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Bad Wurzach (rei) – Walter Frei kannte Sepp Mahler nicht mehr persönlich. Der Wurzacher „Moormaler“ starb 1975, der Ehinger Mahler-Versteher befasst sich mit dem Mann vom Ried seit 1976. Seit 50 Jahren kreisen die Gedanken des Schauspielers und Germanisten Walter Frei um Sepp Mahler. Er ist ihm so etwas wie der Bruder im Geiste. Es gibt niemanden, der Mahlers Lyrik besser rezitiert als Walter Frei. Die literarische Seite des doppelbegabten Malerdichters herauszustellen ist ihm ein Anliegen. Dass Sepp Mahler auch mit Worten malen konnte, das zu betonen wird Walter Frei nicht müde.

Sein Lebensthema: Sepp Mahler. Unser Bild zeigt Walter Frei, Mahler rezitierend.

Sepp-Mahler-Feierstunde im barocken Treppenhaus des Wurzacher Schlosses. Adelgunde Mahler, die Tochter, trug ein Seiden-Kleid der 2009 verstorbenen Mutter.
Bei der 125-Jahr-Feier für Sepp Mahler im Barock-Treppenhaus des Wurzacher Schlosses am 12. September 2026 hat Walter Frei über Sepp Mahler gesprochen. Voller Empathie hat er sich in das Wesen des Moormalers hineinversetzt. Sprach Sätze wie: „An einem Herbsttag wie heute wäre Sepp Mahler unruhig gewesen. Es hätte ihn hinausgetrieben in das Ried.“
Und dann malte Walter Frei den fiktiven Gang des Sepp Mahler ins Ried aus.
Walter Frei, der fast 90-Jährige, hatte zur Sepp-Mahler-Rückschau einen weißen Ordner mitgebracht, gut 30 DIN-A5-Seiten enthaltend. Darin die Summe seines Nachdenkens über Sepp Mahler.
Aber nicht nur. Neben Wertungen des Walter Frei steckt auch O-Ton Sepp Mahler im weißen Album. Rufer-Texte zum Beispiel. Und autoreflexive Betrachtungen Sepp Mahlers über seine eigene Kunst.
Nachstehend Kernsätze aus dem kleinen Kompendium des Sepp-Mahler-Liebhabers Walter Frei:

„Fatale Reduzierung“
„Auch an seinem 125. Geburtstag hat das Werk Sepp Mahlers im öffentlichen Bewusstsein noch immer nicht den Platz, das seinem künstlerischen und ethischen Wert entspräche. Noch immer denken wir im Zusammenhang mit ihm in zu kleinen, zu lokal und regional bestimmten Kategorien. Dabei hat er die Berufsbezeichnung ,Moormaler‘ selber kreiert, weil er hinweisen wollte auf seine Herkunft, seine Wurzeln, aber auch auf sein Verständnis von Leben und Welt, auf die ihm so wertvolle und wichtige Schöpfung und ihre Geheimnisse. Aber leichtfertiger und inflationärer Gebrauch dieses Worts hat es zum verfälschenden Etikett gemacht und es ins Heimatlich-Behagliche, ins Beschränkte, verkleinert. Dabei war das Moor für Sepp Mahler nicht nur eine Landschaftsform, sondern das seit Kindheitstagen vertraute Beispiel für die Fülle und Dichte des Geschaffenen. Aber das Etikett ,Moormaler‘ verfälscht auch den Mann selbst zum liebenswerten ,Original‘. Eine fatale Reduzierung und ein beklagenswertes, ja unverzeihliches Missverständnis.“
„Ein Frommer im Sinne …“
„Ein Frommer im Sinne von demütigendem Einverständnis mit Gottes Schöpfung, fröhlich ihre Schönheit, voller Mitleid ihre Abgründe von Verstörung und Leid erkennend.“
Wert und Wertschätzung
„Er gehört zu jenen Menschen, bei denen sich zwischen ihrem Wert und ihrer Wertschätzung (…) Abgründe auftun.“
Religion des Geistes
„Kunst ist Religion des Geistes. Aus dem Chaos schöpfen, gestalten; den Rhythmus der Zeit in Farbe, Linie und Form bannen.“ (Sepp Mahler)
Fremd, zeitlos
„Fremd, zeitlos schauen meine Bilder den Beschauer an, eine uralte und doch ewig gleich jung bleibende Welt erfasst den schauenden staunenden Menschen.“ (Sepp Mahler)
„Sondern von der Seele“
„Das Bild des liebenden Malers wird nicht von Akademiestudien her gestaltet, sondern von der Seele selbst.“ (Sepp Mahler)
Die Wahrheit hinter der Wirklichkeit
„Er war immer getragen von der Dankbarkeit dafür, dass er die Melodie des Lebens hören und das Göttliche im Lebendigen sehen konnte, und von der Freude darüber, dass ihm auch gegeben war, dieses Göttliche darzustellen und sichtbar zu machen. Er wusste, dass er die Fähigkeit hatte, hinter der Wirklichkeit das Eigentliche, die Wahrheit zu erkennen.“
Der Rufer
Sepp Mahler war sich immer der Verantwortung für die ihm anvertraute Schöpfung bewusst. Er hat seine Kunst immer als Mahnung zu rechtem Verständnis und Gebrauch der Welt verstanden. Dafür auch zu werben, sah er als seine Pflicht und das hat ihn zum ,Rufer‘ gemacht, der sein Wissen und Denken den anderen mitzuteilen hatte. Deshalb sind seine Rufer-Texte sorgfältig gestaltete kleine Kunstwerke, von glühendem missionarischem Eifer und radikalem sozialen Ethos getragen, sie werben um Verbündete im Lebenskampf.“
„Man muss die Heimat verlassen, um sie zu finden“
„Sepp Mahler war in seiner Jugend eine Zeitlang Vagabund. (…) Er wusste: Man muss die Heimat auch einmal verlassen, um sie zu finden.“
Das ordnende Auge
„Mahler hatte ein bestimmtes Gefühl von der alles durchdringenden Ordnung, und er wusste, dass es seine Aufgabe war, diese Ordnung, für die uns Menschen so oft das Auge fehlt, sichtbar zu machen.“

Dass er dereinst einmal im prächtigen Treppenhaus der Fürsten von Waldburg-Zeil-Wurzach gefeiert werden würde, das hätte der 1901 im Wurzacher Leprosenhaus geborene Sepp Mahler wohl nie zu träumen gewagt, galt der bescheiden auftretende Maler doch in Wurzach als Außenseiter. Seine Familie war jedoch nicht kleinbürgerlich-ärmlich. Davon zeugt das 1903 von den Eltern erbaute sehr achtbare Bürgerhaus in der Ravensburger Straße. Josef Mahler (1864–1916) und Antonie Mahler (geborene Schnell, 1864–1934) standen beide im Dienst des Fürsten. Der Vater war Torfmeister im Fürstlich-Waldburg-Wurzachischen Torfwerk und damit Vorgesetzter einer stattlichen Zahl an Arbeitern. Die Mutter leitete die Kantine des Werks. Unser Bild zeigt den Götterhimmel im Treppenhaus des in den Jahren 1723 bis 1728 erbauten Schlosses. (rei)
Text und Auswahl der Zitate: Gerhard Reischmann / Fotos: Hedy Baumgärtner
Ein Bericht über den Ablauf der Sepp-Mahler-Feierstunde am 12. September im Treppenhaus folgt































