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Festakt im Historischen Rathaus – Exponate in der Pfeilerhalle des Kornhauses

Die Jubiläumsausstellung zur Stadtgeschichte ist eröffnet

Foto: Peter Lutz
Stadtarchivar Michael Tassilo Wild (links) und Fachbereichsleiter Christoph Liebmann haben die Jubiläumsausstellung konzipiert und zusammengetragen. Für ihre Leistung als Kuratoren wurden sie bei der Eröffnung hoch gelobt.
veröffentlicht am: 02.04.2026
Autor: Peter Lutz
Lesedauer: ca. 10 Minuten

Bad Waldsee – Auftakt der Feiern zum geschichtsträchtigen Jahr der Kurstadt war die mit Spannung erwartete Eröffnung der Jubiläumsausstellung zur Stadtgeschichte am vergangenen Sonntag (29.3.) im Historischen Rathaus. Zu feiern sind heuer die erste urkundliche Erwähnung vor 1100 Jahren, 600 Jahre historisches Rathaus und 70 Jahre Erlangung des Badprädikats. Die Präsentation bedeutender Exponate in der Pfeilerhalle des Kornhauses hätte zu wenig Platz für eine Vernissage mit den etwa 80 geladenen Ehrengästen im Ausstellungsgebäude gelassen. Die Vernissage fand daher im Sitzungssaal des Historischen Rathauses statt. Oberbürgermeister Matthias Henne, Bürgermeisterin Monika Ludy und die Kuratoren der Ausstellung, Stadtarchivar Michael Tassilo Wild und Christoph Liebmann vom Fachbereich Zentrales, Ehrenamt und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt, führten in die umfangreiche Ausstellung ein. Musikalisch umrahmt wurde die Feier von der Jugendmusikschule Bad Waldsee.

Elena Becker-Schramm (Bild), Lehrkraft in den Fächern Klavier und Gesang, Gesangschülerin Lia Lemmle und Klavierschülerin Anna Klingele schenkten der Feier einen würdigen und anspruchsvollen Rahmen. Lemmle interpretierte in Begleitung von Becker-Schramm sehr ausdrucksstark den Kultsong „The Climb“, in dem es passend zur langen Stadtgeschichte um Beharrlichkeit und Ausdauer geht. Zwischen den Wortbeiträgen und zum Abschluss zeigte die erst sechzehnjährige Anna Klingele ihr souveränes Können mit den Stücken „Brian’s Song“ und „Giorni Dispari“. Lemmles zweiter Beitrag war das sehr berührende „Jar of Hearts“.

Anna Klingele.

Lia Lemmle.

„Spannende Zeitreise“

Oberbürgermeister Matthias Henne (Bild) begrüßte die Abgeordneten Axel Müller, Raimund Haser, Bürgermeisterin Monika Ludy, Gemeinderäte, Ortsvorsteher, Altbürgermeister Rudolf Forcher mit Gattin, den früheren Stadtkämmerer Alfons Fiegel sowie alle Mitbürger. Er sehe das Jubiläumsjahr gleichzeitig als ein Jahr der Rückschau und als ein Jahr des Feierns und der Gemeinschaft. Zu feiern seien unsere lebendige Gegenwart und zukunftsweisende Weichenstellungen. Die neue stadtgeschichtliche Ausstellung sei alles andere als eine Aneinanderreihung staubiger Dokumente oder trockener Jahreszahlen. Sie zeige das lebendig schlagende Herz unserer Stadtgeschichte und erzähle Geschichten von Menschen, die unsere Stadt prägten. Man könne sich bei der Führung im Anschluss selbst ein Bild machen und werde unsere Stadt mit ganz anderen Augen sehen. Zu verdanken sei die entstandene Zeitreise der Leidenschaft, Hingabe und detektivischer Akribie der Kuratoren Wild und Liebmann, mit der sie die Stadtgeschichte inszeniert haben. Henne dankte beiden für ihr herausragendes Engagement. Sein Dank galt auch Ulrich Jassniger von der Grafikagentur d-werk, den Mitarbeitern des Baubetriebshofs, den Handwerksbetrieben und allen übrigen Beteiligten. „Wir haben großartige Mitarbeitende und ein so starkes Team“, so der OB.

Der Bundestagsabgeordnete Axel Müller im Gespräch mit Bürgermeisterin Monika Ludy und Sarah-Jane Henne (rechts).

Gekommen war auch Altbürgermeister Rudolf Forcher mit Frau. Forcher, der 32 Jahre lang die Geschicke Bad Waldsees gelenkt hat (von 1972 bis 2004) ist Bad Waldsees Ehrenbürger. Er sitzt direkt hinter OB Henne.

Weitere Glanzlichter der Jubiläumsjahres

Zweifellos sei die stadtgeschichtliche Ausstellung ein absoluter Höhepunkt des Festjahres, doch er lade schon heute herzlich zu weiteren Feiern ein. Es sind dies das Kulturwochenende im April, die Feierstunde des Europatags am 9. Mai auf dem Grabenmühlplatz mit eindrucksvollem Zapfenstreich der historischen Bürgerwehren unserer fünf Donaustädte, ein abwechslungsreiches Woodlake-Festival für Jung und Alt auf der Bleiche, der Besuch der Fußballer des VfB Stuttgart in Bad Waldsee im Rahmen ihrer Sommertour oder die ersten Bad Waldseer Schlossfestspiele vor der Kulisse des fürstlichen Wasserschlosses, worüber er selbst sich als ehemaliger Theaterspieler sehr freue. Auch damit werde die Stadtgeschichte erlebbar. Auch eine Neuauflage des Open-Air-Kinos im Freibadgelände werde es geben und am 4. Juli werde auch Reute seine erste urkundliche Erwähnung vor ebenfalls 1100 Jahren feiern. Bis hinein in den Herbst und Winter werde das Jubiläumsjahr gefeiert und mit Leben erfüllt.

Die Sponsoren

Henne dankte den Hauptsponsoren, die dieses umfangreiche Feiern des Jubiläumsjahres erst ermöglicht hätten. Insbesondere sind dies: die Kreissparkasse Ravensburg, die Mader Dienstleistungs GmbH , die Volksbank Reute-Gaisbeuren, die Volksbank Allgäu-Oberschwaben, die Thüga Energie GmbH, die Firma Nold Hydraulik und Pneumatik sowie die Gönnerin und Freundin unserer Stadt Gerda Hymer mit Familie und bat die Gäste um einen anerkennenden Applaus. Der Moment, auf den wir alle hingearbeitet haben, rücke nun näher, sagte Henne und verwies auf die nun anstehenden Programmpunkte des Festtages, zu denen die Wortbeiträge von Bürgermeisterin Monika Ludy, der Kuratoren und Führungen im Kornhaus und im historischen Rathaus gehörten. Nur ein einziger Besuch der Jubiläumsausstellung werde nicht reichen, um alle faszinierenden Details zu entdecken, meinte der OB abschließend und riet zu wiederholten Besuchen mit Freunden und Bekannten.

Die Kuratoren

Die Kuratoren Michael Tassilo Wild und Christoph Liebmann traten gemeinsam ans Rednerpult und berichteten wechselseitig über das Werden der Ausstellung. Sie berichteten von sehr viel Arbeitsaufwand, aber auch von viel Spaß dabei. Ihr Ziel war es, Interesse und Kurzweiligkeit bei unterschiedlichsten Besuchern zu wecken, zu denen nicht nur die Mitbürger gehörten, sondern auch auswärtige Besucher, Touristen und Reha-Gäste. Man hatte die große Qual der Wahl beim Zusammenstellen der Exponate und nur die Pfeilerhalle stand als Raum zur Verfügung, die Dauerausstellungen in den Obergeschossen mussten weiterhin zugänglich bleiben. Das reiche geschichtliche Erbe der Stadt und viele neue ungewohnte Eindrücke können nur durch wiederholtes Besuchen erfahren werden, meinten auch die Kuratoren.

Mit der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt im Jahr 926 beginne der Rundgang. Dazu gehöre auch 1100 Jahre Liutbrahtsriute, also Reute, der Ort, wo gerodet wurde. Das Dokument der Verleihung der Stadtrechte im Jahr 1298 ist in der Station eins zu sehen. In der folgenden Station sei eine Ansammlung von Plastikhäusle zu sehen, die aber kein Monopolyspiel darstelle. Es handle sich dabei um ein 3-D-Stadtmodell exakt nach einem historischen Stadtplan.

Das 3-D-Model der ummauerten Stadt (links das Wasserschloss).

Die Vorlage zum 3-D-Modell.

Einzelschicksale wie das von Xaver Vogel (Bild) herauszuarbeiten ist ein Anliegen der Ausstellung..

So zeigen die Ausstellungsmacher Einzelschicksale und Aspekte des täglichen Lebens in früheren Zeiten. Die 300 Waldseer Soldaten des Ersten Weltkriegs seien alle mit Bild zu sehen. Insbesondere ging man auf das Schicksal des erst zwanzigjährigen Otto Lang ein, Sohn des damaligen Bürgermeisters der Stadt. Er fiel am 15. September 1914 in der Schlacht bei Beauzée in der Nähe von Verdun.

Einer der 300 Soldaten aus Waldsee, die im Ersten Weltkroeg kämpfen mussten.

Auch die Zeit des Dritten Reichs werde gezeigt. Während so viele deutsche Städte zivile Tote und Zerstörung erfahren mussten, blieb wenigstens die Substanz der Stadt verschont, wenn auch nicht das Gemeinwesen von der Nazidiktatur.

NS-Bürgermeister Hermann Hegele.

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An insgesamt 28 zum Teil auch interaktiven Stationen werde das Auf und Ab der Stadtentwicklung anschaulich dargestellt.

Der „Puck“ in der Pfeilerhalle

Der mit den Namen Erich Bachem, Erwin Hymer und Alfons Walz verbundene wirtschaftliche Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg wird mit dem ERIBA-Wohnanhänger „Puck“ (Bild) symbolisiert. Davon zeigten die Kuratoren einen für diese Zeiten typischen bunten Camping-Klappstuhl den Vernissagebesuchern.

Abschließend warben sie für das Wahrnehmen von Einzelaspekten der Stadtgeschichte und kündigten entsprechende Gruppenführungen an. Wild dankte insbesondere dem gesamten Archivteam, das diese hoffentlich unvergessliche Ausstellung erst ermöglichte.

„Das Kornhaus – Wohnzimmer der Stadtgeschichte“

Auch Bürgermeisterin Monika Ludy (Bild) begrüßte die zahlreichen Gäste der Vernissage und beglückwünschte die Stadt zu ihrem großen Jubiläum. Es sei für sie eine besondere Freude und Ehre, in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Museums- und Heimatvereins viele Menschen in das Schmuckstück Kornhaus einzuladen. Man möchte die Stadtgeschichte in ein rechtes Licht stellen und ins Bewusstsein der Menschen bringen. Das Kornhaus sei doch das Wohnzimmer unserer Stadtgeschichte. Aber nicht im Alleingang sei diese Jubiläumsausstellung entstanden. Dazu musste ein ganzes Team entstehen. Zu diesem gehörten die Kuratoren, das gesamte Vorstandsteam des Vereins und der Baubetriebshof. Man könne von einer sehr gelungenen Teambildungsmaßnahme zum Jubiläumsjahr berichten.

Bürgermeisterin Monika Ludy zollte den vielen Ehrenamtlichen ein besonderes Lob

Zudem sei sie tief berührt und stolz über die Bereitschaft von 120 Ehrenamtlichen, die sich zu Aufsichten und Führungen bereit erklärt hätten. Erst damit sei die Ausstellung weit offen für unterschiedlichste Besucher, angefangen von Marktbesuchern, Reha-Gästen, Touristen aus nah und fern. Sie kündigte auch sechs gesponserte Prosecco-Abende während der Ausstellungsdauer an und weitere Überraschungen werde es geben. Besonderes Augenmerk sei in der Ausstellung auf das 3-D-Modell zu richten, das als Schlüssel zur historischen Altstadt zu sehen sei. Auch die im ersten Obergeschoss errichtete Videoshow legte sie den Gästen ans Herz. Sie mögen bitte alles auf sich wirken lassen, empfahl die Bürgermeisterin. Geschichte sei das Fundament, auf dem wir heute stehen und unser Museum erzähle diese Geschichte. Auch Ludy dankte wie Henne den Sponsoren.

Haisterkirch ist urkundlich noch älter

In vier Gruppen wurden anschließend die Gäste durch die Ausstellung geführt, während es parallel dazu spannende Führungen um und im historischen Rathaus gab. Einige erste Impressionen von der Ausstellung beeindruckten den Reporter in der Führung durch Wild.

Die erste urkundliche Erwähnung Waldsees erfolgte im Codex Edelini aus dem Kloster Weißenburg. Das Original aus dem Jahre 926, in dem Waldsee (damals walahse) erstmals erwähnt wurde, ist nicht mehr vorhanden. Der Codex Edelini ist ein historisches Güterverzeichnis des Klosters Weißenburg (Elsaß) aus dem 13. Jahrhundert, in dem auf den Text von 926 Bezug genommen wird. Inhaltlich wurde anno 926 ein Schaden durch plündernde Ungarn an das Kloster gemeldet, das im heutigen Oberschwaben begütert war. Der Name des Codex leitet sich von Abt Edelin ab, der von 1262 bis 1293 dem Kloster Weißenburg vorstand. Der Codex Edelini wird im Landesarchiv Speyer aufbewahrt. In Bad Waldsee ist lediglich eine fotografische Reproduktion zu sehen.

Haisterkirch wurde bereits um 805 erwähnt. Pollendiagramme zeigen, welche Kulturpflanzen früher angebaut wurden. Auch die Römer hinterließen ihre Spuren, beispielsweise durch die Trassenführung der heutigen B 30. Dass Waldsee sogar einen Reformator hervorbrachte, überrascht sehr. Erfolgreich war dieser Jakob Schenk allerdings erst später in Sachsen-Anhalt. Die 51 Hexenprozesse gehören auch zur Geschichte. Es gab in bestimmten Fällen eine Dreifachbestrafung: gehenkt, geköpft und verbrannt. Eine Häufung von Ämtern führte zu Korruption und Niedergang. Auch der Soldat J. Lutz im Ersten Weltkrieg durfte nicht fehlen. Der Kulturschock nach der verordneten Zugehörigkeit zu Württemberg wird veranschaulicht. Der Besuch von König Rudolf Duala Manga Bell aus Kamerun bei Familie Liebel, die Verleihung der Bezeichnung „Bad“ im Juni 1956 und natürlich der „Puck“ zogen die Blicke auf sich. Auch NS-Bürgermeister Hermann Hegele gehört zur Stadtgeschichte. Zwar sei er überzeugter Nazi gewesen, der Stadt verhalf er dennoch zu wirtschaftlichem Aufschwung durch Ansiedlung von Gewerbe, berichtete Wild. Er machte weitere Karriere, auch nach dem Krieg in Behörden und verstarb im Alter von über 90 Jahren.

Die große Waldsee-Ausstellung ist bis September bei freiem Eintritt zu sehen

Natürlich gab es zur Vernissage auch den obligatorischen Imbiss und Umtrunk. Ab 14.00 Uhr war die stadtgeschichtliche Jubiläumsausstellung auch für die Allgemeinheit geöffnet und erste Neugierige betraten das Kornhaus. Die Ausstellung ist bis Ende September zu sehen – bei freiem Eintritt. Die Öffnungszeiten sind: dienstags 10.00 Uhr bis 13.00 Uhr, mittwochs 14.00 Uhr bis 17.00 Uhr, donnerstags 16.00 Uhr bis 20.00 Uhr, freitags 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr, samstags und sonntags 10.00 bis 18.00 Uhr.

Stadtarchivar Michael Tassilo Wild führt durch die Ausstellung.

Aufmerksam:e Zuhörer: Axel Otterbach und Gemeinderat Andreas Schuler.

Das Wappen Bad Waldsee ist vom Wappen Österreichs abgeleitet.

Bauernwehr.

Auch die Hexenprozesse im 16., 17. und 18. Jahrhundert werden thematisiert.

Der „Anschluss“ des vorderösterreichisch-katholisch geprägten Oberlandes an das protestantische Württemberg in napoleonischer Zeit war gewiss für viele der Neu-Württemberger eine Art Kulturschock.

Die Verleihung des Prädikates „Bad“ im Jahre 1956.

Typisch 1950er-Jahre: Diese Camping-Sitzgarnitur findet sich beim Wohnwagen „Puck“.

Eine der vielen ehrenamtlich Engagierten: Susanne Haag (rechts) machte Führungen.

Text und Fotos: Peter Lutz

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Peter Lutz
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