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„Godda kommt“ ist nicht das erste Buch von Gabi Rief-Mohs. Foto: Reck

Mittelbiberach – „Mir wurde das Reisen nicht in die Wiege gelegt“, behauptet Gabi Rief-Mohs in ihrem kleinen, feinen Buch „Godda kommt“, das dieser Tage erschienen ist und zur Lektüre am Badesee oder auf der Terrasse empfohlen werden soll. Es handelt von Kindheit und Jugend und von Heimat im Bauerndorf in den 60er-Jahren. Das Büchlein macht neugierig. Warum reist sie nicht gerne, und wer ist die „Godda“?

Die Frage nach dem Fremdeln gegenüber dem Reisen beantwortet die 73-Jährige mit ihren Erinnerungen. „Wegen der Kühe (fünf an der Zahl), die zweimal am Tag gemolken werden mussten, wegen der Heuernte und wegen der Erdbeeren im Garten hatten wir keine Zeit, zu verreisen.“ Geld spielte natürlich auch eine Rolle – „und Mut“. „Im Gasthof zur Post gab es ‚Fremdenzimmer‘“, erzählt die pensionierte Psychiaterin und Psychotherapeutin und fragt: „Wollten wir Fremde sein? Die Mutter verband mit fremden Ländern stets Gedanken an Gefahren und Elend. Der Vater erzählte, selten einmal, dass er in Frankreich oder Russland gewesen war, als Soldat. Ein Onkel erzählte von Italien, auch vom Krieg. Der andere Onkel, der von Ägypten hätte erzählen können, war gar nicht mehr heimgekommen. Und die Fremden, die von irgendwoher ins Dorf gekommen waren, hatten Elend und Not erlebt, Flucht und Vertreibung und trauerten um ihre verlorene Heimat.“ Der Schluss liegt nahe: „Wir blieben wohl besser daheim, sicher ist sicher.“

Daheim, das war Eberhardzell, das kleine Dorf im Umlachtal, zehn Kilometer entfernt von der Kreisstadt Biberach, wo Gabi zur „Oberschule“ ging. Darin war sie Pionierin. Ansonsten gab es „in den 60er-Jahren fast alles“  in ihrem Heimatdorf, schreibt die Autorin in ihrem Vorwort: „eine Schule, drei Wirtschaften, zwei Ärzte, eine Apotheke und sogar ein Krankenhaus. Und für die Fahrt nach Biberach gab es das gelbe Postauto.“ Vieles änderte sich rasant. Die Dorfstraßen wurden geteert und eine Miste nach der anderen erkaltete entlang der neuen Straße, weil die Bauersleute nicht mehr wollten und konnten, und weil es bei Liebherr gutes Geld bei geregelter Arbeitszeit gab – und bezahlten Urlaub. Auch Gabis Eltern verkauften schließlich ihre fünf Kühe. Die Mutter weinte, Gabi „war froh“, dass sie von der vielen Fronarbeit befreit war. Und der Vater hatte in der eigenen Metzgerei genug zu tun.

Die erste Fußball-Damenmannschaft in Eberhardzell gründete sich bereits 1970. Gabi Rief spielte linksaußen und ist die Dritte von links hinten.

„Entweder lernen oder Stallmagd machen“, lautete die väterliche Devise zur Motivation seiner jüngeren Tochter, in der Stadt das Abitur zu machen und schließlich in Ulm Medizin zu studieren. Das war eine Riesenchance, weil noch völlig ungewöhnlich, dass in den 60er Jahren Kinder vom Bauernhof zur „Oberschule“ gingen, das war bis dahin den Stadtkindern vorbehalten. Gabi tat sich beim Lernen leicht und nutzte die Chance. Dabei kam die Schülerin auch in den Dunstkreis der 68er, die kurzzeitig die Provinzstadt an der Riss in hellen Aufruhr versetzten. Die Revolution lösten die rebellischen SchülerInnen nicht aus, aber Gabi avancierte zur Chefredakteurin der ersten Schülerinnenzeitung am Pestalozzi-Progymnasium. Man lese und staune, der Titel des Druckwerks lautete: „EMMAnzipation“. Der Name war Programm. „Im Jahr 1967 erschien die erste Ausgabe, ein halbes Jahr später die zweite, die aber zugleich die letzte war“, erinnert sich die ehemalige Blattmacherin und merkt nicht ohne Stolz an: „1977 gab es dann eine neue Zeitschrift mit dem Namen EMMA, von Alice Schwarzer als Herausgeberin.“

Ja, die Emanzipation nahm auch in Eberhardzell ihren Lauf – im wahrsten Sinne des Wortes. Da, wo die katholische Landjugend bis dahin für gesittete Unterhaltung sorgte, schnürten sich plötzlich Mädchen Fußballschuhe und traten in ausrangierten Jungentrikots als Damenmannschaft an. Das war im selben Jahr, als der Deutsche Fußballbund den Frauenfußball 1970 offiziell zuließ. Aber Bildung ging vor. Die Karriere der linken Stürmerin endete mit Beginn des Studiums in Ulm, wo sie sich ein Zimmer suchte, aber meist am Wochenende nach Hause fuhr, „weil ich da Freunde hatte und vor allem, weil ich mich verpflichtet gefühlt habe, den Eltern in der Metzgerei zu helfen“. Die Kindheit und Jugend war vorbei, damit endet auch das Büchlein, das, so betont die Autorin, nicht als Nostalgie zu verstehen sei, sondern als Beschreibung, wie die Zeit vergeht. „Nö, ich sage nicht: die gute alte Zeit.“

Damit sind wir bei den andauernden Veränderungen, die das Leben bestimmen, und die grundsätzliche Frage, was machen die fortwährenden Herausforderungen mit den Menschen. Man müsse versuchen, Schritt zu halten, ist der Anspruch der 73-Jährigen, den sie in ihrem Leben als alleinerziehende (drei Töchter) und in Teilzeit berufstätige Frau, die sich noch im fortgeschrittenen Alter zur Fachärztin weiterbildete, zweifellos erfüllte. Dabei aber feststellt, dass sie wie so viele andere die Bedrohung durch die Klimakrise ausblendete. „Für uns reicht’s raus.“ Was beruhigend klingt, ist so nicht gemeint. Es ist vielmehr der sorgenvolle Blick der Oma von sechs Enkelkindern auf deren Zukunft. Sie sei „keine Rebellin“, erklärte die umtriebige Frau bereits am Telefon vor dem Interview, aber zu den „Omas for future“ könnte sie passen, meint der Reporter.

Das aber ist nicht der Inhalt des Büchleins, das ungefähr im Format eines Gebetsbuches humorvoll die Zeit in Erinnerung ruft, in der die „Godda“, die Patentante, aus Friedrichshafen bei den Nachbarn in Eberhardzell anrief, denn auf dem Bauernhof hatte man noch kein eigenes Telefon, um ihr Kommen anzukündigen. Seitdem ist viel geschehen. Vielleicht erinnert sich Gabi Rief-Mohs in weiteren Büchern auch daran. Und selbstverständlich reist die eingefleischte Oberschwäbin zu ihren beiden Töchtern nach Hamburg und Bremen. Aber dahoim isch dahoim!

Autor: Roland Reck

Gabi Rief-Mohs: Godda kommt. Geschichten und Gedichte. 2026. Zepp.text Verlag. Erhältlich im Buchhandel.

erschienen in August/September 2026

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