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Wangen – Energie. Davon reden derzeit viele. Etwa über steigende Kraftstoffpreise an Tankstellen. Oder über explodierende Heizkosten. Eine andere, gegenteilige Meldung aus Wangen. Hier stellen allein die Stadtwerke pro Jahr über vier Millionen Kilowattstunden Strom in eigenen Wasserkraftwerken her. Preisstabil bei rund 12 Cent je elektrische Kilowattstunde. Gewonnen unter heimisch-städtischer Kontrolle. Also ohne Strompreisschwankungen.
26. April 1986. Bald 40 Jahre. Damals meldete die „Tagesschau“, im sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl sei es zu einem schweren Unfall gekommen. In diesen Tagen erste, höhere Strahlenwerte schon in Schweden. Bald auch in Deutschland? Angst breitete sich aus. 6. Mai 1986: In Zeitungsanzeigen erklärten die Stromversorger-Konzerne, sie bemühten sich bereits um natürliche Stromquellen. Und dabei nutzten sie schon Wasserkraft, „soweit es unsere Flüsse erlauben“. So wörtlich in den Anzeigen.
Falsch. Statt der wahrheitswidrigen Behauptung der Stromkonzerne konnte und kann Wasserkraft viel mehr. Allein in Wangen entstehen heute rund 1,7 Millionen Kilowattstunden Elektrizität mehr aus der treibenden Kraft von Bächen und der Argen, als 1986 in Wangen dank Wasserenergie entstanden. 1,7 Millionen Kilowattstunden – genug für (über) 1000 Privatleute. Klimafreundlich, in städtischer Hand – und günstig.
Denn anstatt Elektrizität aus dem normalen Stromnetz zu kaufen, können die Stadtwerke Wangen über vier Millionen elektrische Kilowattstunden aus den eigenen Wassertriebwerken beziehen. Umgerechnet zu einem Preis von 12,5 Cent je Kilowattstunde. Höchstens halb so teuer wie die gleiche Strommenge aus dem normalen Netz.
Schritt für Schritt. Zug um Zug. Ab 2013 gingen die Stadtwerke daran, ein altes Argen-Stauwehr nach dem anderen zu sanieren. Und dabei entweder alte Wassertriebwerke dort zu verbessern – oder auch neue zu errichten. Insgesamt vier Wasserkraftanlagen in Wangen. Dabei zum Beispiel auch den alten ERBA-Triebwerkskanal von 1862. Das Wasserkraftwerk dort lieferte nach der Sanierung 1,7 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr – statt einer Million zuvor. Noch stärker die Steigerung am Triebwerk Sigmanns/Epplings: von 0,8 Millionen Jahres-Kilowattstunden auf 1,7 Millionen.
Trotz – oder wegen – dieser wirtschaftlichen Steigerung gewann dabei auch die Natur. Die „Gewässerökologie“. Standen die alten Argen-Stauwehre der Wassertriebwerke wandernden Wassertieren im Weg, so ließen sich im Rahmen der Erneuerung ab 2013 um diese Barrieren Bäche anlegen. Dort können Fische nach oben oder nach untern schwimmen. Diese „Umgehungsgerinne“ nennen manche auch „Fischpässe“. Solchen Tatsachen zollte Landesumweltministerin Thekla Walker (Grüne) Respekt, als sie 2024 die „Fischpässe“ der Wasserkraftanlagen auf dem Gelände der Landesgartenschau Wangen besichtigte.


Umweltministerin Thekla Walker (schwarzes T-Shirt, weiße Hose; Bündnis 90/Die Grünen) zeigte sich bei ihrem Besuch im September 2024 sehr zufrieden mit der Revitalisierung der Oberen Argen im Rahmen der Landesgartenschau. Fotos: LGS
Ökologie und Ökonomie in einem
Damit nicht genug. Denn Stadtwerke-Chef Urs Geuppert listet nicht allein die gemeindeeigenen Wasserkraftanlagen auf, sondern auch private, mittelständische auf Wangener Markung. Acht Anlagen. Sie liefern pro Jahr weitere rund sieben Millionen elektrische Kilowattstunden – genug für über 4000 Privatleute. Eine von ihnen: das Wassertriebwerk Beutelsau. Sein Inhaber Hubert Winter ließ es bis 2010 so erneuern, dass sich die Strommenge der Anlage verdoppelte. Für heute mehr als 1000 Privatpersonen. Beachtlich dabei: Winter befüllt seither auch den „Fischpass“ dort mit rund fünfmal mehr Wasser als zuvor. Ökologie und Ökonomie in einem. Ein Vorbild – auch zur Gründung der Stadtwerke Wangen 2010.


Die stadteigenen Wasserkraft-Anlagen sparen der Stadt Wangen pro Jahr über 200.000 Euro Stromkosten. Fotos: Stadtwerke Wangen
Damit nicht genug. Denn die Liste vom Stadtwerke-Chef, Diplomingenieur Geuppert, ist noch länger: „Weitere rund 26 Wasserkraftanlagen waren Anfang des 20. Jahrhunderts noch in Betrieb.“ Damit gilt für die wasserkräftige Allgäustadt, was der international anerkannte Biologe und Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker schon vor Jahren über die Energie treibender Tropfen wusste: „Da gibt es wieder viel zu tun.“ Anpacken für eine ortsnah berechenbare Energieversorgung in Bürgerhand. Klimafreundlich und preisstabil. Und zwar umso mehr, wenn solche Bemühungen Teil einer tüchtigen Tradition mit Turbinen sind. Denn Wangen galt 1893 als erste Stadt im Königreich Württemberg, die eine elektrische Straßenbeleuchtung betrieb – dank Strom aus der Argen-Wasserkraft.
Julian Aicher



































