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Arthur Opp kommt es vor, als stünde die Besteigung des Mount Everest an. Dabei hat er lediglich dem Bitten seiner Haushaltshilfe Yolanda nachgegeben und sich auf einen kleinen Spaziergang am Nachmittag eingelassen. Es geht in den nur wenige Minuten entfernten Prospect Park im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Das Besondere an der Situation: Arthur bringt an die dreihundert Kilo auf die Waage, sein Haus hat er seit Jahren nicht verlassen.

Das Cover von Liz Moore, Der andere Arthur. Foto: Verlag
Der Sapziergang ist eine von vielen berührenden, aber niemals rührseligen Szenen eines in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen Romans. Er beschreibt den Weg des achtundfünfzigjährigen Arthurs heraus aus jahrelanger Einsamkeit und gesellschaftlicher Isolation. Dabei spielen Schlagworte der Motivationslehre à la „Du musst es nur wollen“ keine Rolle. Vielmehr sind es die einfühlsame Zugewandtheit Yolandas und die zarte Hoffnung auf ein Wiedersehen mit einem geliebten Menschen, die Arthur den Schritt über die Schwelle seiner Haustür wagen lassen.
Sein zaghaftes Heraustasten aus der erdrückenden Zurückgezogenheit schildert der ehemalige Universitätsdozent aus eigener Perspektive. Ebenso eindrücklich erzählt er aber auch, mit welcher schleichenden Zwangsläufigkeit es überhaupt erst zu seinem traurigen Rückzug ins Abseits kam. Scham, Schuldgefühle und die Angst vor öffentlicher Missbilligung waren die treibenden Kräfte.
Einst fand Arthur in seiner ehemaligen Studentin Charlene eine Seelenverwandte. Die aufkeimende Liebe wurde von falschen Anschuldigungen im Keim erstickt. Charlene hat es in der Folge nicht besser getroffen. Ihre Geschichte oder vielmehr die ihres achtzehnjährigen Sohnes Kel bildet den zweiten großen Erzählstrang des Romans.
Kel scheint in zentralen Belangen das glatte Gegenteil Arthurs. Sportlich überaus talentiert hegt er berechtigte Hoffnungen auf eine Profikarriere in der obersten Baseball-Liga. Sein Freundeskreis ist groß, seine Beliebtheit bei Mädchen noch größer. Doch auch in seinem Leben lauert Abgründiges. Der Umgang mit der alkoholkranken Mutter überfordert ihn. Warum sie nach Jahren wieder Kontakt zu Arthur aufnimmt, in welchem Verhältnis Kel zu ihm steht und ob es tatsächlich zu einem Treffen der beiden kommen kann – das treibt die Geschichte spannungsvoll voran.
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um ein brillantes Frühwerk der US-amerikanischen Autorin Liz Moore. Im Original bereits 2012 erschienen, wurde es jüngst erfreulicherweise ins Deutsche übertragen. Moore hat sich in den letzten Jahren auch auf dem hiesigen Buchmarkt einen Namen gemacht. 2020 wurde ihr Thriller „Long Bright River“ von der deutschen Kritik gefeiert. Auf ein bestimmtes Genre festgelegt ist sie aber keineswegs. „Der Gott des Waldes“, eine Mischung aus Abenteuergeschichte und Gesellschaftsroman, stand dann 2025 auf den Bestsellerlisten und hat einen zusätzlichen Hype erfahren, als Pop-Queen Taylor Swift das Werk in einer Doku-Serie prominent in Szene setzte.
Bemerkenswert ist zudem, dass Liz Moore ihre Bücher nicht für eine bestimmte Zielgruppe schreibt. In besonderem Maße gilt dies für den aktuellen Titel. Das Thema der Einsamkeit Arthurs verdient ohnehin allgemeines Interesse, und die Coming-of-Age-Geschichte des jungen Kels, die im letzten Jahr an der High School spielt, dürfte auch Jugendliche und junge Erwachsene begeistern. Entsprechend ist dem Roman eine breite Leserschaft zu wünschen. Wird er diese doch – trotz aller Tragik – ein bisschen beseelter zurücklassen.
Christoph Schmaus
Liz Moore: Der andere Arthur.
C.H. Beck, übersetzt von Cornelius Hartz
377 Seiten, 26 Euro.



































