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Ravensburg – Laut Deutschem Bühnenverein gingen letztes Jahr mehr als 20 Millionen Menschen ins Theater. Übers Jahr gerechnet sind das durchschnittlich mehr als 55.000 Theaterbesuche pro Tag. Zahlen, über die sich Schauspielhäuser im ganzen Land freuen können. Freude spürt man am vergangenen Freitag (20. März) auch bei Karsten Engelhardt. Bereits 26 Produktionen hat er gemeinsam mit dem Theater Ravensburg realisiert. Jetzt feierte seine 27. ihre Premiere: „Smith & Wesson“. Zu sehen in der Zeppelinstraße 7. Die nächsten Termine: 26. und März, 25. April, 9. und 22. Mai.
Viele Infos zum neuen Stück des Theaters Ravensburg finden Sie im Flyer, den wir hier in der Bildschirmzeitung in der rechten Spalte unter „Downloads“ hinterlegt haben.
Nachstehend die Premierenbesprechung von Fred Nemitz:

„Meine Handschrift ist alles, was sie auf der Bühne sehen“, so Engelhardt. „Das Bühnenbild, die Kostüme, die Choreografie. Ich habe sechs Wochen mit den Schauspielern geprobt, welchen Gang sie bei welchem Satz machen, welche Requisiten sie wann in die Hand nehmen.“ Das Ergebnis überzeugt. Geschrieben vom renommierten Romanautor Alessandro Baricco und übersetzt von einer Hamburger Schauspielerin, die in direkter Nachbarschaft von Engelhardt wohnt.
Zwei Männer, eine Frau und eine wagemutige Idee
Die Geschichte ist schnell erzählt. Spielt an einem Wasserfall. Nicht irgendeinem. Es geht um die weltberühmten Niagarafälle zwischen dem US-Bundesstaat New York und der kanadischen Provinz Ontario. Dort treffen sich drei Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Jerry Wesson, der in einer schäbigen Hütte unweit der Niagarafälle lebt und die Natur wie seine Westentasche kennt. Tom Smith, Erfinder und Meteorologe auf der Durchreise und auf der Suche nach statistischen Auswertungen des Wetters der vergangenen Jahrzehnte. Und Rachel Green, ihres Zeichens Journalistin des „San Fernando Chronicle“, die beseelt ist von dem Wunsch, eine außergewöhnliche Story zu schreiben.
Sie schlägt Smith und Wesson eine wagemutige Idee, ein spektakuläres Experiment vor, das beide grübeln und nachdenken lässt: Sie will sich die Niagarafälle hinabstürzen – und überleben und damit landesweit Schlagzeilen machen. Finanziert wird das waghalsige Unterfangen von der Hotelbesitzerin Mrs. Higgins. Die Frage ist nun: Wie gelingt das Ganze? Auf den ersten Blick gar nicht. Auf den zweiten Blick vielleicht. Auf den dritten Blick – glaubt man der Ortskenntnis von Wesson und dem Einfallsreichtum von Smith – könnte es gelingen. Die Frage ist nur wie.
Alles riskieren, um sich endlich lebendig zu fühlen
Smith und Wesson denken, diskutieren und kommen zu dem Schluss: Rachel muss in ein Weinfass steigen. Das schützt sie vor dem Aufprall, fasst acht Kubikmeter Luft und schwimmt im Wasser. Rachel: „Ich habe keine Angst vor dem Sprung. Ich habe keine Angst vor dem Sterben. Ich habe Angst, im Fass zu sein. Aber ich werde springen, um zu leben“. Smith: „Ich befestige eine Spieluhr im Fass. Die spielt drei Minuten. So viel Luft haben Sie.“ Rachel: „Ich setze mich in das Fass.“ Das Publikum lacht – und das Theaterstück nimmt Fahrt auf.
Rachel sagt was. Smith sagt was. Wesson sagt was. Licht an, Licht aus. Immer im Wechsel. Dann ist der Moment der Wahrheit gekommen: Rachel stürzt mitsamt dem Weinfass in den Fluten der Niagarafälle in die Tiefe. Die Bühne wird in blaues Licht getaucht. Die Zuschauer sehen niemanden. Aus den Boxen kommen das Atmen, Schnaufen und Winseln von Rachel, die im Fass um ihr Leben ringt. Nach drei Minuten hört die Spieluhr auf zu spielen. Kein Mucks ist mehr zu hören. Ihr Schicksal ist besiegelt. Das Publikum sitzt gebannt und wartet, was als nächstes passiert.
Mrs. Higgins erscheint auf der Bildfläche. Allein. Sie überbringt eine Botschaft, eine traurige, und zeichnet ein romantisiertes Bild von Rachel, der Königin der Wasserfälle, die im Schlamm liegt, leblos. Sie hielt ihre Hände, biegt sie zurecht, sieht eine unvermeidbare Zärtlichkeit, ein schönes Licht der Erinnerung. In jedem Detail steckt ein wenig Ewigkeit.
Schnitt. Plot Ende.
Oder doch nicht?
Smith & Wesson. In Mexiko. Sie eröffnen eine Schießbude, erfinden ein Stofftier, das man gewinnen kann, und besitzen zwei Maultiere. Deren Namen: Maybach und Daimler. Ein letzter Gag, bevor der Vorhang fällt – zumindest für diese Aufführung.

Smith (Alex Niess, links) und Wesson (Marco Ricciardo).

Smith, Wesson, Rachel (Milla Meyer). Von links.

Wesson und Rachel.

Wesson und Smith beim Fass-Test.

Mrs. Higgins (Jutta Klawuhn).

Wesson und Smith in Mexiko.
Großes Kino – im Theater
Nach gut zwei Stunden steht Regisseur Karsten Engelhardt, der auch als Schauspieler arbeitet, mit der gesamten Theater-Crew auf der Bühne und erfreut sich des anhaltenden Applauses.
Mitwirkende
Schauspieler: Jutta Klawuhn, Milla Meyer, Alex Niess, Marco Ricciardo
Regie: Karsten Engelhardt; Assistenz: Laura Federolf
Bühne: Werner Klaus
Kostüme: Mechthild Scheinpflug
Karten
Kartentelefon: 0751 / 233 – 64 (donnerstags bis samstags von 17.00 Uhr bis 20.00 Uhr)
Abendkasse an Vorstellungstagen: ab 17.00 Uhr
Karsten Engelhardt zieht weiter: nach Heidelberg
Sein nächstes Stück – eine deutschsprachige Erstaufführung für das Zimmertheater Heidelberg – steht bereits in den Startlöchern. Der Titel: „Liebe Agatha Christie“. Es gedenkt der gleichnamigen britischen Schriftstellerin, die dieses Jahr ihren 50. Todestag hat. Mit einer weltweit verkauften Auflage von zwei Milliarden Büchern zählt sie zu den erfolgreichsten Autoren der Literaturgeschichte. Großes Kino – eben nur im Theater.
Text und Fotos: © Fred Nemitz
Mehr Infos zum Theaterstück auf der Webseite des Theaters Ravensburg (siehe roter Button hier in der rechten Spalte) und im Flyer, hier hinterlegt unter „Downloads“.

































