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Wangen – Wenn man im Jahr 2 nach der Gartenschau über das Erba-Areal geht, wird einem nochmals klar, welchen wahren Quantensprung die Schau für Wangen bedeutete. Dort regt sich heute überall munter Gewerbe und Kultur. Mittendrin seit Januar 2025 auch der Kunstraum von Schauspielerin ChrisTine Urspruch, derzeit mit Werken von Meike Entenmann (zu sehen nur noch bis 5. April)
Ein neues Stadtviertel
Aus dem Industriedenkmal Erba, wo über anderthalb Jahrhunderte Baumwolle gesponnen und gewebt wurde, ist tatsächlich ein lebendiges neues Stadtviertel geworden, mit Wohnungen für unterschiedliche Anforderungen und mit verschiedensten Gewerbe- und Veranstaltungsräumen. Raum M4 nennt ChrisTine Urspruch ihre Galerie und verweist damit auf den Standort und die frühere Funktion des Gebäudes, in dem sie jetzt zeitgenössische Kunst präsentiert. Spinnereigarten 4 lautet die Adresse. Das M steht für Magazin. Als solches wurde das ehemalige Kesselhaus zuletzt genutzt. Das Gebäude unweit des mächtigen Erba-Schornsteins ist selbst ein gutes Beispiel für die Mischung der Nutzungen in dem neuen Quartier. Im Erdgeschoss wird gehämmert und gesägt. Hier hat die Steinmanufaktur der Bildhauerin Steffi Schneider ihr Domizil; hier entstehen nicht nur gestalterisch anspruchsvolle Grabdenkmäler; hier finden auch Bildhauerkurse und Workshops statt.

Blick in die Ausstellung mit Werken der Serie „Geschichtete Gedanken“, Foto: Herbert Eichhorn
„Fadenwerk“
Im Dachgeschoss darüber ist es ruhiger. Zwei großzügige Räume stehen oben zur Verfügung, die außer für Ausstellungen ebenfalls für Workshops, aber auch für Vorträge und Konzerte genutzt werden. Auf der Website berichtet ChrisTine Urspruch, dass sie sich in die Räume spontan geradezu verliebt habe, als sie diese während der Landesgartenschau entdeckte. Die hölzerne Dachkonstruktion und die schönen gusseisernen Wendeltreppen, die noch weiter nach oben führen, prägen die Raumwirkung entscheidend mit, machen sie aber auch nicht ganz einfach bespielbar. Seit Kurzem läuft dort also die Ausstellung „Fadenwerk“ mit Arbeiten der Kölner Künstlerin Meike Entenmann. Fadenwerk: Das könnte auch fast ein Name für die Erba als Ganzes sein. Schließlich wurden hier über 130 Jahre lang Fäden gesponnen und verwebt. Jetzt weist der Titel vor allem auf die Art hin, wie Meike Entenmann arbeitet, und auf das Material, das sie verwendet. Die Künstlerin hat an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn studiert. Natürlich hat sie es in dieser Zeit vor allem mit den klassischen Werkstoffen der Bildhauerei zu tun gehabt, also etwa mit Stein oder Holz. Mittlerweile hat sie sich in ihrer künstlerischen Arbeit allerdings textilen Formen und Techniken zugewandt. Unterstrichen wird das auch durch die Namen der verschiedenen Werkgruppen, die jetzt ausgestellt werden: „Wispernde Gewänder“, „Ausgefranste Erinnerungen“, „Fadendrehung“ oder eben „Fadenwerk“.

Zwei Werke der Serie „Ausgefranste Erinnerungen“, Foto: Herbert Eichhorn
„Ausgefranste Erinnerungen“
Wenn man die Treppe hochkommt, ist es aber zunächst vor allem ein Farbeindruck, der als Erstes ins Auge fällt. Die dominierende Farbe in beiden Räumen ist ein leuchtendes Rot. Manchmal wird es nur punktuell verwendet, dann aber auch relativ flächig. Tritt man näher an die Großformate der Werkserie „Ausgefranste Erinnerungen“ heran, erkennt man zunächst Überraschendes: Die auf breite weiße Papierbahnen gesetzten roten Punkte sind nicht gemalt oder gestempelt, sondern mit feinem rotem Garn gestickt. Die neben den gestickten kleinen Flächen frei flatternden Restfäden geben den Formen eine gewisse Unschärfe. Man erkennt die vertrauten Utensilien einer Wohnung – Stuhl, Tisch, Lampe, Fenster, Treppengeländer –, die Beheimatet-Sein und Geborgenheit signalisieren. Daneben tanzt mitten im Raum, wie befreit, eine perlmuttfarben schimmernde Skulptur in der Form eines ärmellosen Kleides.

Meike Entenmann, Ausgefranste Erinnerungen (Detail), Foto: Herbert Eichhorn
„Geschichtete Gedanken“
In den im zweiten Raum präsentierten Arbeiten wird das Rot flächiger eingesetzt und bestimmt den Gesamteindruck noch stärker. Wie große schwere Wandteppiche wirken die Kunstwerke der Serie „Geschichtete Gedanken“, die aus – mittels Farbe aus der Sprühdose eingefärbten – Streifen von Leinwand gefertigt sind. Auch hier lohnt es sich, näherzutreten, genauer hinzuschauen und so dann der Künstlerin gewissermaßen beim Schaffen über die Schulter schauen zu können. Zum Teil sind kleine Päckchen der Arbeitsmaterialien aufgesetzt, Fäden oder Stoffstreifen etwa. Dazwischen entdeckt man eine Wäscheklammer oder in den gesprühten Farbflächen den Schatten von kleineren Klammern. Hier und da findet man knappe Vermerke der Künstlerin mit dem Bleistift, in denen ihr Nachdenken über ihr Tun dokumentiert ist. „Tränenvorhang“ und „Tränengewebe“ zum Beispiel liest man hier oder etwas weiter „Resteverwertung“ und „Wiederbeleben“. Auch in den daneben gezeigten Kleinformaten spricht Textiles stark mit. Die Formen und Linien in diesen Arbeiten sind gezeichnet, aber eben nicht mit dem Stift oder Pinsel, sondern mit den Nähten der Garne. Hier taucht als Motiv auch ein Utensil auf, das unbedingt dazu gehört zur Welt der Fäden: die Spule. Auch die Tortenspitzen aus Papier, die in einigen Werken als Schablonen für die Sprühfarbe verwendet werden, verweisen auf die Sphäre der Stoffe, eben auf Spitzen mit ihren typischen durchbrochenen Strukturen.

Meike Entenmann, Geschichtete Gedanken (Detail), Foto: Herbert Eichhorn
Weben und Sticken: Die Wiederbelebung traditioneller Techniken
Fäden, Garne, Stoffe, Spitze, Gesticktes: Das alles waren über die Jahrhunderte und sind bis heute Ausdrucksformen vor allem weiblicher Kreativität. Neben den Schöpfungen der Männer galten sie meistens allerdings als zwar hübscher, aber doch belangloser weiblicher Sonderweg. Das alles galt auf jeden Fall eher nicht als Kunst, sondern bestenfalls als Kunstgewerbe. Das hat sich mittlerweile gründlich geändert. Das künstlerische Schaffen von Frauen überhaupt rückt immer stärker ins Licht, was zum Beispiel die vielen, teils spektakulären Wiederentdeckungen der letzten Jahre belegen. Und auch die überkommenen, vor allem von Frauen ausgeübten textilen Techniken, sei es nun etwa das Teppichweben oder das Sticken, werden verstärkt wieder aufgenommen und in neuen innovativen Varianten wiederbelebt. Zur Zeit sorgen zum Beispiel in der Kunsthalle Mainz die Stickereien der samischen (lappländischen) Künstlerin und Documenta-Teilnehmerin Britta Marakatt-Labba für Furore. Vor diesem Hintergrund sind auch die in Wangen gezeigten Arbeiten von Meike Eisenmann zu sehen. Und natürlich passt moderne Kunst, die sich traditioneller textiler Verfahren bedient, auch hervorragend in die ehemalige kleine Textilstadt, die die Erba ja war.

Blick in die Ausstellung mit einer Skulptur aus der Serie „Shell-Skin“, Foto: Herbert Eichhorn
Ein lohnender Abstecher
Auf diese eröffnen sich übrigens aus den kleinen Fenstern der beiden Ausstellungsräume interessante Ausblicke. Nach dem Besuch der Ausstellung sollte man auch unbedingt noch eine kleine Runde drehen: etwa einen Blick in die Steinmanufaktur eine Etage tiefer werfen, das Erba-Museum schräg gegenüber besuchen oder wenige Schritte weiter das ehemalige Comptoirgebäude, wo Tina Jezeran ebenfalls regelmäßig Künstlerinnen und Künstler präsentiert. Zuletzt waren bei ihr die spannenden konzeptionellen Werke von Karin Nowak aus Ravensburg zu sehen. Zum Abschluss kann man dann noch etwas über das Landesgartenschaugelände spazieren oder den Besuch in der „Carderie by Pierre“ bei einer Latte Macchiato oder einem Cidre entspannt ausklingen lassen. Ein Abstecher in den so besonderen neuen Wangener Stadtteil lohnt sich immer und wegen der aktuellen Ausstellung in ChrisTine Urspruchs Raum M4 derzeit sogar besonders.
Herbert Eichhorn
In unserer Bildergalerie gibt es weitere Impressionen aus der Ausstellung.
Ausstellung „Meike Entenmann. Fadenwerk“
Noch bis 5. April 2026
Raum M4 im Erba-Areal
Wangen, Spinnereigarten 4
Donnerstag und Freitag 14.00 bis 18.00 Uhr
Samstag und Sonntag von 11.00 bis 17.00 Uhr
Informationen unter www.raum-m4.de
Kontakt: info@raum-m4.de




















































