„Heimat nei!“ – Eine Zeitreise durch 1100 Jahre Bad Waldseer Geschichte


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Bad Waldsee – Schon lange vor Beginn der Premiere (am 10. Juli) füllte sich die Wiese vor dem Wasserschloss mit neugierigen, gut gelaunten Menschen. Unter den alten Bäumen genossen die Besucher bei einem Getränk, einer Pizza oder Pommes den lauen Sommerabend, bevor sie sich über die Brücke auf den Weg in den Schlosshof machten. Dort wartete mit der Uraufführung von „Heimat nei!“ das erste Stück der heuer aus der Taufe gehobenen Bad Waldseer Schlossfestspiele. Unser Reporter Erwin Linder war dabei und sich das Stück angeschaut. Nachstehend seine Besprechung, ausgestattet mit vielen Fotos, die wir am Ende des Textes versammeln:
Für Axel Musch, Fachbereichsleiter Wirtschaft, Tourismus und Kultur und organisatorischer Kopf der Schlossfestspiele, eine große Freude: Die Premiere war ausverkauft! Passender hätte die Kulisse kaum sein können. Das historische Wasserschloss, einst Sitz der Truchsessen von Waldburg und Waldsee, bildete den idealen Rahmen für ein Stück, das eigens zum 1100-jährigen Jubiläum der ersten urkundlichen Erwähnung Walahsees geschrieben wurde.
Oberbürgermeister Matthias Henne eröffnete den Premierenabend. Was anschließend folgte, war kein klassisches Historienspiel.
Der Kunstgriff
Der eigentliche Kunstgriff der Regisseurin und Autorin Catriona Blanke besteht darin, dass das Publikum gar nicht das fertige Theaterstück erlebt, sondern dessen Entstehung. Eine Autorin sitzt ratlos vor einem leeren Blatt respektive verzweifelt vor ihrem Laptop. Erst als eine resolute Putzfrau die Mitarbeiter der Stadtverwaltung zusammentrommelt und ausgerechnet ein Bauhofmitarbeiter beginnt, seine Ideen einzubringen, entwickelt sich Szene für Szene die Handlung.
Einfallsreiche Regie
Die Stärke der Inszenierung liegt nicht in der bloßen Aneinanderreihung historischer Ereignisse, sondern in den vielen kleinen Regieeinfällen. Catriona Blanke erzählt Stadtgeschichte mit Humor, Selbstironie und einem feinen Gespür für Zwischentöne. Die Figuren der gespielten Theaterprobe bleiben Menschen der Gegenwart. Sie diskutieren, widersprechen, verwerfen Ideen und bringen ihre Eigenheiten mit auf die Bühne. Gerade dadurch entsteht ein lebendiges Bild der Stadtgeschichte, das weit über ein klassisches Historienspiel hinausgeht.
Die Zeitreise beginnt mit dem Jahr 926. Der Prior des Klosters Weißenburg im Elsaß erfährt vom Überfall auf seine Besitzungen in Walahsee, wie Waldsee damals geschrieben und wohl so ähnlich auch gesprochen wurde. Es folgen die Stadtrechtsverleihung, die Geschichte der Guten Beth, der „Böse Brief“, der „Eiserne Mann“, Ulrich Kuderer und schließlich der Weg bis in die Gegenwart.
„Vorher Magd – jetzt Magd – immer Magd“
Dabei spielen nicht Könige und Truchsessen die Hauptrollen. Es sind die Magd, die Putzfrau, der Bauhofmitarbeiter oder später die Heimatvertriebene, die den historischen Ereignissen ihre menschliche Seite geben. Zu den stärksten Szenen gehört die Magd anlässlich der Stadtrechtsverleihung. „Und was habe ich davon? Vorher Magd – jetzt Magd – immer Magd.“
Zu den berührendsten Figuren gehört Elisabeth Achler, die Gute Beth. Interessant ist dabei nicht nur ihre Geschichte, sondern auch die Diskussion der Mitwirkenden darüber, wie sie heute erzählt werden kann und wer den Nutzen daraus zieht. Die Gläubigen, die sich an der Spiritualität der Waldseerin erbauen können, oder die Kirche, in deren Säckel die Spenden der Gläubigen fließen.
Mit viel Humor nimmt die Inszenierung auch die Gegenwart aufs Korn. So prüft die Bühnenfigur der Stadtkämmerin fast jede Idee zunächst unter finanziellen Gesichtspunkten und tritt konsequent in Pink auf. Die echte Stadtkämmerin kommentierte die liebevolle Persiflage lachend: „So bin ich doch gar nicht.“
Auch Oberbürgermeister Matthias Henne bleibt nicht verschont. Als in der gespielten Theaterprobe ein Darsteller für Ulrich Kuderer gesucht wird, fällt die Wahl auf ihn. Und in der Tat: Der OB greift schauspielernd ins Geschehen ein und gibt den Kuderer, den Erbauer des Waldseer Rathauses.
Nebenbei: Die Einlage fällt Matthais Henne nicht schwer, ist er doch ein bewährter Laien-Schauspieler.
Nach der Pause schlägt die Aufführung einen deutlich ernsteren Ton an. Die Bühne liegt im Dunkel. Großformatige Porträtaufnahmen der Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege bestimmen das Bild. Das Ensemble der Ballettschule Waidacher huscht in dunklen Gewändern über die Bühne. Nach und nach treten die Schauspieler in schlichten grauen Kitteln auf, jeder mit einer anderen Jahreszahl vor der Brust – ein wirkungsvoller Regieeinfall für die Kriege vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Zweiten Weltkrieg.
Eingespielte Tonaufnahmen
Zu den eindringlichsten Momenten gehört die Figur mit der Jahreszahl 1948: „Vierzig Jahre lebte ich hier“, sagt die Darstellerin in der Jetztzeit. „Aber es war nie meine Heimat.“ Verstärkt wird diese Szene durch eingespielte Tonaufnahmen Bad Waldseer Bürgerinnen und Bürger zum Thema Heimat.
Mit Erwin Hymer, der Waldseer Fasnet und dem Kurwesen schlägt das Stück schließlich den Bogen in die Gegenwart. Unter dem Motto „Morgens Fango – abends Tango“ bleibt der Humor bis zum Schluss erhalten.
Eigentlich endet das Stück dort, wo es begonnen hat. Die Autorin hat nun aber ihre Schreibblockade überwunden und ein Stück Heimat gefunden. Aus den vielen Ideen der Theaterprobe ist das Material für das eigentliche Theaterstück entstanden.
Schlosskulisse geschickt einbezogen
Das raffiniert schlicht gehaltene Bühnenbild mit seinen großflächigen Projektionen überließ den Schauspielern, der Musik und dem Tanz den Raum, die Geschichte zu erzählen. Die Darsteller glänzten dabei virtuos in einer Vielzahl unterschiedlichster Rollen und wechselten oft innerhalb weniger Augenblicke von einer Figur zur nächsten. Auch die Kostüme folgten konsequent dem reduzierten Konzept der Inszenierung: Mit einfachsten Mitteln – einem Tuch, einem Überwurf oder wenigen Accessoires – entstanden glaubhafte und sofort erkennbare Figuren. Die historische Schlosskulisse wurde geschickt einbezogen und machte den Schlosshof selbst zu einem Teil der Inszenierung.
Die Mitglieder der Ballettschule Waidacher verbanden die einzelnen Szenen durch ihre tänzerischen Auftritte. Die Choreografie war immer unaufdringlich und der Geschichte angepasst. Ein großes Kompliment an Julia Waidacher und ihre Tanztruppe. Die Musik besorgte die Band „Drahtzieher“. Besetzt mit zwei Gitarren mund einem Bass machten sie die kongeniale Musikbegleitung.
Mit dem Waldsee-Lied verabschiedete sich das Ensemble unter lang anhaltendem Applaus vom Publikum. Oberbürgermeister Matthias Henne dankte allen Mitwirkenden und den zahlreichen Helfern hinter den Kulissen.
Am 17. und 18. Juli
Weitere Aufführungen von „Heimat nei!“ finden am 17. und 18. Juli im Schlosshof statt – sofern noch Karten erhältlich sind.
Besetzung und Beteiligte
Darsteller: Claudia Zimmermann, Elisabeth Laux, Barbara Roth, Marion Metzler, Beate Decker, Wiltrud Fach, Anna Sugg, Lotta Roemer, Hans Ehinger, Klaus Schulz, Ulrich Hoermann, Werner Oelmeier, Gebhard Mayerhofer.
Musik: „Die Drahtzieher“ (David Klüttig, Bobby Guttenberger, Kolja Legde)
Fasnet: Sammlervölkle mit Berthold Schmidinger, Klaus Christ, Jürgen Meier, Thomas Fischer, Uli Hedderich, Joachim Beddig, Tini Friedrich
Gugga-Gassa-Fetz-Band mit Lukas Auer, Adelinde Bretz Eisele, Tatjana Brielmaier, Mathias Butzengeiger, Torsten Ebenhoch, Maximilian Eisele, Niclas Erkrath, Dennis Esslinger, Nikola Esslinger, Stephan Fischer, Jessica Harguth, Thorsten Harguth, Andrea Harguth, Matthias Hartwig, Linus Hinderhofer, Alexa Hottenbacher, Luisa Jans, Martina Kemmerle, Timo Leuter, Carmen Münsch, Diane Scheike, Fabian Schmid, Viktoria Schmidt, Paul Störk
Tanz-Balletschule Waidacher mit Diana Hertleb, Romy Gross, Sofia Gross, Jannis Nawrath, Leni Turnherr, Nina Glaser, Lena Glaser, Sarah Hermann, Jana Neff, Malte Wiest, Silke Gaudig
Künstlerisches Team: Leitung und Regie Catriona Blanke, Choreografie Julia Waidacher, Maske Andrea Rief, Skript Catriona Blanke und Wiltrud Fach, Licht Thorsten Buchholzer, Ton Stefan Auer, Projektion Stefan Weinfurter, Bühnenmeister Roland Metzler
Das Stück in Bildern

OB Henne eröffnet die 1. Bad Waldseer Schlossfestspiele.

Wenn die Bestuhlung nicht reicht, helfen Sitzkissen für die Schlossmauer.

„Wie soll ich es nur beginnen?“ Claudia Zimmermann als Autorin auf der Suche nach dem Stoff.

„Schwätz halt mit de Leit!“ Elisabeth Laux als zupackende Putzfrau.

Werner Oelmeier als Aktuar Thomas Wenger.

Die Requisitenkiste.

Immer skeptisch, was die Finanzierung angeht: Wiltrud Fach als Kämmerin Petra Maier.

„Aber mir brauchet au was mit Liebe.“ Marion Metzler als Standesbeamtin.

Auch Hilda, dargestellt von Barbara Roth, hat einiges beizutragen.

Hans Ehinger als Fränzle ein „Hans Dampf in allen Gassen“.

Im Bann des Spiels: OB Matthias Henne mit Gattin Sarah-Jane.

Nein, das ist kein saurer Apfel, in den die Zuschauer beißen. In den Mimiken spiegelt sich die Dramatik des Spiels. Wir sehen ins Antlitz von Sponsorin Gerda Hymer (links) und „Zunfte“ Christoph Mayer (Mitte).

Bürgermeisterin Monika Ludy beobachtet das Treiben der Kämmerin auf der Bühne.

Wenn er erzählen könnte: Der Heilige Nepomuk wacht seit Äonen über die Brücke zum Schloss.

Der Prior erfährt vom Überfall auf seine Besitzung Walahsee.

Vom Prior zum König braucht’s nur einen Umhang, einen Pelzkragen und eine Pappkrone.

Als Zuschauer vom Spiel auf der Bühne gefesselt, können sich die Darsteller in aller Öffentlichkeit auf ihre nächste Rolle einstellen.

Die Ballettschule Waidacher mimt Hoftags-Feierlichkeiten.

Die Stadtrechte werden verlesen.

Anna Sugg spielt die Rolle der Magd. Ihre Bemerkung geht unter die Haut: „Des nützt bloß de Große. Und i – geschtern Magd, heit Magd, morge Magd.“

Lotta Roemer in der Rolle als Gute Beth.

Lotta Roemer und Ulrich Hoermann als Beth und Probst beim Beichtgespräch.

Gespannt verfolgt Autorin und Regisseurin Catriona Blanke ihre Darsteller auf der Bühne.

Das Tauziehen um die Bedeutung der Guten Beth.

„Dene Herre zoiget mir’s“: OB Henne in einer ihm auf den Leib geschneiderten Rolle: Er mimt den Ulrich Kuderer, Bürgermeister dahier im 15. Jahrhundert.

Die Porträts gemahnen an das Leid des Krieges.

Jahreszahlen, die an Krieg und Leid erinnern.

40 Jahre hab ich hier gelebt. Aber ich war nie daheim.“ Beate Decker als Vertriebene, die 1948 nach Waldsee gekommen war.

Der Aufschwung in der Wirtschaftswunderzeit: Gebhard Mayerhofer als Erwin Hymer.


Die Fasnet darf in Waldsee niemals fehlen: Sammlervölkle mit König Berthe und Originalmasken.

Die Gugga-Gassa-Fetz-Band spielt zum akrobatischen Streetdancer der Ballettschule Waidacher.

Morgens Fango, abends Tango – Waldsees Kurbetriebe haben ihren Platz genauso wie …

… eine beginnende Romanze zwischen Madeleine de Vries und Kalle Schmid, dargestellt von Claudia Zimmermann und Klaus Schulz.

Mit dem Waldsee-Lied verabschieden sich die Darsteller unter großem Applaus vom Publikum.
Text und Fotos: Erwin Linder



































