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Aufgestellt in der NS-Zeit

Ein besonderes Wegkreuz

Foto: Gisela Rothenhäusler
Dieses Wegkreuz stand bis vor kurzem an der Straße von Bad Wurzach nach Wengenreute, oberhalb von Wiesen. Derzeit wird es restauriert.
veröffentlicht am: 11.05.2026
Autor: Gisela Rothenhäusler
Lesedauer: ca. 4 Minuten

Bad Wurzach – Die Großgemeinde Bad Wurzach hat eine ausgesprochen hohe Anzahl von Feld- und Wegkreuzen, an denen wir heute zumeist achtlos vorübergehen. Ende der 80er-Jahre wurden für alle Gemeindeteile Kleindenkmale in Bild und Kurzbeschreibung aufgenommen und dabei kam man auf die erstaunliche Zahl von 275 Kreuzen, dazu 28 Bildstöcke. Gospoldshofen weist die höchste Dichte an solchen Wegkreuzen auf. Bei knapp der Hälfte dieser Kreuze findet sich am Sockel eine Inschrift, die zumeist einen Segen oder einen Anstoß für ein kleines Gebet beinhaltet.

Bei genauem Hinschauen sind aber viele dieser Wegkreuze in sehr schlechtem Zustand, bei manchen ist sogar nur noch der Sockel übrig, manche sind vermutlich ganz abgängig. Das Verschwinden dieser Kreuze spiegelt die Entwicklung unserer Gesellschaft, ist aber auch kulturgeschichtlich ein großer Verlust. Dies soll aber kein Vorwurf an die Besitzer sein, die manchmal auch nur durch Grundstückskauf in den Besitz eines solchen Kleindenkmals gekommen sind, denn die Restaurierung ist teuer – schnell ist ein vierstelliger Betrag notwendig.

Eines dieser Kreuze wird zur Zeit restauriert. Es handelt sich um das Feldkreuz an der Straße von Bad Wurzach nach Wengenreute, oberhalb von Wiesen. Im künstlerischen Wert hebt es sich vermutlich nicht aus der Reihe der vielen anderen Wegkreuze hervor, es hat aber eine besondere historische Bedeutung. Die Inschrift auf einer Marmorplatte am Sockel des Kreuzes lautet: „Im Kreuz allein ist Heil.“ Es ist nicht das einzige Kreuz mit dieser Inschrift auf Gemeindegebiet. Aber es ist eines der wenigen Kreuze, das eine Datierung trägt, nämlich das Jahr 1942. Und damit wird es zu einer Besonderheit. Im Jahr 1942, in dem das Wörtchen „Heil“ in aller Munde war, aber in ganz anderem Zusammenhang, ist diese Inschrift kein Zufall, sondern fordert, vor allem durch die Betonung des Wörtchens „allein“ zum Nachdenken über die politischen Verhältnisse jener Zeit auf.

„Im Kreuz allein ist Heil“ – diese religiöse Aussage hatte im Jahre 1942 durchaus eine politische Konnotation und konnte als versteckter Protest verstanden werden. Foto: Peter Depfenhart.

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Bei der Aufnahme dieses Kreuzes in die Liste der Kleindenkmäler (1989) war dieses Kreuz noch im Besitz der Salvatorianer, denen jahrzehntelang das Hofgut Wiesen gehört hatte. Leider finden sich im Archiv der Salvatorianer keine Unterlagen zu diesem Kreuz, aber man liegt mit der Vermutung sicher nicht falsch, dass dieses Kreuz von den Salvatorianern aufgestellt wurde, die damit sehr subtil ihren Widerstand zum nationalsozialistischen Regime zum Ausdruck brachten, ohne dass man ihnen einen Strick daraus drehen konnte. Schließlich war dies eine nicht unübliche Inschrift für ein Wegkreuz.

Bis 1939 war Pater Lukas Klose, der das Salvatorkolleg aufgebaut hatte, Superior in Wurzach. Er wechselte 1939 als Provinzial nach München. Einer seiner Nachfolger, Pater Sigisbert Kraus, war vermutlich für die Aufstellung des Kreuzes verantwortlich. Er war sich sicher im Klaren darüber, dass die NS-Behörden das Aufstellen eines neuen Wegkreuzes höchst ungern sahen. Bereits 1937 hatte es einen Erlass des Reichsministers für kirchliche Angelegenheiten gegeben, in dem mitgeteilt wurde, dass „die Errichtung von Bildstöcken, Wegkapellen usw. unerwünscht ist, wenn lediglich eine reine Propagandawirkung zu Gunsten der kath. Kirche erzielt werden soll; ihre Errichtung ist nur … gerechtfertigt, wenn ein wesentliches religiöses Bedürfnis vorliegt.“ Pater Sigisbert und Pater Lukas waren beide sehr geübt darin, die Begründungen für bestimmte Maßnahmen so zu formulieren, dass sie nicht im offenen Widerspruch zu staatlichen Regelungen waren. Aber eine Erklärung für das Feldkreuz war sicher nicht schwer zu formulieren und mit bäuerlicher Tradition zu erklären, die in der NS-Ideologie einen hohen Stellenwert hatte. Die Inschrift „Im Kreuz allein ist Heil“ ist auf den ersten Blick keine oppositionelle Meinungsäußerung, aber ein Beispiel für ausgesprochen subtilen Widerstand gegen die NS-Lehre.

Am Sockel hatte der Zahn der Zeit gehörig genagt. Foto: Gisela Rothenhäusler

Bergung des Kreuzes. Foto: Peter Depfenhart

Bereits 1989 bei der Aufnahme in die Liste der Kleindenkmäler wurde das Kreuz als renovierungsbedürftig bezeichnet und zuletzt war es in einem erbarmungswürdigen Zustand. Vom Sandsteinsockel brachen bereits ganze Stücke ab und bald wäre nichts mehr zu retten gewesen. Das Kreuz und sein Sockel wurden in diesem Frühjahr für die Restaurierung abgebaut, die eine beträchtliche Summe verschlingen wird. Dankenswerterweise hat sich die Katholische Kirchengemeinde St. Verena dieses Projekts angenommen und unterstützt die Restaurierung des Kreuzes. Der Kostenvoranschlag liegt bei 3500 Euro und jede Unterstützung zur Finanzierung ist herzlich willkommen.
Gisela Rothenhäusler

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