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Kißlegg – Waren die 1920er wirklich „Goldene Jahre“? Für Kißlegg zeichnete Gemeindearchivar Thomas Weiland am 22. April vor rund 80 Zuhörern im Bankettsaal des Neuen Schlosses ein Bild der Gegensätze: Trotz mehrerer Phasen extremer Not wurden damals wichtige Weichen für die Entwicklung des „Marktfleckens“ gestellt.
Unser Reporter Ulli Stark war beim Vortrag dabei; und beeindruckt von der Fülle der Infos und wie diese vom Referenten dargeboten wurden. „Toller Vortrag von Tommi Weiland – wie gewohnt“, schrieb uns Ulli Stark, als er seinen Bericht bei der Redaktionsleitung ablieferte. Wie gewohnt am Folgetag. Dass der Artikel nicht sofort erschien, hat produktionsinterne Gründe: Die Redaktionsleitung hatte alle Hände voll zu tun mit der Bürgermeisterwahl in Bad Wurzach. Hier nun der Bericht von Ulli Stark über den Vortrag:
120 Kißlegger sind gefallen
Der Erste Weltkrieg hinterließ auch in Kißlegg deutliche Spuren: Von 420 Einberufenen waren 120 gefallen; dazu kamen viele Verwundete, Vermisste oder Gefangene. Die Knappheit an Lebensmitteln führte zu Plünderungen und der Aufstellung einer siebzigköpfigen Bürgerwehr. Im Herbst 2019 wurde die Schule wegen Kohlemangels geschlossen, woraufhin die Gemeinde sich mit den lokalen „Standesherren“ auf eine Pacht von Torfgebieten verständigte. Trotz der Notlagen bildete sich gleichzeitig verschiedenste Vereine: katholische Jugendgruppen, Fußballer, Förderer der Krankenpflege. Nach Überwindung der Hyperinflation von 1922/23 kamen Wander-, Rad-, Skiclubs oder auch die Fasneter hinzu.

Inflationsgeld in der Region Wangen: „Die Oberamtssparkasse Wangen zahlt dem Einlieferer dieser Note 500 Millionen Mark.“ (Georg Maier)
Der „Kleine Schlosspark“ wird zur Ortsmitte
Dass man sich das heute 92 km² große Kißlegg vor 100 Jahren anders vorstellen muss, verdeutlichte Thomas Weiland anhand mehrerer Karten: Rund ein Viertel der gut 5000 Einwohner lebte im kaum 300 Hektar großen Ortskern. Mit den 1934 eingegliederten Gemeinden Emmelhofen, Wiggenreute und Sommersried gab es regelmäßige, mit Waltershofen und Immenried gelegentliche Kooperationen, wie bei der medizinischen Versorgung. Die wichtigste bauliche Entwicklung der Epoche sieht der Gemeindearchivar im Kauf des „Kleinen Schlossparks“. Das ehemals ungenutzte Wiesenstück, von einer baufälligen Mauer umgeben, prägen seit 1926 drei markante Neubauten: Das von Dr. Franz Reich errichtete Ärztehaus, das Rathaus und die Landschaftsbank (heute Volks- und Raiffeisenbank) umgeben heute den Rathausplatz. Der Ausbau der Immenrieder, der Gebrazhofer oder der Parkstraße zog weitere Wohnbebauung nach sich.
1927 schon 3700 Übernachtungen
Weichenstellungen erfolgten auch bei Infrastruktur und Technik: So profitierte Kißlegg bereits ab 1915 vom durch den Kriegsbeginn überschatteten Aufbau einer flächendeckenden Stromversorgung in Oberschwaben. Die Verbreitung von Fahrrädern sowie die Eisenbahn ergänzende erste Buslinien erweiterten den Radius für Handel und Gewerbe, aber auch für Freizeitaktivitäten. Der Pfarrer, der Arzt Dr. Franz Reich, die Krumbach-Quelle oder auch das Dampfsägewerk verfügten über erste Lkw oder Privatfahrzeuge. Umgekehrt fanden gestresste Stuttgarter den Weg ins Allgäu. 1927 sorgte der „Fremdenverkehr“ in Kißlegg bereits für über 3700 Übernachtungen, viele davon in der „Hirsch-Post“. Selbst auf Filmvorführungen in der Turnhalle musste man nicht verzichten. „Wohl um die Kontrolle zu behalten“, übernahm die Gemeinde den Betrieb.
Die Wirtschaftskrise ebnete den Weg zur Machtergreifung
Die Wirtschaftskrise von 1929 bedeutete das Ende der „Goldenen Jahre“. In Kißlegg litt die von Milch- und Käseproduktion geprägte Landwirtschaft genauso wie das Handwerk oder die noch spärliche Industrie. Mit den bekannten politischen Folgen: War die katholische Zentrumspartei bis dahin mit oft 90 % der Stimmen die unangefochtene Nummer eins, holten die Nazis 1933 schon fast die Hälfte. Wobei deren erste Auftritte im Vorfeld des Putschversuchs 1923 kaum zur Wirkung kamen, auch dank des Einsatzes der Sozialdemokraten. Die hatten bereits 1919 auch in Kißlegg einen ersten Verein gegründet, zu Kriegsende war es im Oberamt Wangen sogar zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten gekommen. Besondere Erwähnung verdient für Thomas Weiland die Kißleggerin Julie Ermler, die als Lehrerin nach Düsseldorf gezogen war. Ihr gelang im Zuge des neu errungenen Wahlrechts als einer der ersten Frauen der Einzug ins kommunale Parlament.
Viele Umstände jener Zeit seien woanders ähnlich gewesen, hieß es am Ende in einigen Gesprächsrunden. „Ich hätte locker noch viel länger zuhören können“, lobte eine Besucherin. Und zuschauen: Mit Hilfe von Bernd Mauch und Georg Maier hatte Thomas Weiland Dutzende dokumentarischer Fotos ausfindig gemacht und für den Vortrag aufbereitet.

Vorträge von Thomas Weiland sind immer gut besucht. Foto: Ulli Stark

Ländliche Idylle? Viehtrieb vor dem „Löwen“, ca. 1925. Gemeindearchiv Kißlegg

„Zylinder auf“ beim Gruppenbild ohne Dame: Gemeinderat 1928. (Thomas Weiland).

„Zylinder ab“ beim Gruppenbild ohne Dame: Gemeinderat 1928. (Georg Maier)

Kleine Erwachsene bei einem Kinderfest. Undatiert. 1920er-Jahre. Gemeindearchiv Kißlegg


Not-Kriegsmünze aus Kißlegg (zwei Motive – Vorder- und Rückseite). Gemeindearchiv Kißlegg

Narrenblatt von 1928.(Georg Maier)

Skiausflug 1929 – Schnee gab es damals zuhauf – wie hier in Krumbach. (Thomas Weiland)

Kißlegg Ende der 1920er-Jahre. Gemeindearchiv Kißlegg
Text Ulli Stark / Foto-Quellen: wie angegeben


































