Zum Hauptinhalt springen
Podiumsdiskussion im Kurhaus

Wie können Kommunen krisenfester werden?

Foto: Peter Lutz
Karl-Josef Fassnacht (rechts) moderierte eine Podiumsdiskussion mit (von links) Andreas Keßler, Dr. Immo Garrn, Oliver Surbeck und Patrick Söndgen.
veröffentlicht am: 30.07.2026
Autor: Peter Lutz
Lesedauer: ca. 7 Minuten

Bad Wurzach – Im Bad Wurzacher Kurhaus wurde ein hochaktuelles Thema diskutiert, das in unsere von inneren und äußeren Krisen geprägten Zeiten längst überfällig ist. Es ging um Fähigkeiten, Krisen, Katastrophen oder aufwändige Vorhaben beschleunigt und rationell zu beherrschen, ohne Beeinträchtigungen in Kauf nehmen zu müssen. Man umschreibt das heute mit dem umfassenden Begriff der „Resilienz“. Für Stadtplaner, Bauämter, Verwaltungen oder expandierende – in diesem Fall mittelständische – Unternehmen wurden höchst effiziente, vernetzte  datenbasierte Tools vorgestellt, für die zeitraubende Vorgänge und Zuständigkeitswirrwarr (unnötige Bürokratien) kein Thema mehr sind. Insbesondere bei infrastrukturellen Maßnahmen in Quartieren, über Land oder in Gewerbegebieten wird erfolgreich GIS, ein Geoinformationssystem angewendet. Zu denken ist hierbei an räumliche Daten (wo ist was?) über Straßen, Liegenschaften, Frisch- und Abwasser, Strom, Gas, Nah- und Fernwärme, Breitband und deren Zustand. Dies wurde von Experten der Unternehmen RIWA und Fassnacht-Ingenieure in Theorie und Praxis vorgestellt und überzeugend bzw. anwenderfreundlich präsentiert.

Das Podium

Teil der Informationsveranstaltung war eine von Karl-Josef Fassnacht moderierte Podiumsdiskussion zum Thema „Wie können Kommunen krisenfester, wehrhafter – und eben – resilienter werden“? Besetzt war das Podium mit Oliver Surbeck (Kreisbrandmeistrer Leitung der Stabstelle für Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement im Landkreis Ravensburg), Patrick Söndgen (Bürgermeister der Gemeinde Bodnegg), Oberstleutnant Dr. Immo Garrn (Leiter des Kreisverbindungskommandos der Bundeswehr im Landkreis Ravensburg) und Andreas Keßler (Geschäftsführer von Smart City Solutions). Alle befassten sich unter Moderation von Karl-Josef Fassnacht mit der Frage der Verwundbarkeiten der Kommunen, mit wahrscheinlichsten Krisenszenarien, Naturereignissen, Cyberangriffen, Energie-Problemen, mit der sicherheitspolitischen Lageverschärfung beziehungsweise mit den häufigen Unterschätzungen in der Krisenvorsorge. Dabei erinnerte er an die trügerisch sorgenfreien 90er-Jahre (Friedensdividende, Freiheit vom Atlantik bis zum Pazifik), an unsere freiheitlichen Werte, aber auch an Publikationen wie „China First“ (Theo Sommer) oder „Blackout – morgen ist es zu spät“ (Marc Elsberg).

Manche rufen die Feuerwehr wegen Banalitäten

Söndgen setzte stark auf das Vertrauen der Bürger zu ihren Verwaltungen. Surbeck erwähnte die Überlastungen der zumeist Ehrenamtlichen bei bereits jetzt 3500 Alarmierungen im Landkreis pro Jahr, darunter bei Banalitäten wie ein Vogel in der Dachrinne oder gerade mal zweieinhalb Zentimeter Wasser im Keller, das man doch eigentlich selbst mit Lappen beseitigen könnte. Die vermeintliche Allzuständigkeit des Staates werde so zum Problem. Größte Risiken sehe er bei der Stromversorgung, Cyberangriffen; er wünschte gezieltere Vorbereitungen bei betreffenden Stellen. Garrn forderte mehr Engagement der Bürger in den beschriebenen Situationen. Keßler verwies auf die technischen Versorgungssicherheiten und forderte ein intensives Vorbetrachten von Krisen. Er sehe Chancen durch verstärkte Kooperationen zwischen Kommunen und Unternehmen.

Eine enorme Anzahl an Cyberangriffen

Hinsichtlich Wahrscheinlichkeiten von Krisen waren sich die Experten darin einig, man werde doch stets überrascht. In Cyberangriffen sah Surbeck sehr hohe Wahrscheinlichkeiten und meinte, Wasser vergeht, aber Cyber-Angriffe auf die Oberschwabenklinik und den Medizincampus Bodensee hatten extrem lange Wirkungen zur Folge.. Auch Keßler sah das so. Umwelt- und Naturkatastrophen sind nie vorhersehbar, während aber Unternehmen in Deutschland stündlich zwischen 60 000 und 80000 Cyberangriffen ausgesetzt seien. Söndgen setzte sich mit den Grundbedürfnissen der Bürger wie Wasser, Ernährung und Strom auseinander und fragte, wie lange gehe das ohne. Er sah auch Unterschiede zwischen großen Städten und kleinen Kommunen hinsichtlich einer raschen Lösbarkeit solcher Ereignisse. Surbeck verwies auf die flächenmäßige Größe des Landkreises mit seinen 30 Städten und Gemeinden, in denen jeder das gleiche Recht auf Unversehrtheit habe, weshalb die Schaffung von kommunalen Netzwerken dringend erforderlich sei. In allen Kommunen leisten Ehrenamtliche Vieles. Auf sich allein gestellt sind die Leute aber nach zwölf Stunden spätestens erschöpft. Garrn verwies auf die stark veränderten Sicherheitslagen und vermisst Durchhaltefähigkeiten in den vorhandenen Strukturen. Bei Angriffen auf die Grenzen Deutschlands gebe es einen Operationsplan Deutschland, in dem diese Szenarien behandelt werden.

Bodneggs Verwaltung hat Notstromaggregat

Keßler betonte die vorhandene Abhängigkeit von Daten und Netzen. Wir krisenfest sind diese und welche sind für eine Kommunikation unersetzlich, fragte er. Moderator Fassnacht erinnerte in diesem Zusammenhang an den Brand von Funkmasten auf einem Ravensburger Hochhaus und an die Dauer der Ausfälle. Söndgen wurde mit dem finanziellen Zielkonflikt zwischen kommunalen Pflichtaufgaben und nötigen Investitionen in Resilienz konfrontiert. Demnach müssten wenigstens Ehrenamtlichen mehr Kenntnisse vermittelt werden. Im Falle Bodneggs habe die Verwaltung inzwischen ein Notstromaggregat beschafft, dessen Amortisierung nicht leicht zu beweisen sei, aber die Handlungsfähigkeit der Verwaltung sei in Krisen gesichert.

Gemeinsames Üben aller Hilfsdienste gefordert

Surbeck ist sich sicher, gemeinsame Übungen aller in Katastrophenfällen gefragten Stellen seien überfällig und meinte damit das DRK, die DLRG, die Feuerwehr und das Technische Hilfswerk, die Bundeswehr, die Polizei und die Dienststellen der Verwaltungen. Eine klare Kommunikation zwischen diesen sei unerlässlich, wodurch sich die Mitspieler gut kennen lernen könnten. Ein heiteres Beispiel von Missverständnissen sei einst so passiert, als einige Stellen Szenarien von auftretenden Tornados durchspielen wollten. Von einer Stelle wurde doch tatsächlich gefragt, wann denn die Tornados ankommen würden. Sie dachte dabei nicht an die Stürme, sondern an die Kampfjets der Bundesluftwaffe!

Der Ernstfall

Garrn verwies auf mögliche Rollen der Kommunen im militärischen Ernstfall. Deutschland sei in diesem Fall eine wahre Drehscheibe, über die riesige Kolonnen verlegt würden. Wo könnte man Stopps einlegen, versorgt, betankt werden, welche Brücken sind tragfähig, wo ist eine Autobahn oder Bundesstraße unterbrochen und wo funktionieren Umwege und wie intakt sind weitere Infrastrukturen, beispielsweise. die Aufnahmekapazitäten von Kliniken.

„Kritische Infrastruktur dezentralisieren“

Keßler empfahl eine breite Dezentralisierung kritischer Infrastrukturen wie Wasserversorgung, Strom mit Umspannwerken, Einbeziehung privater Kabelnetze zur Sicherung der Kommunikationsstränge. Söndgen erinnerte an stets neue Aufgaben, die auf die Kommunen abgewälzt wuürden und diese an die Grenzen ihrer Möglichkeiten brachte. Nur wenige Kommunen seien vorbereitet, beispielsewise mit Schutzräumen. In Baden-Württemberg habe nur Neckarwestheim solche, weil es neben einem Atomkraftwerk lag.

Konnexität: Wer anschafft, zahlt

Das im Staatsrecht verankerte Konnexitätsprinzip sei nicht gewahrt. Vom Bund müsste daher wesentlich mehr Geld zur Stärkung der Resilienzen kommen. Zusätzlich empfahl der Bürgermeister auch Übungen an Schulen, wodurch bereits junge Menschen mit möglichen Szenarien sich vertraut machen könnten. Surbeck erinnerte an fehlende Strukturen in den Warnsystemen. Erst nach der Flutkatastrophe im Ahrtal seien vereinzelt wieder – nicht vom Bund! – Sirenen installiert worden. Ein bloßer Verlass auf Smartphones reiche nicht!

Soldaten vielfältig einsetzbar

Garrn berichtete über Einsatzmöglichkeiten der Bundeswehr in Katastrophenfällen. Material könne gestellt werden, aber wie steht es bei angedrohten Trinkwasservergiftungen, Geiselnahmen und beim Einsatz von Schusswaffen, bei der Drohnenabwehr über kritischen Objekten und Kasernen? Gute Beispiele von Einsätzen von Soldaten waren während der Elbflut oder auch während Corona im Kloster Reute. Nach Auflösung der Verteidigungskreiskommandos mussten jeweils spontane Strukturen herhalten.

Zu lange Dienstwege

Surbeck sieht auch Probleme in zu langen Dienstwegen zu Entscheidern bis zum Bund. Schon die dazu erforderliche Kenntnis der rechtlichen Vorgaben sei ein großes Hindernis. Auch dagegen wären intakte Netzwerke sehr hilfreich, möglicherweise wären regional zuständige Spezialisten eine Lösung.

Der Rückzug ins Private

Bei Keßler hakte Fassnacht nach, ob via Satellit Kommunikationsstränge aufrecht erhalten werden könnten zur Unterstützung der Versorgungssicherheit. Keßler meinte, jeder wisse um seine Pflichten. Problem aber sei der zunehmende Rückzug ins Private. Gemeinsam mit Söndgen forderte er eine breite Einbindung der Bürger mit verpflichtenden Schulungen und Seminaren.

Bürger müssen auch selbst vorsorgen

Surbeck betonte abschließend, Bund, Länder, Regionen und Kommunen können nicht alleine alles Erdenkliche zur örtlichen Resilienz und Wehrhaftigkeit leisten. Auch die Bürger selbst müssten resilienter werden etwa durch eigene Vorsorge. Mit Sicherheit leisteten Karl-Josef Fassnacht und die vier Podiumsgäste wertvolle Anstöße zur fälligen Erhöhung der Resilienzen der unteren Ebenen, quasi vor der eigenen Haustüre. In diesem Sinne dankte Roland Braun (Abteilungsleiter GIS bei Fassnacht-Ingenieure) allen aktiv Mitwirkenden am Anwendertreffen 2026 in Bad Wurzach.
Peter Lutz

ANZEIGE
Neueste Beiträge
Ein Partnerunternehmen der Bildschirmzeitung
Diese Anzeige kann aufgrund Ihrer Netzwerkeinstellungen nicht angezeigt werden.