
Warum um Himmels willen können wir nicht Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden? Wichtig ist, dass wir alles in unserer Macht stehende tun, um den Klimakollaps zu verhindern. Richtig? Völlig unwichtig ist, ob der durchgeknallte US-Präsident Donald Trump sich auf einer irrelevanten Goldmünze verewigt sehen möchte. Einverstanden? Gedanken eines Zeitungslesers.
Des kundigen Lesers erster Gedanke mag sein, dass ich mich wieder einmal an der Schwäbischen Zeitung abarbeite. Das trifft insofern zu, dass deren Berichterstattung tatsächlich den Anstoß für diesen Artikel liefert, mein Anliegen aber viel weitreichender ist. Weil ich als Journalist unsere Berichterstattung in direkter Korrespondenz mit unseren LeserInnen sehe, was gesellschaftlich bedeutend ist.
So betrachte ich am 23. Juli die Seite 11 in der Schwäbischen Zeitung, es ist wie üblich Frühstückslektüre. Für alle nicht Schwäz-Leser ist die besagte Seite im Kleinformat abgebildet. Worum geht’s?
Es ist eine Seite in der Rubrik „Panorama“, die bunten Seiten für Gemischtes, die die LeserInnen unterhalten sollen. Insofern ist Trumps Ansinnen, in Gold geprägt unsterblich zu werden, hier gut aufgehoben. Das ist dem Redakteur oder der KI ein Fünfspalter mit zwei Fotos wert, was nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass das Thema zum Platzen aufgeblasen ist. Es ist ein fetter Aufmacher: „Ein Donald ganz in Gold“. Trotzdem bleiben nebenan noch zwei Spalten, die gefüllt werden müssen. Dort lese ich mit kleiner Überschrift: „Dem Great Barrier Reef droht der Kollaps“.
Seit Tagen ist es schon am frühen Morgen unerträglich heiß. Das Wetter spielt verrückt. Wasser ist kostbar, die Entnahme aus Bächen und Seen ist verboten. Im Wald ist es pulvertrocken, und in Laupheim wird der Umzug abgesagt. Es werden Hitzerekorde gebrochen und, so erfahre ich am gleichen Tag in der Schwäbischen, dass in Frankreich und Spanien riesige Flächen unkontrollierbar brennen: „Klimawandel heizt Waldbrände weiter an“.
Zurück zum Great Barrier Reef, wo ich lese: „Ove Hoegh-Guldberg, Professor für Meeresstudien von der Universität Queensland, warnte in Auckland, fehlendes Regierungshandeln gefährde die Zukunft von Korallenriffen in aller Welt. ‚Dies könnte der Vorbote des Untergangs der Menschheit sein‘, sagte er und verglich die aktuelle Lage mit dem Untergang der Titanic. ‚Das Schiff fängt wirklich ganz eindeutig an zu sinken und wir sehen es nicht.“ Währenddessen starrt mich Donald Trump mit stechend blauen Augen an.
Warum erzähle ich das? Weil diese Zeitungsseite gnadenlos offenbart, wie wir die Welt betrachten und behandeln. Ein Zweispalter – sehr wichtig! – neben sieben Spalten – völlig unwichtig! –, zwei Fotos, davon eines überdimensioniert zeigt Goldmünzen, neben einem kleinen Foto, das nichts von der faszinierenden Schönheit der Korallenriffe wiedergibt. Und ein Professor für Meeresstudien warnt vor dem „Untergang der Menschheit“, aber ich lese zuerst über Trumps Größenwahn. Ich fühle mich ertappt.
Während ich diese Zeilen schreibe, fährt der Zusteller von Südmail, das Logistikunternehmen von Schwäbisch Media, vor, und verteilt reihum die Post. Es dauert – der Lieferwagen steht, der Motor läuft. Er fährt um die Ecke, steigt aus – der Motor läuft. Was für ein Irrsinn, sind wir noch zu retten?
Die Frage ist berechtigt, denn auf der besagten Zeitungsseite findet sich noch ein dritter Artikel „im Keller“, soll heißen auf der Seite unten. Die Überschrift lautet: „Frühchen haben gute Chancen auf ein erfülltes Leben“. Die Nachricht, die nicht überrasccht: „Frühgeborene haben dank moderner medizinischer Möglichkeiten inzwischen deutlich höhere Überlebenschancen als früher.“ Das ist wunderbar! Aber die Chancen „auf ein erfülltes Leben“ hängen auch vom Überleben des Great Barrier Reef ab. Für alle Kinder dieser Erde.
Autor: Roland Reck
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„Ich fühle mich ertappt“






