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Sommerausstellung im Gotischen Haus

Im Pool: Nachdenken über die Vergänglichkeit

Foto: Herbert Eichhorn
Das Ausstellungsthema des Vergehens der Zeit wird auch in dieser von der Künstlergruppe gemeinsam konzipierten Rauminstallation angesprochen.
veröffentlicht am: 27.07.2026
Autor: Herbert Eichhorn
Lesedauer: ca. 6 Minuten

Leutkirch – Die Künstler der Gruppe „maximal“ haben in den vergangenen 30 Jahren schon die unterschiedlichsten Räume zusammen bespielt. Nun sind sie mit dem Projekt „Zeitvergehen. As Time Goes By“ in einer der ungewöhnlichsten und gleichzeitig schönsten Ausstellungslocations des Landes zu Gast, im Gotischen Haus in Leutkirch.

Bernd Mattiebe, Ohne Titel. Im Gotischen Haus sprechen die historischen Wände immer ein Wort mit. Foto: Herbert Eichhorn

Das Gotische Haus als Ausstellungslocation

Der Bau aus dem 14. Jahrhundert ist kein Ausstellungsort wie jeder andere. Bei seiner Sanierung wurden bewusst alle alten Schichten konserviert, von den mittelalterlichen Bohlenwänden über diverse Wandputze bis zu den Tapeten der 1950er-Jahre. Dass die so entstandenen Räume immer ein starkes Wort mitsprechen, ist sicher allen hier Ausstellenden bewusst. Und so heißt es denn auch in der Einladung zu dieser Ausstellung, die Galeriekreis und Stadt veranstalten: „Der Raum ist viel mehr als nur Ausstellungsfläche, er wird zum aktiven Bestandteil des künstlerischen Konzepts.“ Aber das Gotische Haus, in dem es schon sehr viel zu entdecken gibt, bevor das erste Kunstwerk überhaupt platziert ist, stellt auch immer eine Herausforderung dar. Irgendwie gilt es, einen stimmigen Rhythmus zu finden zwischen Räumen, die man kaum verändert, und solchen, in denen man versucht, dem historischen Gemäuer vielleicht etwas entgegenzusetzen.

Sprechblasen leiten durch die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn

Ein abwechslungsreicher Parcours

Ans Werk machen sich diesmal sieben Künstler, die sich in den 1990er-Jahren beim Studium an der Stuttgarter Kunstakademie kennengelernt haben. Das Metier von Isa Dahl, Thomas Heger, Rolf Kilian, Bernd Mattiebe, Rainer Schall und Bernhard Walz ist die Malerei, ganz klassisch auf Leinwand, Holz oder Papier. Daniel Wagenblast ist Bildhauer. Sein bevorzugtes Material ist Holz.

In der Ausstellung gibt es eher stille Räume, in denen individuelle Einzelarbeiten der Künstler gezeigt werden. Dazwischen finden sich Räume und Situationen, die die Künstler im Kollektiv konzipiert und realisiert haben. So entsteht über die zwei Ebenen im Treppenhaus, in den breiten Dielen und in den engeren Kammern und Stuben tatsächlich ein sehr abwechslungsreicher Parcours. Als eine Art Leitsystem oder auch roter Faden durch die Ausstellung dienen große und kleine Sprechblasen. Die beinhalten einmal gewichtige Begriffe wie RETTUNG, SINN oder WAHRHEIT, aber auch solch eher banale Einwürfe wie etwa „Uff“ oder „hä“, wie man sie aus dem Comic kennt.

Übrigens sind die Sprechblasen wie auch die meisten anderen Arbeiten in der Ausstellung verkäuflich, die Preise nach Größe gestaffelt. Und man überlegt tatsächlich kurz, ob sich nicht eine SINN-Sprechblase ziemlich gut machen würde zuhause über dem Schreibtisch oder über dem Sofa.

Sprechblasen mit gewichtigen Worten. Foto: Herbert Eichhorn

Bunte Planschbecken

Manche Begriffe der Sprechblasen nehmen natürlich auch direkt Bezug auf das Thema der Leutkircher Ausstellung, das Vergehen der Zeit: ZEIT, vergehen, live, ewig oder jetzt. Das Thema wird aber vor allem in den gemeinsam konzipierten Arbeiten und Räumen angesprochen. Besonders apart und gleichzeitig mit augenzwinkerndem Humor geschieht das vor allem in einem Raum. Der Raum ist – passend zum Sommer und zur Urlaubszeit – gefüllt mit quietschbunten aufblasbaren Planschbecken. In einem der Becken liegt eine Uhr, deren Sekundenzeiger sich unaufhaltsam weiterdreht. Vom Band hört man das Geräusch von regelmäßig fallenden Wassertropfen. Und dann sind da noch diese drei Globen. Ferienzeit, Reisezeit: Das sind dabei vielleicht die ersten Gedanken. Dann kommen einem aber doch die Weltkugeln in barocken Vanitas-Stillleben in den Sinn, also in Bildern, die den Menschen an die Endlichkeit alles Dinglichen gemahnen sollen. Und dort stehen diese Globen eben nicht nur für Weltläufigkeit, Macht und Reichtum, sondern auch für deren Vergänglichkeit. Dass unsere Zeit auch im bunten Ferienparadies unerbittlich verrinnt, scheint denn auch die Botschaft dieser Arbeit zu sein.

Daniel Wagenblast, mannpistole, und Rainer Schall, PS 32. Foto: Herbert Eichhorn

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Das Vergehen der Zeit als Thema

Auf etwas beschwingtere Weise stößt man auf dieselbe Botschaft, wenn an anderer Stelle in der Ausstellung, vom Klavier begleitet, der Ohrwurm „As Time Goes By“ erklingt. Den Song aus einem Broadway-Musical, der vor allem durch den Filmklassiker „Casablanca“ bekannt wurde, haben die Künstler sich als Motto für ihr Leutkircher Projekt ausgesucht. Das Nachdenken über die Zeit und ihr Vergehen scheint überhaupt gerade ein Thema für viele Künstler zu sein. Im Kunstmuseum Ravensburg ist zum Beispiel gerade eben die Ausstellung „It’s All About Time“ zu Ende gegangen. Auch dort ging es den Künstlern darum, Zeiterfahrungen und vor allem das Vergehen der Zeit sinnlich erfahrbar zu machen.

Isa Dahl, eben still. Foto: Herbert Eichhorn

Dialoge mit dem alten Gemäuer

Und zwischen den gemeinschaftlich erschaffenen Themenräumen sind eben jene Räume, in denen, wunderbar sparsam gehängt, Arbeiten der sechs Maler in ihrer jeweils unverwechselbaren individuellen Bildsprache gezeigt werden. Das ergibt manchmal schöne Dialoge mit den alten Wänden mit ihren Lebensspuren aus so vielen Jahrhunderten. Das funktioniert zum Beispiel hervorragend bei den Gemälden von Isa Dahl und Rolf Killian mit ihren breiten expressiven Pinselspuren. Aber genauso bei den abstrakten Farbzeichen von Bernd Mattiebe, den Baumporträts von Bernhard Walz oder den Gemälden von Rainer Schall, in denen Reste von Gegenständlichem nachklingen.

Thomas Heger, Tage am Meer 20, und Bernd Mattiebe, transition. Foto: Herbert Eichhorn

Ferienstimmung

Thomas Hegers Arbeiten signalisieren allein schon durch ihre Titel – Flip-Flop, Schwimmer, Tage am Meer – Ferienstimmung. Mit ihren Farben und den angedeuteten sich kräuselnden Wasseroberflächen fühlt man sich fast an die berühmten Bilder von kalifornischen Swimming Pools von David Hockney erinnert, hier freilich alles nur in Farben und Strukturen angedeutet. Und nicht zu vergessen der Bildhauer in der Truppe. Daniel Wagenblast zeigt in verschiedenen Räumen einige seiner typischen rundköpfigen Männer im T-Shirt. Wie mittelalterliche Heiligenfiguren haben diese oft irgendeinen Gegenstand in der Hand. Und ergänzend gibt es von ihm dann noch seine sogenannten Handskulpturen zu sehen, also Hände mit jeweils einem signethaften Gegenstand, aber eben ohne die zugehörige Figur.

Auf goldfarbener Folie werden die gemeinsam geschaffenen Zeichnungen maximal together präsentiert. Foto: Herbert Eichhorn

maximal together

Schließlich gibt es in der Ausstellung noch diesen ganz anderen Raum, in dem alle sieben noch einmal zusammengeführt werden. Der ist mit goldfarbener Folie ausgekleidet und ist mit bunten aufblasbaren Kunststoffmöbeln zum Ausruhen ausstaffiert. Das setzt einen flotten Kontrapunkt zu den historischen Wänden der übrigen Räume. Dort tritt die Gruppe noch einmal als Kollektiv auf. Unter dem Motto „maximal together‘“ werden – offensichtlich mit viel Spaß zusammen geschaffene – Gemeinschaftsarbeiten auf Papier gezeigt. Der Raum ist eine recht vergnügliche Station in einer Bilderschau, die ja über ein eigentlich eher ernstes Thema nachdenkt. Aber wenn das Vergehen der Zeit so spielerisch und mit so viel Kreativität angegangen wird wie in dieser Ausstellung, dann denkt man als Besucher beim Rausgehen: Vielleicht doch alles halb so schlimm mit der Vergänglichkeit.
Herbert Eichhorn

Weitere Impressionen aus der Ausstellung in unserer Foto-Galerie. (Fotos: Herbert Eichhorn)

„ZEITVERGEHEN. As time goes by“

Städtische Galerie im Gotischen Haus
Marktstraße 32, Leutkirch

Noch bis 27. September 2026
Montag bis Freitag 9.00 bis 12.30 und 14.00 bis 17.00 Uhr
Samstag 10.00 bis 13.00 Uhr

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Herbert Eichhorn
veröffentlicht am
27.07.2026
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