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Steffen Dietze zählt als Fotograf und Musiker zu den vielseitigen Kulturschaffenden in Oberschwaben. Er arbeitet selbständig als Fotodesigner und Dozent/Lehrbeauftrager für Fotografie sowie als Musiker in Biberach. Seine Arbeiten wurden auch in der Region in Einzelausstellungen gezeigt, u.a. in der Galerie im Fruchtkasten Ochsenhausen, im Museum Biberach und in Galerien im Raum Bodensee. Auch im öffentlichen Raum sind Werke von ihm zu sehen. Musikalisch ist der Pianist und Komponist vielseitig unterwegs, früher in verschiedenen Bands, heute überwiegend als Solist oder, wie aktuell, zusammen mit Stefan Hommrich in einem literarisch-musikalischem Projekt. Im Biberacher Jazzclub war er bereits mehrmals zu Gast, auch in der Reihe Club modern war er zu hören.

Biberach – „Kultur in Zeiten von Corona“, das war das Thema von Steffen Dietze im Gespräch mit BLIX im Sommer 2020. Der Künstler und Musiker kam zu dem Schluss, dass die Kunst und Musik nicht „Weltretter“ sein könne, „aber eine Möglichkeit, Raum für Schönheit, für Freude und auch für Melancholie zu schaffen, dafür waren Kunst und Musik schon immer ideale Welten. Sie sind große Trostspender.“ Corona ist Vergangenheit, aber das Virus hat tiefe Spuren hinterlassen, indem es die Digitalisierung enorm beschleunigt hat und die Künstliche Intelligenz (KI) massentauglich machte. Worüber der Jazzer sich im Gespräch mit BLIX erneut seine Gedanken macht. Die KI kapert sich Kunst, Kultur und Musik und entwertet menschliche Kreativität mit verheerenden Folgen, warnt der 65-Jährige. Sein Trost: Musik live wie beim Landesjazzfestival. 

Herr Dietze, zusammen mit Ihrem Bühnenpartner Stefan Hommrich haben Sie mit einem neuen, literarisch-musikalischen Projekt die ersten Auftritte absolviert zum großen Gefallen des Publikums. Hat Ihnen die KI dabei geholfen?

Nein. Unser Programm, das ausschließlich eigene Texte und Musik beinhaltet, entstand tatsächlich rein ‚biologisch‘ im gegenseitigen Austausch. Wenn Sie so wollen: ‚old school‘, irgendwie auch passend zu unserem inzwischen lichten Haar.

Nutzen Sie denn die Möglichkeiten der Digitalisierung nicht?

Doch, natürlich. Unbestritten kann sie die kreative Arbeit erleichtern, ermöglicht Konzepte und Formate, die früher nicht oder nur mit einem enormen Aufwand hätten umgesetzt werden können. Es gibt sehr viele Vorteile. Der Einzug der KI in die kreative Szene und so auch in der Musik hat jedoch eine völlig andere Dimension mit weitreichenden Folgen auch für die Gesellschaft und jeden Einzelnen. Ich habe in einer Anzeige für eine Musik-KI der Firma SUNO folgendes Statement gelesen: ‚Ja, es kommen harte Zeiten auf Kreative zu. Nachdem Zeichner, Maler und Schreiber gerade von der KI wegrationalisiert werden, ist die menschengemachte Musikbranche der nächste Kandidat auf dem Weg zum Dampfbootkapitän: Ja, es gibt jetzt Musik-KIs, und die sind ausgesprochen gruselig gut. Damit kann jetzt jeder mit drei Handgriffen einen Song erstellen – der auch noch gut klingt. Es gibt diverse Musik-KIs, doch die wohl spektakulärste derzeit ist Suno: Suno erlaubt selbst musikalischen Vollpfosten wie mir, Songs zu erstellen, die mindestens so gut klingen wie der durchschnittliche Sommerhit der letzten 20 Jahre.

Sehen Sie sich in naher Zukunft bereits als rückständigen und langsamen ‚Dampfbootkapitän‘?

Man könnte sagen: Besser ein Dampfboot selber steuern als sich auf einer High-Tech-Jacht als einer unter vielen Mitfahrern langweilen. Nein, im Ernst, es gibt natürlich einen entscheidenden Unterschied, und der wird sich wohl auch durch KI nicht ändern: Ein musikalischer Vollpfosten, der ausschließlich mit Hilfe von KI Musik erstellen kann, bleibt nun mal ein Vollpfosten. Das merkt man spätestens dann, wenn man ihm ein Instrument in die Hand drückt und ihn bittet, darauf zu spielen. Aber diese Entwicklung wird dennoch finanzielle Auswirkungen für sehr viele, auch professionelle Kulturschaffende haben.Ja, natürlich. Die Möglichkeiten, mit Musik seinen Unterhalt zu bestreiten, werden reduziert. Das gilt vielleicht noch mehr für das schreibende Klientel. Es gibt aber aus meiner Sicht ein noch viel größeres, tiefgreifenderes Problem, das sich abzeichnet.

Das da wäre?

Wer wird all diese schöpferischen Leistungen grundsätzlich noch wertschätzen, wenn das Gedicht für Omas runden Geburtstag, die Ansprache an die Mitarbeiter oder auch eine komplette Komposition einfach per Mausklick frei Haus binnen Sekunden geliefert wird? Was die KI erschafft, beruht auf Errungenschaften, die von Menschen über lange Zeiträume hinweg erbracht wurden, mit denen sie gefüttert und trainiert wird. Sie greift auf Gedanken, Ideen und Vorlagen zurück, die in einem langen historischen und oft sehr mühsamen Prozess gewonnen und geschaffen wurden. Und heute befindet sich all das in einem großen digitalen Meer, dem Internet, in dem hemmungslos mit Schleppnetzen nach Daten gefischt wird. Was da vor sich geht, ist nichts anderes als ein gigantischer Diebstahl an geistigem Eigentum, wenn die Urheber nicht kontaktiert und entschädigt werden! Und wie oft bitte, geschieht das denn konkret? 

Macht Sie das wütend?

Ja, sicher, aber dagegen etwas zu unternehmen, ist schwierig, man fühlt sich machtlos. Es ist aber nicht nur dreist, es ist auch dumm. Durch die einfache Verfügbarkeit wird ein bereits übersättigter Markt mit noch mehr ‚Ware‘ geflutet und damit inflationär. Wenn hier jemand Nutzen daraus zieht, dann lediglich die üblichen Verdächtigen, die das Netz dominieren. Aber der Schaden ist noch weitaus größer: Es gehen mittel- und langfristig nicht nur elementare Kulturtechniken und Fähigkeiten des Menschen verloren, weil man sie nicht mehr benötigt. Auch die Erfahrung von kreativen Prozessen wird zukünftig von immer weniger Menschen gemacht werden. Und das ist nicht nur schade, sondern auch gefährlich.

Inwiefern sehen Sie hier eine Gefahr?

Weil ein großes Frustpotenzial damit verbunden ist. Wird diese Technologie wie im zitierten Werbetext angewandt, gibt es keine echten Erfolgserlebnisse mehr, weil keinerlei Anstrengung mehr erforderlich ist. Man bestellt ein Gedicht, einen Text oder ein Musikstück genauso wie die Pizza vom Lieferservice. Alles wird ‚gleich‘, weil gleich schnell, gleich billig und immer und überall gleich verfügbar. Der deutsch-vietnamesische Philosoph Byung-Chul Han spricht in diesem Zusammenhang auch von ‚der Hölle des ewig Gleichen‘. Alle Bereiche, auch die privaten, werden ökonomisiert, letztendlich profanisiert. Der Mensch wird zum reinen Konsumenten degradiert. Ich glaube, dass viele aktuellen gesellschaftlichen und politischen Tendenzen, auch die zunehmende Aggressivität, unter anderem damit zusammen hängen. Nicht nur die Leistung der Menschen wird entwertet, es wird zudem klar signalisiert, dass er im Grunde nicht mehr gebraucht wird. Außer als Konsument. Eine weitere Konsequenz ist sicher auch eine damit einhergehende Vereinsamung in unserer Gesellschaft.

Der kreative Prozess als gesellschaftlicher Kit?

Ja, unbedingt. Wenn Menschen zusammen Musik machen, muss das Ergebnis nicht unbedingt professionell sein. Aber die Atmosphäre im Proberaum, das gemeinsame Arbeiten an den Stücken und ganz einfach der Spaß, den man dabei hat, das ist das, was rückblickend letztendlich zählt. Nie war es wichtiger, musische Fähigkeiten zu fördern und für die Kunst zu begeistern. Unsere Lehrpläne gehen da leider in eine andere Richtung, auch in den kommunalen Haushalten wird nach wie vor sehr gern an der Kultur gespart.

Aber worin sehen Sie den eigentlichen Unterschied von Werken menschlichen Ursprungs und solchen, die die KI erschafft? Hat ein von KI komponiertes Musikstück nicht den gleichen ‚Wert‘ wie ein vom Menschen geschaffenes, wenn es selbst von Profis oft nicht mehr zu unterscheiden ist?  

Vielleicht sollte hier zunächst mal folgende Frage gestellt werden. Warum sollte eine KI überhaupt komponieren, wenn es Menschen auch können? Was bringt es, ein bereits bestehendes totales Überangebot mit weiterer ‚Ware‘ zu fluten, die kein Mensch jemals wird nutzen können? Welcher ‚Mehrwert‘ wird hier geschaffen? Es sind in allererster Linie rein ökonomische Ziele, die da verfolgt werden. Künstlerisches Schaffen war aber seit jeher immer auch unmittelbarer, individueller Ausdruck des Menschen und Reaktion auf sein eigenes Leben, seine Umwelt, seine persönlichen Erfahrungen, Erlebnisse und Gefühle. Die Motivation, kreativ zu arbeiten, ist innerlich. Eine KI hat nicht das ‚Bedürfnis‘, Eindrücke zu verarbeiten, sie hat auch keinen Spaß dabei. Sie ringt nicht um das Ergebnis. Sie reagiert auf das, was ihr als Aufgabe gestellt wird und arbeitet die Aufgabe mechanisch und effektiv ab. Ich glaube, dass das der entscheidende Unterschied ist. 

Wie wird sich das alles auf die Kultur, auch auf die Musik auswirken?

Ich traue mir da keine Einschätzung zu, es ist zu komplex. Ich denke aber, dass auch hier gilt, dass auf große Umbrüche immer auch Gegenbewegungen entstehen, wie immer diese auch zukünftig aussehen werden. Und die live gespielte Musik wird eher an Bedeutung gewinnen, da bin ich mir sicher. Das große Interesse am Landesjazzfestival in Biberach zeigt dies eindrücklich.   

www.steffen-dietze.de

Autor: Roland Reck


erschienen in April 2026

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