Aus Leutkirch nach Venedig: ein Tausendsassa der Barockzeit


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Leutkirch – Heute sind wohl Mallorca und die türkische Riviera die beliebtesten Ferienziele der Deutschen. Mitte des 20. Jahrhunderts führten sommerliche Urlaubsreisen eher an die italienische Adria. In der Ausstellung „Vom Allgäu an die Adria“ geht es nun aber um die ganz andere (Lebens-) Reise des Leutkirchers Johann Matthäus Albrecht.

Bei der Eröffnung schildert Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle die Entstehungsgeschichte der Ausstellung. Foto: Joachim Engst.
Mit dem Rennrad über die Alpen
Bei der Eröffnung der Ausstellung am 3. Juli gab es auch ein Grußwort von Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle. So etwas gehört natürlich gewissermaßen zur Stellenbeschreibung eines OBs. Aber an diesem Abend war Henle eben nicht nur als OB vor Ort, sondern – wie man dann auch in der Ausstellung erfährt – ebenso als einer der Initiatoren des Projekts. Der Gedanke, die Präsentation, die 2017 schon in Cavallino Treporti zu sehen war, nach Leutkirch zu holen, entstand spätestens bei einer Reise nach Italien – per Rennrad. Diese führte den Oberbürgermeister zusammen mit Michael Waizenegger von der Heimatpflege sowie Wolfgang Waizenegger im Sommer 2025 auf die Insel in der Lagune von Venedig. Dort trafen sie Autor und Bibliothekar Antonio Padovan, der damals die Ausstellung konzipiert hatte und der jetzt auch zur Eröffnung angereist war. Von der Tour der drei aus dem Allgäu erzählt später auch das letzte Kapitel der Schau „Vom Allgäu an die Adria“.

Blick in die Ausstellung. Foto: Herbert Eichhorn.
Eine Ausstellung in 14 Kapiteln
Die von der Heimatpflege nun auf die Beine gestellte Ausstellung im Museum im Bock, bei der sie wieder mit dem Gestalter Marc Brandner zusammengearbeitet hat, umfasst einen Zeitraum von fast 400 Jahren. Der reicht von der Zeit unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg bis in die Gegenwart. Wie in einem opulenten Coffee Table Book wird dabei das spannende Thema der Ausstellung in insgesamt 14 Kapiteln vor dem Besucher ausgebreitet. Dabei werden in große farbige Fotowände jeweils kleine Textfelder eingeblendet. Auf Museumsobjekte im klassischen Sinn wird weitgehend verzichtet, wenn man absieht von einer Vitrine mit Apothekerutensilien und ein paar typischen Requisiten vom Strand. Große, mit – heute wahrscheinlich einfach unvermeidlich – KI erstellte Pappfiguren beleben die Abfolge der Bildtafeln: hier etwa der Leutkircher Bub Johann Matthäus Albrecht, dort der prominente Venezianer Giovanni Matteo Alberti mit eindrucksvoller barocker Allonge-Perücke.

Utensilien aus einer Apotheke. Foto: Herbert Eichhorn.
Aus Leutkirch zum Studium nach Padua
Aber jetzt zu der ungewöhnlichen Geschichte, wie aus dem jungen Allgäuer eine einflussreiche Figur der venezianischen Gesellschaft wurde: 1651 wird in Leutkirch dem Apotheker Matthäus Albrecht und seiner Frau Jakobina Scheifeler ein Sohn geboren. Der aufgeweckte Bursche soll offensichtlich einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten. 1674 besucht er daher verschiedene süddeutsche Städte, unter anderem Augsburg, Ulm und Stuttgart, und knüpft dort eifrig Kontakte mit Ärzten und Apothekern. Aber anstatt dann an einer süddeutschen Universität, etwa in Tübingen, ein entsprechendes Studium aufzunehmen, zieht es den jungen Mann nach Italien. Dort, an der renommierten Universität Padua, studiert er Medizin. Das war damals nicht ganz so einfach wie heute, wo tatsächlich viele junge Deutsche, etwa im Rahmen des europäischen Förderprogramms Erasmus, an dieser norditalienischen Universität studieren. Auch die Reise über die Alpen, ob nun zu Fuß oder per Postkutsche, war damals natürlich um einiges beschwerlicher als heute. So waren etwa die Nachtlager der Poststationen wegen ihres Ungeziefers berüchtigt.

Kapitel 8: Die Regatta auf dem Canal Grande. Foto: Herbert Eichhorn.
Gesellschaftlicher Aufstieg in Venedig
Johann Matthäus Albrecht schreibt sich am 22. Januar 1676 in Padua als Student ein, natürlich auf Lateinisch: Albertus Iohannes Matthaeus Albrecht Leofanensis. Albrecht ist offensichtlich ein äußerst tüchtiger und erfolgreicher Student. 1679 schließt er sein Studium ab, mit Bestnote, und nimmt nun sein weiteres Schicksal entschlossen in die Hand. Er übersiedelt nach Venedig, praktiziert dort als Arzt und heiratet noch im selben Jahr Antonia Piccini, die Tochter eines angesehenen Apothekers. Für ihn steht mittlerweile fest, dass er im Süden bleiben und hier Karriere machen will. Daher nennt er sich von nun an Giovanni Matteo Alberti. In Venedig steigt er schnell zum Leibarzt und gleichzeitig allgemeinen Bevollmächtigten eines mächtigen deutschen Fürsten auf, Herzog Ernst August von Braunschweig und Lüneburg. Für diesen organisiert er zum Beispiel eine prunkvolle Bootsregatta auf dem Canal Grande, eines dieser typischen Events, mit denen man in Venedig seine gesellschaftliche Stellung und seinen Wohlstand demonstrieren will. Alberti spielt nun also mit in der Liga der Mächtigen und Reichen.

Alberti setzt auf die Roscano-Pflanze. Foto: Herbert Eichhorn.
Ein ungewöhnliches Start-up-Unternehmen
Und er wird auch zum Unternehmer. Der Kauf der Insel Cavallino vor Venedig steht für eine ungewöhnliche und auch riskante – heute würde man sagen – Start-up-Unternehmung. An den Rändern der kargen, nahezu unbewohnten Insel wächst wild die Pflanze Roscano. Deren sodahaltige Asche ist ein begehrter Rohstoff für die Seiden- und Glasproduktion. Und Albertis Idee ist nun, Roscano auf der Insel planmäßig zu kultivieren. Die Republik Venedig gewährt ihm ein entsprechendes Monopol. Zwei bis drei Jahre experimentiert er mit dem Roscano-Anbau und muss schließlich akzeptieren, dass die plantagenmäßige Kultivierung nicht funktioniert.

Kapitel 10: Vom Arzt zum Landwirt. Foto: Herbert Eichhorn.
Eine unwirtliche Insel wird zum lebendigen Siedlungsraum
Aber Alberti gibt nicht auf, sondern schmiedet schnell neue Pläne und treibt diese entschlossen voran. Das öde Eiland soll nun für eine breitere landwirtschaftliche Nutzung erschlossen werden. Neues Ackerland wird gewonnen, Kanäle werden gegraben und für Siedler werden einfache Häuser und sogar ein eigenes Kirchlein gebaut. Man fühlt sich fast etwas an Goethe erinnert, bei dem Faust einen sandigen Küstenstreifen in ganz ähnlicher Weise planmäßig kultiviert. Tatsächlich wird so aus der eher unwirtlichen Insel Cavallino ein lebendiger Siedlungsraum. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bleibt die Insel, letztlich dank Albertis Initiative, landwirtschaftlich geprägt.

Kapitel 12: Vom Agrarland zum Tourismuszentrum. Foto: Herbert Eichhorn.
Zwölf Kilometer Sandstrand
Dann verändert sich allerdings alles, denn schließlich besitzt die Insel ein besonderes Pfund, mit dem es zu wuchern gilt: einen 12 Kilometer langen Sandstrand. Cavallino Treporti entwickelt sich im vergangenen Jahrhundert zu einem der führenden Ziele des internationalen Campingtourismus. Auch hier mischen wieder die Deutschen maßgeblich mit. So betreibt zum Beispiel der Motorrad- und Autohersteller NSU dort ab 1955 für seine Mitarbeiter und seine Kunden einen eigenen großen Campingplatz.
Alberti zurück in seiner Heimat
Und wie stand es denn nun um die Beziehung dieser umtriebigen Persönlichkeit und ihrer Heimatstadt im Allgäu? Alberti, der 1711 in Venedig starb, kehrte überhaupt nur noch zweimal, und zwar im Rahmen von Dienstreisen für den Herzog, nach Leutkirch zurück. Andererseits waren interessanterweise tatsächlich auch Leutkircher unter den Neusiedlern auf seiner Insel.

Requisiten vom Strand – zufällig in den Farben von Leutkirch. Foto: Herbert Eichhorn.
Seine Straße
Wenn man aus der Ausstellung kommt, geht einem schon der Gedanke durch den Kopf, wie stark verknüpft die Regionen Europas doch auch damals schon waren und wie entschlossen damals zumindest Einzelne bereits ihr Glück im Ausland suchten und machten. In Cavallino Treporti weiß man, was man dem Pioniergeist des aus dem Norden Zugewanderten zu verdanken hat. So verwundert es nicht, dass dort zum Beispiel eine Straße nach ihm benannt ist, die Via Giovanni Matteo Alberti. Mal sehen, wann die Leutkircher eine Straße nach ihrem so ungewöhnlichen Sohn benennen werden.
Herbert Eichhorn
Weitere Bilder in der Galerie: Fotos von der Eröffnung von Joachim Engst, alle übrigen von Herbert Eichhorn.
Bis 22. November
Ausstellung „Vom Allgäu an die Adria. Leutkirch – Venedig – Cavallino Treporti. Wie Johann Matthäus Albrecht zu Giovanni Matteo Alberti wurde“
5. Juli bis 22. November 2026
Museum im Bock, Leutkirch
Dienstag bis Donnerstag 14.00 bis 17.00 Uhr
Sonn- und Feiertage 13.00 bis 17.00 Uhr















































