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Gedanken von Stefan Weinert zum Vaterunser

Ein ethisches Programm in sieben Sätzen … nicht nur für Christen

veröffentlicht am: 03.04.2026
Autor: Stefan Weinert
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Wir stehen mitten im Alltag – auch an Feiertagen –, der das Gebet, das Jesus seinen Jüngern vor 2000 Jahren lehrte, mit der heutigen Realität unserer Konsumgesellschaft, unserer Machtstrukturen und unserer persönlichen Widersprüche konfrontiert. Im Folgenden versuche ich, das Vaterunser dahingehend zu entfalten, seine provokative Kraft für heute zu zeigen und zugleich konkrete Konsequenzen für unser Denken und Handeln vorzuschlagen.

Das Vaterunser ist kein liturgisches Ornament, sondern ein Lehrgebet des Mannes aus Nazareth, das er jenen lehrte, die – nachdem sie ihn und seine Gottesvorstellung kennengelernt hatten – fragten: Wie und zu wem sollen wir denn nun beten? Zu ihrer aller Überraschung folgte daraufhin ein kurzes, dicht gefasstes und im Kollektiv gemeintes Gebet.

Die Anrede „Vater“ ist ein Geflecht von komplexen Beziehungen, die Nähe und Verlässlichkeit ausdrückt; das „unser“ verhindert die Vereinzelung des Glaubens und macht Beten zur Praxis der Gemeinschaft. Die Bitten sind theologisch und ethisch gebündelt: Sie verbinden Hoffnung (Reich), Orientierung (Wille), Existenzsicherung (tägliches Brot), Versöhnung (Vergebung) undBefreiung (Bewahrung vor dem Bösen).

Die Anrede „Vater unser im Himmel“ setzt eine Beziehung voraus: Gott ist zwar Ursprung aller Dinge und dennoch mit einer Nähe zum Menschen, die nur ein fürsorgender, echter Vater (und Mutter) geben kann (können). Gott ist kein Instrument. Die Anrede fordert Demut und Vertrauen, aber auch die Bereitschaft, Verantwortung in Gemeinschaft zu denken.

„Dein Reich komme“ – Das ist keine Flucht ins Jenseits. Es ist die Bitte um eine andere Ordnung: eine, in der Macht, Ausbeutung und Ungerechtigkeit nicht das letzte Wort haben. Wer diese Bitte spricht, stellt die bestehenden Ordnungen in Frage. Auch die, die in Ravensburg und jeder anderen Region gilt.

„Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden“ – Hier geht es nicht um blinden Gehorsam, sondern um Ausrichtung: Gottes Wille wird in der Schrift (und hier ist das Neue Testament gemeint) und im Handeln Gottes als lebensfördernd und befreiend verstanden. Die Bitte fordert, dass irdische Praxis – gleich, in welchem Land und gleich, in welcher Kommune – an dieser Norm gemessen wird. 

„Unser tägliches Brot gib uns heute“ – Diese Bitte ist radikal konkret: Sie spricht die Existenzsorge an. In einer Welt voller Vorräte und Überfluss wird die Frage sichtbar: Für wen ist das viele „Brot“ da? Wobei es ja lange nicht bei dem Brot bleibt. Die Bitte ruft auf zur Solidarität und zur Begrenzung des eigenen Anspruchs.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ – Vergebung ist keine private Gnade, sondern eine soziale Praxis. Wer Vergebung erhofft, ist zugleich an die Verpflichtung gebunden, selbst zu vergeben und Versöhnung zu suchen.

„Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“ – Diese Bitte ist ambivalent und herausfordernd: Sie erkennt Versuchung und Bedrohung an, bittet um Bewahrung und Befreiung. Versuchung ist nicht nur persönliches Verlangen; sie ist oft eingebettet in Strukturen, die Menschen in Abhängigkeiten, Konkurrenz und Gewalt treiben.

Was ist das Böse – persönlich oder strukturell?

Das Böse lässt sich nicht allein als individuelles Fehlverhalten fassen. Es hat persönliche Dimensionen (Gier, Hass, Rache) und strukturelle Formen: ökonomische Zwänge, Machtmechanismen, institutionalisierte Ungerechtigkeit. Diese Strukturen erzeugen Versuchungen, die nicht nur moralische Schwächen ausnutzen, sondern Überlebensregeln setzen: Geld, Macht, Konkurrenz, Ausgrenzung. Das Vaterunser fordert deshalb nicht nur innere Umkehr, sondern auch die Umgestaltung sozialer Verhältnisse. 

Die Spannung zwischen „Gottes Wille“ und meinem Reich

Wir bauen an eigenen Reichen – materiell, sozial, psychisch. Das Gebet fordert, diese Bauvorhaben zu relativieren. „Dein Reich“ ist ein Gegenentwurf zu Ego-Projekten. Es verlangt, die eigene Komfortzone zu prüfen: Wer betet, bittet nicht nur für sich, sondern für die Gemeinschaft. Das heißt konkret: weniger Besitzanhäufung, mehr Teilhabe; weniger Rache, mehr Gerechtigkeit; weniger Ausgrenzung, mehr Solidarität. Moderne Übersetzungen und Übertragungen des Gebets versuchen, diese kollektive Dimension stärker hörbar zu machen. 

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Praktische Konsequenzen: Wie das Gebet heute wirken kann

Das Vaterunser bleibt zeitgemäß, wenn es als Handlungsprogramm verstanden wird. Einige konkrete Felder:

  • Solidarische Existenzsicherung: Vorräte und Überfluss sind moralisch zu hinterfragen; das Gebet fordert Verteilungsgerechtigkeit und eine Kultur des Teilens.
  • Strukturelle Kritik: Institutionen, die Ungleichheit produzieren, müssen benannt und verändert werden; Gebet und politisches Handeln gehören zusammen.
  • Vergebung als Praxis: Vergebung heißt nicht Vergessen, sondern Wiederherstellung von Beziehungen und gerechte Wiedergutmachung.
  • Widerstand gegen Versuchung: Versuchungen bewusst machen – nicht nur als private Laster, sondern als systemische Verführungen – und kollektive Strategien entwickeln, ihnen zu widerstehen.
  • Gemeinschaftliches Beten: Das „unser“ fordert, dass Beten nicht privat bleibt, sondern die Verantwortung für andere einschließt.

Diese Schritte sind keine moralischen Schnellschüsse, sondern langfristige Haltungen und politische Entscheidungen. 

Finally: Zeitgemäßheit als Herausforderung

Ist das Vaterunser noch zeitgemäß? Ja – aber nur, wenn wir es nicht als fromme Formel abtun. Es ist ein ethisches Programm in sieben Sätzen, das uns zur kollektiven Umkehr ruft: weg vom Ich-Reich, hin zu einer Welt, in der Brot, Vergebung und Freiheit geteilt werden. Es entlarvt unsere Heuchelei, weil es uns mit unseren Widersprüchen konfrontiert: 

Wir bitten um Vergebung und bauen zugleich Systeme, die Schuld produzieren; 

wir bitten um Bewahrung und nähren die Versuchungen der Macht. 

Die Herausforderung besteht darin, das Gebet nicht nur zu sprechen, sondern es in Politik, Wirtschaft und Alltag wirksam werden zu lassen. Moderne Übertragungen und theologische Reflexionen helfen, die Sprache zu erneuern, ohne den Kern zu verlieren.

Das Vaterunser ist kein nostalgischer Text, sondern ein radikales Programm: Gemeinschaft statt Vereinzelung, Gerechtigkeit statt Reichsbildung, Vergebung statt Vergeltung, Befreiung statt Unterwerfung. Wer es ernst nimmt, wird unbequem – für sich selbst und für die Welt, die er mitgestaltet.

Und das gilt nicht nur für solche, die sich „Christen“ nennen, meint
Stefan Weinert

Stefan Weinert (74), pensionierter Sozialarbeiter aus Ravensburg, betreibt einen Blog (Schussental-Medial). Er befasst sich als Blogger zum einen mit örtlichen Gegebenheiten, zum anderen setzt er sich grundsätzlich mit politischen und ethischen Fragen auseinander. Katholisch geprägt (aufgewachsen in der Diaspora in Schleswig-Holstein), konvertierte er mit 27 Jahren zu den Baptisten (evangelisch-freikirchlich). Nach Mittlerer Reife und Höherer Handelsschule absolvierte er eine Ausbildung zum Finanzbeamten und war anschließend mehrere Jahre in diesem Beruf tätig. 1980 bis 1983 studierte er an einer Biblisch-Theologischen Akademie in Nordrhein-Westfalen Theologie und war anschließend als Pastoralreferent (Vikar) in Kevelaer, Sonthofen und Ravensburg tätig. Inzwischen konfessionslos, bezeichnet sich Stefan Weinert nach wie vor als gläubigen Christen.

Seit 1989 lebt Weinert in Ravensburg. Ab 1994 bis zur Verrentung 2013 war er beim Landratsamt Ravensburg als Flüchtlingssozialarbeiter und Konfliktmanager tätig. 2006 studierte er nebenberuflich „Konfliktmanagement/Mediation“ an der FH in Weingarten und 2008/2009 „Case Management“, ebenfalls an der FH Weingarten. Weinert ist geschieden und hat zwei erwachsene Söhne.

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Stefan Weinert
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03.04.2026
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