historien-Fresken im Neuen Schloss in Stuttgart dauerten von 1836 bis 1854, unterbrochen durch weitere Studienreisen in die Niederlande und nach Belgien.

1844 in den persönlichen Adel erhoben

Im Jahr 1844 wurde dem Maler der württembergische Kronorden württembergischen König verliehen. Seit dieser Zeit durfte er sich mit Namenszusatz „von“ Gegenbaur schreiben.

Die schöne Madonna – war es die Franziska vom „Lamm“?

Von Gegenbaur hat sich seiner Vaterstadt Wangen gegenüber als äußerst großzügig erwiesen. Im Jahr 1823 stiftete er das Altarblatt „Hl. Sebastian“ seiner Heimatkirche St. Martin. Im Jahr 1845 folgte dann das Altarblatt „Madonna mit Jesuskind“. Dazu vernahmen die Wangener aus Stuttgart die Nachricht, die Stadt dürfe sich auf ein Altarbild freuen, „dessen Schönheit alle bisher besehenen Madonnen weit hinter sich lässt.“ Gegenbaur schrieb selbst dazu: „…Meine besten Wünsche, meine stillen Gebete ziehen mit dem Bilde. Mögen alle daran erkennen, wie sehr ich stets mit Liebe und Verehrung an meinem Geburtsort hänge, wo ich meine Jugendzeit und mit ihr so viele schöne Tage und Stunden verlebte … und dass die einzige Verpflichtung, die man mir etwa dafür schuldig zu sein glauben könnte, nur die wäre, den Stifter in freundlichem Andenken zu behalten.“

Das Modell zu dieser Madonna soll die stadtbekannte hübsche Franziska, Tochter des Wangener „Lamm“-Wirtes gewesen sein. Die auf Leinwand gebannten Blicke dieser schönen Frau brachten vor allem die Antlitze der Gesichter der Männerseite der Kirche zum Erstrahlen.

Was den einen zur Ergötzung diente, war anderen wiederum ein Ärgernis, besonders als sich die Kunstauffassung der katholischen Restauration zum Biederen hin wandelte. So kam Gegenbaur nach einem Aufenthalt in Rom in Wangen vorbei, um sein Altargemälde „Madonna mit Kind“ den neuen Erfordernissen anzupassen. Die Veränderung bestand darin, den Blick der Gottesmutter in Demut zu senken, um den Fokus besser auf den Jesusknaben zu lenken.

Die Fresken im Neuen Schloss

Neben seinen Madonnen hatte sich Gegenbaur in der monumentalen Malerei großen Ruhm erworben. Mit dem Prädikat „Maler der farbschönsten Fresken nördlich der Alpen“ wurden seine historischen und mythologischen Darstellungen mit glühender Bewunderung gerühmt. Die Themen der sechzehn Historienmalereien in den fünf Sälen des Neuen Schlosses wurden von Gegenbaur vorgeschlagen und dann vom König endgültig festgelegt. Es waren friedliche und kriegerische Szenen aus dem Leben der großen württembergischen Herrscher aus drei Jahrhunderten.

1836 unternahm der Maler Informationsreisen nach München zu den Nibelungen-Darstellungen Julius Schnorrs von Carolsfeld und zu den Malereien aus der griechischen Mythologie von Peter von Cornelius sowie nach Hohenschwangau, wo unter maßgeblicher Beteiligung Moritz von Schwinds gerade die Ausmalungen des dortigen Schlosses mit Themen aus der deutschen Geschichte und dem deutschen Ritterleben begonnen hatten.

Gegenbaur besuchte auch das Schloss Wolfegg, um im Kupferstichkabinett des Fürsten Skizzen und Studien von Rüstungen, Waffen und Kostümen des Mittelalters anzufertigen.

Durchschnittlich gingen jedem Fresko sechs vorbereitende Kompostionsentwürfe und Detailskizzen voraus – die Ölstudien und die Rüstungs- und Kostümzeichnungen nicht mitgerechnet. Heute zeugen nur noch eine Anzahl von Vorzeichnungen, Skizzen, Ölstudien sowie originalgroßen Kartons vom künstlerischen Glanz der verlorenen Hauptwerke. In den Wintermonaten zeichnete Gegenbaur den für die Fresken jeweils erforderlichen Karton im Maßstab 1:1. Das Fresko selbst brachte er jeweils im darauffolgenden Sommer auf die Wand.

Neben einem jährlichen Gehalt von 1200 Gulden erhielt er durchschnittlich 1700 Gulden für jeden Karton und die doppelte Summe für jedes ausgeführte Fresko.

In den ersten drei Wandgemälden wurden die berühmten Uhlandgedichte mit den Episoden aus dem Leben Eberhards des Greiners ins Medium der Malerei umgesetzt. Waren diese noch einfach in der Komposition und eher statisch arrangiert, so zeigten die folgenden Schlachtendarstellungen lebhafte Steigerungen. In den acht Fresken, die der Verherrlichung Eberhards im Bart dienten, gewannen die individuell gestalteten Personen mehr und mehr an historischer Präsenz.

Die revolutionären Unruhen des Jahres 1848 und deren Folgen unterbrachen dann die Arbeiten für drei Jahre.

Die Inhalte der letzten drei Gemälde lassen deutliche Parallelen zwischen der aktuellen politischen Situation unter der Regierung König Wilhelm I. von Württemberg und der jeweiligen historischen Szene erkennen. König Wilhelm I. ließ sich bei der Auftragserteilung von dem Gedanken leiten, seine Politik in Historienbildern als Mittel der Selbstdarstellung zum Ausdruck zu bringen. In den Kampfszenen der drei letzten Gemälde kam die Virtuosität des Künstlers schließlich zur vollen Entfaltung.

Zerbombt und abgebrannt

Von den Fresken im Neuen Schloss ist heute außer den beiden Wandfragmenten im Besitz der Stadt Wangen nichts mehr erhalten. Das Stuttgarter Neue Schloss, das seit der Abdankung König Wilhelms II. im Jahr 1918 nur noch als Museum genutzt wurde, brannte im Zweiten Weltkrieg bei einem nächtlichen Bombenangriff am 3. März 1944 bis auf die Grundmauern nieder. Viele Jahre stand das Schloss als Ruine da. Was die Bomben übrig ließen, wurde nun von der Witterung vollends zerstört.

Nach heftigen Auseinandersetzungen um den völligen Abriss des Schlosses wurde 1954 der Wiederaufbau nach alten Plänen beschlossen. „Aus den Riesenmauern der Säle, in denen noch vor 13 Jahren die farbenprächtigen Fresken zwischen Gold und Silber prangten, wachsen jetzt Unkraut, Sträucher, und durch die ausgebrannten Fensterhöhlen des Ruinenkomplexes scheinen heute noch kläglich die Reste dieser von Feuer und nun seit 13 Jahren auch von Regen und Kälte zerfressenen Wandgemälde.“ Sie wurden für nicht erhaltungswürdig erklärt und infolgedessen von den Wänden abgeschlagen.

Die Kartons sind erhalten

Die Kartons hingegen gingen beizeiten in den Besitz des württembergischen Königs über und gelangten noch vor 1854 in das Königliche Museum der Bildenden Künste. 1902 wurden sie in das Schloss Ludwigsburg gebracht, wo sie 1991 im Dachspeicher des Alten Corps de Logis wiederentdeckt wurden. Im Jahr 2014 entschloss sich die Staatliche Schlösser- und Gärtenverwaltung, aus Anlass des 50. Jahrestags des Wiederaufbaus des Stuttgarter Schlosses mit dem Beginn der Restaurierung der Skizzenkartons. Im September 2014 waren die ersten 4 Kartons im Neuen Schloss ausgestellt.

Der Tod des Gönners

Von 1859 bis 1860 war Gegenbaur mit der Ausmalung der Ballsaaldecke im Weißen Saal des Neuen Schlosses in Stuttgart beschäftigt. Mit dem Tod seines großen Gönners König Wilhelm I. im Jahr 1864 kam für ihn das Ende seiner künstlerischen Aufträge in der Residenzstadt. Die Ausmalung des Speisesaals im königlichen Schloss zu Friedrichshafen im Jahr 1865 war sein letzter repräsentativer Auftrag.

Und immer wieder Rom

Die Sehnsucht nach Rom hatte den Künstler nie mehr losgelassen. Da im beginnenden Eisenbahnzeitalter die Reisen dorthin immer schneller und bequemer zu machen waren, häuften sich zur Winterszeit seine saisonalen Romaufenthalte seit dem Jahr 1853.

Über den Tod seiner Eltern hinaus blieb der vielbewunderte Hofmaler seiner Heimatstadt stets mit großer Anhänglichkeit und Wertschätzung verbunden. Beim Tod seiner Mutter im Jahr 1827 hatte sich der junge Künstler bereits auf den ersten Stufen seiner Karriereleiter befunden.

Die zweite Ehe des Vaters

Die zweite Ehe seines Vaters mit der 46-jährigen Maria Elisabeth Schellhorn von Berg bei Wolfegg war ebenfalls eine wirtschaftliche Zweckgemeinschaft. Mit dem zweiten Heiratsgut und durch den Erfolg seines Sohnes eröffneten sich für den bisherigen Tagelöhner weitere Möglichkeiten. So wurde er im Jahr 1828 zum Spitalkostpächter, der die Spitalinsassen zu betreuen und zu versorgen hatte. Dazu gehörte die Erzeugung und Bereitstellung von Lebensmitteln und gekochten Speisen aus der eigenen Küche und Keller. Die hauswirtschaftliche Führung des Betriebes lag bei der Ehefrau. Mit diesem Unternehmen kam Stephan Gegenbaur schon bald in gediegene Vermögensverhältnisse. Wie erfolgreich sich seine wirtschaftliche Lage entwickelt hatte, zeigt sich darin, dass er seiner Witwe im Jahr 1839 das stattliche Vermögen von 3403 Gulden hinterließ.

Josef Anton von Gegenbaur war ein Wohltäter

Josef Anton von Gegenbaur war als Hofmaler sehr wohlhabend geworden. Da er keine Geschwister und als Junggeselle keine leiblichen Erben hatte, vermachte er sein Vermögen schon zu Lebzeiten verschiedenen Stiftungen. 1846 errichtet er ein Testament zugunsten der sozialen Einrichtungen der Stadt Wangen. Unter anderem sollten „arme talentvolle, sich der Wissenschaft und der Kunst widmende Jünglinge“ seiner Vaterstadt finanziell unterstützt werden. Diese großzügige und in seiner eigenen Biografie wurzelnde Stipendienstiftung entfaltete bis zum Untergang in der Inflation von 1923 ihre segensreiche Wirkung. Im Jahr 1861 stiftete er ein Chorfenster für die Stadtpfarrkirche St. Martin und entwarf dazu die Darstellungen der vier Apostelbilder. Diese vom Münchner Ludwig Mittermaier gefertigten Fenster wurden im Zuge der nachkonziliaren Kirchenmodernisierung in den 60er-Jahren leider ausgebaut. Sie gelten heute leider als verschollen.

Im Jahr 1863 errichtete er eine Jahrtagstiftung für seine verstorbenen Eltern in der stattlichen Höhe von 400 Gulden. Deren Zinserträge kamen den Armen der Stadt zu Gute. Auf die schlichte Marmortafel ließ Gegenbaur die Inschrift „Den treuen Eltern“ setzen.

Er ruht auf dem Campo Santo Teutonico

Am 31. Januar 1876 starb Joseph Anton von Gegenbaur in Rom. Er wurde auf dem Campo Santo Teutonico, dem katholischen Friedhof der Deutschen bei St. Peter in Rom, bestattet.

Kommen Sie nach Rom, vergessen Sie nicht, frische Blumen auf sein Grab zu legen. Sie sind ein Zeichen für das, was Dominikus Stiefenhofer nach dem Hinscheiden seines Freundes in seinem tiefgefühlten Nachruf so ausdrückte:
„ … Stolz kannst Du sein, Du Vaterstadt, auf solche Söhne;
Sie leben fort, so lange blüht das ewig Schöne.“
Rainer Jensch, März 2026

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Dr. Rainer Jensch, Stadtarchivar
veröffentlicht am
31.03.2026
Lesedauer: ca. 20 Minuten
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