Literarische Soiree in Aulendorf beleuchtete Bücher – und Bäume.


Kontakt
Redaktion
Anzeigen
Aulendorf – Die literarische Soiree als Leseerlebnis. Tatsächlich blieb kein Stuhl frei und der Himmel hielt dicht für das mehr als zweistündige Programm mit fünf Buchbesprechungen und einem Verriss.
Im Fernsehen liefen „Aquaman“, „A-Team“ und gefühlt 28 Krimis mit noch mehr Morden. Was solls? Eine gute, bessere Alternative bot die 5. Ausgabe der literarischen Soiree, die auch dieses Jahr unter freiem Himmel stattfinden konnte. Zunächst machte es den Eindruck, die Organisatoren hätten sich um eine neue musikalische Begleitung bemüht: Als gelte es, die restlichen Gewitterwolken zu vertreiben, schollen vom Schloss her infernalisch-laute Hartreim-Klänge einer feiernden Dorf-Jugend. Panischer Schrecken statt Panflöte, aber Georg Sommer und Edmund Butscher liessen sich davon nicht beeindrucken. Seit den Anfängen der Soiree begleiten sie diese gekonnt, meisterhaft und eindrucksvoll musikalisch, setzten mit neuen Arrangements Akzente, verhalfen dem gesprochenen Wort und dem Abend selbst zu noch mehr Dichte.
„Geh raus, Schatz, und leb mal wieder.“
Im Mittelpunkt standen die 5 Buchvorstellungen. Und für diese galt – wie gewöhnlich – „carte blanche“ bezüglich Auswahl und Präsentation. Es wurde ein interessanter wie kurzweiliger Abend.
Katrin Zipses „Moosland“, vorgestellt von Stephanie Dölle, wies auf eine bislang wenig beachtete Verknüpfung von Island und Frauen aus Deutschland in den Nachkriegsjahren hin. Darin war die Rede von einer doppelten Fremdheit, der Frage des Ankommens und der Möglichkeit, überhaupt Heimaten zu finden. Dies vor dem Prospekt weiter isländischer Landschaften, die manchmal die Gestalten aufzufangen suchten.
Ganz anders der Ruhrort-Plot um den „Markisenmann“ von Jan Weiler. Georg Jünnemann besah sich die locker-geschriebene Vater-Tochter-Komödie, die um Anklänge aus einer nicht bewältigten Vergangenheit aus der Zeit von vor dem Mauerfall ergänzt war. Der Inhalt so knallig wie das psychodelische 70er-Jahre-Markisenmuster-Cover.
Sophie König war von Anita Deckers Roman mit dem langen Titel eingenommen: „Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben“. Was wie eine Inhaltsangabe klingt, hat doch mehr zu bieten als die Drehbücher für Til-Schweiger-Filme, die Deckers sonst verfasste. So begleitete sie die Geschichte von Nina in deren Menopause: „Geh raus, Schatz, und leb mal wieder. Heute wird geknutscht.“
Gaby Merk wagte sich mit „Eine Maus namens Merlin“ von Simon Van Booy an einen höchst berührenden Roman über Einsamkeit, zweite Chancen und die unerwartete Freundschaft zwischen einer alten Witwe und einer Maus. Auch hier ist die Rede von schmerzhaften Erinnerungen und Verlust, welche aber von viel Situationskomik eingefangen wird und einen Neuanfang erst möglich macht
Annette Schittenhelm-Gauss nahm die Runde mit in die italienischen Abruzzen. Der Roman „die zerbrechliche Zeit“ von Donatella di Pietrantonio, schildert die Rückkehr Amandas in die dörfliche Gemeinschaft, die keine heimatliche mehr ist, nebst dem Schweigen, Verschweigen und Erinnerungen, die mittels verschiedenster Erzählstränge und Perspektiven kunstvoll miteinander verwoben werden.
„Anregungen, keine Deutungshoheit“
Die Literarische Soiree verfolgte von Anfang an den Anspruch, subjektive Betrachtungen zu den besprochenen Büchern zu vermitteln und letztlich Diskussionen anzuregen. Dieses Jahr erstmals mit dem Versuch, eines der vorgestellten Bücher mittels eines „Verrisses“ zu spiegeln. Ob die ironisch gehaltene Kritik von Stehle sich so vermittelte, mochte offenbleiben. Es störte die Harmonie nicht, und zum Geleit und als Passagen zwischen den einzelnen Beiträgen dienten wie gewohnt Gedichte, dieses Jahr u.a. Rainer Maria Rilke, Carlos Nejar und Ingeborg Bachmann.
Es war bereits 21.30 Uhr, als sich die Soiree dem Ende neigte – ohne einen einzigen Regentropfen. Gabi Laux und Daniela Mangold vom veranstaltenden Arbeitskreis Erwachsenenbildung der kath. Kirchengemeinde St. Martin betonten stellvertretend die besondere Atmosphäre und das gute Zusammenspiel aller Beteiligten. Das Programm findet seine Fortsetzung im September mit einer neuen Veranstaltung in der Reihe „Brot und Wein“. Den aber gab es auch am Abend, als sich die Bäume langsam in eine kunstvolle Illumination (technische Einrichtung: Franz Lieb) tauchen liessen.
Veranstalter: Arbeitskreis Erwachsenen.Bildung der kath. Kirchengemeinde St.Martin, Aulendorf. Weitere Informationen auf der Aulendorf App oder unter www.stmartin-aulendorf.de


































