Bad Wurzach – In Zusammenarbeit mit dem Leprosenhaus-Verein hielt Stadtarchivar Michael Tassilo Wild in der Kapelle des Leprosenhauses – also einem historisch dazu passenden Ort – einen Vortrag über Lepra, Pest, Cholera und Co. Der Titel des Vortrages lautete „Bei den Kranken auf dem Leprosenberg.“ Und – wie immer bei Wild – wurde auch dieser Vortrag nicht zu einer staubtrockenen Angelegenheit.

Bernhard Maier (Bild), der Vorsitzende des Leprosenhausvereines, der in der fast voll besetzten Kapelle neben Bürgermeisterin Alexandra Scherer auch deren Stellvertreter Klaus Schütt sowie mit Rainer Deuschel einen weiteren Gemeinderat begrüßen konnte, sagte in seiner Einführung, dass das Leprosenhaus genau der richtige Platz für diesen Vortrag sei und der Stadtarchivar sei ja auch im besten Sinne an „Siach“.
Michael Tassilo Wild eröffnete seinen Vortrag mit einer historischen Darstellung der vier Apokalyptischen Reiter. Denn Kriegsausbruch, Krieg, Mangel und Tod sind auch die Ursachen von vielen Krankheiten und Seuchen in der Antike bis ins 19. Jahrhundert.
Bereits in der griechischen Antike, unter deren unzähligen Göttern auch Hygieia war, nach der auch das heutige Wort Hygiene (der Gesundheit dienlich) benannt ist, war die antibakterielle Wirkung von Essigwasser bekannt.
Lepra
Eigentlich ist die Lepra, auf deutsch: Aussatz, fast ausgestorben. Dennoch gibt es sogar in den USA hin und wieder Ausbrüche, ohne dass deren Ursache bekannt wären. Erwiesen ist jedoch, dass die Ansteckung damit bereits als Kind geschieht. Später können und konnten dann kleinere Verletzungen zu furchtbaren Auswirkungen führen. Die Versorgung der Leprakranken war im Mittelalter bei uns deutlich besser als bei anderen Krankheiten: Grund dafür waren die Leprosorien, die von Wohltätern, oft Aristokraten, gestiftet und durch Spenden unterhalten wurden. Denn man glaubte, durch die Spende würde man in den Himmel kommen. Der Grund für das Aussterben von Lepra war, dass die Krankheit selbst ihre „Wirte“ dezimierte.
Cholera
Die nächste Krankheit, auf die Wild einging , war die Cholera, die von den Engländern aus Indien eingeschleppt wurde. Sie gilt als eine der tödlichsten Ansteckungskrankheiten überhaupt. Dass auch bei uns die Gefahr dafür bestand, zeigte der Archivar anhand eines Planes von der Kanalisation der Stadt Waldsee aus den 1950er-Jahren: Alle Ausscheidungen flossen damals noch in den Stadtsee!
Typhus
Besonders tricky war der Fall der Köchin Mary, die, selbst gegen die Krankheit immun, als gefährliches Übertragungsmedium für Typhus galt. Denn fast alles, was sie berührte, wurde mit den tödlichen Keimen infiziert. Nachdem die Zusammenhänge entdeckt wurden, verbannte man sie auf eine Leproseninsel. Hilfe gegen Typhus gibt es heute in Form von Trinklösungen, die von der WHO in epidemischen Gebieten verteilt wird. Stückpreis der kleinen Beutelchen: 3 Cent. Damit konnte die Quote, an Typhus zu sterben auf 2 % gedrückt werden.
Pest
Das Pestvirus, das im Mittelalter viele Menschenleben gekostet hat, ist auch viele Jahrhunderte später in seiner Form noch unverändert , wie Wissenschaftler feststellten, denen es gelang, aus den Zähnen mittelalterlicher Pesttoter das Bakterium zu extrahieren. Es gab verschiedene Formen, wie etwa die Beulenpest, bei der die Lymphknoten zerstört wurden. Heute wie damals sind beim Ausbruch die Folgen verheerend: das öffentliche Leben bricht vollkommen zusammen. Wild schätzt, dass beim großen Ausbruch 1348 innerhalb eines Jahres rund ein Drittel der Weltbevölkerung von der Krankheit dahingerafft wurde. Auch 2017 kam es auf Madagaskar noch zu einem Ausbruch. Heute kann die Krankheit mit Antibiotika behandelt werden.
Malaria
Die gefährlichste unter den ansteckenden Krankheiten ist jedoch die Malaria. Die Römer, deren Immunsystem aufgrund der vielen Sümpfe um Rom das Virus gut vertrug, waren das also gewohnt. Doch als Kaiser Friedrich Barbarossa im Jahr 1167 Rom eroberte, starb die Hälfte seines Heeres an der Malaria.
Tuberkulose
Eines der bewährten Mittel der Prophylaxe gegen Tuberkulose, die sogenannte Schwindsucht, war im britischen Weltreich Gin-Tonic. Wegen der heilenden Wirkung des Tonic-Waters wurde in Verbindung mit der desinfizierenden Wirkung des Alkohols demnach fleißig das entsprechende Getränk konsumiert …
Pocken
Mit Christoph Kolumbus, der selbst dagegen immun war, landeten auch die Pocken in Mittel- und Südamerika, mit verheerenden Folgen für die eingeborene Bevölkerung. Die Forschung brachte im 18. Jahrhundert ans Licht, dass eine Impfung mit den Kuhpocken, deren Geschwüre rasch abheilten, die Betroffenen danach immun werden ließ.
Syphillis und Aids
Nachdem Michael Wild festgestellt hatte, dass keine Minderjährigen sich in der Kapelle aufhielten, konnte er auch zu den Geschlechtskrankheiten wie Syphillis und Aids sprechen. Diese hieß in Deutschland die französische Krankheit, in Frankreich die spanische Krankheit. Diese zerstört die Nervenbahnen und macht aus dem Gehirn „Matsch“. Dagegen half und hilft das ebenfalls giftige Quecksilber.
HIV/Aids war die Schreckenskrankeit der 1980er-Jahre. Infizierten hilft heute ein Medikamentencocktail.
Corona
Uns allen noch in unguter Erinnerung ist Corona.
Therapien in früheren Zeiten
Wild ging in einem Vortrag nicht nur auf die diversen Krankheiten ein, sondern auch auf die Therapieformen dafür ein. Da gab es die Theriak- und Panacea-Therapie im Mittelalter, das aus Schlangenblut und Honig bestand, dessen Wirkstoff Opium für beste Stimmung bei den Patienten sorgte. Oder Mumia im 19. Jahrhundert: Jede Apotheke, die etwas auf sich hielt, hatte dazu eine echte Mumie in ihrem „Labor“, deren Bandagen asphaltähnliche Stoffe enthielten, die helfende Wirkungen enthielten. Humanol oder Menschenfett wurde seit dem 16. Jahrhundert eine gute heilende Wirkung gegen Athritis zugesprochen. Und tatsächlich enthält erwiesenermaßen auch die Rinde einer Weide die Wirkstoffe, die auch in dem Kopfschmerzmittel schlechthin, in Aspirin, enthalten sind.
Michael Wilds Weg durch die Geißeln der Menschheit führte in am Ende seines Vortrages zurück zum Leprosenhaus. Leprosenhäuser waren in Oberschwaben einst weit verbreitet – stets in einem gewissen Abstand zur Stadt.
Text und Fotos: Uli Gresser
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